Bericht 29:
IN NORDWEST UNTERM STERNENBANNER
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Es war
ein kalter Samstagmorgen, als uns der koreanische Motelinhaber mit
großem Interesse und allen guten Wünschen verabschiedete. Eine Stunde
fuhren wir nach Osten, dann rollten wir nach einem Schwenk nach
Süden auf die Grenze zu. Das war eine kaum befahrene Straße, aber
vom Streckenprofil her ein geeigneter Übergang in den US-Staat Washington.
Es war der 23. Nationalstaat, in den wir einzureisen begehrten.
Diesmal waren wir besonders neugierig. Werden wir alle Taschen auspacken
müssen, wird möglicherweise mein Vietconghelm provokativ wirken,
fragte ich mich, als ich die Nationalflagge mit den Stars and Strips,
das berühmte Sternenbanner flattern sah. Wieder einmal kam es anders,
es erwartete uns eine Grenzidylle.
Ein Beamter mit roten Haaren - Jutta
meinte später, der sah aus wie ein Wikinger - kam mit wohlwollender
Miene auf uns zu. Er wollte nur die Pässe sehen. Dann schaute er
auf unsere Taschen. Die Frage, was wir da drin haben, war reine
Routine. Er glaubte uns. In Deutscher Sprache hieß er uns willkommen
und machte uns mit der unmissverständlichen Handbewegung nach rechts
den Weg frei zur Einreise. Ich wollte mit ihm noch reden, doch Jutta
zupfte mich zum Anfahren. Sie flüsterte mir noch zu: Der hat
doch auch gefragt, ob wir in Kanada Orangen eingekauft haben, ich
hab eine in der Plastiktüte vorn im Korb. Ich dachte, wir
hatten die alle aufgegessen, komisch die sind doch importiert aus
Kalifornien.
Was sollte schon anders sein im Staate
Washington? Die wehenden Stars and Stripes Flaggen waren häufiger
zu sehen als die roten Kanada-Fahnen im nahen British Columbia.
Und die Landschaft hatte sich geändert, wir hatten nun überwiegend
Nadelwald um uns. Coulville, unser erstes Etappenziel machte einen
ernüchternden Eindruck auf uns. Wie wir es von unserer across Amerika-Radtour
vor fünf Jahren in Erinnerung hatten. Die Zweckbauten der bekannten
Fast-Food-Motel und Supermarktketten, mit riesigen Parkplätzen umgeben.
Und teurer war es auch als in Kanada. Das sollte sich jedoch ändern,
denn wir steuerten einsamere Gegenden zu.
Auf einer Nebenstrasse kurvten wir
die Berge hoch, hatten die Regenkleidung, Mütze und Handschuhe übergezogen.
Wir mussten da durch mindestens 100 Kilometer lang. Die Straße
war nass, vor uns war da schon Regen niedergegangen. Im tiefen dunklen
Fichtenwald erwischte uns dann ein kurzer Schneeschauer. Mitten
im Wald tauchten Häuser auf. Wir haben zwar keinen Menschen
gesehen, aber hier wohnen Leute, weit weg von der Zivilisation.
Wieder einmal mussten wir uns hochwinden, viele viele Kilometer
bergauf im kühlen Wald. In diesen anstrengenden Phasen will ich
oft meiner Frau etwas Beruhigendes zurufen. Diesmal: Wir sind
oben, jetzt geht es nur noch bergab. Ihre Antwort kam prompt:
Ist gar nicht wahr, wir haben noch 100 Höhenmeter zu klettern
Ach ja, sie hat ja den Höhenmesser am Computer, da konnte ich nicht
widersprechen. Sie war an dem Tag ohnehin stärker als ich. Eigentlich
müssten wir längst an der Abfahrt sein,rief ich aus oder hatte
ich mich beim Meilenumrechnen vertan. Eine Meile ist ca. 1,6 Kilometer.
Meilen für Kilometer, Feet für Höhenmeter und Fahrenheit für Celsius,
daran mussten wir uns für einige Wochen wieder gewöhnten.
Acht Kilometer fuhren wir hinab in
Serpentinen, wärmere Luft umfächelte uns, als wir 500 Meter tiefer
ankamen, es war ein Radlergenuss, denn wir mussten nicht wieder
hoch, nicht an diesem Tag. Nach einem scharfen Knick waren wir wieder
auf Südkurs, einem Flusslauf nach. Der Wind half uns von hinten
und wir kamen weiter als geplant. In den nächsten Tagen hatten wir
viel Wasser um uns, Flussläufe, Stauseen und nach der Stadt
Sandpoint den sich imposant weitenden Lake Pend Oreille.
Wir landeten in einem kleinen Nest
mit 400 Einwohnern. Wir hatten einen freien Blick auf die steil
ansteigenden Berge mit Neuschnee in den Hochwäldern. Hier kommen
ab und zu Bären vorbei aus dem nahen Wald, auch Elche und Hirsche
sind heimisch. Gleich um die Ecke fanden wir den Store und den Pub
und wurden freudig begrüßt. Hinweisschilder auf Baustellen haben
uns nie irritiert, es gab immer eine freie Fahrbahn. Doch an diesem
nächsten Tag hatten wir zehn Kilometer Schotterstraße zu überwinden.
Ein Lotsenfahrzeug fuhr voraus und wir kämpften uns an Baustellenfahrzeugen
vorbei und schlidderten über frisch aufgeschütteten Sand. Das
hatten wir schon mal rief ich aus. Im Vergleich zu Kambodscha
ist das hier aber harmlos, rief Jutta zurück, als wir wieder
Asphalt vor uns sahen. Da wurde uns wieder einmal bewusst, wie viel
leichter die Räder auf glatter Fahrbahn rollen.
In Libby legten wir einen Ruhetag
ein. Als wir zum Einkaufen und zur Library loszogen und einige Male
die breite Straße querten, staunten wir über die rücksichtsvollen
Autofahrer. Schon 50 Meter vorher bremsten sie ab und gaben uns
den Weg frei. Weil es in den Citys keine Fußgänger gibt, fallen
wir besonders auf. Vielleicht ist das so selten, wie wenn ein Bär
oder ein Elch über die Straße trottet. Die Amis fahren jeden
Meter mit dem Auto. Geparkt wird möglichst nah am Supermarkteingang
und die Einkaufsware wird vom Servicepersonal zum Auto getragen.
In den sehr weitläufigen Einkaufszentren
dient der Einkaufswagen den Übergewichtigen oft als Gehhilfe,
da wird der Bauch im Einkaufskorb abgelegt. Ein extremes Beispiel
für die Bewegungsfaulheit ist das Drive Thru, da wird dir das georderte
Fast Food ins Auto gereicht.
Wir wurden im Supermarkt von einer
Frau angesprochen, die war sportlich schlank - nicht alle sind dick
und fett in Amerika. Sie hatte uns an den Lenkertaschen als Radler
erkannt. Ihre Einladung zum Abendessen in ihrem Haus nahmen wir
gern an.
Das Essen war nicht wichtig, es war
einfach und praktisch, die Amis sind da sehr unkompliziert. Uns
allen am Tisch ging es um die Kommunikation. Beide, Susi und Greg,
sind begeisterte Radler und sie führten uns zu ihren Tandem- und
Rennrädern. Obendrein sind sie auch ambitionierte Skilangläufer.
Sie fahren wie wir Fischer Ski und Greg ist ein Wachsexperte, in
seinem Wachskoffer ist mehr drin als in meinem. Greg ist Arzt, beide
leben seit Jahrzehnten in dem kleinen Ort und wollen da auch nicht
weg. Die Langlaufloipe spurt er selbst. Der Schnee liegt beständig
einige Monate und im Sommer haben sie verkehrsarme Straßen
zum Radfahren.
Beide sind entschiedene Gegner des
Irak-Krieges. Susi hatte ein Demo organisiert. Sie hoffen darauf,
dass der Cowboy-Präsident nicht wieder gewählt wird. Der Irak-Krieg
war für die Medien inszeniert, sagte er. Der Präsident pflegt sein
Image als entschlossener Kämpfer im Krieg gegen den Terrorismus
und er hat die Mehrheit seiner Landsleute hinter sich. Ich schilderte
ihm meine Eindrücke aus dem Fernsehen. Der traditionelle Patriotismus
der Amerikaner wird gepusht und es werden Ängste geschürt. In den
Talkrunden wird sehr häufig der 11. September zitiert, dieses Trauma
sitzt offenbar sehr tief. Zur Wachsamkeit an der Heimatfront wird
da aufgerufen. Das ruft in mir Kindheitserinnerungen wach. Wir haben
an den Highways große Poster gesehen, mit dem Adlerkopf des Wappentiers,
der Flagge und dem Ausruf "God bless Amerika" Meine Frau sagte spontan
Und was ist mit dem Rest der Welt?
Im Haus von Susi und Greg gibt es
keinen Fernseher. Alles im Fernsehen ist Entertainment mit nur einem
Ziel, möglichst viele Leute am Bildschirm zu halten für die Werbung.
Das ist auch unser Eindruck, wir verzichten inzwischen auch auf
die Wetterberichte. Ich frage mich oft, wie viele anspruchslose
Menschen gibt es, die sich das bieten lassen und ganz offenbar auch
durch die aufdringlich plumpe Werbung auch noch manipulieren lassen.
Besonders primitiv habe ich die Werbespots in Australien empfunden.
In Gesprächen mit anderen Leuten haben wir herausgehört, dass sie
sich von idealistischen Gefühlen leiten lassen. Ein Farmer, dessen
Sohn bei der Army dient, sagte mir, Bush hat richtig entschieden.
Nur wir Amerikaner konnten die Menschen im Irak vom Diktator Hussein
befreien.
Am nächsten Tag fuhren wir an einem
Stausee 100 Kilometer aufwärts auf einer breit ausgebauten Strasse
die einen starken Verkehr aufnehmen könnte, aber kaum befahren ist.
Das gibt es nur in den USA. Wir waren allein, nach 15 bis 20 Minuten
kam ein Auto vorbei. Oft haben wir angehalten, haben die heraus
gesprengten Felsdurchbrüche bestaunt, hielten Ausschau zum Stausee
und den Lärchen unter uns im frischen Grün. Zwei Tage hatten wir
uns vorgenommen, um die letzte Barriere zu überwinden, den Marias-Pass
am Rande des Glacier-Nationalparks, von 1000 Meter auf 1800 Meter.
Der Highway Nr. 2 sollte uns hinüberführen nach 150 Kilometer, auf
dieser Straße Nr. 2 werden wir bleiben, nach den vielen Süd- und
Nordschwenks in den Cascades und Rockys auf klarem Ostkurs, 1500
km lang. Es waren sonnige warme Tage, die uns erwarteten.
Eine Logge im Wald nahm uns auf. Lange
unterhielten wir uns mit dem Besitzer. Er zeigte gute Kenntnisse
über wirtschaftliche Zusammenhänge und beklagte schließlich, dass
die Regierung und die privaten Haushalte weitaus mehr ausgeben,
als sie einnehmen. Das große Problem der modernen Volkswirtschaften.
Schlecht geschlafen haben wir beide in dieser Nacht. Es war nicht
die Nervosität, wenngleich der nächste Tag Spannung versprach. Die
Stille der Nacht war einige Male abrupt unterbrochen worden durch
die Sirenen der Güterzuglokomotiven. Die Bahnlinie, die weit hinüber
in den Osten parallel zur US 2 verläuft, ist zu einer stark frequentierten
Verkehrsachse ausgebaut. Die Containerzüge sind sehr lang, von drei
Dieselloks gezogen überwinden sie auch den Pass. Auch das gibt es
in Amerika, die Verlegung des Güterverkehrs von der Straße
auf die Schiene. Immer wenn so ein kilometerlanger Güterzug vorbeikommt,
denke ich daran, wie viele überschwere Trucks dadurch eingespart
werden.
Es war ein Dreiklang der Fortbewegung
am nächsten Tag. Der Fluss, der mit breiten Wellen das Wasser talwärts
schickt, die Bahn mit ihren Güter- und Personenzügen und die Straße
mit uns beiden. Das sind auch noch Autos durchgefahren, aber die
haben uns nicht gestört. Auf der US 2 gibt es keinen Durchgangsverkehr,
das hätten wir nie erwartet. Einige Male lag das Flussbett tief
unter uns und wir wussten, da müssen wir wieder hinab, denn die
Straße folgt dem Fluss. Die Güterzüge sahen wir auf der Gegenseite
aus einem Tunnel kommen, einige Kilometer weiter ratterten die Waggons
links über uns. Wir wussten, erst wenn der Fluss zum Rinnsal wird,
sind wir oben. Das zermürbende Auf und Ab wechselte in ein gleichmäßiges
Bergan. Weiter unten hatten wir uns noch einige Sprintduelle einer
Bergwertung geliefert. Nun spurten wir gleichmäßig im
kleinen Gang. Grandiose Ausblicke zu den gleißenden Gletschern und
Bergspitzen taten sich auf, zur rechten hatten wir einige gischtende
Wasserfälle. Das Wildbachbett wird steiler und länger. Da
oben geht es nicht mehr höher, rief ich aus.
Wir kamen an und hatten das Schild
vor uns: MARIAS-PASS, 5236 FEET, CONTINENTAL DIVIDE. Das war ein
Fotomotiv mit uns beiden und ich holte das Stativ heraus. Wir umarmten
uns am freundlichsten Pass, den wir erklommen haben. Es war sonnig
mild, einfach angenehm. Von hier fließt das Wasser in den Atlantik,
nicht mehr in den Pazifik. Der weite Weg nach Osten war frei für
uns und wir rollten bergab. In 1500 Kilometer haben wir die Cascades
und Rockys gekreuzt, 15.000 Meter sind wir hochgeklettert und auch
wieder abgefahren und sind heil angekommen, wir konnten in den Abfahrten
den tückischen Glasscherben auf unserem Randstreifen ausweichen,
die unsere Reifen zerfetzen könnten. Mit Windschub in die Higher
Plains. Es war eine Lust, der Wind trieb uns an und es öffnete sich
ein ganz anderer Landstrich.
Die Wälder rückten zurück und verschwanden
ganz. Das waren also die Higher Plains mit weitgeschwungenen Bergrücken,
mit dem Gelb, der Windruhe hier oben auf noch 1400 Meter. Ein völlig
neues Raderlebnis hatte uns erfasst, mit Rückenwind leicht bergab,
es war wie ein Rausch, der Tacho pendelte bei 35 und 40. Das gleichmäßige
Surren unserer Reifen vernahmen wir als angenehmen Sound, kaum gestört
durch Motorengeräusche. Die Lokomotivführer grüßten mit ihren
Sirenen zu uns herüber. Und der Wind, der uns in Australien so lästig
in den Ohren dröhnte, war still für uns. Nur an den wehenden Gräsern
konnten wo erkennen, dass wir mit ihm fuhren, mit dem Wind als unserem
Helfer. Die Hügelanstiege konnten wir mit Bravour nehmen mit Tempo
und hoher Trittfrequenz der Senke hoch. Juttas Computer meldete
einen Schnitt von 28,5 für 110 Kilometer.
Mittags um ein Uhr waren wir im Ziel.
Die Bergregion liegt schon 300 Kilometer hinter uns und wir schauen
voraus hin zur Mitte des Kontinentes, die wir in einer Woche erreichen
können.
Es geht uns gut, die Heimat rückt
näher und wir grüßen unserer Freunde in aller Welt.
Jutta und Gerhard
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