Bericht 12: Zwischenbemerkungen
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Auf dem Landweg in die Mongolei über die
Grenzen von zwölf Nationalstaaten, weit abseits von touristisch
erschlossenen Wegen. Zwei Menschen im fortgeschrittenen Alter von
128 Jahren hatten sich dieses Ziel vorgenommen und sind dort angekommen,
den weitaus größten Teil der 11.500 Kilometer auf ihren
vollgepackten Rädern über unzählige Berge, gegen
Wind, Kälte und sengende Hitze. Sie hätten stolz nach
Hause kommen und von einer atemberaubenden Reise zehren und berichten
können. Nein, es war zunächst eine tiefe persönliche
Enttäuschung für die beiden: Von einer Erkrankung zur
Rückreise gezwungen, denn Ulan-Bator in der Mongolei sollte
ja nur eine Zwischenstation sein. Von der anderen Seite der Weltkugel
wollten sie daheim ankommen, bis vor die Haustür auf dem Fahrrad.
Einige Monate sind seither ins Land gegangen.
Schon sind wir aus dem Hochsommer im Winter angekommen und wir beiden,
die Weltradler, sind wieder in Aufbruchstimmung zu unserem weitgesteckten
Ziel. Unser Vorhaben ist nie ins Wanken geraten. Jutta ist wieder
gesund und stark – das war der einzige Vorbehalt. Ein erweiterter
Impfschutz soll uns helfen, den künftigen Infektionsrisiken
zu widerstehen, und wir wollen verstärkt auf uns aufpassen.
Warum nehmen die beiden monatelange Strapazen
und Entbehrungen auf sich, wo sie es doch zu Hause so schön
haben? Ja, wir könnten uns einen „angenehmen Lebensabend“
in häuslicher Geborgenheit gönnen, dürften uns an
Garten und der herrlichen Landschaft erfreuen und locker und entspannt
all das tun oder lassen, was „Spaß“ macht.
Was treibt uns an, erneut aus den üblichen
Lebensgewohnheiten auszubrechen, hinaus in die Welt, ins Ungewisse?
Da ist zunächst die Erinnerung, das Aufarbeiten des Erlebten,
dieser mannigfachen, tiefgehenden Erlebnisse. Im Kopf sind wir häufig
noch in Asien und sehe all die Menschen vor uns, deren Zuneigung
wir erfahren haben. Diese Stimmung wird verstärkt, wenn wir
erfahren, dass wir auf dieser für Außenstehende abenteuerlich
anmutenden Wegstrecke nicht nur flüchtige Eindrücke hinterlassen
haben. Aus allen durchfahrenen Ländern haben uns Grüße
und auch Genesungswünsche für Jutta erreicht. Einige unserer
Berichte wurden ins Bulgarische und Persische übersetzt, für
uns wurde in Moscheen und orthodoxen Kirchen gebetet.
Wir hatten uns den Muslimen anvertraut.
Der 11. September hat uns dabei nicht irritiert, sondern angespornt.
Wir sind durch das immer noch weitgehend isolierte Serbien geradelt,
wo die Erinnerungen an Milosevic, den Kosovo-Konflikt und die Nato-Angriffe
noch sehr wach sind. Unser Motto „Wir vertrauen auf das Gute
im Menschen“ hat sich nicht als naiv-blauäugig erwiesen,
nein, unsere Erwartungen wurden übertroffen. Im geschmähten
Iran fühlten wir uns sicherer als in Deutschland. Wie selbstverständlich
erwächst daraus für uns eine Dankesschuld, eine Mission,
darüber zu berichten gegen Intoleranz und Vorurteile und die
zuweilen hysterisch anmutende Polarisierung im Kampf gegen den Terrorismus.Bleibt
da immer noch die Frage, warum tun die das? Wenn wir vorausschauen
auf den zweiten Teil der Reise und in Vietnam und Kambodscha neue
Kapitel aufschlagen werden, träumen wir davon, eines Tages
im nächsten Jahr auf unseren Fahrrädern vor der Haustür
anzukommen. Wir werden dann die Erinnerung verarbeiten, die Erinnerung
an Menschen in unterschiedlichen Kulturen und Lebensbedingungen,
die beobachteten Folgen der Globalisierung, aber auch die sportlichen
Anforderungen in den unterschiedlichen Klimazonen.
Wieder vertrauen wir auf die Menschen und
die Schutzengel, die uns begleiten mögen.
Ist mir das häusliche Leben zu eng
geworden, mir vielleicht mehr als meiner Frau, wenn ich aus der
Gleichförmigkeit ausbrechen will, um das Leben in den mir hoffentlich
noch verbleibenden Jahren aktiv zu gestalten? Ich wehre mich gegen
die Alltagsroutine, gegen ein Absacken in Passivität, mit Bildschirmstunden
und Alltagskleinkam. Sehr aufmerksam habe ich in diesen Monaten
die politische, wirtschaftliche und gesellschaftspolitische Entwicklung
in den Medien verfolgt. Doch jetzt freue ich mich darauf, das alles
zunächst für zehn Monate hinter mir zu lassen, unsere
politischen Köpfe mit ihrer unredlichen, nur an Meinungsumfragen
ausgerichteten, kurzatmigen Politik, die penetrante Werbung mit
immer neuen Sumpfblüten, die ich persönlich als Nötigung
empfinde. Wieder werden uns die täglich vielfältigen Ereignisse
auch in Gedanken wegführen von zu Hause und vieles, was aus
der lokalen Betrachtung bedeutsam erscheinen mag, werden wir nicht
vermissen. Auf manches können wir sogar gerne verzichten, zum
Beispiel auf die täglichen Großbilder der teuren Fußballkicker
auf den Sporttitelseiten und die von mir empfundene penetrante Dominanz
der ausholenden Berichterstattung in den Medien zum Fußballgeschehen.
Aber vielleicht bin ich da ja nur ein krasser Außenseiter.
Heimatverbunden bleiben wir jedoch allemal.
Dort in der Heimat haben wir schließlich breite Wurzeln geschlagen.
Wie sagt meine Jutta oft? „Ich freue mich auf die Stunde,
wenn ich zu Hause um die Ecke biege.“ Und natürlich freuen
wir uns über jeden Gruß von unseren Freunden und Bekannten
aus der Heimat und aus den durchfahrenen Ländern, die unsere
Reise mit Interesse verfolgen. Wir bedanken uns schon heute recht
herzlich dafür. Allen, die sich für uns interessieren,
wünschen wir „Eine frohe Weihnacht und ein gutes neues
Jahr“. Wir selbst wollen uns noch ein schönes Weihnachtsfest
vergönnen und den Neujahrstag zu Hause erleben, bevor wir am
1. Januar mit 130 Jahren in ein neues Zeitalter starten. Es ist
ein schönes Gefühl zu wissen, dass uns viele gute Wünsche
begleiten.
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