zurück zum Eingang
die Herauforderung; aktuelle Position; Planung
aktuelle Reiseberichte und Berichte früherer Touren und Wettkämpfe
Ausrüstung; Freunde und Partner
Stimmen aus der Presse
Wie es uns geht; was der Arzt sagt
Persönliches
Schreiben Sie uns!
unsere Hompepage im Überblick
zurück zur 128ontour-Homepage Schreiben Sie uns! zu Favoriten hinzufügen

Seite 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10
zurück zur Übersicht

Mit dem Fahrrad 9.000 Kilometer durch die Vereinigten Staaten
Bericht 4 – „Heading west“ in Kansas

Der Ausdruck „heading“ wird hier im Sprachgebrauch für „vorankommen" verwendet, „head" für "mit dem Kopf voraus". Wir kommen voran nach Westen, durch Kansas nach Colorado. Meine Frau und ich haben da eine Herausforderung angenommen, die alles, was wir bisher auf unseren großen Reisen durch die Welt unternommen hatten, in den Schatten stellt. Die Idee, quer durch die USA zu radeln, hatte meine Frau vor zwei Jahren. Das hat uns nicht mehr losgelassen, und ich selbst habe es als Chance erkannt, denn die Vorschläge für extreme Reiseziele kommen sonst von mir, und ich muß erstmal Überzeugungsarbeit leisten.
     Ein solches Ziel muß reifen und geplant werden. Als wir uns entschieden hatten, den Transam-Trail des Adventure Cycling Clubs von Ost nach West zu durchfahren, wußten wir, daß es ein sehr langer Weg wird über siebentausend Kilometer und sehr viele Berge. Wir hatten ein Ziel, es muß mit dem Kopf fest gewollt sein, die mentale Einstellung, eine wichtige Voraussetzung, damit der Körper mitmacht.
     Ein hochgestecktes Ziel, faszinierend und aufregend, zunächst so weit weg wie auf einem anderen Stern. Sind wir zu spät dran für diese körperliche und geistige Herausforderung? Ist dieser Trip nicht jungen Leuten vorbehalten, die physisch belastbarer, anpassungsfähiger und unbekümmerter sind? Wir greifen nach den Sternen und wagen den Blick hinüber zu den Rockies. Nach 3.800 Kilometern hat die zweite Hälfte schon begonnen. Wir können es schaffen, beide sind wir eher stärker geworden. Zwischendurch aufgekommene Zweifel haben wir vergessen. Freilich kann eine kleine Unachtsamkeit, ein unglücklicher Sturz das vorzeitige Aus bedeuten. Viele Leute wünschen uns „have a safe trip, be careful". Das brauchen wir, nicht übermütig und nachlässig werden, zu aller Zeit aufmerksam und hellwach, vor allem gegen Ende einer Tagestour, wenn dich die Ermüdung erfaßt.
     Coast-to-Coast-Biker äußerten nachhaltig beeindruckt, daß sie Land und Leute außerhalb der großen Cities so intensiv in vielfältigen persönlichen Eindrücken erlebt haben, was vielen Menschen ein ganzes Leben lang versagt bleibt. Eine Autoreise kann das nicht bringen. Allein damit beantwortet sich die Frage: Warum tun die das? Wenn wir am frühen Tag aufs Rad steigen, das uns inzwischen so vertraut ist, auf dem wir uns eingerichtet haben, dann empfinde ich ein großartiges Gefühl von grenzenloser Freiheit, die Begierde, Neues, bisher Unbekanntes zu sehen, zu erleben, im Vertrauen auf die eigene körperliche und geistige Kraft. Independence and Freedom, Unabhängigkeit und Freiheit. Freilich gibt es auch Belastungsproben für Ausdauer und Zähigkeit. Wenn wie in den Appalachen in den Berganstiegen die schwüle Hitze steht, dir der rinnende Schweiß in den Augen brennt und die Brille beschlägt, die beanspruchten Muskeln brennen und der Berg nicht enden will, oder wenn dich in den Plains stundenlang heftige Seitenböen anspringen, die Lenkung zu verreißen droht und dich der Sog der vorbeirauschenden Trucks schier vom Radl zieht. Aber wenn es dann geschafft ist und sich die Anspannung löst, macht sich ein Gefühl von Glück und Zufriedenheit breit.
     Die Ausläufer der Ozarks hatten es noch in sich. Jeder Bach auf der Karte bedeutete eine schnelle Abfahrt und jenseits der Brücke ein steiles Bergan über den Höhenrücken. In Marsfield hatten wir Bed & Breakfast in einem historischen Herrschaftshaus. Da waren wir einem Vorschlag von Bill, Jim und Jane gefolgt. Einige Tage vorher hatten wir sie kennengelernt, sie kommen aus Alabama und wollen nach Montana. Nach einem kurzen Sichtkontakt auf der Straße trafen wir sie am Abend. Sie hatten durch Zufall die gleiche Lodge am Fluß gewählt und wohnten gleich nebenan. Seither treffen wir uns immer wieder, nun schon seit vierzehn Tagen. Dazwischen hatten sie einen Ruhetag, und wir an einem anderen Ort. Alle drei sind Mitte Vierzig bis Mitte Fünfzig, vom Alter her auch nicht die typischen Fernradler. Bill ist Mitinhaber einer kleinen Bank mit 28 Angestellten. Er hat 38 Jahre in seiner Bank geschuftet, nach seinen Schilderungen offenbar nicht streßfrei. Da hat er den Krempel hingeschmissen und sich mit dem Rad auf die Socken gemacht zu seinem Sohn, der in Montana lebt und im Adventure Cycling Club die Radlrouten austüftelt.
     Am letzten Tag in Missouri hatten wir noch ein schönes persönliches Erlebnis. In dem kleinen Städtchen Ash Grove waren wir auf Quartiersuche, ein Motel gab es nicht, wohl möglicherweise ein Bed & Breakfast vierzehn Kilometer weiter. Ein hilfreicher Apotheker versuchte es vergeblich herauszufinden. In der Town Hall stellte sich der Bürgermeister zur Verfügung und fuhr mit dem Auto voraus zum City-Park, wo wir campen könnten. Da wurden wir plötzlich aus einem Auto heraus angesprochen, ob wir die beiden "Germans" seien. Der Apotheker hatte nicht locker gelassen und den B&B-Vermieter ausfindig gemacht. Wir sagten zu und gingen erstmal zum Essen. Als wir dann in dem kleinen Nachbarort ankamen, war schon alles vorbereitet. Der Mann hatte saubergemacht, und die noch berufstätige Frau kam mit frischem Bettzeug und Lebensmitteln an. Wir hatten ein ganzes Haus für uns, denn die Vermieter wohnen im Nachbarort. Ein historischer Backsteinbau von 1886, als Hotel errichtet, als der Ort boomte, die Eisenbahn war angekommen und ein Bergbau begann. Heute leben noch zweihundert Menschen da, ein reizender Ort, wo die alten Fassaden der Main Street an hektischere Zeiten erinnern. Aber es gibt ein Post-Office, eine Police-Station und ein Restaurant, wo Mama kocht und die Töchter servieren. Die Herberge ist stilgerecht renoviert und behaglich, mit viel Liebe zum Detail eingerichtet. Die beiden freuten sich riesig, daß wir gekommen waren. Wir sollten es uns gemütlich machen, essen und trinken, was wir wollen, und das Geld – dreißig Dollar – einfach auf den Tisch legen, wenn wir wegfahren. Mit ein wenig Wehmut sind wir weggefahren.
     Die Steigungen flachten ab, wir fuhren nach Kansas hinein, vor uns auf tausend Kilometern die lower and higher plains. Völlig neue Eindrücke, kaum Bäume, der Blick kann weit über Felder und Wiesen schweifen, und wir hatten es nun mit einem bisher noch nicht so stark in Erscheinung getretenen Element zu tun: dem Wind! „Kansas is boring", langweilig, sagen viele. Wir sagen dagegen, und da stimmen wir mit anderen Radlern überein, es war überhaupt nicht langweilig, ja phasenweise sogar aufregend interessant. Die nächsten beiden Tage waren noch sehr heiß, der Wind verschaffte uns eine Linderung. Kansas, ein einziges großes Weizenfeld, platt wie ein Pfannkuchen, und der Highway schnurgerade hindurch? Nein, es ist anders, jedenfalls für uns Radler. Wir fuhren durch Weideland, vorbei an frischgepflügten Ackerflächen, wo die Farmer mit riesigen Geräten bei der Feldarbeit waren. Kansas ist nicht nur eine große Weizenkammer, es ist auch das Land mit den größten Sonnenblumenfeldern.
     Den gefürchteten Gegenwind hatten wir nur kurzzeitig. Da muß man halt kräftiger reintreten und sauber Windschatten fahren. Der Wind trieb uns auch an über lange Strecken, meist seitwärts. Das ist dann ein echter Radlergenuß, mit dem größten Gang Tempo machen. Wir erreichten an einem Tag einen Schnitt von 27 Stundenkilometern, „heading west" in Kansas. Dann wagten wir uns an zwei lange Etappen, nach 145 Kilometern sollten es am nächsten Tag 175 Kilometer werden. Über weite Strecken eine sehr einsame Fahrt. Auf ungekennzeichneten Nebenstraßen das leichte Bangen, ob wir auch richtig sind. Kein Dorf, kein Haus auf hundert Kilometern. Weideland, ab und zu weit zurückgesetzt waren Farmhäuser zu sehen. . . .


Seite 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10
zurück zur Übersicht