Die Strasse folgt dem Fluß, das ist immer gut für
Radler. Wieder haben wir einen schönenTag und fahren in
den erwachenden Frühling hinein. Narzissen in voller Blüte,
zart sprießendes Grün. Der Autoverkehr ist heute
Mittag von Maribor stärker, das hat uns die junge Murska
prophezeit. Sie war noch rechtzeitig vor unserer Abreise von
der Schule zurückgekommen und hat sich riesig gefreut uns
zu sehen. Meine Jutta pendelt in Abstand hinter mir, ich verlangsame
einige Male sehr stark, damit sie aufschließen kann, um
in meinen Windschatten zu kommen .Nein, heute will sie nicht.
Vielleicht packe ich die kurzen Anstiege zu schnell an. Ich
weiß, für sie fahre ich zu schnell. Aber ich denke
daran, dass wir heute nach Ptuj kommen wollen, 30 km südlich
von Maribor, da wird die Zeit knapp, weil wir so spät weggekommen
sind. Was ist anders hier in Slowenien? Es ist kaum auszumachen.
Auch hier gibt es schnelle „sportliche Fahrer“,
die es dröhnen lassen. Die Häuschen und Gärten
sind sauber gerichtet, ein bescheidener Wohlstand, keine Armut
ist erkennbar.
Da kommen auch einige Rennradler
vorbei und winken uns zu. Vor Maribor kommen wir ins Verkehrsgewühl,
aber es gibt Radwege, nur sehr holprig sind die. Wo wir auch
fragen, immer bekommen wir freundliche und hilfsbereite Auskünfte.
Einige Kilometer schwimmen wir auf der Schnellstraße inmitten
des Verkehrsflusses, alles noch erträglich.
Ptuj ist ein schönes altes
Städtchen, sagten uns die Freunde von Murska. Jetzt habe
ich meine Frau direkt hinter mir im Windschatten. So kommen
wir mit gutem Tempo voran. Ein altes Hotel fünf Kilometer
vor unserem Zielort hat meiner Frau nicht zugesagt. „Laß’
uns weiter fahren“, sagte sie. „Ganz schön
mutig“, erwiderte ich mit dem Blick auf die sich zum Abend
neigende Sonne. Ich war gerne einverstanden. Mit dem letzten
Tageslicht kamen wir in einer Therme an. Ich handelte ein ebenerdiges
Zimmer aus, und wir schoben unsere bepackten Räder durch
die Tür. Das Schwimmen in der Therme schafften wir nicht
mehr, auch nicht am nächsten Morgen, sonst wären wir
noch später losgekommen. Schade, dass wir diesen Zeitdruck
haben!
Nach Varazdin haben wir eine
Nebenstraße gewählt und erreichten die kroatische
Grenze, es war richtig idyllisch hier. Die Grenzer wollten unsere
Pässe gar nicht sehen, so rollten wir völlig stressfrei
nach Kroatien hinein und kamen auf flacher Straße schnell
voran. Je weiter wir nach Süden kamen, um so mehr fielen
wir beiden Radler auf. Auch aus den entgegen kommenden Trucks
wird uns munter zugehupt. Wir schauten den Bauern bei der Feldarbeit
zu, die den Mist mit der Gabel auf dem Feld abladen. Das ist
eine harte Arbeit, an die ich mich noch aus meiner Kindheit
erinnere. Auf 30 Kilometer haben wir einige Male einen Traktor
mit Hänger überholt. Vorne saß ein junges Paar
und die staunten und lachten, als wir vorbei zogen. Dort, wo
sich die Straße nach Westen wendete und wir den heftigen
Wind gegen uns hatten, haben sie uns wieder eingeholt. So ging
das einige Male. Einen Anhalter haben wir drei Mal passiert.
Das war ein komischer Eindruck, als er nach 20 Kilometern wieder
da stand und den Daumen reckte.
Wenn wir Stopps machen, muss
ich mir immer eine Mauer, einen Baum oder einen kräftigen
Pfahl aussuchen, damit ich mein schweres Rad anlehnen kann.
Juttas Rad hält den Radständer, meines biegt sich
durch und ist gebrochen, den kann ich wegwerfen. Die Dörfer
sind langgezogen und alle Häuser zur Straße gerichtet.
Alte Häuschen mit sehr schmaler Giebelfront, wie in Russland,
aber Steinhäuser, Holzhäuser gibt es hier nicht. Da
ist auch nicht viel Wald rundum, die vorherrschende Feldfrucht
ist hier der Körnermais. Das erkennt man an den Maiskolbendepots
an den Bauernhäusern.
Ein einziges Hotel gibt es in
Koprivnica. Wir müssen froh sein für die Bleibe, schleppen
die Packtaschen hoch und mit letzter Kraft wuchte ich die Räder
nach oben. Wir sind zwar müde, aber die Harmonie zwischen
uns beiden ist gut. Ich bin sehr froh darum.
Am nächsten Morgen hatten
wir eine Begegnung mit einem Schweizer. Er ist kroatischer Abstammung
und organisiert aus eigener Initiative einen Radweg entlang
der Mur. Das wäre eine Verbindung zum Murradweg in Österreich.
Er war begeistert von unserem Vorhaben, und wir lobten ihn für
seine Privatinitiative.
In Virovitica gibt es kein Hotel,
auch eine Privatunterkunft können wir nicht ausfindig machen.
Ich ärgere mich darüber, dass wir einen Umweg von
drei Kilometern machen müssen, um eine Bleibe zu finden.
Eigentlich wollte ich weiter, aber wir waren sehr müde.
Beide sind wir um drei Uhr nachmittags eingeschlafen.
Wenn ich aufwache, erfasst mich
ein Gefühl des Unbehagens, nicht Angst, aber Sorge, wie
es weiter geht. Die Schwerarbeit auf dem Rad in diesen ersten
Tagen hatte mich verunsichert, für Jutta war es noch härter.
„Wo liegt das Sinn dieser Reise, wenn wir uns den ganzen
Tag schinden müssen und todmüde ins Bett fallen?“,
klagte sie mich an. Aber sie ist tapfer und wusste, dass wir
heute 120 Kilometer bis Osijek fahren müssen, oder wir
suchen uns einen Privatvermieter. Die bieten sich in dieser
Gegend nicht an, weil es keinen Tourismus gibt. Also müssten
wir in einigen Häuser auf gerade wohl anfragen.
Irgendwo werden wir schon unterkommen.
Ich hatte da keine Sorge, eher Neugierde auf was Neues. Schlafen
im Freien muss in dieser kühler Jahreszeit nicht unbedingt
sein. Das will ich meiner Frau noch ersparen, mir auch.
Wir hatten noch keinen Streit
miteinander, keine heftige Auseinandersetzung, auch in diesen
ersten schweren Tagen dieser großen Tour sind wir glücklich
miteinander. Wir küssen uns, und wenn ich frage“
Liebst du mich noch?“, dann kommt ein überzeugtes:
„Freilich, immer!“ Im Bett hielten wir uns im oft
die Hände und ich sagte: „Wo du neben mir bist, bin
ich zu Hause.“ >
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