Nach zwölf Radtagen haben wir den ersten Ruhetag eingelegt,
im Break Interstate Park an der Grenze zu Kentucky. Erholsame
Stunden inmitten einer großflächigen bergigen Waldlandschaft
mit Blick auf das gischtende Wasser einer tiefen Schlucht. Ziemlich
abgekämpft sind wir am Vorabend angekommen nach einem letzten
langen, steilen Anstieg. Die vorausgegangenen fünf Tagesetappen
waren erlebnisreich, aufregend. Die sportliche Herausforderung
waren 4.800 Höhenmeter dennoch ein Genuß. Aus den Beschreibungen
wußten wir, was uns in den Appalachen erwartet. Da hat mancher
entnervt von den steilen Bergen schon im Anfangsteil des großen
Trails aufgegeben. Es waren viele kurze, aber giftige Steigungen
dabei, aber auch langgezogene über fünf bis acht Kilometer,
die wir gleichmäßig mit dem kleinsten Gang durchfahren konnten.
Das Wetter war recht unzuverlässig, immer wieder der Blick nach
oben, ob der Regen kommt, Regenkleidung an- und wieder ausziehen.
An diesem Tag schafften wir locker hundert Kilometer und tausend
Höhenmeter. Am Abend zuvor waren wir in einem Motel in der Nähe
einer Interstate-Highway-Kreuzung abgestiegen. Die Gäste dort:
Rentnerpärchen auf der Durchreise von und nach Florida auf den
flutenden Interstates (Autobahnen). Auf unseren Nebenstraßen
dagegen idyllische Ruhe. Im nächsten Nachtquartier ein Kontrastprogramm:
junge Leute im lustigen coolen Hikerdreß mit Gamaschen an den
Unterschenkeln. Damascus, der südlichste Punkt unseres Trips
hart an der Grenze zu Tennessee und North-Carolina, ist ein
reizendes Dörfchen in den Bergen am Appalachen-Trail, einem
Weitwanderweg, der über 3.800 Kilometer von Nord-Georgia bis
Maine führt.
Am
nächsten Tag hatten wir auf dem Weg nach Westen einen der mächtigen
Höhenrücken, die in Süd-Nord-Richtung verlaufen, zu überqueren.
Ein schöner Kletterberg, wenn man mit leichtem Rennrad unterwegs
ist. Wir mit unserem schweren Gepäck mußten uns mächtig plagen.
Die Abfahrten auf den kurvenreichen Straßen beanspruchen volle
Aufmerksamkeit, auf Straßenlöcher achten. Auf den Brücken gibt
es tückische Schlitze zwischen den Betonplatten. Die Autofahrer
sind sehr rücksichtsvoll, manchmal fahren sie lange hinter uns
her, bevor wir sie vorbeiwinken. Gegen Ende dieser Etappe baute
sich hinter uns eine tiefblaue drohende Gewitterwand auf. Mit
Rückenwind sind wie wie der Teufel geritten. Werden wir uns
noch retten können?
Ja,
wir schafften es noch bis zum Hostel der methodistischen Kirche.
Kaum abgestiegen, kam uns schon der Pfarrer, der Reverend, entgegen.
Als die ersten schweren Tropfen klatschten, haben wir unsere
Räder in die Kirche bugsiert. Da war eine kleine Küche mit einem
Durchgang zum Altarraum. Gleich neben der Kanzel haben wir unsere
Schlafsäcke ausgebreitet. Das hatte uns der Pfarrer empfohlen,
auf dem weichen Velours-Teppich könnte man besser schlafen.
Die Tür zu dieser Gottesherberge ist stets unverschlossen. In
der Nacht tobten die Gewitter, aber wir fühlten uns ja gut beschützt.
Der Pfarrer, ein sehr sympathischer drahtiger Mann, machte nicht
viel Aufhebens. Eine Spende hat er entschieden zurückgewiesen.
It is all free, you need your money on your long trip.
Die Kirchen sind auf dem Land sehr aktiv und leisten wertvolle
und wichtige Sozialarbeit im Gesellschaftssystem der USA. Das
staatliche soziale Netz ist nicht so eng geknüpft wie bei uns.
Es gibt sehr viele Kirchen, unterhalten von den verschiedensten
Religionsge-meinschaften.
Nach
unserem Ruhetag sind wir mit Schwung nach Kentucky hineingefahren.
Das war aber auch der härteste Tag, denn wir mußten hundert
Kilometer schaffen bis zum nächsten Nachtquartier. Es hat den
ganzen Tag geregnet, und wir hatten häufig steile Bergrücken
auf kleinen Nebenstraßen zu queren. Die Täler verengen sich
in Ostkentucky, einem Kohlerevier in den Appalachen.
Durch
Stillegung und Rationalisierung wurden dort in den letzten Jahrzehnten
viele Kumpel arbeitslos. Die Gestrandeten sind da hängengeblieben
und hausen bescheiden in Wohncontainern entlang den Straßen.
Es gibt kein Ghetto, jeder hat sein Stück Grün um sich herum.
In
einem bescheidenen Familienhostel sind wir untergekommen bei
einer warmherzigen Frau im Stil der Cookie-Lady. Da haben wir
im Logbuch gelesen, daß vor sechs Tagen zwei Radler durchkamen.
Irgendwann werden wir schon mal einen zu Gesicht kriegen. Wir
genießen es, daß wir allein auf den Straßen sind, das gibt so
einen angenehmen Hauch von Abenteuer. Immer häufiger werden
wir aufmunternd gegrüßt und angehupt. Seit drei Tagen haben
wir Sonne, wir liegen im Jetstream, der Backofenhitze aus dem
Süden anbläst. 35 Grad hatten wir gestern und heute mittag,
da floß der Schweiß. Nun haben wir sie hinter uns, die Appalachen.
Unser Bordcomputer weist gefahrene 1.375 Kilometer und 14.300
Höhenmeter aus. Wir haben keinen Schaden genommen und schauen
mit Zuversicht gen Westen zum Ohio-River und dem Mississippi,
the old man river.
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