Nur sechs Tage bis zum Marathon! Da setzen wir auf Regenerierung
und nur lockeres Training. Dazwischen die Anfahrt mit Zwischenstopp
in meiner fränkischen Heimat und einem Zwischenstopp in Thüringen,
wo wir ein Treffen mit zwei Weltradlern haben, was übrigens
für uns beide sehr ermutigend war.
Die Wetterprognose für den Marathontag war dagegen
eher entmutigend. Anhaltende Regenschauer, Sturmböen, kühl,
hörten wir im Stundenabstand aus dem Autoradio. Da mich Wetterankündigungen
noch nie von einem Wettbewerb abgehalten haben, stellte sich
nur die Kleidungsfrage. Meine Frau hatte sich nach sechsjähriger
Marathonpause entschlossen, mit mir zusammen auf die 42 Kilometerreise
zu gehen. Mehr als 2.500 Teilnehmer finden sich ein beim Sparkassen-Marathon.
Aber nur 300 laufen die volle Marathonstrecke, alle anderen
wollten sich das nicht antun und bevorzugen einen Halbmarathon
oder die 10-Kilometer-Strecke. Vor 24 Jahren wäre diese Laufveranstaltung
mit bescheidenem Zuspruch in den beiden Vorjahren beinahe eingeschlafen.
Da konnte ich einen bayerischen Veranstalter in Oberfranken
als Ausrichter gewinnen. Wir machten eine Zwei-Tages-Veranstaltung
daraus, mit Nudelparty und Festabend, und ich führte die 10-Kilometer-Strecke
ein. Es sollte ein Anreiz für Einsteiger sein. Viel mehr als
erwartet sind die Teilnehmerzahlen inzwischen angestiegen, aber
die meisten bevorzugen eben die kürzeren Strecken. Um 8 Uhr
werden wir losgelassen. Wie immer empfinde ich den Start als
befreiend. Meine Frau und ich haben uns für T-Shirt und kurze
Hose entschieden. Es war nicht so kalt wie angekündigt. Unser
beider Wunsch war es, gemeinsam ins Ziel zu laufen. Jutta hatte
mir jedoch gestattet, wegzulaufen, wenn ich stärker sein sollte
und ich dabei eine Chance auf Platz 1 wahrnehmen kann. Mir war
nämlich in diesem Jahr wieder ein starker Konkurrent in meiner
Klasse nachgewachsen", Dieter Scholz, Jahrgang 31. Wir
kennen uns seit vielen Jahren und mögen uns auch. Freude strahlend
hatte er mich am Vorabend begrüßt. Da sagte ich spontan zu ihm:
Das Rennen ist gelaufen. Du bist gut drauf." Im Vorjahr
war er immerhin zehn Minuten schneller als ich.
Die Strecke führte uns schon nach fünf Kilometern
vom Asphalt herunter, in eine Wind ausgesetzte Seenlandschaft,
überwiegend auf gekiesten Fuß- und Radwegen, also eigentlich
keine schnelle Strecke. Bis Kilometer 15 blieben wir beide zusammen.
Dann stemmte sich uns starker Wind entgegen. Auf den Baggerseen
rollten die Wellen heran wie an der Nordsee. Da habe ich mich
an ein Pärchen angehängt, um vom Windschatten zu profitieren.
Jutta kam nicht mehr heran und musste abreissen lassen. Aber
wo ist Dieter Scholz? Vorne kann er nicht weggelaufen sein,
denn er geht nicht schnell an. Plötzlich taucht er neben mir
auf. Geht's dir noch gut", begrüßte er mich. Eigentlich
wollte er ja sagen Mach' dir nichts draus, du weißt ja,
ich bin schneller." Ich knurrte zurück: Ja, geht schon."
Trotzig hängte ich mich an. Bis Kilometer 25 konnte ich ihn
halten, aber er war mir zu schnell. Mein Puls war auf 148 gestiegen,
und ich wollte nicht den gefürchteten Einbruch riskieren, den
Mann mit dem Hammer, der häufig ab Kilometer 32 zuschlägt. Schon
wiederholt hatte ich für ein zu hohes Tempo im Schlussteil büßen
müssen. Diesmal kam alles anders. Ich fühlte mich sauwohl und,
kaum zu glauben, ich wurde eher schneller als langsamer, echt
stark wurde ich.
Welcher Marathoni träumt nicht davon, auf den
letzten 10 Kilometern noch mal richtig loszulegen und dann reihenweise
Konkurrenten zu überholen? Ich konnte mir heute diesen Traum
erfüllen. Immer häufiger lief ich an Vorderläufer heran und
überholte. Einige watschelten mit hängendem Kopf dahin. Da konnte
ich gönnerhaft zurufen: Komm Junge, geht schon noch!"
Ich kann mir vorstellen, dass der so Angerufene dachte: Der
hat leicht reden, es geht halt nix mehr." Wenn es einem so gut
geht, kommt man ins Träumen. Ja vielleicht kann ich mich noch
einmal heranarbeiten an diesen harten Burschen, den Dieter.
Inzwischen hatte ein heftiger Regenschauer eingesetzt, aber
mich störte das nicht. Aufmerksam schaute ich nach vorn, ja,
das könnte er doch sein. Die rudernde Armbewegung. Da sagte
mir mein Verstand, das ist eine Fata Morgana. Der wird sicher
schon sechs Minuten voraus sein. Aber nein, keine Fata Morgana,
er ist es doch. Da wachsen dir ja dann Flügel. Bald war ich
heran. Zart tippte ich ihn auf die Schulter und flüsterte ihm
ins Ohr: Ich bin auch wieder da." Als der solchermaßen
Aufgeschreckte sichtlich zusammenzuckte, hat er mir richtig
Leid getan. Und dann machte ich mich auch gleich wieder auf
die Socken, mit schnellem Antritt. Du bist aber gut drauf",
rief er mir nach. Ich echote laut zurück: Ja, schon."
Ich dachte, jetzt musst du Stärke zeigen. Zumindest so lange
ich in seiner Sichtweite bin. Aber es sind noch sechs Kilometer
zu überwinden. Wenn ich annähernd an meine Marathonzeit vom
Vorjahr kommen würde, wäre das schon gut, denn ich hatte weniger
trainiert und war schließlich ein Jahr älter geworden. Und da
bin ich plötzlich auf dem Weg zu um 3:55 Stunden. Es wurden
genau 3:53,01 Stunden. Ich war 10 Minuten schneller als geplant,
ich konnte es kaum glauben. Sicher meinen viele Leute, wenn
einer mit 73 einen Marathon läuft, dann muss da doch die reinste
Quälerei sein. Für mich war dieser 53. Marathon der Schönste
vom Körpererlebnis her.
So einen Marathon kann man nicht einfach abhaken
nach der Siegerehrung. Das Erlebte mit seinen starken, körperintensiven
Eindrücken wirkt nach. Der Kopf muss das verarbeiten, und ich
entdecke mich in den nächsten Tagen immer wieder geistig auf
der Marathonstrecke. Dabei waren es nur sechs Tage bis zum nächsten
Highlight, eigentlichen dem Bedeutendsten dieser Dreier-Serie,
der Duathlon-Weltmeisterschaft in Rimini. |