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Bericht 36:
ZWEI WOCHEN ZU FRÜH
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Was hat uns angetrieben in diesen Tagen, als wir zu unserer eigenen
Verblüffung erkannten, dass wir unserem Zeitplan weit voraus
waren. Das prickelnde Gefühl, in wenigen Wochen anzukommen.
Jutta zählt die Tage und ich habe ihr einige Male zugerufen
"Fahr nicht so schnell, wir haben so viel Zeit". Wie ein
Pferd, das den heimischen Stall wittert, trat sie in die Pedale.
So kamen wir nach Valence, im Zentrum der Stadt fanden wir eine
gute Bleibe. Nur zögernd hatte Jutta zugestimmt, schon wieder
einen Ruhetag einzulegen. Bei unseren Streifzügen durch die
Fußgängerpassagen hatten wir mehr befremdliche Empfindungen.
Nur hochpreisige Nobelshops und Straßencafés: Für
eine Flasche Milch, Brot und Obst mussten wir lange suchen, bis
wir im Randbereich einen kleinen Laden fanden. Dazu kam, dass die
Franzosen ihre Läden und Restaurants noch viel häufiger
und zu unregelmäßigen Zeiten schließen als die
Spanier. Auch die Kirche war uns versperrt.
"Das sind die Alpen" rief ich aus, als im Dunst die ersten
Bergrücken erkennbar wurden und wir uns Grenoble näherten,
Es beunruhigte uns nicht, als wir in der bekannten Touristenstadt
vergeblich anklopften. Da wurden es doch wieder 30 km mehr bis wir
fündig wurden. Und wir waren willkommen mit unseren Rädern,
was ja im "entwickelten" Mitteleuropa, wo uns auch ab
und zu geringschätzige Blicke trafen, nicht selbstverständlich
war. Unser Abendessen haben wir im Supermarkt eingekauft und im
Hotelzimmer haben wir geschlemmert mit Suppe, Brot, Käse Schinken
kleinen Delikatessen und einer Flasche Rotwein.
"Wir müssen nicht jeden Tag im Restaurant essen"
hatte meine Frau entschieden "Und bei Menüpreisen von
30 Euro vergeht mir ohnehin der Appetit.
Es sollte der letzte heiße Tag gewesen sein, am 28. August,
wie wir zwei Tage später erkannten. Orkanartig entlud sich
am Abend eine Gewitterfront und leitete mit anhaltendem heftig prassenden
Regen den Herbst ein. Da waren wir froh, für den folgenden
Regentag ein Dach über dem Kopf zu haben.
Ja der extrem heiße Sommer, der uns wochenlang so viel abverlangte,
hatte sich verabschiedet von einem zum anderen Tag.
Auf unserem Ostkurs waren wir meist gegen die aufsteigende Sonne
gefahren, viele Monate lang, hatten ihre Mittagshitze gefürchtet,
jetzt suchten wir ihre erwärmenden Strahlen. Über uns
hingen dräuende Regenwolken, es war kühl, die Straßen
nass. Von frisch gepflügten Feldern nahmen wir den Erdgeruch
auf, die Hochwälder zwischen den grünen Wiesenmatten unter
dem hellbraunen Fels hatten schon eine leichte Herbstfärbung
angenommen. Uns beide überkamen herbstliche Gefühle und
Empfindungen, eine andere, eine angenehme Melancholie erzeugende
Stimmung, ein Gefühl von Ankommen, Heimkehr, nach acht Frühlings-
und Sommermonaten. Und nun, befreit von der lähmenden Hitze
konnten wir die in den Monaten aufgebaute körperliche Fitness
voll entfalten. Es fiel uns so leicht, über Aix les Bains,
Chambery nach Annecy zu kommen und von dort die letzte Passhöhe
zu erklimmen. Und dann schauten wir hinunter auf eine große
Ansammlung von Häusern im hellen Licht. "Ist das wahr,
das ist Genf" rief ich überbracht aus." Jetzt fahren
wir nur noch abwärts. Wie lange fuhren wir hinab im mäßig
fallenden Gelände, waren es dreißig oder fünfzig
Minuten, ich weiß es nicht mehr genau. Ich war jedenfalls
ziemlich ausgefroren, als wir in der Ebene ankamen und zog mir eine
warme Jacke über.
Meine Jutta hatte schon früher vorgesorgt. Vor der Grenze hielten
wir noch mal an. "Das war Frankreich" sagte ich "eigentlich
haben wir uns auch mit den Franzosen und ihrer Lebensart ganz gut
arrangiert" ""Ja schon" meinte Jutta "Aber
jetzt freu ich mich auf die Schweiz" ergänzte sie"
Unser 26. Gastland, das letzte und die 23. Währung". Schnell
waren wir drüben, der Beamte hatte uns lässig durchgewinkt,
die Genfer praktizieren also schon freie EG-Grenzen.
Wir wollten zum westlichen unteren Seeufer. Die Auskünfte kamen
natürlich immer noch auf französisch, sehr wortreich,
ich verstand nur" a gauche" für links und "a
droite" für rechts. Ja ,die
fehlenden Sprachkenntnisse haben uns die Kommunikation schon sehr
erschwert. Wir orientierten uns mehr an der Himmelsrichtung, Nordost,
das musste zum See führen. Und als hinter einer Parklandschaft
die blitzenden Wellenkämme des Sees entdeckte, hatten wir auch
schon das erwartete Radwegschild vor Augen. Von hier ab wurde uns
bis zum Bodensee ein markierter Radweg angeboten. Die Schweiz ist
sicher das einzige Land der Welt mit einem durchgängig markierten
Radwegenetz von Grenze zu Grenze und dies nach allen Himmelsrichtungen.
Uns wurde die Route Nr. 1 bis Lausanne und dann die Route Nr. 5
durch das Mittelland angeboten. Ein völlig neues Raderlebnis
erwartete uns. Mit echt schweizerischer Gründlichkeit ist der
Radweg ausgesucht und markiert, den Autoverkehr meidend und schöne
Landschaftserlebnisse vermittelnd. Schmale Asphaltwege führten
uns am See entlang, dann querte die Route Nr. 5 nach Norden über
hügeliges Bauernland, an blühenden Bauerngärten vor
den stattlichen Hofgebäuden mit den charakteristischen gewölbten
Giebelvorsprüngen vorbei. Du musst Zeit mitbringen für
die schweizerischen Radwege, wir hatten sie und bummelten dahin
und belustigt schauten wir auf die Wegschilder, wenn sie einmal
scharf nach links oder rechts wiesen, über schmale Wirtschaftswege,
wo wir einige Male Platz für die Traktoren der Bauern machen
mussten, über Schotterwege in eine Auenlandschaft hinein ,durch
Obstplantagen mit erntereifen Äpfeln in leuchtenden Farben.
Den Mundraub haben wir auf drei Äpfel beschränkt, denn
die Bauern bieten auch Obst zur Selbstbedienung an. Das Geld wird
in eine Box geworfen. Die Trauben in den Rebhängen waren ausgereift
und leuchteten im Süße versprechendem durchsichtigem
Gelb. In diesen Tagen sollte die Weinlese beginnen. Bauern haben
wir nicht viele gesehen, dafür umso mehr Radler, auf diesen
Wegen nicht die Rennradler wie in Frankreich, die im bunten Renndress
vorbeispuren und häufig den Eindruck vermittelten, als ob sie
im Wettkampf wären. Hie waren es Tourenradler mit leichtem
oder etwas schwererem Gepäck und unsere Grüsse kamen zurück
"Bonjour" "Bonjour" und als uns einer mit heller
Stimme "gruezi mitanand" zurief, waren wir im deutschen
Sprachraum angekommen.
Wir nahmen uns vier Tage Zeit bis Grenchen, für die Nächte
hatten wir uns Landgasthöfe ausgeschaut, da fanden wir noch
akzeptable Preise, denn die Schweiz ist ja für Gäste aus
den Euroländern nicht billig.
Mit all unseren Bremsmanövern konnten wir nicht verhindern,
dass wir schon am dritten September
Auf Biel und Grenchen zurollten, wo wir von unsren Verwandten erwartet
wurden. In der Nähe von Biel, am Aareufer trafen wir meine
Cousine Renate mit ihrem Mann Bruno zu einer freudigen Begrüßung.
Als erstes hatten wir jedoch zwei junge Frauen gesehen, die eine
Fernsehkamera auf uns gerichtet hatten und ganz locker ein kurzes
Interview für das lokale Fernsehen mit uns machten. Am Abend
konnten wir das am Fernseher in switzerdütscher und französischer
Version anschauen, Biel/Bienne ist eine zweisprachige Stadt.
Wir sollten uns nicht lange aufhalten, denn zwanzig Kilometer weiter
warteten mein Cousin Walter mit seiner Frau Dorli. Es gab ein sehr
herzliches Wiedersehen, uns verbindet echte Freundschaft mit vielen
gemeinsamen Erlebnissen. Ich denke da z.B. an die gemeinsame Radtour
über einige Alpenpässe vor 52 Jahren. Das war schon deshalb
so aufregend einprägend für mich, weil sich für mich
mit einem Visum erstmals die damals noch gesperrten Grenzen des
Nachkriegsdeutschland öffneten.
Oft hatten wir in den zurückliegenden Monaten davon gesprochen,
wenn wir bei Dorli und Walter ankommen, sind wir fast zuhause.
Sie nahmen uns die schweren Taschen ab und wir spurten mit Tempo
die Anhöhen hinauf zu ihrem
Haus, das uns so vertraut ist. Mit Biel und Grenchen verbinden uns
Erinnerungen an tiefgehende Sporterlebnisse. Der Hundertkilometerlauf
von Biel mit einigen tausend Teilnehmern ist ein Muss für alle
Ultraläufer. Zehn mal bin ich am Bieler Eisstadion ins Ziel
gekommen, nach 100 gelaufenen Kilometern, achtmal bin ich dabei
unter der magischen Grenze von zehn Stunden geblieben und konnte
mich damit in die Kategorie der Elite einreihen .Beim letzten Start
vor einigen Jahren ist auch meine Jutta mitgelaufen und sie teilt
die Erinnerung an dieses eindrucksvolle Lauferlebnis mit mir.
Es ist ein Ultralauf durch die Nacht, am Spätabend um 10 Uhr
fällt der Startschuss zur großen Schleife über Landstrassen,
Feldwege, den berüchtigten "HoChiMinh"-Pfad , einem
steinigen Pfad durch Auenwälder, einer schnurgeraden Betonpiste
und ein bergauf und bergab noch nach 75 Kilometern. Da kommen Erinnerungen
in mir hoch, als wenn es gestern gewesen wäre Ein Start
Im heftigem Gewitterregen b ei Blitz und Donner, durch knietiefes
Wasser einer überschwemmten Unterführung, mit Blitz und
Donner als Begleitung mit Momentaufnahmen der steinigen Wege vor
uns, das Eintauchen in dunkle Wälder, die sich wie schwarze
Wände vor uns aufbauten, , die irrlichternden Taschenlampen,
schließlich das Anlaufen nach dem letzten Trinkstop bei km
92 mit dem beglückenden Gefühl, du wirst durchlaufen ohne
Gehpausen und schließlich die Euphorie, der Adrenalinausstoß
als ich mit lehmverkrusteten Beinen ins Ziel geprescht bin.
Wie schon damals, doch umso mehr nach unserer langen Reise wurden
wir verwöhnt mit höchstem Niveau schweizerischer Esskultur,
Dorli ist eine ausgezeichnete Köchin. Ausflüge und Besuche
haben wir gemacht, ein Zeitungsinterview war auch dabei und wir
wollten wieder laufen lernen mit unseren Radlerbeinen, Nach drei
Waldläufen klingen die Muskelkater langsam ab.
Wieder steigt die Spannung, wir wollen wieder aufs Rad und werden
eine kleine Zusatzschleife einlegen. Im Allgäu warten unsere
Russlandfreunde Rupp auf ihrem Bauernhof auf uns für einen
Zwischenstop, bevor wir das allerletzte Teilstück unter die
Pedale nehmen.
Wir freuen uns auf den Empfang am 19. September.
Bis dahin mit herzlichen Grüssen Jutta und Gerhard
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