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Nach drei Tagen Relaxen tat meine Frau den denkwürdigen Ausspruch:
Wir müssen wieder aufs Rad!" Als erstes gönnten wir
uns zwei Wochen Hawaii auf der Insel Maui. Unsere Räder waren
dabei, wir konnten sie nicht im Stich lassen. Sie hatten uns
treu gedient. Auch des Nachts hatten wir sie ja immer in der
Nähe, so wie früher der Cowboy sein Pferd. Auch auf der Insel
waren wir mit unseren Rädern die Exoten. Auf langen, windungsreichen
und bergigen Straßen im tropischen Regenwald in den entlegenen
Teil der Insel. Aber auch viel Schwimmen, Relaxen und Lesen.
Und dann die Biketour Nord-Süd von Seattle/Washington hinunter
nach San Francisco, durch die Staaten Washington, Oregon nach
Kalifornien, über den breiten Humboldt-River, auf langer Bogenbrücke
im dichten Auto- und Lkw-Verkehr, an der wilden Oregon-Coast
entlang mit den spektakulären Ausblicken auf die zerklüfteten
Rocks in der Brandung. Und dann durch die Redwoods mit den
unglaublich riesigen Bäumen, von denen die mächtigsten über
zweitausend Jahre alt sein sollen, mit ehrfürchtigem Staunen
blickt man da hoch. Anstrengend war der Autoverkehr auf der
101. Auf Nebenstraßen konnten wir dem Verkehr teilweise entgehen,
das waren aber meist sehr bergige Alternativen. Auch an der
Westcoast haben wir viele freundliche und hilfsbereite Menschen
getroffen. Wir starteten in der Ankunftshalle des Flughafens
und hatten nur eine dürftige Landkarte zur Verfügung. Ein
Polizist wies uns zu der vermuteten verkehrsarmen Küstenstraße,
blockte den Verkehr auf dem vierspurigen Highway und geleitete
uns persönlich über die Straße. Dreißig Kilometer weiter zeichnete
uns ein junger Mann eine Karte, damit wir die Abzweigung nicht
verpassen.
In
Takoma, mit dem hochaufragenden Kegel des Mount Vermount im
Hintergrund, fanden wir uns schließlich bei anschwellendem
Lkw-Verkehr im Industriegebiet. Da platzte mir auch noch der
Hinterreifen weg, als ich in eine scharfe Klinge gefahren
war. Als wir unseren einzigen Ersatzreifen montiert hatten,
sprach uns Norman an, ob wir Hilfe bräuchten. Er wollte uns
mit seinem Van zum Motel fahren. Das war nicht nötig, aber
zusammen mit seiner Frau holte er uns am Abend zum Essen ab,
und sie fuhren mit uns in die nahegelegenen Parks der Halbinsel.
Sie erzählten und erklärten viel und brachten uns die Entwicklungsgeschichte
ihrer Umgebung nahe. Norman hatte am Abend eine Landkarte
mitgebracht, in der er unsere Reiseroute eingezeichnet hatte.
Wir haben diesen langen Abend nicht bereut, obwohl wir die
Nacht zuvor im Flugzeug und im Flughafen verbracht hatten.
Am nächsten Morgen haben wir uns gleich nach dem Aufbruch
im Hafengelände verfahren. Plötzlich stand da unser Freund
Norman vom Vorabend hinter uns wie ein rettender Engel. Er
ist bei der Bahn beschäftigt und hat im Industriegelände häufig
zu tun. Etwas weiter suchten wir einen Bikeshop auf und wollten
einen neuen Reservereifen. Der Inhaber hat uns erstmal zu
einem Drink eingeladen. Einige Kunden interessierten sich
für uns, derweil telefonierte der Inhaber wegen des Reifens.
Er hatte zwar die passende Größe, aber er wollte uns einen
besseren verschaffen. Dazu hätte er seine Frau achtzig Kilometer
weit mit dem Auto nach Olympia geschickt. Wir haben ihm das
ausgeredet. Er erzählte uns, daß er als Musiker jahrzehntelang
mit einer bekannten Band auf Welttournee war. Den Bikeshop
betreibt er aus Spaß an der Freud', es ist sein aktiver Ruhestand.
Er gab uns seine Karte mit, wenn wir Hilfe bräuchten, würde
er kommen.
In
den Redwoods trafen wir auf Dick. Nach einer langen Abfahrt
durch eine der hier vorherrschenden kühlen Nebelsuppen hatten
wir kurz angehalten. Er sprach uns an, ob wir Hilfe bräuchten.
Nach einigen Minuten Unterhaltung, bei der er seine Deutschkenntnisse
auskramte, lud er uns ein, bei ihm zu wohnen. Sein Haus liegt
an unserer Strecke etwa 120 Kilometer weiter. Wir fanden sein
Haus nach einigem Suchen am nächsten Tag. Er war uns mit dem
Rad entgegengefahren, hat uns aber verpaßt. Seine Frau war
da, sie ist Lehrerin. Dick ist pensionierter Sheriff, ein
Hüne, mehr als zwei Meter groß. Ein sehr aktiver Mann. Er
lernt deutsch und schwyzerdütsch, seine Mutter war Deutsche,
sein Vater Schweizer. Er studiert deutsche Geschichte und
interessiert sich sehr für deutsche Literatur. Zwei Mulis
unterhält er, mit denen er regelmäßig Hiking-Touren in die
Wilderness unternimmt. Wir mußten mit ihm einen Ausflug machen
in die Redwoods. Mit seinem Pickup fuhren wir weit hinauf
zum trail of the big trees". Wir wanderten mit ihm einige
Stunden durch den Wald, bestaunten die Baumriesen, standen
vor dem höchsten Baum der Welt, und er gab uns interessante
Informationen. Wir mußten noch eine Nacht bleiben. Am nächsten
Tag haben wir Pfifferlinge gesammelt, die er höchstselbst
für uns köstlich zubereitete. Wir hoffen, daß er uns mit seiner
Frau im nächsten Jahr besucht.
Wir
konnten auch mal einem Amerikaner helfen: In einer Abfahrt
winkte uns ein bepackter Radler zum Anhalten. Wir schafften
das scharfe Abbremsen. Er hatte einen Platten, und seine Luftpumpe
funktionierte nicht. Wir verhalfen ihm zu einem prallen Reifen,
und meine Frau richtete das Ventil der Pumpe. Der junge Mann
war happy und wollte uns um den Hals fallen.
Als
wir uns am letzten Radtag auf San Francisco zubewegten, bot
sich uns ein Rennradler als Lotse an. Er war vor einigen Monaten
in Rente gegangen, radelt sehr viel und kennt alle Radstrecken
im Bereich der Großstadt. Er fuhr mit uns durch die Vororte
und auf ruhigen Nebenstraßen durch Sausalito, dem letzten
Vorort vor der Brücke. Er ersparte uns einige Zeit. Nach einigen
Stunden schwenkte er auf einen Parkplatz ein, vor uns eine
Nebelwand. Die riss plötzlich auf, und senkrecht stieg direkt
vor uns der bekannte rostbraune Pfeiler der Golden-Gate-Brücke
empor. Die hängenden Drahtseile verschwanden im Nebel. Unser
Lotse verabschiedete sich. Da kam ein anderer Radler auf uns
zu und gab uns gute Tips für die Motelsuche. Nun waren wir
endgültig angekommen. Nach ziemlich genau 9.000 Kilometern
und 73.500 Höhenmetern. Noch einige Tage vorher konnten wir
kaum daran glauben, daß wir diese Tour ohne Unfall oder eine
größere Panne überstehen würden. Ein herrliches Finale für
uns - zwischen Nebelschwaden und kräftigem Wind hinüber über
die Brücke nach San Francisco, für uns das Tor zur Rückkehr
in die Heimat. Als wir in die bekannte Lombard Street einbogen,
wollte ein Mann von uns wissen, wo wir herkommen. Wir riefen
ihm zu: This is the finish after 5.600 miles." Da klatschten
einige Passanten Beifall, und er begrüßte uns mit Handschlag:
"Welcome to San Francisco!"
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