|
.Zwei Monate sind wir schon auf unserem Amerika-Trip, meine
Frau und ich. So lange sind wir noch nie zusammenhängend auf
einer Reise gewesen. Das ist auch eine Bewährungsprobe für
eine Partnerschaft. Man muß sich schon wirklich gegenseitig
mögen, um dem anderen seine kleinen Schwächen und vielleicht
auch einmal aufkommende Launen nachzusehen. Da kann sich keiner
einfach mal zurückziehen und was ganz anderes machen. Wir
sind tagaus, tagein zusammen, im gemeinsamen Ziel aufeinander
angewiesen und voneinander abhängig.
Jeder
hat auch seine Aufgaben in einer Art Arbeitsteilung. Das hat
sich eingespielt. Meine Frau macht das Frühstück immer selbst.
Zum Breakfast nehmen wir uns Zeit und unterhalten uns in Ruhe.
Beim Packen der Taschen und in den Vorbereitungen zum Aufbruch
werden dagegen kaum Worte gewechselt. Jeder weiß, was er zu
tun hat und ist in Gedanken schon voraus. Über die Streckenplanung
des nächsten Tages mache ich mich meist gleich nach Zielankunft
her. Da wird das Wetter abgeschätzt, die Windrichtung, Höhenanstiege,
Unterkunftsmöglichkeiten und unsere eigene Fitneß. Das Ungewöhnliche
dieser Reise ist natürlich der sportliche Teil. Bis auf die
sieben bisher eingelegten Ruhetage saßen wir jeden Tag vier
bis acht Stunden im Sattel, an sechzig Tagen, im Zweierpack
hintereinander, auf jeden Fall stets in Sichtverbindung. Das
ist einfach unerläßlich. Es wäre nicht gut für die Moral,
wenn einer seine sportliche Überlegenheit ausspielen wollte
und weit vorauseilte. Es ist überhaupt eine der wichtigsten
Voraussetzungen für das Gelingen und den Erhalt der Harmonie,
daß der Leistungsabstand zwischen den beiden nicht zu groß
ist. In Kansas hatte meine Frau einmal einen heftigen Gefühlsausbruch,
als sie eine Tagesetappe abkürzen, ich aber weiterfahren wollte.
Im Laufe der Wochen hat sie in ihrer sportlichen Leistungsfähigkeit
und Ausdauer kräftig zugelegt. Ich bin sehr froh darüber.
Wir können uns bei der Streckenplanung meist ohne kontroverse
Diskussion schnell einigen.
Als
Paar ohne Konflikt zu reisen, ist sicher der Idealfall. Höhen,
mehr Höhen, aber auch Tiefen gemeinsam durchleben, das verbindet
und schweißt zusammen. Aber auch die Einzelfahrer, die wir
trafen, machten einen zufriedenen Eindruck. Sie treffen auf
Gleichgesinnte und fahren streckenweise mit anderen.
Wir
beide haben ja zunächst vorsichtig geplant, um nicht unter
Zeitdruck zu kommen. Es sollte schließlich eine Erlebnisreise
werden und keine Kilometerfresserei. Wie wir es absehen, werden
wir nach achtzig bis 85 Tagen ankommen, zwanzig bis dreißig
Tage früher als geplant. Dabei wollten wir das gar nicht.
Gut
ausgeruht bestiegen wir in Lander unsere Stahlrösser, frohen
Mutes in den morgenfrischen Tag hinein, das Tal des Windriver
hinauf. Zunächst hatten wir noch ideale Bedingungen, die aufsteigende
Sonne schmeichelte, und wohltuend strich der Fahrtwind über
die Beine. Wie wir befürchtet hatten, kam Gegenwind auf und
verstärkte sich stetig. Nun wußten wir genau, warum der River
Windriver" heißt, meist bläst der Wind von den Bergen
herunter. Bei drohendem Regen blies es schließlich so heftig,
daß wir nur zäh vorankamen. Das war dann wirklich eine Schinderei,
als wir heftig atmend, mit voller Kraft strampelten, und der
Tacho nur sechs bis zehn Stundenkilometer anzeigte. Meine
Frau rief mir zu und deutete nach rechts, ja tatsächlich,
eine Lodge mit Restaurant. Das wurde unsere Zuflucht für die
Nacht. Die unmittelbare Umgebung war atemberaubend schön für
einen Naturfreund. Eine Schleife des Windriver mit schnell
fließendem, in der Sonne glitzerndem klarblauen Wasser. Hinter
dem Fluß aufsteigende, rostrote Felsen, die red rocks",
dazu das Grün der Wiesen und darüber aufgetürmte Wolkenbänke
im blauen Himmel, rundum Wilderness. Am nächsten Tag bedauerten
wir zunächst, nicht doch noch 25 Kilometer weitergefahren
zu sein, denn nun hatten wir es entsprechend weiter, um über
den Paß zu kommen. Besorgt schauten wir nach oben, da braute
sich was zusammen. Wir hatten ja schon die unterschiedlichsten
Wolkenstimmungen erlebt, von der Sonne transparent beleuchtete
hohe Wolkenbänke, die sich schnell veränderten, oder von Ferne
klar erkennbare, ausgießende Regenwolken. Heute war es eine
Gewitterfront. In tief durchhängenden Bäuchen formten sich
tiefblaue Wolken aus, den Horizont schwarz verdunkelnd. Urplötzlich
Blitz und Donner über uns.
Im
aufkommenden Wind zogen wir in Eile unsere Regenkleidung über,
und schon prasselte ein Graupelschauer auf uns herab, aber
schon nach fünf Minuten war der Spuk vorbei. Tapfer zogen
wir weiter den Berg hinan. Oben wurde es kälter, mit Erleichterung
sahen wir das Schild Continental-Divide", die Wasserscheide
zwischen Ozean und Pazifik. Eine geschlossene Altschneedecke
da oben, zum Skilanglauf waren wir aber nicht gerüstet, und
es war uns auch nicht danach zumute. Die Sorge um die nächste
Unterkunft trieb uns mehr um. Wir fanden eine Bleibe paßabwärts
in einer Lodge auf etwa 2.800 Metern, gerade noch! Also doch
nicht ins Zelt in kalter Nacht. Wir hatten die Region des
Teton- und Yellowstone-Nationalparks erreicht und wußten,
daß alle Quartiere in diesen touristisch attraktiven Parks
auf Monate ausgebucht sind. Von hier aus soll sich ein grandioser
Ausblick auf die steil aufragenden verschneiten Felsen der
Teton-Mountains auftun. Die waren an diesem Tag im Regendunst
verhangen, auch am nächsten Tag, als wir näherkamen. Es war
eine naßkalte Fahrt durch den Teton-Park. Wir steuerten die
Flagg-Ranch an mit großem Campground. Zunächst wollten wir
uns erstmal unter Dach aufwärmen. Alle Zimmer waren natürlich
belegt oder ausgebucht. Der Regen draußen wurde heftiger.
Ich verhandelte einige Male mit einem freundlichen und gutwilligen
Mädchen an der Rezeption. Nach drei Stunden hatte mein Werben
Erfolg, und wir bekamen ein nobles Zimmer.
Der
nächste Tag sollte uns die aufregenden und einmaligen Schönheiten
des Yellowstone-Parks erschließen. Wir fuhren zwar zeitig
los, denn wir wußten, daß der Park die Touristen wie ein Magnet
anzieht. Und die kommen alle mit fahrbarem Untersatz. Motor
Homes werden sie genannt, sie sind von einem Omnibus kaum
zu unterscheiden, eine Zwei- bis Drei-Zimmerwohnung auf Rädern,
und hintendran hängt der mitgezogene Pkw, manchmal auch ein
Kleinbus, obendrauf noch ein Boot oder als sportliches Alibi
ein Paar Mountainbikes. Dazwischen massenweise die Touristen
in den abgekoppelten Pkw's. An den Outlook-Points kamen sie
kurz heraus aus ihren an diesem Tag gut beheizten Fahrzeugen,
knipsten schnell drauflos und stiegen fröstelnd wieder ein.
Auf halbem Weg auf den kurvenreichen Loops ohne Seitenstreifen
im Kolonnenverkehr dann noch eine Reifenpanne. Bei einsetzendem
Schneeregen plagten wir uns mit steifen Fingern. Wir hatten
es ja schon einige Male praktizieren müssen, eine Plackerei,
den Reifen über die Felge zu kriegen. Beim Wuchten mit dem
Werkzeug machte ich den letzten Reserveschlauch kaputt. Da
standen wir nun fröstelnd im Schneeschauer. Rettung kam vom
Servicemann einer durch den Park geführten Radlergruppe. Er
spendierte uns einen Schlauch und schaffte es, aber auch mühsam.
Gern hat er es auch noch getan, zwei "Germans" auf dem Trans-America-Trail,
das hat ihn und seine Begleiter sichtlich beeindruckt. "Enjoy
America" rief er uns zum Abschied zu. . . .
|