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Bericht 37:
ANGEKOMMEN DAHEIM
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"Endlich wieder aufs Rad", rief ich aus, als wir unsere
Pferde erneut gesattelt und die Brems- und Schaltfunktionen geprüft
hatten. Jutta deutete auf den Mantel ihres Hinterrades. "Ob
wir damit noch heimkommen?" Die Ausbuchtung des Mantels, den
wir mit dem Reifenheber einige Wochen zuvor beschädigte hatten,
war deutlich zu erkennen, an der Felge war das Gewebe sichtbar.
"Ich meine, da hat sich nichts verändert, nur noch 500
Kilometer muss er aushalten", erwiderte ich. "Ja, es wird
Zeit, dass wir ankommen. Seit Hanoi fahren wir auf diesen Reifen.
Das hätte ich nicht für möglich gehalten. Jetzt sind
sie abgefahren, ausgebeult und mürbe." "Hoffen wir
das Beste", riefen wir uns zu, als wir uns im Sattel zurechtrückten
und loskurbelten. Gemütliche Tage wollten wir uns gönnen
auf den schweizerischen Radwegen, die ohnehin kein hohes Tempo zulassen.
Wir hatten uns auf eine kleine Zusatzschleife geeinigt, über
Schaffhausen zum Bodensee. Wir haben die gischtenden Wassermassen
des Rheinfalls bestaunt, sind auf schmalen Uferstraßen dem
Rhein gefolgt und machten Rast in der historischen Innenstadt von
Stein am Rhein. Dieser frühherbstlich angenehm warme Sonntag
war ein Tag der Radfahrer. Es waren sicher einige hundert, die in
unser Blickfeld kamen, Ausflügler in Gruppen, Tourenradler
mit Gepäck und sportlich ambitionierte Rennradler. Ist der
Radsport im Aufwind? Wir freuen uns darüber.
"Wir sind am schwäbischen Meer", rief ich aus und
deutete hinüber zur weiten, glänzenden Fläche des
Bodensees. Der Radweg durch die Rebhänge und Obstplantagen
mit den Ausblicken zum Untersee und der Halbinsel Reichenau ist
eine Genussstrecke, locker und leicht sind wir vorangekommen. "Wollen
wir nicht den See umrunden?", rief ich herausfordern aus. "Du
kannst mal wieder nicht genug kriegen", kam es von Jutta zurück.
Wir stoppten wie geplant in Romanshorn und fanden am Bahnhof ein
passendes Hotel, wo uns der Aufzug mitsamt unseren Rädern nach
oben brachte. Dafür hatten wir am nächsten Morgen einige
Schreckminuten zu überstehen, denn der altersschwache Aufzug
streikte. Wir durften die Fähre nach Friedrichshafen nicht
versäumen, denn da drüben warteten einige Freunde auf
uns. Also schleppten wir eilig unser Sack und Pack die Treppen hinunter.
Auf der Fähre ließen wir uns den Wind um die Ohren blasen,
und wir Heimkehrer hielten Ausschau nach Old Germany. Den ersten
Grenzübertritt hatten wir eigentlich schon Tage zuvor im Raum
Schaffhausen, wo sich die Grenze verzahnt und wo wir im Wechsel
auf schweizerischen und deutschen Straßen rollten. Nirgendwo
an den Grenzübergängen mussten wir den Pass herausholen,
auch nicht in Friedrichshafen, als die Fähre am Kai anlegte.
Unser Skilanglauf-Freunde Sigi und Hubert winkten uns zu. Ein Wiedersehen
gab es auch mit Hermann Philipp aus Ravensburg, den wir in Usbekistan
getroffen hatten. Er reckte uns ein Empfangsschild entgegen. Daneben
stand eine Journalistin und zückte sogleich ihren Notizblock.
Zu fünft radelten wir nach Ravensburg, wo uns Hermanns Familie
und eine weitere Journalistin erwarteten. Eine Radstunde weiter
kehrten wir im Haus von Hubert kurz ein - ihn wollten wir schon
so lange besuchen - bevor wir unser Tagesziel, den Bauernhof von
Wilma und Franz Rupp, ansteuerten, ohne Packtaschen. Die hatte uns
Erna, Sigis Lebensgefährtin, abgenommen und in ihrem Auto verstaut.
In ausgelassener Stimmung sind wir gestartet.
Wir waren noch drei, Hubert, der in seiner Jugend Radrennfahrer
war, und wir beide ohne Gepäck. Das musste ja Wettkampfinstinkte
wecken. "Wir fahren ins Allgäu, und da gibt es bekanntlich
viele Hügel", hörte ich Hubert warnende Stimme. Im
Gegenwind wechselten wir uns beide im Windschattenfahren ab. Jutta
hängte sich clever hinten dran, als wir beide zum Renntempo
aufdrehten. Hubert ist im Skilanglauf ein harter Konkurrent von
mir. Beide haben wir gehörigen Respekt voreinander. Doch uns
beide verbindet eine Freundschaft, und jeder vergönnt dem anderen
seinen Erfolg. Es war ein ganz neues, anregendes, um nicht zu sagen
berauschendes Raderlebnis, befreit von der Last unserer schweren
Taschen, die wir über fünf Kontinente geschleppt hatten.
Der Gegenwind störte mich nicht, als ich in Front ging, und
ich war richtig heiß auf den ersten langen Berganstieg. Hubert
blieb dran, Respekt! Auch noch am zweiten und dritten. Dann aber
blieb er zurück und musste schließlich vor einer Kuppe
vom Rad. Er war ausgepowert und leer. Später tröstete
ich ihn. "Mensch Hubert, du hast weniger trainiert, und wir
beide sind in Hochform." "Dass du schneller bist, kann
ich voll akzeptieren. Aber dass mich auch deine Jutta abgehängt
hat, drückt schon auf meine Moral", resümierte er
leicht geknickt. Ein herzlicher Empfang erwartete uns auf dem Einödhof
unserer Freunde. Als Überraschungsgäste waren einige andere
Russland-Freunde mit ihren Familien angereist. Lange saßen
wir zusammen. Alle hatten sie unsere Berichte im Internet gelesen,
aber sie wollten noch viel mehr erfahren.
Mitte 70 sind die Austragsbauern Rupp. Zur Ruhe gesetzt haben sie
sich jedoch noch lange nicht. Bis zu acht Stunden arbeiten sie täglich
auf dem Hof. Dem Franz haben wir beim Heuwenden zugeschaut. Früher
war dafür viel Handarbeit vonnöten, sagten sie uns. Heute
machen es die Maschinen, aber Traktoren wollen auch gesteuerte werden,
viele Stunden. Wilma führte mich auf den Speicher ihres Hauses.
Da lagen einige 100 Pakete. Zusammen mit ihrer Tochter sammelt sie
Kleider und Gebrauchsgüter für bedürftige Menschen
im Ural. Das Packen und Deklarieren der Pakete erfordert viel Zeit,
denn diese uneigennützigen Hilfsaktionen werden von der Bürokratie
der russischen Zollbehörden zunehmend erschwert. "Wenigstens
einmal noch wollen wir hinüber in den Ural. Aber nur, wenn
du dabei bist, Gerhard", erklärte Wilma mit ihrer festen,
Willensstärke ausdrückenden Stimme. "Ich muss wieder
eine Reise organisieren in unsere ‚persönlichen Partnerstädte'
Slatousk und Novouralsk, wo wir alle, aber insbesondere Franz und
Wilma, die ‚Mutter Teresa von Slatousk', von unseren vielen
Freunden sehnlichst erwartet werden. Und ich muss den Kampf mit
der Bürokratie aufnehmen und auch zumindest versuchen, den
von mir initiierten, aber nach zwei Jahren von einer Einreisesperre
gestoppten Schüleraustausch mit den deutschen Schulen der gesperrten
Stadt Novouralsk wieder aufzunehmen.
Nach drei Tagen im Kreis unserer guten Freunde, wo wir uns fast
wie zu Hause fühlten, haben wir unsere Ankunft auf Raten fortgesetzt.
Wir fanden ruhige Nebenstraßen, die Sonne schmeichelte, ja,
es war wieder die reinste Freude. "Dieses satte Grün,
da geht mir das Herz auf", schwärmte Jutta, als wir auf
einer Anhöhe anhielten und unsere Blicke über die offene
Landschaft der Wiesen und Weiden schweifen ließen. Vor uns
lagen einige Kühe widerkäuend im Gras und blinzelten gelassen
in die Sonne. Wir erreichten Marktoberdorf, und am nächsten
Tag hatten wir wieder einen Radbegleiter. Herbert Walch aus Hohenpeißenberg,
ein Skilangläufer, der in seiner Altersklasse meist auf dem
Siegertreppchen steht, lotste uns durch Schongau und Peiting, wieder
auf abwechslungsreichen Nebenwegen. Als wir nach Peißenberg
hinabrollten, waren wir schon fast daheim. Aber unsere Ankunft war
ja erst für den nächsten Tag geplant.
Den Landgasthof Paterzell haben wir für unsere letzte Nacht
ausgewählt. Er liegt idyllisch an einem Wiesenhang. Wir wurden
sehr freundlich aufgenommen. Lange unterhielten wir uns mit der
Wirtin, und im späten Sonnenlicht speisten wir auf der Terrasse.
Wir stießen mit den schäumenden Weißbiergläsern
an, schauten uns glücklich und zufrieden in die Augen und weckten
Erinnerungen. "War es ein Abenteuer?", begann ich. "Wir
waren doch nie persönlich gefährdet, am wenigsten in den
islamischen Ländern. Da werden wir vielleicht die Leser unseres
Buches enttäuschen, wenn sie nichts von gefährlichen,
dramatischen Ereignissen lesen werden." "Na ja, ein Abenteuer
war das wohl, die ganze Reise war ein Abenteuer", warf Jutta
ein. "Wenn die Gefahren auf der Straße meinst, stimme
ich dir zu." "Und die körperlichen Anstrengungen
und Strapazen, die wir zuvor gar nicht abschäzten konnten?
Das war auch ein Abenteuer", fuhr Jutta fort. "Ich bin
so glücklich, dass wir gesund angekommen sind. Diese Gewissheit
zu haben ist doch das schönste Erlebnis", sinnierte ich.
"Ja, mein Liebster, ich bin auch glücklich darüber.
Wie oft habe ich um dich gezittert." "Und wie oft hast
du mir zugerufen: ‚Fahr' rechts!'. Mir hat das immer gut getan,
als Ausdruck deiner Fürsorge", gab ich zurück. "Mein
lieber Mann, du bist auch oft leichtsinnig gewesen. Und deine schnellen
Abfahrten! Immer war ich froh, wenn wir unten waren." Nach
einem Blick zur abtauchenden Sonne sagte ich fragend: "Wie
viele Stunden sind wir eigentlich im Regen gefahren?" - und
gab gleich meine Antwort. "Es waren doch nicht mehr als zehn
Stunden. Von 1.400 Stunden nur zehn Regenstunden an fünf Tagen,
das hätten wir uns doch nicht träumen lassen. Und wir
wissen ja auch, dass wir morgen bei Sonnenschein ankommen. Wie haben
wir das verdient?" "Und wie viele Stunden sind wir gegen
den Wind gefahren? Es waren sehr viele, und sie waren härter
als der Regen. Und wie hat uns die Hitze gesetzt. Wie oft haben
wir die Räder und unsere Taschen Treppen hochgeschleppt bevor
wir nach dem Ausschnaufen sagen konnten: ‚Wieder einmal angekommen!'.
Und wie oft habe ich das Frühstück gemacht? Du hast dich
immer bedienen lassen, mein Mann", sagte Jutta. "Ich habe
das sichtbaren Ausdruck deiner Liebe empfunden. Du hast ja auch
meine Unterhosen gewaschen", ergänzte ich. "Alles
aus Liebe, schau' mal an", stellte meine Frau abschließend
fest.
Rechtzeitig genug waren wir in Andechs am Heiligen Berg, der so
viele Besucher anzieht. Unsere Pressekonferenz dagegen hat nur wenige
Journalisten angezogen. Da war unsere Ankunft doch nicht interessant
genug an diesem Freitagnachmittag, wenn die Berge und Seen locken.
Außerdem hatten sie schon viele Informationen. Aber viele
Radler waren gekommen, die uns auf der allerletzten Wegstrecke begleiten
wollten. Auch unser Bürgermeister war dabei, was wir ihm hoch
anrechnen. Im Kreis unserer Sportfreunde war es wieder ein weiteres
Stück des Ankommens. "Der schönste Augenblick unserer
Reise ist für mich, wenn ich in Feldafing um die Ecke biege."
Das hat Jutta oft gesagt, drüben in Asien, Australien oder
Amerika, wo unser Ziel noch so unendlich weit weg war. Wir sind
abgebogen in Feldafing, aber zunächst erst zum Empfangsfest
beim Pölt am Bahnhof, umarmten Gerührt unsere Kinder,
Verwandte und enge Freunde. Alle, die gekommen waren, wollten wir
einzeln begrüßen. Ob uns das in der Aufregung gelungen
ist, weiß ich nicht genau. Es sprachen der Landrat und der
Bürgermeister. Es waren klug gesetzte Reden, druckreif formuliert,
mit großen Komplimenten. Dass der Landrat in der Schlussphase
des Landtags-Wahlkampfes Zeit für uns hatte, empfanden wir
auch als großes Kompliment. Der Radiosprecher Dirk Rohrbach
startete das von unseren Verlegern Axel und Peter vorbereitete Festprogramm.
Zunächst waren wir beide dran. Auf der Bühne mit unseren
Rädern wurden wir interviewt, was uns richtig Spaß gemacht
hat. Axels Frau, eine rassige Brasilianerin, und ihre Freundin bezauberten
mit heißen Sambatänzen aus dem Amazonas. Und Axel überraschte
uns mit einem spontanen Kurzdiavortrag. Er zeigte aus dem Fundus
unserer 4.000 Dias wahllos herausgenommene Bilder und wollte von
uns Geschichten dazu hören. Es sollte wohl eine kleine Anstoßprobe
für uns sein. An unserer Haustür sind wir spät in
der Nacht auf unseren Rädern ohne Licht angekommen. Wir waren
nun wirklich daheim, als wir vor den Willkommensschildern standen
und die Türen vor uns aufgingen zu unserem Heim, das unsere
Mieterin so sorgfältig gepflegt hatte. Es war noch lange nicht
Schluss, und am nächsten Tag besuchten wir mit unseren Verwandten
das Oktoberfest. Dann erst, am Tag darauf, konnten wir uns zurücklehnen.
Daheim, endlich daheim. Mit unseren Gedanken und in unseren Träumen
werden wir noch lange auf unserer Reise sein. Das erzeugt schon
Wehmut und ein klein wenig Sehnsucht. Die Begegnungen mit den Menschen
gingen am tiefsten. Wie viele waren es, die uns freudig zugerufen
und unsere Hände geschüttelt haben, wie viele, die uns
geholfen haben und helfen wollten? Waren es hunderte. Nein, tausende
waren es, Kinder, Studenten, Frauen und Männer aus allen Gesellschaftsschichten.
Am meisten beeindruckt hat uns die Herzlichkeit der armen Menschen
in den Landregionen.
All diesen Menschen, die unsere Reise so bereichert haben, wollen
wir unser Buch widmen.
Wie geht es weiter?
Nun ruht euch erstmal aus, wurde uns empfohlen. Wir sind aber nicht
müde. Schwer fällt es jedoch, dass wir den Fahrradsattel
mit dem Schreibtischstuhl tauschen mussten. Die Aufarbeitung der
Reise und vor allem die Arbeiten am Buch fordern uns mit Termindruck.
Das ist wie in der Schlussphase der Vorbereitung unserer Weltreise,
die Uhr tickt. Doch wir lassen uns nicht nehmen zu radeln und zu
laufen, und wenn es nur eine Stunde am Tag ist. Unser Zuhause genießen
wir natürlich auf. Nach dem Aufwachen mit Morgenkuss darf ich
noch ein wenig dösen.
Der Winter naht. Unser sportliches Ziel sind die Senioren-Weltmeisterschaften
im Skilanglauf in Lillehammer Ende Februar. Das Spezialtraining
hierfür wollen wir spätestens Anfang Dezember aufnehmen.
Wir sind heißt darauf, weil wir zwei Jahre nicht dabei waren.
Und eine Reise in den Ural wollen wir ja auch planen. Den Vorrang
vor den Wettkampf-Ambitionen haben jedoch die Diavorträge,
die wir auch noch planen müssen, und der Buchvertrieb. Wir
hoffen, dass sich beides vernünftig vereinbaren lässt.
Der Weltsichten-Verlag, Axel Brümmer und Peter Glöckner,
wollen unser Buch noch vor Weihnachten herausgeben. Wir werden unser
Möglichstes dazu beitragen. Wann es soweit ist, erfahren Sie
unter www.weltsichten.de
und auf unserer Homepage.
Wir danken Ihnen ganz herzlich für Ihr Interesse. Die Besucherzahlen
sind in diesem Monat noch mal stark angestiegen. Wir haben Besucher
aus mehr als 30 Ländern der Erde. Das ehrt uns und ist Ansporn
zugleich.
Unsere Homepage wird weiter geführt. Wir werden von unseren
Aktivitäten berichten und wie es uns so geht. Also schauen
Sie doch mal wieder herein!
Ihre Jutta und Gerhard Krauss
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