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Mit dem Fahrrad 9.000 Kilometer durch die Vereinigten Staaten
Bericht 1 – Frühling in Virginia

Nach 22 Stunden Reisezeit sind wir in Norfolk/Newport News an der Atlantikküste in Virginia angekommen. Schon Wochen vorher hatten wir Adressen herausgefunden und Verbindung zu einem Radclub und einem Bike-Shop aufgenommen. So wurden wir schon am nächsten Morgen im Bike-Shop von Howard und Roger erwartet. Nach einer ausführlichen Beratung hatten wir unsere Entscheidung zu treffen über Schaltung, Reifen, Gepäckträger, Rückspiegel und anderes. Dann das Zubehör: Ersatzreifen, sechs Schläuche, Werkzeug, ein stabiles Kabelschloß und schließlich alles, was wir über den großen Teich gebracht haben in unseren wasserdichten Spezialtaschen: Zelt, Schlafsack, Luftmatten, Radkleidung, Wärmekleidung, Videokamera, Filme, Trinkflaschen - alles mußte aufs Rad.
     Am nächsten Tag sind wir mit 15 Leuten vom Radclub fünfzig Kilometer durch die Battlefields von Yorktown gefahren. Für die Amerikaner ein geschichtsträchtiger Ort, denn dort haben sie das letzte und entscheidende Gefecht im Freiheitskrieg gegen die Engländer gewonnen. Die Bike-Shop-Manager radelten mit uns. Es war eine gemütliche Tour, und als schließlich einige das Tempo verschärften, konnten wir locker mithalten, obwohl wir zur Probe unsere vollen Packtaschen am Rad hatten. Das brachte uns einigen Respekt ein.
     Für den nächsten Tag war zwar Regen angekündigt, aber wir wollten nicht warten, und so haben wir unsere Räder in das Salzwasser des hier in den Atlantik mündenden York-River getunkt. Das war der Start. Unser Ziel ist der Pazifik in Oregon nach siebentausend Kilometern und etwa 50.000 Höhenmetern! Rod, der Chefmechaniker, hat uns auf den ersten zwanzig Kilometern ins historische Williamsburg begleitet. Als er sich verabschiedete, regnete es in Strömen. Da hatten wir also schon am ersten Tag den Test für unsere Regenkleidung, für die Packtaschen und für uns selbst unter diesen Bedingungen. Da war unsere volle Aufmerksamkeit gefordert, bepackte Räder durch den Regen zu steuern und mit der Schaltung und den Bremsen zurechtzukommen.
     Wir kamen voran. Nach dreieinhalb Stunden waren die Regenwolken weitergezogen, und wir steuerten auf unser erstes Etappenziel Richmond zu. Gleich am ersten Tag eine größere Stadt, die wir nach der Radkarte eigentlich umfahren sollten. Als wir nach einiger Suche in einem passenden Hotel gelandet waren, waren wir recht zufrieden, aber auch erschöpft.
     Von den Rädern muß man sich in den USA nach der Ankunft im Hotel nicht trennen, voll bepackt in den Aufzug und auf das Zimmer, in den Motels ist das noch einfacher. Das Herauskommen aus der Stadt zu den verkehrsarmen Nebenstraßen war am nächsten Tag etwas schwieriger. Wir haben uns durchgefragt und erstmals erlebt, wie die befragten Leute wohlwollend bemüht waren, uns zu helfen.
     Wir fühlten uns wohl und genossen den Frühling in Virginia. Das Wetter war in den letzten Tagen wechselhaft, aber die Regenschauer sind hier meist von kurzer Dauer. Erwartungsvoll fuhren wir auf die Appalachen zu, deren erste Höhenrücken am dritten Tag vor uns auftauchten. Am vierten Tag haben wir uns als Etappenziel die "Cookie-Lady" in Afton ausgesucht. Wir hatten uns telefonisch angekündigt. Sie war sehr erfreut, daß auch mal zwei Deutsche vorbeikommen und sie ermahnte uns, nicht so spät zu kommen, denn es wird Regen geben, und wir müßten hohe Berge erklimmen. Das stimmte, aber es war dennoch zunächst eine Genußtour vorbei an schmucken Häusern und Eichenwäldern. Aber dann ein unendlich langer, nicht endender Aufstieg. Wie es uns die Cookie-Lady beschrieben hatte, sahen wir dann plötzlich ein altes Fahrrad vor dem Haus, einen Wasserschlauch für die schmachtenden Radler und das Schild "Home of the Cookie-Lady".
     Wir waren kaum vom Rad, da war sie schon da und begrüßte uns. Vor 22 Jahren hatte sie begonnen, den vorbeikommenden Bikern Wasser anzubieten und sie mit Cookies zu versorgen. Inzwischen ist sie berühmt geworden. Ihr altes Nachbargebäude mit vier Zimmern war unsere Unterkunft. In der Küche hielt sie reichhaltig Lebensmittel bereit, denn es gibt keinen Store in dem kleinen Ort. Wir fühlten uns wie in einem Museum. Alle Wände und Decken sind dekoriert mit Requisiten, die von den Radlern zum Andenken zurückgelassen wurden: T-Shirts, Mützen, Socken, Reifen, Schuhe und vieles andere. Dazu dutzende Zeitungsberichte aus aller Welt über die Cross-America-Tour. Jedes freie Fleckchen ist tapeziert mit Ansichtskarten.
     Wir blieben eine Nacht. Es war kühl geworden, und wir krochen in unsere Schlafsäcke. Vorher hatten wir uns natürlich ausführlich im Museum umgesehen und einiges von dem gelesen, was da an den Wänden klebte. Für den nächsten Tag war schlechtes Wetter angekündigt. Die Cookie-Lady verabschiedete uns mit gutgemeinten Ratschlägen. Es sollte ein harter Tag werden. Über lange Steigungen mußten wir zum Blue Ridge Parkway auf den Höhenrücken klettern. Wir waren ziemlich allein auf dieser Touristenstraße mit vielen Lookout-Plätzen, die wir aber ignorieren mußten: Es war nicht viel zu sehen im Regen. Dann wehte auch noch dichter Nebel herein.
     Tapfer kämpften wir gegen Regen und die widrigen Verhältnisse an. Die langen Steigungen waren ungewohnt für uns. Schwieriger noch die Abfahrten bei schlechter Sicht. Jeder bangte um den anderen. Bei dreißig Kilometer Anzeichen einer Krise. Noch hatten wir 55 Kilometer vor uns. Es wurde kälter, aber wir mußten durch. Am Rande der Erschöpfung strampelten wir, um uns warmzuhalten. Nach einer Stunde wurde es heller, dann eine steile Abfahrt über sechs Kilometer. Wir wußten aus der Beschreibung: Dies war die steilste Abfahrt auf dem gesamten Trans-America-Trail. Das war schon anstrengend. Wie erleichtert waren wir, als wir unten waren. Und dann machte es wieder richtig Freude, die nächste Stunde bis zum Zielort.
     Wir müssen stets hellwach sein, vorausplanen und improvisieren. Die Entfernungen sind oft sehr groß. Jeder von uns hat schon einen Sturz mit leichten Blessuren überstanden. Reifenpannen gab es auch. Für uns Anfänger war es gar nicht leicht, den Reifen wieder draufzukriegen - und schließlich eine kritische Situation mit Sturzgefahr auf einer engen Brücke über einem glitschigen Gitterrost.

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