Wir blieben zwei Tage in Istanbul. Etliche Stunden war ich
im Goethe-Institut. Dort hatte ich die Möglichkeit, selbst
Texte zu schreiben und es wurde mir dabei geholfen, die Texte
per E-Mail nach Deutschland zu bringen. Frau Gulbin Ezel vom
Goethe-Institut hatte sich Zeit genommen und wollte mir unbedingt
auch Einiges über die Türkei erzählen.
Am nächsten Tag mussten
wir uns entscheiden, wie es weitergehen sollte. Es hatte den
ganzen Tag und auch in der Nacht sehr stark geregnet. Das lud
nicht zum Radfahren ein. Außerdem wären über
viele Kilometer stark befahrene Straßen zu überwinden
gewesen, bis wir aus dieser Stadt mit ihren vielen Vorstädten
hinauskämen. Wir entschieden uns für die Bahnfahrt
mit dem Nachtzug. Eine kürzere Strecke als Istanbul –
Ankara war gar nicht zu bekommen. Also gut, bis Ankara. Der
Herr von der Auskunft, bei dem wir die Fahrkarten kauften, versicherte
uns, dass es kein Problem gibt, die Räder ins Abteil zu
bringen. Aber wir mussten zu einem anderen Bahnhof, auf der
anderen Seite des Bosporus. Als wir mit unseren Rädern
vom Hotel loszogen, wurde uns bewusst, wie fahrradfeindlich
so eine Großstadt ist. Auch die Fußgänger tun
sich außerhalb der reinen Fußgängerzone außerordentlich
schwer. Es gibt nur ganz schmale Gehwege, dazu sehr hohe Bordkanten,
und sogar durch die kleinsten Gässchen fahren die Taxis.
Wir mussten steil den Berg hinunter und hatten Sorge, ob wir
rechtzeitig bremsen können. Wir suchten mit voll angezogener
Bremse den Weg zur Fähre und waren nicht sicher, mitgenommen
zu werden, denn die Autofähren gingen von der anderen Seite
ab. Da hätten wir wieder über die große Brücke
gemusst. Aber wir kamen mit. Mir wurde bewusst, wie schwer es
die Rollstuhlfahrer haben. Mit unseren schweren Rädern
waren wir in einer ähnlichen Situation. Es kam einer, der
uns ein Tor aufsperrte, damit wir direkt zur Fähre vorfahren
konnten. Wir mussten stark wuchten, um den steilen Anstieg zum
Schiff zu schaffen.
Wir waren sehr frühzeitig
dran, denn wir wollten noch bei Tageslicht im Bahnhof ankommen.
Da erfuhren wir, dass es nicht möglich ist, die Räder
ins Abteil zu bringen. Es bot sich ein Englisch sprechender
Jurist an, der sich für unser Anliegen einsetzen wollte.
Er ging mit dem Bahnbeamten zum Stationsvorsteher. Als er zurückkam,
sagte er: „Nein, das ist wirklich nicht zu machen.“
Aber unsere Fahrräder würden mit dem gleichen Zug
fahren. Das wäre ja noch schöner, wenn das nicht möglich
wäre, dachten wir. Eine Stunde vor Abfahrt des Zuges goss
es aus Kübeln, und wir mussten unter dem schützenden
Vordach hervor. Aber es ging dann doch sehr viel besser als
gedacht. Wir hatten immerhin erreicht, dass unsere Räder
und wir beide dazu auf einen Kleinwagen geladen wurden. Wir
wurden direkt zu unserem Zugabteil gefahren, und ich durfte
mit dem Fahrzeug bis zum Gepäckwagen mitkommen und konnte
mich überzeugen, dass unsere Räder in einem Extraabteil,
das vergittert war, am Boden gelagert wurden.
Dann kam die große Überraschung,
wie luxuriös Zugfahren in der Türkei sein kann. Die
Klasse, die wir hatten, war nicht nur preiswert, sondern absolut
Erste Klasse! Wir hatten so ein modernes, angenehmes Schlafwagenabteil
noch nie benutzt. Ich konnte in der Nacht schlafen wie in meinem
Bett, auch wenn es Jutta etwas anders erging.
Wir kamen einigermaßen
ausgeruht in Ankara an. Es regnete. Der Verkehr aus Ankara heraus
war erträglich. Der Regen hörte auf. Nun kam das Wasser
von unten. Es musste in der Nacht sintflutartig geregnet haben,
denn die Flüsse waren über die Ufer ausgebrochen.
Wir erlebten wieder etwas Neues, nämlich Wildwasser auf
der Schnellstraße. Wir wateten durch Wasser mit starker
Strömung, vorbei an einem umgestürzten Lastwagen.
An einer Tankstelle machten wir Halt und wurden dort zum Teetrinken
eingeladen, eine schöne, typisch türkische Einrichtung
offenbar. Da gab es einen Nebenraum, in dem den Kunden kostenlos
Tee angeboten wurde und in dem man angenehm sitzen konnte. Uns
tat das gut, denn es war an diesem Morgen ziemlich kalt.
Vorher hatte ich am Bankautomaten
erstmals Geld gezogen und festgestellt, dass es ziemlich einfach
ist, wie bei uns mit der ec-Karte einheimische Währung
zu bekommen. Eine Vorstellung von der türkischen Währung
hatten wir inzwischen: Eine Million türkische Lira sind
etwa 85 Euro-Cent. Unser Etappenziel hatten wir gut erreicht
und fanden auch ein Hotel. Der Ort Kirikkale war eigentlich
recht einladend. Wir haben erstmals das muntere Treiben auf
den Straßen erlebt. Das Einkaufen in diesem Riesentrubel
hat uns Spaß gemacht. Jutta machte bei einem Straßenhändler
den Versuch, für einige Obstsorten die türkische Bezeichnung
zu erfahren. Doch er antwortete beharrlich und wiederholt mit
freudigen Gesten: „Onkel Bochum!“
Dann kam unsere längste
Tagesetappe, wir waren hinterher richtig stolz darauf. Wir hatten
zwar häufig Rückenwind, aber es war trotzdem eine
stramme, sportliche Leistung. Vor allen Dingen meine Frau hat
da stark mitgehalten. Beim Halt kamen ehemalige Gastarbeiter
auf uns zu. Wir waren inmitten einiger Leute, die auf uns einredeten,
und schon kam einer mit einem Tablett mit Teetassen, mitten
auf der Straße, Ich fragte einen der Deutsch Sprechenden,
ob er noch in Deutschland arbeite. Er antwortete darauf: „Ich
48 Jahre, ich alter Mann, ich nicht mehr arbeiten.“
Wenn wir zu einem Trinkstopp
kurz anhielten, kamen sie von den Feldern heran. Da war dann
wenigstens einer dabei, der uns auf Deutsch ansprach. Meine
Frau trieb mich an, denn wir hatten es schließlich noch
ziemlich weit. Häufig wurde wir angehupt und konnten nicht
unterscheiden, ob es eine Warn- oder eine Sympathiehupe sein
sollte. Im Lauf der nächsten Tage konnte ich es dann doch
halbwegs unterscheiden. Aus vielen Autos wurde uns zugewinkt,
daran haben wir uns schnell gewöhnt. >
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