Samarkand ist zunächst eine Stadt in Zentralasien wie
andere auch. Dort, wo wir in einer Privatpension untergekommen
sind, dominieren nicht die Plattenbauten aus der Russenzeit.
Es gibt Privathäuser mit gepflegten Innenhöfen und
einer Straße für die Händler, die schon am frühen
Morgen unterwegs sind. Es ist eine schöne Wohngegend mit
schattigen Bäumen, unter denen es nicht zu heiß wird.
Der Straßenbasar ist gleich um die Ecke. Da hocken die
Männer und Frauen in ihren Trachten vor den Warenangeboten,
Salate, Gemüse und Obst frisch vom Feld, aber auch Frischfleisch.
Ein junger Mann wedelte unentwegt die Mücken von seinem
Frischknochenhaufen, er lachte und freute sich, als ich ihn
fotografierte. Wir konnten uns ungehindert an den Menschen und
Warenkörben vorbeizwängen und fotografieren. Gut gelaunt
lachten sie uns alle an. Oft fragen wir uns, woher die vielen
Männer und Frauen, die da dicht gedrängt hocken und
stehen, ihren Optimismus nehmen. Viele haben das gleiche Angebot
auf einem kleinen Flecken oder Tischchen oder bieten ihre Ware
aus einem umfunktionierten Kinderwagen heraus an. Sie müssen
schon recht bescheidene Ansprüche haben, wenn sie am Abend
ihr eingenommenes Geld abzählen. Vielleicht irre ich mich
auch, denn Basarhändler ist offenbar ein Traumberuf in
Asien, was wir schon in der Türkei und im Iran beobachtet
haben.
Das Ziel für die Touristen
sind jedoch die historischen Bauwerke am Registan Square, die
Moscheen, Mausoleen und die drei Medrasahs mit ihren mächtigen
Portalen und schmalen steinernen Minaretten. Wir waren zwei
Mal da und hatten uns von dem Flair der Baukunst früherer
Jahrhunderte einfangen lassen. Besonders beeindruckend ist es
am späten Nachmittag, wenn das schräge Sonnenlicht
die Mosaikverkleidungen zum Glänzen bringt. Doch im Vergleich
zu Buchara kam schon eine leichte Enttäuschung auf. Dort
sind die imposanten Bauwerke eingebettet in die historische
Altstadt mit ihren schmalen Gassen. In Samarkand dagegen werden
die historischen Attraktionen eingegrenzt von profanen Bauten
der Neuzeit.
Da wir auf unserer Reise selten
auf berühmte touristische Stätten stoßen, fällt
uns das unterschiedliche Verhalten der Menschen besonders auf.
„Tourismus verdirbt den Charakter“, stellte Jutta
drastisch fest. Wir kamen am späten Nachmittag an und bezahlten
hohes Eintrittsgeld. Ein gut Deutsch sprechender junger Mann
hatte uns dazu ermuntert und bot seine Dienste an - kostenlos,
wie er betonte. Da waren wir schon misstrauisch. Das hier war
keine uneigennützige Gastfreundschaft wie in der Türkei
und im Iran. Die konnten wir auch nicht erwarten. Ziel ist es
vielmehr meistens, teure Andenken an den Mann zu bringen. Wir
wissen, dass es da fein entwickelte Methoden gibt, sich durch
Vorleistungen in das Vertrauen der Touristen einzuschleichen.
Im Innenhof einer Medrasah hat der sich uns angediente „Guide“
mit der für Führer üblichen monotonen Tonlage
die Geschichte der Perser rezitiert, die vor Jahrhunderten die
Koranschulen errichten ließen. Als er auf die Besonderheit
hinwies, dass in den Koranschulen nicht gebetet werden durfte,
kam schon ein Aufseher und wies uns hinaus, denn die Besuchszeit
war nach 20 Minuten abgelaufen. Wir schauten uns an, und Jutta
meinte: „Was ist denn nun los? Für was haben wir
denn so viel Geld bezahlt?“ Für unseren Begleiter
war es jedoch ein Signal, denn er führte uns in den nächstgelegenen
Andenkenshop. Da gibt es schöne, kostbare Souvenirs, nicht
mal kitschig, wie zum Beispiel Gold und Brokatstickereien. Doch
wir scheiden als Käufer aus, unsere Packtaschen sind schon
schwer genug. Wir verzichteten auf das von unserem Begleiter
angebotene Treffen am nächsten Tag. Er hatte zusätzlich
mit einer Einladung zum Essen gelockt.
Wie in Buchara auch, gab es in
Samarkand nicht viele Touristen. Die völlig unbegründeten
Ängste nach dem 11. September wirken noch immer nach. Es
ist eigentlich unbegreiflich, wie oberflächlich Reisepläne
geändert werden. Da werden alle Länder, die wie Afghanistan
mit –stan enden, kurzerhand als gefährlich eingestuft.
. .
. . . Seit Turkmenistan bewegen wir uns im russischen Sprachraum,
doch unsere Russisch-Kenntnisse sind äußerst bescheiden.
Die Kommunikation wird dadurch erheblich eingeschränkt.
Gesprächspartner mit Englisch-Kenntnissen finden sich in
Zentralasien seltener als in den zuvor bereisten Ländern.
Es ist eine Herausforderung, sich dennoch zurechtzufinden, aber
wir fanden uns nie hilflos ausgeliefert.
Oft sind die Sprachbarrieren
ein Grund dafür, eine Pauschalreise zu buchen. Man muss
sich um nichts kümmern. Da die Reiseleiter ihren Schützlingen
oft das Gefühl vermitteln, ohne sie wären sie völlig
hilflos, heißt es den eigenen Willen ablegen und schön
brav hinter dem Reiseleiter her, vom Flugzeug in den klimatisierten
Bus und dann in die klimatisierte Hotelhalle, wo man sich auch
nicht um die Koffer kümmern muss, ein gemeinsames Mittagessen,
und dann kann das routinemäßige Durchschleusen durch
die hochgepriesenen touristischen Attraktionen beginnen. Menschen
aus den bereisten Ländern sehen sie auch manchmal, wenn
Folkloretanz angeboten wird, der im Reisepreis enthalten oder
gegen Aufpreis zu bewundern ist. Das ist für uns eine Horrorvorstellung,
so verwöhnt sind wir vom individuellen Reisen.
Wir hätten uns in Samarkand
noch intensiver umgeschaut, aber wir waren wirklich nicht gut
drauf. Beide waren wir vom Durchfall geschwächt, Jutta
mehr als ich. So war auch die Weiterfahrt nach Taschkent eher
quälend als reizvoll. Wieder hofften wir, uns in Taschkent
in einem kleinen, sauberen Hotel erholen zu können. Es
war uns von einer Bekannten vermittelt worden, die wir in Buchara
kennen gelernt hatten und die im Goethe-Institut arbeitet. Das
Wichtigste in dem kleinen Zimmer war die Klimaanlage. Taschkent
im nördlichsten Winkel von Usbekistan ist die Hauptstadt
des Landes. Wenn auch nicht topfit, waren wir doch jeden Tag
einige Stunden unterwegs. >
|