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Triathlon auf unsere Art, 2001
Marathon

Nur sechs Tage bis zum Marathon! Da setzen wir auf Regenerierung und nur lockeres Training. Dazwischen die Anfahrt mit Zwischenstopp in meiner fränkischen Heimat und einem Zwischenstopp in Thüringen, wo wir ein Treffen mit zwei Weltradlern haben, was übrigens für uns beide sehr ermutigend war.
     Die Wetterprognose für den Marathontag war dagegen eher entmutigend. Anhaltende Regenschauer, Sturmböen, kühl, hörten wir im Stundenabstand aus dem Autoradio. Da mich Wetterankündigungen noch nie von einem Wettbewerb abgehalten haben, stellte sich nur die Kleidungsfrage. Meine Frau hatte sich nach sechsjähriger Marathonpause entschlossen, mit mir zusammen auf die 42 Kilometerreise zu gehen. Mehr als 2.500 Teilnehmer finden sich ein beim Sparkassen-Marathon. Aber nur 300 laufen die volle Marathonstrecke, alle anderen wollten sich das nicht antun und bevorzugen einen Halbmarathon oder die 10-Kilometer-Strecke. Vor 24 Jahren wäre diese Laufveranstaltung mit bescheidenem Zuspruch in den beiden Vorjahren beinahe eingeschlafen. Da konnte ich einen bayerischen Veranstalter in Oberfranken als Ausrichter gewinnen. Wir machten eine Zwei-Tages-Veranstaltung daraus, mit Nudelparty und Festabend, und ich führte die 10-Kilometer-Strecke ein. Es sollte ein Anreiz für Einsteiger sein. Viel mehr als erwartet sind die Teilnehmerzahlen inzwischen angestiegen, aber die meisten bevorzugen eben die kürzeren Strecken. Um 8 Uhr werden wir losgelassen. Wie immer empfinde ich den Start als befreiend. Meine Frau und ich haben uns für T-Shirt und kurze Hose entschieden. Es war nicht so kalt wie angekündigt. Unser beider Wunsch war es, gemeinsam ins Ziel zu laufen. Jutta hatte mir jedoch gestattet, wegzulaufen, wenn ich stärker sein sollte und ich dabei eine Chance auf Platz 1 wahrnehmen kann. Mir war nämlich in diesem Jahr wieder ein starker Konkurrent in meiner Klasse „nachgewachsen", Dieter Scholz, Jahrgang 31. Wir kennen uns seit vielen Jahren und mögen uns auch. Freude strahlend hatte er mich am Vorabend begrüßt. Da sagte ich spontan zu ihm: „Das Rennen ist gelaufen. Du bist gut drauf." Im Vorjahr war er immerhin zehn Minuten schneller als ich.
     Die Strecke führte uns schon nach fünf Kilometern vom Asphalt herunter, in eine Wind ausgesetzte Seenlandschaft, überwiegend auf gekiesten Fuß- und Radwegen, also eigentlich keine schnelle Strecke. Bis Kilometer 15 blieben wir beide zusammen. Dann stemmte sich uns starker Wind entgegen. Auf den Baggerseen rollten die Wellen heran wie an der Nordsee. Da habe ich mich an ein Pärchen angehängt, um vom Windschatten zu profitieren. Jutta kam nicht mehr heran und musste abreissen lassen. Aber wo ist Dieter Scholz? Vorne kann er nicht weggelaufen sein, denn er geht nicht schnell an. Plötzlich taucht er neben mir auf. „Geht's dir noch gut", begrüßte er mich. Eigentlich wollte er ja sagen „Mach' dir nichts draus, du weißt ja, ich bin schneller." Ich knurrte zurück: „Ja, geht schon." Trotzig hängte ich mich an. Bis Kilometer 25 konnte ich ihn halten, aber er war mir zu schnell. Mein Puls war auf 148 gestiegen, und ich wollte nicht den gefürchteten Einbruch riskieren, den Mann mit dem Hammer, der häufig ab Kilometer 32 zuschlägt. Schon wiederholt hatte ich für ein zu hohes Tempo im Schlussteil büßen müssen. Diesmal kam alles anders. Ich fühlte mich sauwohl und, kaum zu glauben, ich wurde eher schneller als langsamer, echt stark wurde ich.
     Welcher Marathoni träumt nicht davon, auf den letzten 10 Kilometern noch mal richtig loszulegen und dann reihenweise Konkurrenten zu überholen? Ich konnte mir heute diesen Traum erfüllen. Immer häufiger lief ich an Vorderläufer heran und überholte. Einige watschelten mit hängendem Kopf dahin. Da konnte ich gönnerhaft zurufen: „Komm Junge, geht schon noch!" Ich kann mir vorstellen, dass der so Angerufene dachte: „Der hat leicht reden, es geht halt nix mehr." Wenn es einem so gut geht, kommt man ins Träumen. Ja vielleicht kann ich mich noch einmal heranarbeiten an diesen harten Burschen, den Dieter. Inzwischen hatte ein heftiger Regenschauer eingesetzt, aber mich störte das nicht. Aufmerksam schaute ich nach vorn, ja, das könnte er doch sein. Die rudernde Armbewegung. Da sagte mir mein Verstand, das ist eine Fata Morgana. Der wird sicher schon sechs Minuten voraus sein. Aber nein, keine Fata Morgana, er ist es doch. Da wachsen dir ja dann Flügel. Bald war ich heran. Zart tippte ich ihn auf die Schulter und flüsterte ihm ins Ohr: „Ich bin auch wieder da." Als der solchermaßen Aufgeschreckte sichtlich zusammenzuckte, hat er mir richtig Leid getan. Und dann machte ich mich auch gleich wieder auf die Socken, mit schnellem Antritt. „Du bist aber gut drauf", rief er mir nach. Ich echote laut zurück: „Ja, schon." Ich dachte, jetzt musst du Stärke zeigen. Zumindest so lange ich in seiner Sichtweite bin. Aber es sind noch sechs Kilometer zu überwinden. Wenn ich annähernd an meine Marathonzeit vom Vorjahr kommen würde, wäre das schon gut, denn ich hatte weniger trainiert und war schließlich ein Jahr älter geworden. Und da bin ich plötzlich auf dem Weg zu um 3:55 Stunden. Es wurden genau 3:53,01 Stunden. Ich war 10 Minuten schneller als geplant, ich konnte es kaum glauben. Sicher meinen viele Leute, wenn einer mit 73 einen Marathon läuft, dann muss da doch die reinste Quälerei sein. Für mich war dieser 53. Marathon der Schönste vom Körpererlebnis her.
     So einen Marathon kann man nicht einfach abhaken nach der Siegerehrung. Das Erlebte mit seinen starken, körperintensiven Eindrücken wirkt nach. Der Kopf muss das verarbeiten, und ich entdecke mich in den nächsten Tagen immer wieder geistig auf der Marathonstrecke. Dabei waren es nur sechs Tage bis zum nächsten Highlight, eigentlichen dem Bedeutendsten dieser Dreier-Serie, der Duathlon-Weltmeisterschaft in Rimini.

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