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Bericht 34:
LA
MANCHA, AUF DEN SPUREN VON DON QUICHOTTE
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Es war sehr spät geworden in Cordoba, am Abend unseres Ruhetages.
Kurz vor Mitternacht, als wir unserer Herberge zustrebten, zeigte
des automatische Temperaturanzeige noch 38 Grad und am nächsten
Morgen, als wir in der herrgottsfrühen Dämmerung mutig
unsere Stahlrösser sattelten, waren es noch 33 Grad, immer
noch zu heiß, um angenehm im Freien sitzen zu wollen. Wir
beide warfen uns in die Sättel, nicht nur um da zu sitzen,
heftig bewegen würden wir uns müssen um voranzukommen
bergan erneut, um herauszukommen aus der Senke um Cordoba. Hätten
wir nicht schon viele Hitzetage überstanden, hätten wir
es nicht wagen dürfen. Wie lauten die fürsorglichen Empfehlungen
der Ärzte für heiße Tage: Die Sonne meiden, kühle
Räume aufsuchen, nicht anstrengen und viel trinken! Für
Senioren nahe der Mitsiebziger gilt dies natürlich umso mehr.
Die sollen ja zur Kontrolle regelmäßig den Arzt aufsuchen
und vielleicht auch vorbeugend Kreislaufstützende Medikamente
nehmen.
Getrunken haben wir viel in den folgenden Tagen: acht bis zehn
Liter Flüssigkeit täglich für jeden von uns. Nach
einigen hundert Kilometern, es werden etwa fünfhundert gewesen
sein, sind wir nach Cünca gelangt und wir leben noch. Zum
Dank dafür haben wir in der Kathedrale gebetet. Die Altstadt
dieser Provinzhauptstadt steigt zwischen engen Gassen nach oben
auf einem schmalen Bergrücken. Nach beiden Seiten steil abfallend
mit grandiosen Ausblicken zu den bizarren Felsformationen auf der
anderen Talseite. Gab es einen anderen Grund als die Sicherheit
der Naturbarrieren vor angreifenden Feinden, die Mühsal der
steilen Wege auf sich zu nehmen? Weiter oben öffnet ein Tor
den Platz der Altstadt und der keuchend hochgeeilte Besucher wird
in den Bann geschlagen von der im Sonnenlicht glänzenden Fassade
der mit dicken Außenmauern breit angelegten Kathedrale.
Im Inneren dieses mächtigen Gotteshauses mit den vielen Altären im
Rundgang gingen meine Blicke oft nach oben zu den mutigen selbsttragenden Gewölben über
den hohen Stützpfeilern. Die wenigsten Besucher kommen zu Fuß hoch,
Verkehrsschilder weisen zum Autoweg, auch uns wurde der Bus empfohlen. Es war
aber nicht mühsam für uns, langsam die alten Hausfassaden, die Tore,
Fenster und offenen Hauseingänge betrachtend, hoch zugehen. Für Autos
unserer Moderne sind die engen Gassen nicht gebaut, die sich ihre Vorfahrt
fordernd hochzwängen. Was lag dazwischen auf unserem Radweg bis herüber
in die Berge der Sierra de Cünca, wo wir vom kahlen Hochland kommend Pinienwälder
um uns hatten, die so angenehme Wohlgerüche verbreiten. Viel Schweiß haben
wir vergossen und wir mussten danach trachten, vor dem frühen Nachmittag
ein Ziel zu erreichen. Mit großem Respekt, aber auch mit Sorge sahen
wir frühmorgens den Sonnenball viel zu schnell hochsteigen, umgeben von
einem Strahlenkranz in orangen Farbtönen.
Die uns umgebende Landschaft war nicht einladend, eher entmutigend, wenn wir
die kahlen ausgedörrten Hügel hinaufschauten. Es waren auch keine
Menschen zu sehen, keine Ziegen- und Schafherden im dürren hochgewachsenen
Gras, keine Melonenhändler, keine buntgewandeten Frauen auf den so gutmütig
dreinschauenden und ergeben trabenden Eseln, keine Leute , die uns freudig
zuriefen, da konnte schon Sehnsucht nach Marocco aufkommen. Nur die Olivenbäume
halten offenbar der Trockenheit stand, aber auch die weitflächigen Plantagen
mit dem gedeckten Grün wirkten monoton. Nach schattenspendenden Bäumen
hielten wir vergeblich Ausschau. Meine Jutta war einige Male der Verzweiflung
nahe und es erzeugte besorgte Unruhe in mir, als sie ausrief „Ich schaffe
das mit dem Kreislauf nicht“ In schier völliger Einsamkeit hatten
wir 50 km auf einer Nebenstrasse mit holprigem Belag zu überwinden, die
vom Autoverkehr gemieden wird. Da waren wir dem gut gemeinten, aber von einem
Autofahrer falsch eingeschätzten Vorschlag gefolgt. Wie auf einer Achterbahn
hatten wir ein ständiges bergab und bergauf, es war extrem und unheimlich
in der Stille der heißen Siesta- Tageszeit. Einen einzigen Baum mit spärlichem
Schatten fanden wir zum Trinken und Verschnaufen. Nur ein winziges Dorf lag
dazwischen und wir empfanden es schon als Glücksfall, auf zwei Männer
zu stoßen. Als die uns bestätigten, im zwanzig Kilometer entfernten
Ort Abudjar würden wir ein Hostal finden, fassten wir wieder Mut und kurbelten
einen langen Anstieg hoch.
Die Hostals in den kleinen Dörfern bieten einen kaum erwarteten Komfort
und entsprechen mit sauberen Betten und Bad auch dien Hygieneerwartungen meiner
Frau. Da legten wir uns erst mal einige Stunden zum Schlafen nieder. Nur einmal
wollten wir nachmittags um fünf Uhr zum Einkaufen gehen, vergebens. Erst
wenn die Sonne hinter den Dächern der schmalen Hauschen verschwindet,
regt sich Leben im Dorf und die Leute kommen aus dem kühlen Inneren durch
die niedrigen Türen , stellen die Stühle vor das Haus und halten
Ausschau. Erst dann hatten wir eine Chance, einen kleinen Laden zu finden,
Wenn das Schließgitter geöffnet war, mussten wir nur noch durch
den Perlenvorhang schlüpfen. Das Angebot war nicht üppig. Frisches
Obst war auch nicht zu haben. Die Provinzhauptstadt Ciudad Real liegt 200 km
südlich von Madrid. Auf unserer Landkarte konnten wir sehen, wie die Autobahnen
wie in einem Spinnennetz sternförmig auf die Hauptstadt zulaufen. Wir
wollten den radlerfeindlichen Verkehrsmoloch Madrid meiden. Auf unserem Nordostkurs
hatten wir mit Ciudad Real die La Mancha erreicht, die wir in ihrer ganzen
Ausdehnung von mehr als 200 km durchqueren wollten.
Die La Mancha ist untrennbar mit Don Quichotte verbunden, dem
tragischkomischen spindeldürren Ritter, der mit seinem Gaul
Rosinante und seinem Kumpel Sancho Pansa gegen Windmühlenflügel
kämpfte. Für den Tourismus wird eine Romantik beschrieben,
die es in der Realität nicht mehr gibt. Ja, viele Abbildungen
der beiden Helden sind zu sehen, auf ihren Reittieren sitzend,
dem Gaul und dem Esel, auf schwarzem Blech vorzugsweise und auf
Hausgemälden. Aber nicht ein lebendes Pferd und auch keinen
Esel haben wir auf der langen Wegstrecke entdecken können.
Sieht so die Zukunft unserer europäischen Agrarwirtschaft
aus: kein Bauerngehöft ist zu sehen, nur einige dem Verfall
preisgegebene Bauernkaten, weit drüben in großen Abständen
riesige Hallen der agrarischen Grossbetriebe Charakteristisch ist
das großflächige Weinanbaugebiet, es soll das zusammenhängend
weltweit größte sein.
Die Rebstöcke stehen exakt in Linie bis weit hinüber, sie sind nicht
an Pfählen hochgebunden, sondern selbst tragend. seitlich ausladend.,
etwa einen Meter hoch.. Wir sahen moderne Bestäubungsanlagen, aber keine
Bauern zur Bedienung der Technik, vielleicht war das ein Zufall. Wohltuend
für das Auge leuchteten zwischen abgeernteten Getreidefeldern Sonnenblumenfelder,
die Köpfe waren mit den Blütenkränzen noch aufrecht der Sonne
zugewandt, noch nicht dürr wie im südlichen Andalusien.
Oben auf einigen Hügelkämmen konnten wir noch wenige der von den
Abbildungen her bekannten Windmühlen entdecken, typisch und romantisierend
für das Auge ist eigentlich nur der markante hohe Kubus mit dem runden
Spitzdach. Die Flügel, soweit sie noch dran waren sind unscheinbar kleinen
ohne Rotation, nur für die Touristen als Blickfang erhalten. Der Fortschritt
des modernen Industriezeitalters hat die Flügel längst lahm gelegt,
was dem unerschrockenen Don Quichotte nicht gelingen konnte.
Ich sehe einen Vergleich mit diesem Ritter von der traurigen Gestalt: Kämpfen
wir beide auf unseren Drahteseln nicht auch einen hoffnungslosen Kampf gegen
die Motorfahrzeuge. Im hoch entwickelten Europa, das ja schon an der Südspitze
Spaniens beginnt, suchen wir auf ausgeklügelten Nebenstrassen, der Autoflut
auszuweichen. Das erfordert einige Umwege und es beschert uns viele Berge.
Doch wir können den Motoren nicht entgehen. Nahezu alle der von uns befahrenen
Nebenstraßen sind zu breiten Rennstrecken ausgebaut, führen kreuzungsfrei
an Städten vorbei und laden zum Rasen ein. Und die Spanier rasen nach
deutschem Autobahnvorbild. Dass wir uns auf dem Randstreifen nicht unbedingt
sicher fühlen dürfen, wurde uns an einem frühen Morgen verdeutlicht.
Wir fuhren auf einen umgestürzten Kleinlaster zu. Vor dem zum Wrack demolierten
Fahrzeug stand die Fahrerin, sichtlich benommen unter Schock, aber – für
uns ein kleines Wunder - mit nur leichten Kratzern. Jutta holte ihr Handy heraus
und ließ sie telefonieren. Mit unseren bescheidenen Spanischkenntnissen
und ihren Handbewegungen konnten wir herausfinden, dass sie einem entgegenkommenden
Auto ausweichen wollte, dessen Fahrer offenbar eingeschlafen war. Meine Frau
umarmte und tröstete sie. Wir fuhren weiter als andere Autos angehalten
hatten, wenig später kamen zwei Polizisten auf ihren Motorrädern
angebraust. Eine Stunde vorher waren die beiden im höchsten Renntempo
und tiefer Kurvenlage an uns vorbei gedonnert.
Wie inspiriert von professionellen Motorradrennen rauschte eine ganze Horde
auf Motorrädern mit Motorengetöse an uns vorbei. Da gehen einem ergrauten
alten Fernradler so einige Gedanken durch den Kopf. Hat diese Temposucht der
Motorfahrer etwa mit einer Fehlsteuerung im menschlichen Gehirn zu tun. Dass
sich der menschliche Körper zur Fortbewegung aus eigener Körperkraft
entwickelt hat, wird offenbar vergessen. Die Gliedmassen müssen ja verkümmern,
wenn sie überwiegend für das Gaspedal und das Lenkerhalten benutzt
werden.
Ab und zu haben wir ja auch einige Radler gesehen und die Medienwirksamkeit
der Tour de France, die wir leider nur in kurzen Ausschnitten am Fernseher
verfolgen konnten, gibt ja vielleicht neue Anstöße, selbst aktiven
Sport zu treiben und nicht nur den Profis zuzuschauen. Nach unseren Eindrücken
auf dieser sehr, sehr langen Radreise ist es in den entwickelten Industriestaaten
nur eine kleine Minderheit, die sich körperlich aktiv bewegt. Weltweit
grassiert der Motorisierungs- und Geschwindigkeitswahn. Wir wenigen Radfahrer
können das nicht aufhalten.
Noch viele Berge türmen sich vor uns auf in Spanien für die nächsten
Tage, hoffentlich haben wir die größte Hitze hinter uns, schon neigt
sich der Sommer ja der anderen Seite zu.
Wenn wir auch die Ausläufer der Pyrenäen überwunden haben, sind
wir der Heimat ein großes Stück näher und wir freuen uns darauf,
wenn wir am 20. September bei dem für uns vorbereiteten ANKUNFTSFESTIVAL
alle unsere Freunde persönlich begrüßen können.
Schon jetzt laden wir Sie dazu auch im Namen des „Weltsichtenverlages“ ein.
Genaueres werden wir und unsere in der Heimat für uns tätigen Freunde
noch bekannt geben.
Mit herzlichen Grüssen Jutta und Gerhard
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