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. . . Der Wind hatte von Süd nach Nord gedreht, wir mußten
durch, das ging ans Eingemachte. Die Hitze war vorbei, von
der Rekordhitze des Jahres von 37 Grad auf ein Tief von sieben
Grad in zwanzig Stunden. Nun war es umgekehrt, mit jeder Stunde
wurde es angenehm wärmer. Dann folgte einer unserer harten
Biketage. Heftige Seitenböen machten uns schwer zu schaffen.
Es verschlug uns schier den Atem, wenn die Böen angefegt kamen,
an unseren Packtaschen rüttelten und in den Speichen pfiffen.
Das
Gelände steigt nach Westen stetig an zu den higher and
dry plains" auf 1.500 Meter. Wir waren jeden Tag gespannt
auf neue Eindrücke. Nie haben wir daran gedacht, etwa auf
ein Auto oder die Bahn umzusteigen. Dafür gibt es auch kaum
eine Möglichkeit. Dies war ein wesentlicher Erlebnisteil,
die ganze Weite dieses Landes zu erfahren, tausend Kilometer
bis zu den Rockies. Es war auch eindrucksvoll, wenn am Horizont
hohe Getreidesilos auftauchten, in der Sonne leuchteten, auf
die sind wir dann fünfzehn bis zwanzig Kilometer direkt zugefahren.
Die High Plains waren gar nicht trocken, Blumen am Straßenrand,
Zwergkakteen in prächtiger Blüte, und dazwischen Getreidefelder
und Ackerbau.
Gestern
tauchte erstmals die Silhouette der Berge auf, beeindruckend.
Wir haben auch die Flatlands schadlos durchquert, kein Tornado
hat uns erwischt. Einen der gefürchteten Flatland-Thunderstorms
hatten wir in der Nacht über uns, mit Donnerschlägen, die
mich an die Bombeneinschläge im Krieg erinnerten. Morgen wollen
wir regenerieren, dann schlagen wir ein neuen Kapitel auf,
mit vielen Seiten, vor uns die Berge. In drei bis vier Tagen
wollen wir zum Hoosier-Paß auf viertausend Meter hinaufklettern,
da liegt Schnee da oben. The challenging Rocky Mountains,
wir wollen diese Herausforderung annehmen.
Mit
dem Fahrrad 9.000 Kilometer durch die Vereinigten Staaten
Bericht 5 In den Rockies von Colorado und Wyoming
Unser Trip ist auch eine Reise auf den Spuren der dreihundertjährigen
Geschichte der USA. Im Flußdelta bei Yorktown, dort wo wir
starteten, sind im Jahr 1607 die ersten englischen Siedler
auf dem nordamerikanischen Kontinent angelandet. Das historische
Williamsburg in der Nähe wurde Ende des 17. Jahrhunderts gegründet.
In dieser Zeit wurden auch die großen Plantagen mit den prunkvollen
Herrschaftshäusern im Kolonialstil in den fruchtbaren Ebenen
von Virginia ausgebaut. In Virginia, wie auch in anderen Oststaaten,
wird die Erinnerung an den Befreiungskrieg und an den Civil
War wachgehalten. Wir haben einige Battlefields des Bürgerkrieges
passiert.
Unsere
Route nach Westen bis Kansas verläuft über weite Strecken
an der damaligen Frontlinie, als sich die abgefallenen Sklavenstaaten
des Südens mit den Truppen der stärkeren Nordstaaten verlustreiche
Gefechte lieferten. Der Banker aus Alabama erzählte mir, daß
das Trauma der verlustreichen Niederlage des Südens und seiner
Folgen in der älteren Generation immer noch nachwirkt. Schon
hundert Jahre vorher waren Siedler in die Appalachen weitergezogen,
es waren freiheitsliebende Selbstversorger-Bauern. Auf dem
Zug nach Westen waren stets die Jäger und Fallensteller voraus.
Die Indianer wehrten sich, mußten aber dem nachdringenden
weißen Mann weichen. Den Indianern zur Befriedung zugesagte
Jagdrechte wurden bald gebrochen. Die landhungrigen Siedler
drängten nach Westen. Wir fuhren auf dem trail of tears",
dem Weg der Indianer bei ihrer Vertreibung 1839 aus ihren
Jagdgründen östlich des Mississippi.
Schon
im 18. Jahrhundert waren die Franzosen vom Süden den Mississippi
hochgekommen. Der Bau der Eisenbahn beschleunigte den Zug
nach Westen. In Kansas wanderten die Mennoniten aber erst
um 1870 ein. Sie kamen aus Russland, wohin sie Katharina die
Große geholt hatte, wo sie sich aber nun in ihren Freiheitsrechten
bedroht sahen. Sie brachten die Saat für den Winterweizen
mit. Das war die Grundlage und ökologische Voraussetzung für
die Erschließung der weiten fruchtbaren Ebenen zum größten
Weizenanbau-Gebiet der USA. Kansas gilt auch heute noch als
Mennonitenstaat.
Wir
haben den legendären Santa Fe Trail gekreuzt, der interessanterweise
von Santa Fe in New Mexico über Pueblo bis nach Missouri nach
Osten führte. Abenteuerliche Reisen müssen das gewesen sein,
über riesige Entfernungen auf diesem Handelsweg mit Ochsen-
und Pferdefuhrwerken. Auf den High Plains, die wir durchfuhren,
grasten damals noch die Büffel, riesige Herden. Sie waren
die Nahrungs- und Lebensgrundlage der dort lebenden Indianer.
Mit der Erschließung durch die Eisenbahn begann die Dezimierung
der Büffel durch wahlloses Abschlachten bis zur nahezu vollständigen
Ausrottung. In ihrer Gegenwehr griffen die Indianer immer
wieder überraschend an, waren aber letzlich auf der Verliererstraße.
Wir kamen durch Ghosttowns, die in den Jahrzehnten um die
Jahrhundertwende meist nur eine kurze Blüte hatten, bis Kupfer-,
Erz- oder Goldminen ausgebeutet oder unrentabel geworden waren.
Die Abenteurer und Glücksritter zogen weiter. Geblieben sind
die Siedler, wenige davon im unwirtlichen, windigen Wyoming.
Auch heute leben in diesem Staat nur 500.000 Menschen. Auf
dem Weg nach Westen waren die Rocky Mountains eine natürliche
Barriere. Trapper und die sogenannten Pioniere fanden Übergänge.
Die Split Rocks, ein markantes Felsengebilde im einsamen Hochplateau,
waren eine bedeutende Zwischenstation des Oregon- und Mormonen-Trails.
Eine Station für die hoffnungsfrohen Neu-Einwanderer, für
die Siedler, die vom Osten weiterzogen, um den goldenen Westen
in Kalifornien und Oregon zu erreichen, für die ausgegrenzten
Mormonen, die im kahlen Hochland von Utah eine neue Heimat
suchten.
Auf
ihren langen, beschwerlichen Wegen waren sie in ihren Planwagen
mit ihren Zugtieren harten Strapazen und den extrem wechselnden
Wetterbedingungen ausgesetzt. Sonne, Hitze, Regen, Schnee,
Kälte, plötzlich drehende Winde, Gewitter, Unwetter.
Sie
erlebten aber sicher auch viele schöne Tage, in denen sie
erwartungsvoll vorankamen. Wir haben daran gedacht, als wir
die Split Rocks im auch heute noch kaum besiedelten Teil von
Wyoming erreichten. Auch wir durchleben hautnah die heftig
ausschlagenden Wetterbedingungen, wenn wir auf unseren gesattelten
Stahlrössern sitzen und uns selbst die Sporen geben. Pueblo
mit hunderttausend Einwohnern, die erste größere Stadt auf
unserer Route, ist spanisch-mexikanisch geprägt. Bei schönem
Wetter legten wir einen Ruhetag ein und konnten die ganz andere
Atmosphäre beschnuppern. So haben wir auch einen Zipfel des
Südens erhascht. Von hier ist es ja nicht weit hinunter nach
New Mexico. Wir schwenkten nach Norden ein in der Erwartung
neuer Eindrücke in den Rocky Mountains. Etwa 2.500 weitere
absolute Höhenmeter hatten wir in den nächsten Tagen vor uns.
In langen, aber moderaten Anstiegen hatten wir zunächst von
der Erosion zerfurchte Sandsteinkegel vor uns, dahinter die
schneebedeckten Bergrücken. . . .
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