Wir waren live dabei, als es begann
in Pnom Phen – die demonstrierende Jugend mit Tranparenten,
Sprechchören und Nationalflaggen, aber nicht in Marschkolonnen,
nein auf Motorbikes kamen sie daher, zu Hunderten. Was zunächst
nach einer harmlosen Studentendemonstration aussah, eskalierte
am Nachmittag und in der Nacht. Wir hörten Detonationen;
gleich um die Ecke hinter unserem Hotel brannte ein Geschäftskomplex.
Am nächsten Tag hörten wir, dass auch Hotels von
Thai-Eigentümern und die Botschaft des im Vergleich zum
armen Kambodscha mächtigen Thailands niedergebrannnt
wurde. Die Botschaft des Nachbarstaates dem brandschatzenden
Mob auszuliefern, könnte als Kriegserklärung verstanden
werden. Doch schon in den Tagen darauf hatte sich der entladene
Volkszorn beruhigt und die Premierminister beider Länder
redeten über die Entschädigung. Und das alles nur,
weil eine zwanzigjährige Thai-Film-Diva die Tempelstätten
Angkor, das Nationalheiligtum der Khmer für Thailand
reklamiert hatte. Uns hat das alles nicht unmittelbar bedroht
und Tage später konnten wir ungehindert die Grenze passieren.
Die Touristen waren von der Grenzblockade nicht betroffen.
Ja, wir fühlten uns richtig
wohl in Pnom Phen. Wir hatten uns an den Trubel und heftigen
Motorbikeverkehr gewöhnt, wenn wir abends loszogen und
zum Essen an der Straße saßen. Wir haben uns auch
in die engen Gassen getraut , wo uns die Armut anschaute.
Die Jugend bestimmt nicht nur das Strassenbild – es
ist die starke Mehrheit und es rumort in der Jugend. Studenten
haben eine eigene Partei gegründet und wollen mit radikalen
Methoden die Korruption bekämpfen.
Meine Schaltung für die Rohloff-Nabe
ist wieder in Betrieb. Der Hausmeister Lohmeier von der Botschaft
hat das Problem gelöst. Wir durften auch die Gastfreundschaft
von Botschaftsangestellten in Anspruch nehmen; vielen Dank
an Frau Hensel.
Wer erinnert sich noch an die Schreckensherrschaft
des Pol Pot und seiner roten Khmer– es ist keine 25
Jahre her. Mehr als zwei Millionen wehrloser Menschen, die
Intelligenzschicht von Pnom Phen und aller der Gegnerschaft
Verdächtigen wurden ermordet in den „Killing fields“
15 Kilometer außerhalb der Stadt, wo Berge von Menschenknochen
und Schädel ausgegraben wurden. Wir waren einige Stunden
in einem zum Museum und zur Gedenkstätte umgewidmeten
ehemaligen Gefängnis, wo die Unschuldigen seelisch gequält
und physisch gefoltert wurden; hunderte Häftlingsfotos
haben wir angesehen. Beim anschließenden Besuch einer
Pagode sagte Jutta „Lass uns der Toten gedenken“.
Mit dem Schiff sind wir auf dem Tkoenle-River
Richtung Angkor gefahren. Helfende Khmer stemmten unsere Räder
mit ausgestreckten Armen hoch und balancierten damit über
die schmalen schwankenden Hühnerleitern auf das schlanke
Schiff und später auch wieder herunter. Wir waren unter
jugendlichen Packbackern, die auf der niedrigen Reeling des
Decks wie Hühner auf der Stange saßen. Wir konnten
hinüberschaun auf das von der Moderne unberührte
Khmer-Leben am Ufer, wo alte Kahne dümpelten und die
primitiven reisstrohgedeckten Hütten auf hohen Stelzen
stehen und uns Menschen wie aus einem anderen Zeitalter zuwinkten.
Sehr viel näher kamen wir den Flußanwohnern, als
sich unser Schiff langsam tuckernd durch stehendes Wasser
winden musste. Da konnten wir in die Hausboote schaun. Frauen
bruzzelten Fisch oder Fleisch und schickten uns Duftproben
herüber. Kinder schaukelten in der Hängematte. Männer
bewegten stehend kippelige Holzboote mit dem Rührpaddel
und dazwischen knatternde dieselstinkende Außenbordmotore.
Als Allerletzte haben wir das Schiff verlassen und schoben
unsere schweren Räder durch tiefe Mulden, Sand und grobe
Steine, vorbei an dort stehenden erbärmlichen Hütten
und ihren Bewohnern. Kleine Kinder laufen nackt umher und
uns umwehte ein widerlich süßer Geruch. Und wieder
die besorgte Frage „Wovon leben diese Menschen?”
und ich erwiderte „Welche Zukunft werden diese viel
zu vielen Kinder haben?”
Meine Jutta reagierte gereizt auf
dem weiteren Weg nach Siemrap, die Stadt am Rand von Angkor;
es waren nur 17 Kilometer. Am nächsten Tag fühlte
sie sich krank – da wurden Erinnerungen wach an die
heißen Tage in Zentralasien und ihre beginnende Erkrankung.
Heiß hatten wir es ja hier auch. Sie hat die Krise mit
Willenkraft überwunden und schon am nächsten Tag
ließen wir uns auf einem Motorbike hinausfahren nach
AngkorWat, AngkorTum und die angrenzenden Pagoden. Ja ,es
sind einzigartige Kulturdenkmäler, die uns in ihren Bann
gezogen haben. Gut erhalten sind die Reliefs an den Aussenmauern.
Auf hundert Metern oder mehr sind kämpfende Krieger in
die Steine gefräst – großformatig, wiederholend
die Götter der Schamanen, wenn ich das richtig in Erinnerung
habe. Die mächtigen dominaten Türme leiden unter
Verfall, die Sandsteine erodieren. Jutta hat den Tag tapfer
durchgestanden und wir haben uns wieder auf den Weg gemacht
– 103 Kilometer bis zur nächsten Stadt.
Nach 35 Kilometern endete die geflickte
Teerstraße. Staubfahnen voraus kündeten harte Stunden
an. Nach den Seiten weitete sich der Blick über weite
trockene Felder mit dürrem Stroh und Gras, weite Flecken
waren abgebrannt. Zur Straße hin Dümpel mit roter
und brauner Brühe. Aber auch hier leben Menschen. Ich
ging auf einige Hütten zu, verbeugte mich und war willkommen.
Lachend und heiter begrüßten mich die Frauen. Drei
Generationen leben zusammen. Die wenigen Alten sitzen apathisch
im Schatten, die Kinder tollen umher wie wo anders auch. Die
Frauen sorgen für das Essen. Eine wirklich schöne
junge Frau watete bis zu den Knien im Morast und zog einen
Käscher durch die zähe Brüh. Einige kleine
Fische, nicht länger als 10 Zentimeter, holte sie heraus.
Die Straße wurde zur Tortur in der Mittagshitze. Es
blieb uns nicht einmal ein schmaler Randstreifen. Erbärmlich
wurden wir durchgerüttelt auf den spitzen Steinen des
Untergundes; der deckende Sand war ausgeblasen. Die Brücken
sind aus dem vorigen Jahrhundert, mit Holzbohlen oder schwankenden
Gitterrosten belegt. An einer Staßenbaustelle mussten
wir anhalten. Da wurde vorsintflutig gearbeitet. Frauen trugen
im Weidenkorb den ausgeschaufelten Dreck auf die andere Seite
(es gibt keine Schubkarren). Und sie schichteten große
Steinbrocken in die Straßenlöcher. Jutta gab einer
von ihnen die Hand. Die so Gegrüßte wollte ihre
Hand gar nicht mehr loslassen. Aber auch sie alle waren heiter
und lachten. Die Staubfahnen der auch im Schotter preschenden
Autos legten sich über uns wie schmutzige Nebelfahnen.
Für einige Stunden teilten wir das Schicksal der an der
Straße lebenden Menschen – wie Mehltau hatte sich
der lehmige Staub über ihre Hütten, ihr armseliges
Hab und Gut und über die Palmen gelegt. Wir erreichten
Sisophon. Wir beide und unser Material hatten diese hoffentlich
einmalige Belastungsprobe bestanden. Wir legten uns erschöpft
auf die Betten.
Am Abend erschreckte mich ein gellender
Schrei meiner Frau ”Jiiiiii, hier sind Kakerlaken, ganz
große Viecher”. Ich konnte sie vertreiben, auch
in der Nacht – vor jedem Gang zur Toilette. Am Nachmittag
hatten wir im nahen Markt gesehen, dass diese schwarzen Käfer
zur Verspeisung angeboten werden. Vielleicht war das ja eine
ganz besondere Art, aber es waren Kakerlaken.
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