Der Ausdruck heading wird hier im Sprachgebrauch
für vorankommen" verwendet, head" für "mit dem Kopf
voraus". Wir kommen voran nach Westen, durch Kansas nach Colorado.
Meine Frau und ich haben da eine Herausforderung angenommen,
die alles, was wir bisher auf unseren großen Reisen durch die
Welt unternommen hatten, in den Schatten stellt. Die Idee, quer
durch die USA zu radeln, hatte meine Frau vor zwei Jahren. Das
hat uns nicht mehr losgelassen, und ich selbst habe es als Chance
erkannt, denn die Vorschläge für extreme Reiseziele kommen sonst
von mir, und ich muß erstmal Überzeugungsarbeit leisten.
Ein
solches Ziel muß reifen und geplant werden. Als wir uns entschieden
hatten, den Transam-Trail des Adventure Cycling Clubs von Ost
nach West zu durchfahren, wußten wir, daß es ein sehr langer
Weg wird über siebentausend Kilometer und sehr viele Berge.
Wir hatten ein Ziel, es muß mit dem Kopf fest gewollt sein,
die mentale Einstellung, eine wichtige Voraussetzung, damit
der Körper mitmacht.
Ein
hochgestecktes Ziel, faszinierend und aufregend, zunächst so
weit weg wie auf einem anderen Stern. Sind wir zu spät dran
für diese körperliche und geistige Herausforderung? Ist dieser
Trip nicht jungen Leuten vorbehalten, die physisch belastbarer,
anpassungsfähiger und unbekümmerter sind? Wir greifen nach den
Sternen und wagen den Blick hinüber zu den Rockies. Nach 3.800
Kilometern hat die zweite Hälfte schon begonnen. Wir können
es schaffen, beide sind wir eher stärker geworden. Zwischendurch
aufgekommene Zweifel haben wir vergessen. Freilich kann eine
kleine Unachtsamkeit, ein unglücklicher Sturz das vorzeitige
Aus bedeuten. Viele Leute wünschen uns have a safe trip,
be careful". Das brauchen wir, nicht übermütig und nachlässig
werden, zu aller Zeit aufmerksam und hellwach, vor allem gegen
Ende einer Tagestour, wenn dich die Ermüdung erfaßt.
Coast-to-Coast-Biker
äußerten nachhaltig beeindruckt, daß sie Land und Leute außerhalb
der großen Cities so intensiv in vielfältigen persönlichen Eindrücken
erlebt haben, was vielen Menschen ein ganzes Leben lang versagt
bleibt. Eine Autoreise kann das nicht bringen. Allein damit
beantwortet sich die Frage: Warum tun die das? Wenn wir am frühen
Tag aufs Rad steigen, das uns inzwischen so vertraut ist, auf
dem wir uns eingerichtet haben, dann empfinde ich ein großartiges
Gefühl von grenzenloser Freiheit, die Begierde, Neues, bisher
Unbekanntes zu sehen, zu erleben, im Vertrauen auf die eigene
körperliche und geistige Kraft. Independence and Freedom, Unabhängigkeit
und Freiheit. Freilich gibt es auch Belastungsproben für Ausdauer
und Zähigkeit. Wenn wie in den Appalachen in den Berganstiegen
die schwüle Hitze steht, dir der rinnende Schweiß in den Augen
brennt und die Brille beschlägt, die beanspruchten Muskeln brennen
und der Berg nicht enden will, oder wenn dich in den Plains
stundenlang heftige Seitenböen anspringen, die Lenkung zu verreißen
droht und dich der Sog der vorbeirauschenden Trucks schier vom
Radl zieht. Aber wenn es dann geschafft ist und sich die Anspannung
löst, macht sich ein Gefühl von Glück und Zufriedenheit breit.
Die
Ausläufer der Ozarks hatten es noch in sich. Jeder Bach auf
der Karte bedeutete eine schnelle Abfahrt und jenseits der Brücke
ein steiles Bergan über den Höhenrücken. In Marsfield hatten
wir Bed & Breakfast in einem historischen Herrschaftshaus. Da
waren wir einem Vorschlag von Bill, Jim und Jane gefolgt. Einige
Tage vorher hatten wir sie kennengelernt, sie kommen aus Alabama
und wollen nach Montana. Nach einem kurzen Sichtkontakt auf
der Straße trafen wir sie am Abend. Sie hatten durch Zufall
die gleiche Lodge am Fluß gewählt und wohnten gleich nebenan.
Seither treffen wir uns immer wieder, nun schon seit vierzehn
Tagen. Dazwischen hatten sie einen Ruhetag, und wir an einem
anderen Ort. Alle drei sind Mitte Vierzig bis Mitte Fünfzig,
vom Alter her auch nicht die typischen Fernradler. Bill ist
Mitinhaber einer kleinen Bank mit 28 Angestellten. Er hat 38
Jahre in seiner Bank geschuftet, nach seinen Schilderungen offenbar
nicht streßfrei. Da hat er den Krempel hingeschmissen und sich
mit dem Rad auf die Socken gemacht zu seinem Sohn, der in Montana
lebt und im Adventure Cycling Club die Radlrouten austüftelt.
Am
letzten Tag in Missouri hatten wir noch ein schönes persönliches
Erlebnis. In dem kleinen Städtchen Ash Grove waren wir auf Quartiersuche,
ein Motel gab es nicht, wohl möglicherweise ein Bed & Breakfast
vierzehn Kilometer weiter. Ein hilfreicher Apotheker versuchte
es vergeblich herauszufinden. In der Town Hall stellte sich
der Bürgermeister zur Verfügung und fuhr mit dem Auto voraus
zum City-Park, wo wir campen könnten. Da wurden wir plötzlich
aus einem Auto heraus angesprochen, ob wir die beiden "Germans"
seien. Der Apotheker hatte nicht locker gelassen und den B&B-Vermieter
ausfindig gemacht. Wir sagten zu und gingen erstmal zum Essen.
Als wir dann in dem kleinen Nachbarort ankamen, war schon alles
vorbereitet. Der Mann hatte saubergemacht, und die noch berufstätige
Frau kam mit frischem Bettzeug und Lebensmitteln an. Wir hatten
ein ganzes Haus für uns, denn die Vermieter wohnen im Nachbarort.
Ein historischer Backsteinbau von 1886, als Hotel errichtet,
als der Ort boomte, die Eisenbahn war angekommen und ein Bergbau
begann. Heute leben noch zweihundert Menschen da, ein reizender
Ort, wo die alten Fassaden der Main Street an hektischere Zeiten
erinnern. Aber es gibt ein Post-Office, eine Police-Station
und ein Restaurant, wo Mama kocht und die Töchter servieren.
Die Herberge ist stilgerecht renoviert und behaglich, mit viel
Liebe zum Detail eingerichtet. Die beiden freuten sich riesig,
daß wir gekommen waren. Wir sollten es uns gemütlich machen,
essen und trinken, was wir wollen, und das Geld dreißig
Dollar einfach auf den Tisch legen, wenn wir wegfahren.
Mit ein wenig Wehmut sind wir weggefahren.
Die
Steigungen flachten ab, wir fuhren nach Kansas hinein, vor uns
auf tausend Kilometern die lower and higher plains. Völlig neue
Eindrücke, kaum Bäume, der Blick kann weit über Felder und Wiesen
schweifen, und wir hatten es nun mit einem bisher noch nicht
so stark in Erscheinung getretenen Element zu tun: dem Wind!
Kansas is boring", langweilig, sagen viele. Wir sagen
dagegen, und da stimmen wir mit anderen Radlern überein, es
war überhaupt nicht langweilig, ja phasenweise sogar aufregend
interessant. Die nächsten beiden Tage waren noch sehr heiß,
der Wind verschaffte uns eine Linderung. Kansas, ein einziges
großes Weizenfeld, platt wie ein Pfannkuchen, und der Highway
schnurgerade hindurch? Nein, es ist anders, jedenfalls für uns
Radler. Wir fuhren durch Weideland, vorbei an frischgepflügten
Ackerflächen, wo die Farmer mit riesigen Geräten bei der Feldarbeit
waren. Kansas ist nicht nur eine große Weizenkammer, es ist
auch das Land mit den größten Sonnenblumenfeldern.
Den
gefürchteten Gegenwind hatten wir nur kurzzeitig. Da muß man
halt kräftiger reintreten und sauber Windschatten fahren. Der
Wind trieb uns auch an über lange Strecken, meist seitwärts.
Das ist dann ein echter Radlergenuß, mit dem größten Gang Tempo
machen. Wir erreichten an einem Tag einen Schnitt von 27 Stundenkilometern,
heading west" in Kansas. Dann wagten wir uns an zwei lange
Etappen, nach 145 Kilometern sollten es am nächsten Tag 175
Kilometer werden. Über weite Strecken eine sehr einsame Fahrt.
Auf ungekennzeichneten Nebenstraßen das leichte Bangen, ob wir
auch richtig sind. Kein Dorf, kein Haus auf hundert Kilometern.
Weideland, ab und zu weit zurückgesetzt waren Farmhäuser zu
sehen. . . . |