| Es ist eine lange
Wegstrecke hinunter nach Südthailand, durch diesen schmalen
Korridor, wo sich Thailand bis auf 20 Kilometer von der Küste
bis zur burmesischen Grenze verengt, an der Grenze zu diesem
von der Moderne noch sehr unberührten, aber für
uns Radfernfahrer versperrten Land. Würden wir auf dieser
sicher stark frequentierten Verkehrsachse für uns Radler
zumutbare Bedingungen vorfinden und wie stark wird uns die
tropische Schwüle bremsen? Eigentlich war ich im Zweifel,
ob wir das mit eigener Kraft schaffen können, denn unser
Zeitpolster ist enger geworden durch die Unterbrechung und
den Umweg über Kambodscha. Doch schon am ersten Tag,
als wir aus dem Touristenghetto Hua Hin ausgebrochen waren,
wurde unser sportlicher Ehrgeiz geweckt, da leisteten wir
uns auch noch einen Umweg über einen Nationalpark. Knapp
700 Kilometer haben wir heruntergestrampelt in sechs Tagen,
da konnten wir uns zwei Ruhetage gönnen und hier in NokhanSiThammarant
leisten wir uns zwei Nachte in einem Superhotel – ein
anderes gibt es hier nicht für 25 Euro die Nacht, der
Komfort ist hier unglaublich billig zu haben. Im großen
Swimmingpool waren wir die einzigen Gäste.
Früh um halb sieben haben wir
unsere Stahlrösser gesattelt. Einmal, als wir in einem
kleinen Häuschen geschlafen hatten, war es noch stockdunkel,
als wir unsere Räderl zur Tür hinausbugsierten.
Dann kam ganz schnell die Helligkeit mit gelbem Licht vom
Osten und wir erlebten das Phänomen der kurzen Dämmerung
in Equatornähe. Der glatte; Randstreifen, der für
Radler und Motorbiker reserviert ist, verleitet zum schnellfahren.
Da werden Renninstinkte geweckt, wie auf dem Rennrad in Training
und Wettkampf. Nur dass jeder von uns noch 40 Kilogramm mehr
zu bewegen hat.
In kurzen Abständen kamen die
Kilometersteine auf uns zu und die lang gezogenen Anstiege
konnten uns auch nicht schrecken, recht flott kurbelten wir
hoch. Das fördert auch den Übermut. Da zog meine
Frau im Wiegetritt im Stil des Toursiegers Lance Armstrong
an mir vorbei. Das hat mich schon deshalb verblüfft,
weil sie eine Stunde zuvor noch erbrochen hatte und ich schon
Schlimmeres ahnte. Da musste ich natürlich kontern und
rief ihr im Vorbeifahren zu, der Löwe kommt.
Meist waren wir schon zur Mittagszeit
an unserem Tagesziel. Gestern waren wir so früh dran,
dass wir noch die nächste Tagesetappe dranhängten.
Nach 146 Kilometern haben wir nachmittags um drei unsere vollbepackten
Räder an den verblüfften Hotelboys in die feudale
Hotellobby geschoben. Der schwülen Hitze können
wir jedoch nicht entgehen, so gegen 10 Uhr schickte uns die
steil aufgestiegene Sonne ins Schweißbad und zwang uns
zu Zwischenrasten; spätestens dann, wenn die schweißnassen
Hände so seifig geworden waren, dass sie am Schaltgriff
abrutschten. Aber auch auf dieser Straße, wo wir im
Lärm der dröhnenden seelenlosen Motoren keine menschlichen
Regungen erwarten durften, wurden wir als Exoten erkannt und
beachtet. Die überholenden Motorbiker rufen uns zu und
aus den hohen Fenstern der mächtigen Laster sehen wir
winkende Hände.
Einmal saßen wir zu einer kurzen
Rast an einer Bushaltestelle. Da hielt ein Laster an, der
Fahrer kam zu uns heran und wollte uns aufladen. wir konnten
dieser Versuchung widerstehen, so gut wie wir drauf waren,
obwohl wir noch 65 Kilometer vor uns hatten und wir im Schweiß
trieften. Vielleicht fallen wir auch deswegen so stark auf,
weil die Radfahrer in Thailand ausgestorben sind. Auch die
Unterpriviligierten können sich offenbar ein Motorfahrzeug
leisten, auch wenn es ein uraltes, stinkend tuckerndes ist.
Wir haben auch nicht ein Kind auf einem Fahrrad gesehen. Welch
ein Gegensatz zu Vietnam und Kambodscha. Nur sehr vereinzelt
sind Fahrräder zu sehen, auch die Fahrer wirken von ihrer
Kleidung her wie Zeugen einer vergangenen Epoche. Wohltuend
ist, dass sehr wenig gehupt wird und wir als Verkerhrsteilnehmer
bei Einfahrten meist ernst genommen werden.
Die Landschaft ist geprägt von
Kokospalmen, weit hinüber stehen sie hoch aufragend und
solitär bis zu den Bergrücken im Westen. Es ist
Erntezeit, Berge von Kokosnüssen sind zu sehen. Arbeiter
schenkten uns zwei riesige Nüsse, die sie oben vorsichtig
öffneten. Sie waren randvoll mit Kokosmilch, mehr als
ein halber Liter war da drin. Wir schwelgen in tropischen
Früchten. Bananen, auch hier nur büschelweise zu
haben, zuckersüße Mangos, die auf der Zunge zergehen,
Ananas, von den Straßenhändlerinnen essfertig zubereitet
mit betörendem Aroma, Papayas, Litschis, Melonen, Mandarinen
und andere bei uns nicht bekannte tropische Früchte.
Jede Frucht mit einem anderen Aroma.
Ich muss gegen Mittag eine Nudelsuppe
haben, das brauche ich schon wegen der Salze. Wir können
nach wir vor weder verdursten noch verhungern in Ostasien.
Diese vielen Straßenhändler und zahlreichen Suppenküchen
werden wir sicher in Übersee vermissen. Unsere Gedanken
gehen nämlich schon voraus nach Australien. Zunächst
aber steuern wir Malaysia an und sind gespannt, wann uns die
ersten Monsunregengüsse erwischen, den wir bisher entgehen
konnten.
Herzliche Grüße von Jutta
und Gerhard!
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