|
Bericht 40:
Mein Abenteuer Ironman Hawaii
|
Ironman – das sind 3,9 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer
auf dem Rad und dann noch einen Marathon laufen, das sind 42 Kilometer,
und das alles in einem Wettbewerb. Warum tun die das? Es sind ja
fast nur junge Leute, die sich das empfohlene Trainingspensum mit
20 bis 25 Trainingsstunden wöchentlich abverlangen und
das sieben Monate lang. Die allermeisten
von ihnen haben im harten Wettbewerb mit ihren Mitkonkurrenten
keine Chance aufs Siegertreppchen, doch sie nehmen dennoch die
Entbehrungen des Trainings auf sich. Dabei zu sein unter den auserlesenen
Weltbesten ist für die meisten schon ein sportlicher Höhepunkt.
Der besondere Reiz für mich war natürlich, als einer
der wenigen ganz Alten in der geforderten Sollzeit durchzukommen.
Zwei Wochen vorher haben wir uns auf Big Island eingemietet, zum
letzten Training und der Umstellung auf das Südseeklima mit
der extremen Hitze. Immer, wenn wir in Strandnähe kamen, ging
mein Puls hoch, wenn ich die anrollenden Brandungswellen vor Augen
hatte. Ich schwamm hinaus, jeden Tag. Meine größte Sorge
war es ja, ob ich die Sollzeit im Schwimmen schaffen kann. Das
Laufen in der Mittagshitze fand ich durchaus erträglich und
auf dem Fahrrad fühlte ich mich ausgesprochen wohl.
Es ist ja nicht irgendein Wettkampf, der sich für mich jederzeit
wiederholen lässt. Viel musste zurückstehen in den vorausgegangenen
Monaten. Meine Frau hat mir den Rücken freigehalten, mich
motiviert und unterstützt. Und da war auch noch das Medieninteresse.
Ich wusste, dass viele Freunde und Bekannte mein Rennen im Internet
verfolgen werden. Da baut sich Spannung auf in den Tagen vorher.
Das Rad durchchecken, die Handgriffe für den Schlauchwechsel üben,
welche Werkzeuge nimmst du mit? Es soll ja auch nicht schwer sein.
Trinkflaschen, Müsliriegel, die Kleidung. Ich hatte mich entschieden,
in der Badehose aufs Rad zu steigen und mir dafür einen etwas
weicheren Sattel zu montieren. Ich durfte auch keinen Regelverstoß riskieren.
Die Regularien der Amerikaner sind 14 Seiten lang. Alles ist in
Vorschriften und Gebote verpackt. Ich musste vor allem die strenge
Windschatten-Regel beachten. Meine Frau durfte nicht neben mir
herlaufen und mir auch keine Trinkflasche reichen. Nach dem Einchecken
am Vortag, als das Rad geprüft war und ich die Umkleidebeutel
für Rad und Laufen in der Gemeinschaft mit all den anderen
abgegeben hatte, machte sich eine gewisse Beruhigung in mir bemerkbar.
Um 4.30 Uhr sind wir am Renntag aufgestanden, für einen sehr,
sehr langen Tag. Wie fühlte ich mich? Jetzt musste ich die
Energien aufgeladen haben, mit stark reduziertem Training in der
Woche zuvor, mit viel Schlaf und Ruhe, nach der Nahrungsumstellung,
zwei Tage nur Eiweiß und die letzten drei Tage Kohlehydrate
in Mengen, um die Glykogenspeicher aufzufüllen. Das Body-Marking
ist ein besonderes Zeremoniell, das Anstehen in einer langen Schlange,
wie schon am Vortag beim Check-In. Ich konnte sie beobachten, die
Mitkonkurrenten vor und hinter mir. Alle waren sie ruhig und haben
ihre sicher vorhandene Nervosität nicht gezeigt. Dann war
ich vorn zum Zeremoniell des Body-Markings. Ich wurde auf ein Podest
gestellt und mit meiner Startnummer an Armen und Beinen und mit
meinem Alter, einer 7 und 5 auf der linken Wade, gestempelt.
Alle Zuschauer bleiben bei den letzten Vorbereitungen ausgesperrt.
Die Flaschen und die Verpflegung aufs Rad bringen, noch mal Pumpen,
um 7 Atü Drück zu sichern, dann das Eincremen mit Vaseline,
um der von mir befürchteten Abkühlung auf der langen
Schwimmstrecke vorzubeugen. Noch einmal Trinken, und dann saßen
sie alle da am Boden, die letzten 20 Minuten vor dem Start, um
Kräfte zu schonen. Alle waren ruhig, es wurde nicht gesprochen.
Und dann versammelte sich die Menge nur zögernd zum Schwimmstart
im seichten Wasser an der Pier. Ich will abwarten und mich ganz
hinten einreihen. Noch einmal die Schwimmbrille im Wasser prüfen.
Sie muss sitzen. Salzwasser in den Augen könnte verhängnisvoll
werden. Wenn der glutrote Sonnenball über dem Meeresspiegel
hochsteigt, sind es nur noch wenige Minuten. Die Stimme des Ansagers
steigert die Spannung. Ich schaue noch einmal hinüber zu den
Zuschauermassen an der Pier. Irgendwo ist meine Jutta und wird
um mich zittern. Der Startschuss ist nach all der vorausgegangenen
Spannung ein erlösendes Signal. Nun gilt es!
Ich versuche, technisch sauber zu Schwimmen und werde an meine
Unterlassungssünden erinnert: zu wenig Schwimmtraining und
zu wenig Techniktraining. Ich weiß um meine ungünstige,
tiefe Wasserlage. Ich habe kaum Unterhaut-Fettgewebe. Dem Salzwasser
im Mund konnte ich auch nicht entkommen. Aber ich durfte ja nicht
zu viel davon schlucken. Eine gute halbe Stunde hatte ich noch
andere Schwimmer in meiner Nähe. Dann wurde es einsam um mich.
Ich wusste das. Und wieder, wie vor fünf Jahren, flankierten
mich zwei Helfer auf Surfbrettern, einer zur Linken und der andere
zur Rechten. Das gab mir Hilfe für die Orientierung. Dennoch
musste ich ab und zu den Kopf heben, ob die roten Bojen näher
kamen. Und ganz da vorn konnte ich das Schiff erkennen, die Wende.
Unendlich weit war das.
Hundert Hände klatschten mir zu, als ich mich endlich herangearbeitet
hatte. Ganz nah zu mir waren einige, so wie meine Begleiter auf
den Surfbrettern. Die haben mir die Zwischenzeit zugerufen. Das
wird knapp, erfasste ich, jede Sekunde zählt. So habe ich
nicht gewagt, mich für den Beifall zu bedanken, was mir eigentlich
Leid tat.
Die zweite Stunde im Wasser empfand ich phasenweise als grausam.
Ich musste alles geben. Noch einmal wurde mir eine Zwischenzeit
zugerufen, und ich schaffte es. Nach 2:15 Stunden, fünf Minuten
vor der Sollzeit, torkelte ich aus dem Wasser. „You got it!“,
hörte ich einen meiner Helfer rufen. Er freute sich mit mir.
Erleichtert und glücklich war ich, als ich mich unter dem
Beifall von Hunderten auf mein Rad schwang, das zwei hübsche
Frauen für mich bereit gehalten hatten. Da standen noch einige
Räder. Also war ich doch nicht als Allerletzter aus dem Wasser
gekommen.
Dann geschah zunächst ein kleines Wunder. Als wenn ich die
Strapazen im Wasser vergessen hätte, legte ich los zur Aufholjagd,
auf 15 Kilometern noch durch dichtes Zuschauerspalier. Das gab
Auftrieb. „Ich liebe dich“, hörte ich meine Frau
rufen, als ich in gebeugter, arodynamischer Haltung vorbeibrauste.
Schon bald danach hatte ich den ersten Mitkonkurrenten eingeholt.
Dann erfasste mich offenbar ein Jagdinstinkt, als ich sie vor mir
sah: eins, zwei, drei, vier in Abständen. Alle packte ich:
Ich war auf der Überholspur. Ich habe sie nicht gezählt,
nur die über 70-jährigen: Es waren sechs. Ein heftiger
Gegenwind und 40 Grad Hitze in den Lavafeldern machte es den Eisenmännern
an diesem Tag besonders schwer. Ich spürte das erst sehr viel
später, denn ich war wie in einem Rausch auf Überholfahrt.
Die Anstiege gegen den Wind hinauf zur Wende nach Hawi kosteten
viel Kraft. Ich hatte eine bessere Zeit geplant. Auf dem Rückweg
drückte ich weiter aufs Tempo, zunächst mit dem Wind
im Rücken. Ich sah auf der Gegenfahrbahn, wie sich andere
mühsam hinaufplagten. Sie taten mir richtig Leid, denn sie
konnten die Sollzeit zum Wechsel nicht mehr schaffen.
Nach 120 Kilometern hatte ich den Wind wieder von vorn. So ist
das meist: Gegen Mittag dreht der Wind. Ich erfreute mich zunächst
an der angenehmen Kühlung und powerte weiter, ignorierte einige
Verpflegungsstellen. Das war jedoch ein verhängnisvoller Fehler.
Oder hatte ich auch zu wenig Powergel geschlürft? Noch gut
30 Kilometer, und ich nahm mir vor, das Tempo zu drosseln. Ich
musste ja Kraft für den Marathon sparen.
Ausgerechnet in dieser Phase ereilte mich mein tragisches Schicksal.
Ich wusste ja vorher: Eine kleine Unachtsamkeit oder Pech kann
sehr schnell das Aus bedeuten. Hatte ich einen kurzen Blackout
wegen Dehydrierung oder war es eine Windböe, die mich an den äußersten
Rand der Straße getrieben hat? Diese Schrecksekunden werde
ich nie vergessen.
Ich war in voller Fahrt nur wenige Zentimeter vom Kiesbett weg,
konnte nicht mehr gegenlenken, schlitterte zunächst einige
Meter im Kiesbett, dann riss das Rad nach rechts ins Lavafeld.
Knapp neben einem riesigen Quader erfasste mich der abrupte Stopp
und ich schleuderte nach links. In der Flugphase zuckte in mir
die Erkenntnis: Jetzt ist alles aus. Von der Landung habe ich das
Krachen des Helmes in Erinnerung und den heftigen Aufprall. Ich
rappelte mich auf, torkelte zum Straßenrand mit nur einem
Gedanken im Kopf: Kann ich weiter? Das Blut tropfte mir vom Knie,
aber die Schmerzen waren zunächst erträglich. Mein Kreislauf
drohte wegzukippen, und ich hockte mich auf den Boden. Ein Helfer
hatte angehalten, gab mir zu trinken und muntere mich mit dem Zuruf
auf: „Your are still in the race.“ Ich torkelte in
die Lavabrocken, angelte mein Rad heraus und siehe da, es war noch
fahrbereit. Ich musste nur den Lenker zurechtbiegen.
Nein, es ist aus, schoss es mir resignierend durch den Kopf, als
mich Muskelkrämpfe an beiden Beinen überzogen. Ich reduzierte
auf einen langsamen, runden Tritt, und das half. An der nächsten
Tankstelle hielt ich an und trank viel. Tatsächlich war es
jedoch viel zu wenig. Noch einmal drehte ich auf volle Kraft voraus,
um die Sollzeit zu schaffen. Der Sturz hatte mich eine halbe Stunde
gekostet. Ich kam rechtzeitig an, aber beim Absteigen stürzte
ich fast vornüber. Erst jetzt beim Aufrichten spürte
ich die stechenden Schmerzen der Rippen- und Nierenprellung, die
ich mir offenbar bei der unsanften Landung zugezogen hatte. Später
habe ich mich damit getröstet, dass es in den groben, scharfkantigen
Lavabrocken viel schlimmer hätte kommen können.
Eine Helferin zog mir die Radschuhe aus. Mühsam stakste ich
zur Umkleide. Da ließ ich mich massieren und versuchte, mich
auf den Weg zu machen. Meine Jutta hatte ich in große Ängste
versetzt. Sie umarmte mich. „Kannst du laufen?“, fragte
sie besorgt. „Ich versuche es“, sagte ich und trabte
los, getragen von der großen Beifallkulisse der massiert
stehenden Zuschauer.
Nach zwei Kilometern kam mir meine Frau auf einem Abkürzungsweg
entgegen. Ich blieb stehen, hielt mich an einer Mauer fest und
stöhnte: „Es geht nicht, jeder Schritt ein stechender
Schmerz.“ Ein Betreuer bot sich noch an, mich auf dem Motorrad
zu begleiten, doch ich musste abwinken.
„Du musst es noch mal versuchen, nächstes Jahr, das
ist so unvollendet.“ Mit dieser Aufforderung überraschte
mich meine Frau am nächsten Tag. Das hat mich verblüfft,
denn in der harten Trainingsphase, die ihr auch Opfer und Verzicht
auf anderes abverlangt hatte, hatte sie wiederholt mit Bestimmtheit
erklärt: „Das ist dein allerletzter Ironman.“
Was haben wir in diesem Jahr vor? Vielleicht lasse ich mich doch
noch einmal locken von der Faszination Ironman Hawaii. In Lubbok,
Texas, will ich mich erneut um die Hawaii-Quali bewerben, doch
diesmal habe ich mindestens vier US-Amerikaner als Konkurrenten.
Zwei weitere sportliche Höhepunkte haben wir uns vorgenommen:
die Duathlon-WM am 29.5. in Italien und die Triathlon-Europameisterschaften
am 21.8. in Lausanne. Und meine Jutta wird ihren ersten Triathlon
angehen. Ich freue mich darauf, wenn wir gemeinsam zum Schwimmstart
ins Wasser tauchen. Mit Staunen habe ich in diesen Wochen ihre
Fortschritte beim Schwimmen beobachtet.
Oktober 2004
|