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Mit dem Fahrrad 9.000 Kilometer durch die Vereinigten Staaten
Fortsetzung Bericht 4 – „Heading west“ in Kansas

. . . Der Wind hatte von Süd nach Nord gedreht, wir mußten durch, das ging ans Eingemachte. Die Hitze war vorbei, von der Rekordhitze des Jahres von 37 Grad auf ein Tief von sieben Grad in zwanzig Stunden. Nun war es umgekehrt, mit jeder Stunde wurde es angenehm wärmer. Dann folgte einer unserer harten Biketage. Heftige Seitenböen machten uns schwer zu schaffen. Es verschlug uns schier den Atem, wenn die Böen angefegt kamen, an unseren Packtaschen rüttelten und in den Speichen pfiffen.
     Das Gelände steigt nach Westen stetig an zu den „higher and dry plains" auf 1.500 Meter. Wir waren jeden Tag gespannt auf neue Eindrücke. Nie haben wir daran gedacht, etwa auf ein Auto oder die Bahn umzusteigen. Dafür gibt es auch kaum eine Möglichkeit. Dies war ein wesentlicher Erlebnisteil, die ganze Weite dieses Landes zu erfahren, tausend Kilometer bis zu den Rockies. Es war auch eindrucksvoll, wenn am Horizont hohe Getreidesilos auftauchten, in der Sonne leuchteten, auf die sind wir dann fünfzehn bis zwanzig Kilometer direkt zugefahren. Die High Plains waren gar nicht trocken, Blumen am Straßenrand, Zwergkakteen in prächtiger Blüte, und dazwischen Getreidefelder und Ackerbau.
     Gestern tauchte erstmals die Silhouette der Berge auf, beeindruckend. Wir haben auch die Flatlands schadlos durchquert, kein Tornado hat uns erwischt. Einen der gefürchteten Flatland-Thunderstorms hatten wir in der Nacht über uns, mit Donnerschlägen, die mich an die Bombeneinschläge im Krieg erinnerten. Morgen wollen wir regenerieren, dann schlagen wir ein neuen Kapitel auf, mit vielen Seiten, vor uns die Berge. In drei bis vier Tagen wollen wir zum Hoosier-Paß auf viertausend Meter hinaufklettern, da liegt Schnee da oben. The challenging Rocky Mountains, wir wollen diese Herausforderung annehmen.

Mit dem Fahrrad 9.000 Kilometer durch die Vereinigten Staaten
Bericht 5 – In den Rockies von Colorado und Wyoming

Unser Trip ist auch eine Reise auf den Spuren der dreihundertjährigen Geschichte der USA. Im Flußdelta bei Yorktown, dort wo wir starteten, sind im Jahr 1607 die ersten englischen Siedler auf dem nordamerikanischen Kontinent angelandet. Das historische Williamsburg in der Nähe wurde Ende des 17. Jahrhunderts gegründet. In dieser Zeit wurden auch die großen Plantagen mit den prunkvollen Herrschaftshäusern im Kolonialstil in den fruchtbaren Ebenen von Virginia ausgebaut. In Virginia, wie auch in anderen Oststaaten, wird die Erinnerung an den Befreiungskrieg und an den Civil War wachgehalten. Wir haben einige Battlefields des Bürgerkrieges passiert.
     Unsere Route nach Westen bis Kansas verläuft über weite Strecken an der damaligen Frontlinie, als sich die abgefallenen Sklavenstaaten des Südens mit den Truppen der stärkeren Nordstaaten verlustreiche Gefechte lieferten. Der Banker aus Alabama erzählte mir, daß das Trauma der verlustreichen Niederlage des Südens und seiner Folgen in der älteren Generation immer noch nachwirkt. Schon hundert Jahre vorher waren Siedler in die Appalachen weitergezogen, es waren freiheitsliebende Selbstversorger-Bauern. Auf dem Zug nach Westen waren stets die Jäger und Fallensteller voraus. Die Indianer wehrten sich, mußten aber dem nachdringenden weißen Mann weichen. Den Indianern zur Befriedung zugesagte Jagdrechte wurden bald gebrochen. Die landhungrigen Siedler drängten nach Westen. Wir fuhren auf dem „trail of tears", dem Weg der Indianer bei ihrer Vertreibung 1839 aus ihren Jagdgründen östlich des Mississippi.
     Schon im 18. Jahrhundert waren die Franzosen vom Süden den Mississippi hochgekommen. Der Bau der Eisenbahn beschleunigte den Zug nach Westen. In Kansas wanderten die Mennoniten aber erst um 1870 ein. Sie kamen aus Russland, wohin sie Katharina die Große geholt hatte, wo sie sich aber nun in ihren Freiheitsrechten bedroht sahen. Sie brachten die Saat für den Winterweizen mit. Das war die Grundlage und ökologische Voraussetzung für die Erschließung der weiten fruchtbaren Ebenen zum größten Weizenanbau-Gebiet der USA. Kansas gilt auch heute noch als Mennonitenstaat.
     Wir haben den legendären Santa Fe Trail gekreuzt, der interessanterweise von Santa Fe in New Mexico über Pueblo bis nach Missouri nach Osten führte. Abenteuerliche Reisen müssen das gewesen sein, über riesige Entfernungen auf diesem Handelsweg mit Ochsen- und Pferdefuhrwerken. Auf den High Plains, die wir durchfuhren, grasten damals noch die Büffel, riesige Herden. Sie waren die Nahrungs- und Lebensgrundlage der dort lebenden Indianer. Mit der Erschließung durch die Eisenbahn begann die Dezimierung der Büffel durch wahlloses Abschlachten bis zur nahezu vollständigen Ausrottung. In ihrer Gegenwehr griffen die Indianer immer wieder überraschend an, waren aber letzlich auf der Verliererstraße. Wir kamen durch Ghosttowns, die in den Jahrzehnten um die Jahrhundertwende meist nur eine kurze Blüte hatten, bis Kupfer-, Erz- oder Goldminen ausgebeutet oder unrentabel geworden waren. Die Abenteurer und Glücksritter zogen weiter. Geblieben sind die Siedler, wenige davon im unwirtlichen, windigen Wyoming. Auch heute leben in diesem Staat nur 500.000 Menschen. Auf dem Weg nach Westen waren die Rocky Mountains eine natürliche Barriere. Trapper und die sogenannten Pioniere fanden Übergänge. Die Split Rocks, ein markantes Felsengebilde im einsamen Hochplateau, waren eine bedeutende Zwischenstation des Oregon- und Mormonen-Trails. Eine Station für die hoffnungsfrohen Neu-Einwanderer, für die Siedler, die vom Osten weiterzogen, um den goldenen Westen in Kalifornien und Oregon zu erreichen, für die ausgegrenzten Mormonen, die im kahlen Hochland von Utah eine neue Heimat suchten.
     Auf ihren langen, beschwerlichen Wegen waren sie in ihren Planwagen mit ihren Zugtieren harten Strapazen und den extrem wechselnden Wetterbedingungen ausgesetzt. Sonne, Hitze, Regen, Schnee, Kälte, plötzlich drehende Winde, Gewitter, Unwetter.
     Sie erlebten aber sicher auch viele schöne Tage, in denen sie erwartungsvoll vorankamen. Wir haben daran gedacht, als wir die Split Rocks im auch heute noch kaum besiedelten Teil von Wyoming erreichten. Auch wir durchleben hautnah die heftig ausschlagenden Wetterbedingungen, wenn wir auf unseren gesattelten Stahlrössern sitzen und uns selbst die Sporen geben. Pueblo mit hunderttausend Einwohnern, die erste größere Stadt auf unserer Route, ist spanisch-mexikanisch geprägt. Bei schönem Wetter legten wir einen Ruhetag ein und konnten die ganz andere Atmosphäre beschnuppern. So haben wir auch einen Zipfel des Südens erhascht. Von hier ist es ja nicht weit hinunter nach New Mexico. Wir schwenkten nach Norden ein in der Erwartung neuer Eindrücke in den Rocky Mountains. Etwa 2.500 weitere absolute Höhenmeter hatten wir in den nächsten Tagen vor uns. In langen, aber moderaten Anstiegen hatten wir zunächst von der Erosion zerfurchte Sandsteinkegel vor uns, dahinter die schneebedeckten Bergrücken. . . .

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