Die Amis sind recht unkompliziert, tolerant und meist sehr
freundlich. Wenn sie hören, daß wir aus Germany kommen, werden
sie gesprächig. Der eine singt im deutschen Gesangsverein, andere
schwärmten von ihren GI-Nachkriegsjahren und wo sie stationiert
waren, der deutsche Urgroßvater wird genannt, wir hören Urlaubserlebnisse.
Vor einigen Tagen kam auf dem Campground ein ranghoher Ranger
an, der hatte über Funk erfahren, daß zwei deutsche Biker angekommen
sind. Wir plauderten lange miteinander, gemeinsam schwärmten
wir schließlich vom bayerischen Bier. Das gibt es hier nicht,
noch viel schlimmer, in vielen Gegenden gibt es keinerlei Alkohol
zu kaufen, auch nicht das alkoholarme Lightbeer. In vielen Counties
vergleichbar mit unseren Landkreisen durch die
wir geradelt sind, haben sich die Wähler für ein dry county
entschieden.
Mehr
leiden wir jedoch unter der miserablen Eßkultur der Amis. Wo
du hinkommst fast food", süß, fett, jede Menge Ketchup!
Warum die dicken Burgers so beliebt sind, ist mir schleierhaft.
Da kriegst du ja die Maulsperre, und dann verrutscht das Zeug
beim Reinbeißen. Zum Trinken süßes Gesöff mit viel Eis, das
wird kostenlos nachgegossen. Die Folgen des fast food sind unübersehbar.
So viele unförmig fette Menschen haben wir in keinem Land der
Erde gesehen. Auffallend viele Leute sind so wabbelig aufgeblasen,
daß sie kaum gehen können. Das trifft mehr auf die ärmeren Schichten
zu. Aber bewegungsfaul sind sie generell, die Amis. Die paar
Radler und Läufer, die wir zu sehen kriegen, sind seltene Exemplare.
Wenn
sie außer Haus sind, sitzen sie im Auto, sie akzeptieren nur
wenige Meter Fußweg zum Einkaufen. Zum Fast-Food-Essen sind
die Drive-Ins sehr beliebt. Da kriegt man die Tüten und Pappbecher
ins Auto gereicht. Lieber warten sie in der Autoschlange, als
daß sie zum Essen aussteigen. Fußgänger sind im Wegenetz nicht
vorgesehen. Inzwischen mißtrauen wir auch den Entfernungsangaben.
Just around the corner" können da drei bis fünf Kilometer
werden.
Die
von uns befahrene, von Radlern ausgetüftelte Route macht viele
Umwege in landschaftlich reizvolle Gegenden auf Nebenstraßen,
da wird aber auch kein Berg ausgelassen. Mal geht es direkt
nach Norden und wenig später nach Süden mit vielen Abzweigungen.
Wir
fahren durch den blue grass state" Kentucky. Im zeitigen
Frühling soll das Gras einen deutlichen Blauschimmer haben.
Wir sahen das spezielle robuste Gras dunkelgrün. Die Hitze hielt
an, deswegen fuhren wir meist sehr früh los. Vor einigen Tagen
haben wir uns um elf uhr vormittags wegen der brutalen Hitze
spontan entschieden, in dem kleinen Städtchen Lebanon abzusteigen.
Das hat sich offenbar schnell herumgesprochen, im Supermarkt,
im Restaurant und in der Library, wo wir zum E-Mailen waren,
wurden wir angesprochen. Zwei junge Mädchen waren ganz entzückt,
daß wir in ihrem Städtchen Quartier machen.
Solche
Möglichkeiten der Unterbrechung gibt es aber selten. Meist müssen
wir siebzig bis 120 Kilometer fahren, um übernachten zu können.
Wir
fahren in Kentucky, Illinois und Missouri nicht durch völlig
unbewohntes Land. Da tauchen immer wieder Häuser auf, kleine
schlichte, aber auch großzügige Landsitze. In diesen parkähnlichen
Anlagen fanden wir schattige Plätze zum Verschnaufen und Trinken.
Wir
fuhren auch durch längere Waldstücke mit Eindrücken wie im asiatischen
Dschungel. Ein vielstimmiges Vogelgezwitscher mit fremdartigen
Lauten, schwüle Hitze, wir sahen viele Schildkröten, einige
riesige Schlangen ringelten sich über den Asphalt, rostrote
Vögel, große Schmetterlinge. Nach 1.600 Kilometern hatten wir
die erste Begegnung mit einem Fernradler, ein junger Mann aus
New Mexico auf dem Weg zur Ostküste. Da wurde natürlich ein
Plausch gehalten und Tips ausgetauscht, auf offener Straße völlig
ungestört, es kam kein Auto vorbei. Am nächsten Tag dann eine
junge Frau aus Colorado. Sie hatte ihr Gepäck in einen Trailer
geladen, ganz lustig, dieser Anhänger. Unsere längste Etappe
haben wir am 18. Mai zurückgelegt, 138 Kilometer in sechseinhalb
Stunden. Im Zielort Sebree gab es das empfohlene Motel nicht
mehr, offenbar aufgegeben mangels Auslastung bei den wenigen
Reisenden in dieser Gegend. Nur eine Zelterlaubnis auf einem
öffentlichen Spielplatz. Das war meiner Frau doch ein wenig
unheimlich, und so haben wir Zuflucht hinter der baptistischen
Kirche gefunden, ein schattiges Plätzchen für unser Zelt. Der
Pfarrer sperrte uns die Tür zu den Toilettenräumen der Kirche
auf. In der Nacht ein Hauch Wildwest. In nächster Nähe verläuft
da eine Bahnstrecke mit unbeschrankten Übergängen. Alle zwei
Stunden kamen lange Güterzüge angerattet mit Quietschen und
Krachen, von weitem schon angekündigt durch lautes anhaltendes
Tuten, mit schrillen Tönen wie im Westernfilm.
Zwei
Tage später haben wir den Ohio-River erreicht und sind mit der
Fähre nach Illinois übergesetzt. In drei Tagen durchfuhren wir
den südlichen Zipfel dieses Bundesstaates und sind am Mississippi
angekommen, the old man river". Schwüles Wetter mit viel
Regen ist typisch für diesen Landstrich. Seit Tagen waren schwere
Gewitter angekündigt, sie kamen prompt jeweils am Nachmittag.
Wir haben stets vorher Unterschlupf gefunden. Am nächsten Morgen
sind wir zum Fluß hinuntergefahren. Breit und träge fließt er
daher, der legendäre Mississippi. Ein riesiger Schubkahn kam
da hoch, unglaublich breit und lang. Auf der anderen Seite der
Brücke begrüßte uns der Bundesstaat Missouri. Vor einer kleinen
Baptistenkirche ein Plausch mit Kirchgängern, sehr symphatische
Leute vom Land. Wir wollten gerne bleiben, aber die Sorge vor
dem Gewitter trieb uns an. Das kam in der Nacht mit Ausläufern
eines Tornados, krachenden Bäumen und Stromausfall. Wir lagen
zu der Zeit wohlbehalten im Motelbett.
Wir
haben inzwischen die Ozark Mountains weitgehend durchmessen.
Laubwald, Wiesen, sattgrün, keine hohen Berge, dafür viele Hügel,
und wir mußten da drüber. Nach einer Zeltnacht im Naturschutzgebiet
eines State-Parks hatten wir es vorgestern besonders bergig,
1.400 Höhenmeter auf neunzig Kilometer. Hinauf und herunter,
wie eine Himmelsleiter tat sich da manchmal der nächste Anstieg
auf. Aber es war auch ein echter Radlergenuß dabei: Die Abfahrten
mit hohem Tempo siebzig Stundenkilometer hatte ich drauf
den nächsten Hügel hinaufgetragen und wieder hinab, roller
coaster self propellered. Morgen wollen wir Kansas erreichen.
Dann beginnen die Flattlands, und wir werden in den einsamen
lower and higher plains" auf tausend Kilometern ganz andere
Erlebnisse haben.
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