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Mit dem Fahrrad 9.000 Kilometer durch die Vereinigten Staaten
Bericht 3 – Zum Mississippi und in die Ozark-Mountains

Die Amis sind recht unkompliziert, tolerant und meist sehr freundlich. Wenn sie hören, daß wir aus Germany kommen, werden sie gesprächig. Der eine singt im deutschen Gesangsverein, andere schwärmten von ihren GI-Nachkriegsjahren und wo sie stationiert waren, der deutsche Urgroßvater wird genannt, wir hören Urlaubserlebnisse. Vor einigen Tagen kam auf dem Campground ein ranghoher Ranger an, der hatte über Funk erfahren, daß zwei deutsche Biker angekommen sind. Wir plauderten lange miteinander, gemeinsam schwärmten wir schließlich vom bayerischen Bier. Das gibt es hier nicht, noch viel schlimmer, in vielen Gegenden gibt es keinerlei Alkohol zu kaufen, auch nicht das alkoholarme Lightbeer. In vielen Counties – vergleichbar mit unseren Landkreisen – durch die wir geradelt sind, haben sich die Wähler für ein „dry county“ entschieden.
     Mehr leiden wir jedoch unter der miserablen Eßkultur der Amis. Wo du hinkommst „fast food", süß, fett, jede Menge Ketchup! Warum die dicken Burgers so beliebt sind, ist mir schleierhaft. Da kriegst du ja die Maulsperre, und dann verrutscht das Zeug beim Reinbeißen. Zum Trinken süßes Gesöff mit viel Eis, das wird kostenlos nachgegossen. Die Folgen des fast food sind unübersehbar. So viele unförmig fette Menschen haben wir in keinem Land der Erde gesehen. Auffallend viele Leute sind so wabbelig aufgeblasen, daß sie kaum gehen können. Das trifft mehr auf die ärmeren Schichten zu. Aber bewegungsfaul sind sie generell, die Amis. Die paar Radler und Läufer, die wir zu sehen kriegen, sind seltene Exemplare.
     Wenn sie außer Haus sind, sitzen sie im Auto, sie akzeptieren nur wenige Meter Fußweg zum Einkaufen. Zum Fast-Food-Essen sind die Drive-Ins sehr beliebt. Da kriegt man die Tüten und Pappbecher ins Auto gereicht. Lieber warten sie in der Autoschlange, als daß sie zum Essen aussteigen. Fußgänger sind im Wegenetz nicht vorgesehen. Inzwischen mißtrauen wir auch den Entfernungsangaben. „Just around the corner" können da drei bis fünf Kilometer werden.
     Die von uns befahrene, von Radlern ausgetüftelte Route macht viele Umwege in landschaftlich reizvolle Gegenden auf Nebenstraßen, da wird aber auch kein Berg ausgelassen. Mal geht es direkt nach Norden und wenig später nach Süden mit vielen Abzweigungen.
     Wir fahren durch den „blue grass state" Kentucky. Im zeitigen Frühling soll das Gras einen deutlichen Blauschimmer haben. Wir sahen das spezielle robuste Gras dunkelgrün. Die Hitze hielt an, deswegen fuhren wir meist sehr früh los. Vor einigen Tagen haben wir uns um elf uhr vormittags wegen der brutalen Hitze spontan entschieden, in dem kleinen Städtchen Lebanon abzusteigen. Das hat sich offenbar schnell herumgesprochen, im Supermarkt, im Restaurant und in der Library, wo wir zum E-Mailen waren, wurden wir angesprochen. Zwei junge Mädchen waren ganz entzückt, daß wir in ihrem Städtchen Quartier machen.
     Solche Möglichkeiten der Unterbrechung gibt es aber selten. Meist müssen wir siebzig bis 120 Kilometer fahren, um übernachten zu können.
     Wir fahren in Kentucky, Illinois und Missouri nicht durch völlig unbewohntes Land. Da tauchen immer wieder Häuser auf, kleine schlichte, aber auch großzügige Landsitze. In diesen parkähnlichen Anlagen fanden wir schattige Plätze zum Verschnaufen und Trinken.
     Wir fuhren auch durch längere Waldstücke mit Eindrücken wie im asiatischen Dschungel. Ein vielstimmiges Vogelgezwitscher mit fremdartigen Lauten, schwüle Hitze, wir sahen viele Schildkröten, einige riesige Schlangen ringelten sich über den Asphalt, rostrote Vögel, große Schmetterlinge. Nach 1.600 Kilometern hatten wir die erste Begegnung mit einem Fernradler, ein junger Mann aus New Mexico auf dem Weg zur Ostküste. Da wurde natürlich ein Plausch gehalten und Tips ausgetauscht, auf offener Straße völlig ungestört, es kam kein Auto vorbei. Am nächsten Tag dann eine junge Frau aus Colorado. Sie hatte ihr Gepäck in einen Trailer geladen, ganz lustig, dieser Anhänger. Unsere längste Etappe haben wir am 18. Mai zurückgelegt, 138 Kilometer in sechseinhalb Stunden. Im Zielort Sebree gab es das empfohlene Motel nicht mehr, offenbar aufgegeben mangels Auslastung bei den wenigen Reisenden in dieser Gegend. Nur eine Zelterlaubnis auf einem öffentlichen Spielplatz. Das war meiner Frau doch ein wenig unheimlich, und so haben wir Zuflucht hinter der baptistischen Kirche gefunden, ein schattiges Plätzchen für unser Zelt. Der Pfarrer sperrte uns die Tür zu den Toilettenräumen der Kirche auf. In der Nacht ein Hauch Wildwest. In nächster Nähe verläuft da eine Bahnstrecke mit unbeschrankten Übergängen. Alle zwei Stunden kamen lange Güterzüge angerattet mit Quietschen und Krachen, von weitem schon angekündigt durch lautes anhaltendes Tuten, mit schrillen Tönen wie im Westernfilm.
     Zwei Tage später haben wir den Ohio-River erreicht und sind mit der Fähre nach Illinois übergesetzt. In drei Tagen durchfuhren wir den südlichen Zipfel dieses Bundesstaates und sind am Mississippi angekommen, „the old man river". Schwüles Wetter mit viel Regen ist typisch für diesen Landstrich. Seit Tagen waren schwere Gewitter angekündigt, sie kamen prompt jeweils am Nachmittag. Wir haben stets vorher Unterschlupf gefunden. Am nächsten Morgen sind wir zum Fluß hinuntergefahren. Breit und träge fließt er daher, der legendäre Mississippi. Ein riesiger Schubkahn kam da hoch, unglaublich breit und lang. Auf der anderen Seite der Brücke begrüßte uns der Bundesstaat Missouri. Vor einer kleinen Baptistenkirche ein Plausch mit Kirchgängern, sehr symphatische Leute vom Land. Wir wollten gerne bleiben, aber die Sorge vor dem Gewitter trieb uns an. Das kam in der Nacht mit Ausläufern eines Tornados, krachenden Bäumen und Stromausfall. Wir lagen zu der Zeit wohlbehalten im Motelbett.
     Wir haben inzwischen die Ozark Mountains weitgehend durchmessen. Laubwald, Wiesen, sattgrün, keine hohen Berge, dafür viele Hügel, und wir mußten da drüber. Nach einer Zeltnacht im Naturschutzgebiet eines State-Parks hatten wir es vorgestern besonders bergig, 1.400 Höhenmeter auf neunzig Kilometer. Hinauf und herunter, wie eine Himmelsleiter tat sich da manchmal der nächste Anstieg auf. Aber es war auch ein echter Radlergenuß dabei: Die Abfahrten mit hohem Tempo – siebzig Stundenkilometer hatte ich drauf – den nächsten Hügel hinaufgetragen und wieder hinab, „roller coaster self propellered“. Morgen wollen wir Kansas erreichen. Dann beginnen die Flattlands, und wir werden in den einsamen „lower and higher plains" auf tausend Kilometern ganz andere Erlebnisse haben.

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