|
Die beiden Ruhetage in Cenduna haben uns gut getan. Wir spürten
es im angenehmen Wohlbefinden, wie sich der Körper mit der
strapazierten Muskulatur erholte und wir verstanden es als Signal:
Es war höchste Zeit. Jutta war in diesen Tagen besonders besorgt
„Du hast nichts mehr zuzusetzen, kein Gramm Fett unter der
Haut, du brauchst endlich Ruhe. Ich kann immer noch ein Fettpolster
einsetzen, Du nicht“. Das war ihre Erklärung, warum sie
in den Schlussphasen längerer Tagesetappen stärker war
als ich. Ich wusste es selbst und hatte es jeden Tag mehr und mehr
gespürt, wie sehr ich eine Regeneration nötig hatte, und
nötig hatte ich die Liebe und Zuwendung meiner Frau, besonders
in diesen Tagen, wo ich mich in den äußersten Grenzbereich
meiner körperlichen Belastungsfähigkeit gewagt hatte.
Als wir im Bett lagen und unsere Erinnerungen austauschten, wie
schon so oft auf dieser Reise, wurde mir an diesem Tag besonders
bewusst, welches Glück mir widerfährt, dass mich meine
Frau begleitet und alles mit mir teilt, glückliche Stunden
und harte Belastungen, angenehme Überraschungen, aber auch
menschliche Enttäuschungen.
Langsam hatten wir uns daran gewöhnt, dass die Aussis ganz
anders sind als die Asiaten. Ich habe oft Gespräche gesucht,
im Caravan-Park gibt es da gute Gelegenheiten und ich hatte da meist
den Eindruck, dass sich die Australier mit einem Abwehrpanzer umgeben,
den man erst aufsperren muss. Und selbst nach einem längeren
Gespräch bleibt ein Rest von Misstrauen.
Es sind überwiegend Rentner, die auf ihren Reisen mit dem Wohnwagen
wochen- und monatelang unterwegs sind. Eine Frau erzählte mir
stolz, dass sie zwei Jahre im Land umhergefahren ist, von einem
Caravan-Park zumanderen. Die allermeisten haben ihre große
Insel noch nie verlassen und ihr Interesse an unserer Reise beschränkte
sich auf Australien, alles andere entzog sich ihrer Vorstellungskraft.
Einige schauten mich fassungslos an, als sie hörten, dass dies
unser 18. Land ist, das wir bereisen. Es ist uns aufgefallen, dass
sich die Kontakte untereinander auf die üblichen Höflichkeitsfloskeln
an den Toilettenanlagen beschränken. In den Caravan-Parks gibt
es keine Gemeinschaftsräume und auch keine Gaststätten.
Dass die Menschen uns Radlern mit Misstrauen begegnen, war ja völlig
neu für uns. An einem frühen Morgen hatten wir noch Wasser
an einer Tankstelle eingekauft. Da fuhr ein Auto zum Tanken vor.
Die Leute blieben aber im Auto sitzen, bis wir uns auf den Weg gemacht
hatten. Konnte von uns eine Gefahr ausgehen? Wir wollten das eigentlich
alles übersehen und nahmen es erleichtert zur Kenntnis, wenn
wir aus fahrenden Autos heraus aufmunternd gegrüßt wurden.
Ganz sensationell sind Fernradler in diesem Land nicht. Wir haben
einige andere getroffen. Für einen Autofahrer wäre es
ja unvorstellbar, auf freier Strecke anzuhalten und seinesgleichen
zu begrüßen. Für uns Radler ist es immer ein Ereignis.
Der erste war ein Aussi um die dreißig. Ihn entdeckten wir
im angrenzenden Busch, wo er zu Mittag gekocht hatte. Hinter seinem
schwerlastigen Trailer hatte er ein Schild, mit dem er um Wasser
bat, Er war gerade mit Wasser von einem Autofahrer versorgt worden
und bot uns eine Flasche an. Er entpuppte sich als ganz besonderes
Exemplar eines Einzelgängers, der sich dem Busch verschrieben
hat. Er fährt täglich 50 bis 60 Kilometer und schläft
immer im Busch. Etwa alle zehn Tage schlägt er sein Zelt in
einem Caravan-Park auf und hat großen Waschtag. So ist er
schon zwei Jahre in Australien unterwegs. Wenn ihm das Geld ausgeht,
versucht er, mit Gelegenheitsarbeiten Geld zu verdienen.
Schon am Tag darauf trafen wir einen anderen jungen Aussi, groß
und kräftig war der. Auch ihm hatte der Gegenwind stark zugesetzt.
Sein selbstgestecktes Tageslimit waren 100 Kilometer und auch er
schlief meist im Busch .Ein sehr sympathischer junger Mann. Als
wir nach den beiden Rasttagen wieder aufgebrochen waren, haben wir
einen Neuseeländer eingeholt, sein Ziel war Melbourne, auch
er schlief meist im Busch. Als wir uns einiges erzählten, kam
plötzlich der junge Aussi von den Vortagen an, er hatte uns
während unserer Rasttage wieder eingeholt. Als er angehalten
hatte, zeigte er auf uns, schüttelte mit dem Kopf und sagte
„They do 186 kmon one day, I cannot believe that“. Er
ist dann vorausgefahren und ich konnte erkennen, dass er mächtig
in die Pedale trat, kraftvoll ruckartig mit seinem Trailer im Schlepp.
Es war deutlich erkennbar, dass er sich am Limit bewegte. Dass er
kein erfahrener Fernradler war, erkannte ich auch an seinem Wassersack,
den er sich auf den Rücken geschnallt hatte, mit dem Trinkschlauch
am Mund. Mit rundem Tritt sind wir an ihm vorbeigezogen und ich
habe ihm ein paar aufmunternde Worte zugerufen. Das konnte er jedoch
nicht verstehen, denn er hörte offenbar die neuesten Nachrichten
vom Irak-Krieg des George W. Bush ab. Die Australier hatten in den
Wochen davor mit großer Mehrheit den Krieg und die Beteiligung
an der Militärallianz abgelehnt. Als die Angriffsaktionen beendet
waren und alle beteiligten australischen Soldaten unverletzt heimkehren
durften, ist die Zustimmungsrate zur Politik der Regierung stark
angestiegen.
Auch wenn wir wieder die ersten menschlichen Ansiedlungen erreicht
hatten, die Einsamkeit über große Entfernungen war noch
lange nicht zu Ende. Wir hatten das gleichförmige Braun der
abgeernteten Getreidefelder vor Augen über weite Flächen,
so weit das Auge schweifen konnte. Bei der trockenen sandigen Dürre
konnten wir uns kaum vorstellen, dass es da gute Getreideernten
gibt. Wie zum gegenteiligen Beweis dafür ragten in Abständen
von 70 bis 100 Kilometer gewaltige Getreidesilo-Anlagen in den Himmel
und kündigten schon von weiter Ferne die nächste „town“
an. Die erste, die wir erreichten, hatte ganze 58 Einwohner, mit
Post Office, PoliceStation und einem Hotel aus der Gründerzeit
als Kommunikationscenter. Wenn auch die „city“ wie ausgestorben
ist, an der Bar im Pub sitzen immer Leute. An den Abenden zum Wochenende
ist dann richtig was los, wenn die Farmer mit ihren Familien zum
Essen kommen. Da klingeln auch die Spielautomaten und an der Bar
stehen die Männer und Frauen in Zweierreihen. Wir hatten noch
eine anstrengende Kraftprobe zu bestehen. „Nur“ 80 Kilometer
waren es bis Minnipa, doch an diesem Tag hatte sich der Wind gegen
uns verschworen. Schon im Morgengrauen, wenn es sonst noch fast
windstill war, blies er uns heftig an, direkt von vorn. Wir zählten
jeden Kilometer, mussten häufig absteigen und verschnaufen,
wenn wir nicht umgeblasen werden wollten. Wir hatten auch keine
Chance, auf der Ladefläche eines PickUps mitgenommen zu werden.
An einer Tankstelle auf halbem Weg klopften wir zweimal vergeblich
an, die waren nur im Nahbereich unterwegs.
In den Tagen darauf kamen wir in etwas größeren „towns“
an. Wudinnea, es mögen da etwa 1000 Menschen wohnen, haben
wir in guter Erinnerung. Hier trafen wir erstmals auf viele freundliche
Menschen. Eine Frau, deren üppig blühenden Vorgarten wir
bewunderten, schenkte uns Aprikosen. In der Library wurden wir zum
Mailen besonders freudig begrüßt, und das ganze Städtchen
mit den alten historischen Gebäuden und den einladenden Wohnhausern
strahlte Charme aus.
Zu unserer Verblüffung hatten wir dann wieder trockenes Buschland
zu durchqueren, 250 Kilometer unberührte Natur, die dem Menschen
keine Nutzungschance bietet. Nur anspruchsloses niedriges Buschwerk
mit viel Sand, eigentlich mehr Wüste als in der Nullorbor.
Eindrucksvoll mit einem Schauer von Einsamkeit vermittelte der Ausblick
von den kleine Anhöhen schnurgerade das Straßenband bis
hinüber zum Horizont, das unendlich gleichförmige Land
durchschneidend. Wir machten nur 40 Kilometer vor der Hafenstadt
Port Augusta nochmal Einkehr in einer Ranch. An diesem Tag war uns
das Wasser knapp geworden. Von dem Farmer, der auch ein kleines
Motel und ein Restaurant betreibt, erfuhren wir, dass er Schafe
hält. Schon kurz vorher waren uns Schafe in keiner eingezäunten
Fläche aufgefallen. Was fressen die, fragten wir uns, da waren
nur Büsche, kein Grashalm. Die Schafe fressen tatsächlich
die trockenen Blätter von einigen Buschsorten, das Fleisch
der Tiere wird dadurch besonders aromatisch.
In Port Augusta, wo wir in einem Caravanpark gelandet waren, zweigt
der Highway nach Süden ab. Der Nordostwind, der uns spitz von
vorn angeblasen hatte, sollte eigentlich zum Schiebewind werden.
„Du wirst sehen, morgen kommt der Wind vom Süden.“
orakelte meine Jutta sarkastisch. Tatsächlich, in der Nacht
hatte es geregnet und die Nationalflagge am Parkaeingang zeigte
Südwind an. Inzwischen hatten wir uns telefonisch in Adelaide
bei Margret& Graham Kday angemeldet. Es sind Freunde unseres
Verlegerpaares Axel &Peter. und erwarteten unseren Besuch. Sie
hatten uns Empfehlungen und Informationen für die Nullorbor
gegeben. Fürsorglich empfahlen Sie uns die Nebenstrassen auf
dem Weg nach Süden. Der stark befahrene Highway wäre zu
gefährlich. Wir wagten noch 100 km auf der Durchgangsstrasse
und wichen vor den anrollenden Roadtrains rechtzeitig auf den Seitenstreifen
aus und gönnten uns in der alten Hafenstadt Port Pirie noch
einen Ruhetag. Der Hafen macht einen verlassenen Eindruck, denn
der einst florierende Schiffs und Bahngüterverkehr ist stark
rückläufig. Das erzählte uns ein Rentner, der auf
dem Weg zu den Spielautomaten im nahen Pub war, sein Nachmittagsvergnügen,
wie er sagte.
Wir freuten uns auf die Weinregion ClareVally. Vorher hatten wir
noch einige Hügel bergauf und ab zu überwinden und es
war unser erster Regentag seit drei Monaten. Das störte uns
jedoch nicht. Viel wichtiger es, dass wir endlich mal den Wind von
hinten hatten. Es ist ein fruchtbares Land, das wir da durchfuhren.
Auf den abgeernteten Feldern waren viele Strohballen gestapelt.
Dazwischen Schafe im gleichen Gelbton wie das Stroh und die Felder.
Doch auch hier waren wenig Menschen anzutreffen. Wir fuhren durch
ein kleines Städtchen, am Post Office an der Schule, und am
Supermarkt vorbei. Es war 11 Uhr vormittags und wir haben nicht
einen Menschen gesehen, es mutete an wie eine Geisterstadt.
Die erste Flasche Wein haben wir uns in der Wein- und Touristenstadt
Clare gegönnt. Wieder waren es völlig neue Eindrücke,
die Weinreben hatten schon den Gelbton der herbstlichen Färbung
und die Blätter der Laubbäume leuchteten auch schon in
herbstlichen Farbtönen. Wir kamen an einem Ampelstopp an und
fragten uns, wann wir an der letztmals an deiner Ampel anhalten
mussten. Da liegen etwa 2.000 km dazwischen.
Wir waren also endgültig im Herbst angekommen, es war deutlich
kühler geworden, die Sonne kam nicht mehr so steil hoch und
die Tage sind kürzer. Wir erreichten Adelaide, unsere Freunde
waren uns entgegengefahren, und wir erreichten ohne Suchstress deren
Haus im Vorort Mitcham. Wir hatten uns entschieden unseren Australientrip
in Adelaide zu beenden, nahezu 3000 Kilometer sollten genug sein.
Wir hatten kälteres und regnerisches Wetter zu erwarten gehabt
auf einem weiteren Weg nach Melbourne oder Sydney.
Margret und Graham haben uns sehr herzlich aufgenommen und wir fühlen
uns sehr wohl hier. Beide sind ein Beispiel von körperlicher
und geistiger Aktivität im Alter, denn auch sie haben die 70er
Marke schon überschritten. Sie sind begeisterte Radler, aktiv
im örtlichen Radclub und in der Radlerorganisation von South
Australia. Sie haben andere Kontinente, vor allem Europa auf ausgedehnten
Radtouren erkundet und sind voller Pläne für die Zukunft.
Das ermuntert uns, weiterhin aktiv zu bleiben, so lange es geht.
Beide sind ausgezeichnete Gastgeber und wir wissen nicht, wie wir
das alles erwidern können. Wir haben uns an einer Radtour mit
einer Vereinsgruppe in die näheren Umgebung beteiligt und beide
wollen uns in den nächsten Tagen noch einiges zeigen in der
herrlichen abwechslungsreichen Region um Adelaide. Selbstverständlich
werden wir uns zu diesem Zweck auf die Räder schwingen.
Sie sind zuversichtlich, dass wir Koalas in freier Natur sehen werden.
Am Ostermontag fliegen wir nach Fidji in das uns so vertraute tropische
Klima und am 1. Mai kommen wir in Vancouver an und wollen dort den
Frühling einfangen.
Wir wünschen all unseren Freunden sein schönes Osterfest
in das frühlingshafte Germany aus dem herbstlichen Adelaide.
Jutta
und Gerhard
|