Weder die Serben noch die Bulgaren erlauben das Fotografieren
an der Grenze. Der Bulgare sprach etwas Englisch und drückte
uns einen Prospekt in die Hand. Visa brauchen wir für dieses
Land nicht. Er las in unseren Pässen wie in einem Buch,
versuchte die diversen Visa zu entziffern, schüttelte den
Kopf. Mit dem Fahrrad? Mit der Verständigung wird es schwieriger,
je weiter wir auf dem Balkan nach Südosten vorankommen.
Die Speisekarten sind nur kyrillisch, auch die Straßenschilder
– ja, wir müssen uns mit dem Entziffern des kyrillischen
Alphabetes beschäftigen. Ansätze dafür sind von
unseren Russlandreisen vorhanden. Es fiel uns auch auf, dass
es bei Serben und Bulgaren russische Ausdrücke gibt.
Nach dem Grenzübergang wechselten
wir in eine andere Welt. Kaum zu glauben, dieser Kontrast. Weit
zurück sind die hier, so als ob die Uhr vor 50 bis 60 Jahren
stehen geblieben ist. Das waren unsere Eindrücke im ersten
Dorf. Ärmliche kleine Wohnhäuser, alte verfallene
Gebäude, der abbröckelnde Lehmputz legt eine sehr
schlichte Holzbauweise frei. Aber auch hier leben Menschen -
auf bescheidenem Niveau zwar, aber auch hier blühen in
den Gärten Narzissen, Tulpen und der Flieder. Die aufbrechende
Natur ist schon etwas weiter, das ist doch wenigstens etwas.
Typische Merkmale der Armut oder
der sehr bescheidenen Lebensverhältnisse konnten wir in
diesem Tagen daran erkennen: Die wichtigsten Fortbewegungsmittel
sind Pferd, Muli und Ochse. Der wichtigste Energielieferant
ist das Holz. Holz nicht etwa aus Baumstämmen ofengerecht
zerkleinert: Die Leute sammeln Äste, Zweige Baumstümpfe
und kleine Bäumchen am Straßenrand. Ein Mann hackte
im Straßengraben kleine Bäumchen mit einem offenbar
stumpfen Beil um, während die Frau am Eselkarren wartete,
bis sie Einiges aufladen kann. Da trippelte ein Muli gemächlich
daher und musste ein Wägelchen ziehen, in dem vier Leute
kauerten. Das ist offenbar der ganz normale Alltag hier. Entspannte
Gesichter haben sie schon. Ob sie zufrieden sind? Zeigt sich
nicht auch Besitzerstolz in den Mienen, wenn sie eine Kuh am
Seil nachziehen, einige Ziegen vor sich her treiben oder ein
halbes Dutzend Schafe weiden lassen? Reicht ihnen das oder trachten
sie nach mehr, dem uns Menschen angeborenen Triebe nach? Pure
Armut ist es jedoch, als ich sah, wie zwei Buben am Steilhang
morsche kleine Baumstümpfe weghackten. Am Straßenrand
hatten sie zwei winzig kleine Kinderwägelchen zum Abtransport
des Holzes bereitgestellt.
Wir fahren auf breiter, überraschend
guter Straße mit dem Wind im Rücken hinüber
in Richtung Donau. Die Grenzstadt Vidin lassen wir liegen. Ein
anderer Stadt, eine andere Währung, und dann noch Bulgarien,
wo die Kriminalität sehr hoch sein soll – wir wurden
gewarnt, Bulgarien zu durchfahren. Das baut Anspannung und Nervosität
auf. Wo würden wir heute nacht schlafen? Montana, wo es
ein Hotel geben soll, konnten wir nicht erreichen. Wir hatten
heftigen Seitenwind und Berge vor uns, noch 100 Kilometer am
Nachmittag sind da zuviel. Wir entschieden uns für die
Donauroute nach Lom, dort sollte es eine Herberge geben. Aber
die Grenzstadt sei ziemlich verwahrlost. Wenn das schon Bulgaren
sagen, dann muss das was heißen. Es wäre ein Umweg
von etwa 35 Kilometer.
Da tat sich nach eineinhalb Stunden
eine Kreuzung auf, die sich auf unserer dürftigen Karte
nicht fand. Rechts nach Montana 50 Kilometer, links auf erkennbar
schlechter Nebenstraße nach Lom 35 Kilometer. Ehe wir
uns entschieden hatten, zeigte meine Frau nach rechts hinüber.
Da war doch tatsächlich zu lesen: „Motel und Restaurant“.
Nicht kyrillisch. Und das Haus im oberbayerischen Stil! Es machte
einen sauberen Eindruck. Das ist doch keine Fata Morgana? Zwei
flinke schwarzhaarige Burschen kamen uns entgegen, winkten uns
herbei, redeten Bulgarisch auf uns ein. Die Räder wollten
sie gleich in die Garage bringen, die aber von außen offen
ist. Ich winkte ab: „No garage.“ Da tauchte plötzlich
ein älteres Frauchen auf. Aber was heißt älter?
Ich bin nur zwei Jahre jünger als sie, wie wir erfahren.
Einer der Burschen deutete auf sie: „Chefin.“ Und
die Chefin sprach leidlich Deutsch. Leicht gebeugt, mit einem
müden, warmherzigen Lächeln, stand sie vor uns. Wir
spürten, diesen Menschen können wir uns anvertrauen.
Sie erzählte uns, das Haus gehöre ihrer Tochter, die
lange in Bayern gelebt hat und mit einem Deutschen verheiratet
war. Deshalb heißt das Haus „Werner“.
Wir nahmen die Bleibe wie ein
Geschenk des Himmels an. Über die Mängel in der Dusche
und in der Einrichtung konnten wir da gerne hinwegsehen. Und
die Männer kochten für uns individuell. In der Wirtsstube
mit Anzeichen von bayerischen Ambiente sprachen uns zwei Deutsche
an. Der eine stellte sich mit „Markwart“ vor, ein
mutiger Existenzgründer.
Er kommt aus Schwerin in Mecklenburg-Vorpommern,
wo es viele Arbeitslose gibt. Er will ausgerechnet in dieser
bulgarischen Ecke sein Hobby zum Beruf machen, die Vermehrung
von Zierfischen. Vier Gründe nannte er für die Standortwahl:
niedrige Investitionskosten, billige Arbeitskräfte, ein
sehr sauberes, weiches Wasser und billigen Strom. Er ist noch
in der hoffnungsvollen Anfangsphase. Vor drei Wochen kam der
junge Mann hier an. Ich wünsche ihm wirtschaftliches Gespür
und Erfolg. Er und sein Freund, der zu Besuch da ist, können
von ihren ostdeutschen Schulkenntnissen her kyrillisch gut lesen.
Aber sie verstehen nicht die Landessprache. Da stützen
sie sich auf einen als Mitarbeiter angeworbenen Bulgaren, der
jedoch nur einen recht bescheidenen deutschen Sprachschatz hat.
Gemeinsam haben sie uns bei unserer
weiteren Routenwahl beraten. Wir müssen nämlich über
die Berge hinüber nach Sofia. Die Gebirgskette, die übersetzt
„die alten Berge“ heißt, erstreckt sich wie
ein Band von West nach Ost, in den Höhen vergleichbar mit
unseren Voralpen. Vom direkten Weg, den ich eingeplant hatte,
rieten sie ab. Der Pass bei 1.420 Höhenmeter war in den
Vortagen tief verschneit. Sie mussten mit ihrem Auto umkehren,
weil vor ihnen zwei Lkws stecken geblieben waren. Es war auch
heute noch sehr kühl, in den Vortagen war es richtig kalt.>
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