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Mit dem Fahrrad 9.000 Kilometer durch die Vereinigten Staaten
Bericht 6 – Durch den Yellowstone und in Montana weiter nach Norden

.Zwei Monate sind wir schon auf unserem Amerika-Trip, meine Frau und ich. So lange sind wir noch nie zusammenhängend auf einer Reise gewesen. Das ist auch eine Bewährungsprobe für eine Partnerschaft. Man muß sich schon wirklich gegenseitig mögen, um dem anderen seine kleinen Schwächen und vielleicht auch einmal aufkommende Launen nachzusehen. Da kann sich keiner einfach mal zurückziehen und was ganz anderes machen. Wir sind tagaus, tagein zusammen, im gemeinsamen Ziel aufeinander angewiesen und voneinander abhängig.
     Jeder hat auch seine Aufgaben in einer Art Arbeitsteilung. Das hat sich eingespielt. Meine Frau macht das Frühstück immer selbst. Zum Breakfast nehmen wir uns Zeit und unterhalten uns in Ruhe. Beim Packen der Taschen und in den Vorbereitungen zum Aufbruch werden dagegen kaum Worte gewechselt. Jeder weiß, was er zu tun hat und ist in Gedanken schon voraus. Über die Streckenplanung des nächsten Tages mache ich mich meist gleich nach Zielankunft her. Da wird das Wetter abgeschätzt, die Windrichtung, Höhenanstiege, Unterkunftsmöglichkeiten und unsere eigene Fitneß. Das Ungewöhnliche dieser Reise ist natürlich der sportliche Teil. Bis auf die sieben bisher eingelegten Ruhetage saßen wir jeden Tag vier bis acht Stunden im Sattel, an sechzig Tagen, im Zweierpack hintereinander, auf jeden Fall stets in Sichtverbindung. Das ist einfach unerläßlich. Es wäre nicht gut für die Moral, wenn einer seine sportliche Überlegenheit ausspielen wollte und weit vorauseilte. Es ist überhaupt eine der wichtigsten Voraussetzungen für das Gelingen und den Erhalt der Harmonie, daß der Leistungsabstand zwischen den beiden nicht zu groß ist. In Kansas hatte meine Frau einmal einen heftigen Gefühlsausbruch, als sie eine Tagesetappe abkürzen, ich aber weiterfahren wollte. Im Laufe der Wochen hat sie in ihrer sportlichen Leistungsfähigkeit und Ausdauer kräftig zugelegt. Ich bin sehr froh darüber. Wir können uns bei der Streckenplanung meist ohne kontroverse Diskussion schnell einigen.
     Als Paar ohne Konflikt zu reisen, ist sicher der Idealfall. Höhen, mehr Höhen, aber auch Tiefen gemeinsam durchleben, das verbindet und schweißt zusammen. Aber auch die Einzelfahrer, die wir trafen, machten einen zufriedenen Eindruck. Sie treffen auf Gleichgesinnte und fahren streckenweise mit anderen.
     Wir beide haben ja zunächst vorsichtig geplant, um nicht unter Zeitdruck zu kommen. Es sollte schließlich eine Erlebnisreise werden und keine Kilometerfresserei. Wie wir es absehen, werden wir nach achtzig bis 85 Tagen ankommen, zwanzig bis dreißig Tage früher als geplant. Dabei wollten wir das gar nicht.
     Gut ausgeruht bestiegen wir in Lander unsere Stahlrösser, frohen Mutes in den morgenfrischen Tag hinein, das Tal des Windriver hinauf. Zunächst hatten wir noch ideale Bedingungen, die aufsteigende Sonne schmeichelte, und wohltuend strich der Fahrtwind über die Beine. Wie wir befürchtet hatten, kam Gegenwind auf und verstärkte sich stetig. Nun wußten wir genau, warum der River „Windriver" heißt, meist bläst der Wind von den Bergen herunter. Bei drohendem Regen blies es schließlich so heftig, daß wir nur zäh vorankamen. Das war dann wirklich eine Schinderei, als wir heftig atmend, mit voller Kraft strampelten, und der Tacho nur sechs bis zehn Stundenkilometer anzeigte. Meine Frau rief mir zu und deutete nach rechts, ja tatsächlich, eine Lodge mit Restaurant. Das wurde unsere Zuflucht für die Nacht. Die unmittelbare Umgebung war atemberaubend schön für einen Naturfreund. Eine Schleife des Windriver mit schnell fließendem, in der Sonne glitzerndem klarblauen Wasser. Hinter dem Fluß aufsteigende, rostrote Felsen, die „red rocks", dazu das Grün der Wiesen und darüber aufgetürmte Wolkenbänke im blauen Himmel, rundum Wilderness. Am nächsten Tag bedauerten wir zunächst, nicht doch noch 25 Kilometer weitergefahren zu sein, denn nun hatten wir es entsprechend weiter, um über den Paß zu kommen. Besorgt schauten wir nach oben, da braute sich was zusammen. Wir hatten ja schon die unterschiedlichsten Wolkenstimmungen erlebt, von der Sonne transparent beleuchtete hohe Wolkenbänke, die sich schnell veränderten, oder von Ferne klar erkennbare, ausgießende Regenwolken. Heute war es eine Gewitterfront. In tief durchhängenden Bäuchen formten sich tiefblaue Wolken aus, den Horizont schwarz verdunkelnd. Urplötzlich Blitz und Donner über uns.
     Im aufkommenden Wind zogen wir in Eile unsere Regenkleidung über, und schon prasselte ein Graupelschauer auf uns herab, aber schon nach fünf Minuten war der Spuk vorbei. Tapfer zogen wir weiter den Berg hinan. Oben wurde es kälter, mit Erleichterung sahen wir das Schild „Continental-Divide", die Wasserscheide zwischen Ozean und Pazifik. Eine geschlossene Altschneedecke da oben, zum Skilanglauf waren wir aber nicht gerüstet, und es war uns auch nicht danach zumute. Die Sorge um die nächste Unterkunft trieb uns mehr um. Wir fanden eine Bleibe paßabwärts in einer Lodge auf etwa 2.800 Metern, gerade noch! Also doch nicht ins Zelt in kalter Nacht. Wir hatten die Region des Teton- und Yellowstone-Nationalparks erreicht und wußten, daß alle Quartiere in diesen touristisch attraktiven Parks auf Monate ausgebucht sind. Von hier aus soll sich ein grandioser Ausblick auf die steil aufragenden verschneiten Felsen der Teton-Mountains auftun. Die waren an diesem Tag im Regendunst verhangen, auch am nächsten Tag, als wir näherkamen. Es war eine naßkalte Fahrt durch den Teton-Park. Wir steuerten die Flagg-Ranch an mit großem Campground. Zunächst wollten wir uns erstmal unter Dach aufwärmen. Alle Zimmer waren natürlich belegt oder ausgebucht. Der Regen draußen wurde heftiger. Ich verhandelte einige Male mit einem freundlichen und gutwilligen Mädchen an der Rezeption. Nach drei Stunden hatte mein Werben Erfolg, und wir bekamen ein nobles Zimmer.
     Der nächste Tag sollte uns die aufregenden und einmaligen Schönheiten des Yellowstone-Parks erschließen. Wir fuhren zwar zeitig los, denn wir wußten, daß der Park die Touristen wie ein Magnet anzieht. Und die kommen alle mit fahrbarem Untersatz. Motor Homes werden sie genannt, sie sind von einem Omnibus kaum zu unterscheiden, eine Zwei- bis Drei-Zimmerwohnung auf Rädern, und hintendran hängt der mitgezogene Pkw, manchmal auch ein Kleinbus, obendrauf noch ein Boot oder als sportliches Alibi ein Paar Mountainbikes. Dazwischen massenweise die Touristen in den abgekoppelten Pkw's. An den Outlook-Points kamen sie kurz heraus aus ihren an diesem Tag gut beheizten Fahrzeugen, knipsten schnell drauflos und stiegen fröstelnd wieder ein. Auf halbem Weg auf den kurvenreichen Loops ohne Seitenstreifen im Kolonnenverkehr dann noch eine Reifenpanne. Bei einsetzendem Schneeregen plagten wir uns mit steifen Fingern. Wir hatten es ja schon einige Male praktizieren müssen, eine Plackerei, den Reifen über die Felge zu kriegen. Beim Wuchten mit dem Werkzeug machte ich den letzten Reserveschlauch kaputt. Da standen wir nun fröstelnd im Schneeschauer. Rettung kam vom Servicemann einer durch den Park geführten Radlergruppe. Er spendierte uns einen Schlauch und schaffte es, aber auch mühsam. Gern hat er es auch noch getan, zwei "Germans" auf dem Trans-America-Trail, das hat ihn und seine Begleiter sichtlich beeindruckt. "Enjoy America" rief er uns zum Abschied zu. . . .

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