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Bericht 11: „Meine tapfere Frau kämpft gegen die Hepatitis“ – Seite 6/8

Das Hotelpersonal war rührend um uns besorgt. Jutta bereitete ihr diätetisches Essen vor, und in der Küche wurde es dann gekocht. Die Mädchen lachten, wenn ich mit den Töpfen in die Küche kam. Störend war wieder mal der Geräuschpegel, der vom nahen Bahnhof mit seinen nächtlichen Rangiergeräuschen ausging. . . .
. . . Wir sind am Ziel des ersten Teiles unserer großen Tour, etwa 40 Tage früher als geplant, trotz der vielen Stunden Bahnfahrt und den langen Pausen in Sibirien. Die Radroute sollte von Novosibirsk oder Barnaul über das Altei-Gebirge zum einzigen Westportal der Mongolei führen, und anschließend über 1.400 Kilometer auf der Nordroute zur Hauptstadt. Wir hätten das auf den Fahrspuren der Nomaden schaffen können. Auch in der Mongolei hatten wir Kontaktadressen, und wir durften auf Hilfe im Notfall hoffen. Es wäre die geänderte Route gewesen, die mit einem geografischen Bruch endet, nachdem uns die Chinesen die Durchreise verweigert hatten. Hier wollten wir einige Tage Energie auftanken vor dem Luftsprung nach Hongkong, in eine andere Klimazone.
      Die Hoffnung, Jutta könnte sich in den verbleibenden Wochen die erforderliche Fitness zurückholen, mussten wir schon nach wenigen Tagen in Zweifel ziehen und uns der Realität stellen. Der Reisestress machte sich nachteilig bemerkbar. Sie war verzweifelt, und einmal lagen wir uns weinend in den Armen. Über eine vorzeitige Heimreise hatten wir schon in Ulan-Ude gesprochen, doch da überwog noch die Hoffnung. Wir mussten offenbar beide noch einen Reifeprozess für diese Entscheidung durchmachen. Wir hatten unser Ziel so sehr verinnerlicht, dass wir nicht aufgeben wollten und trösteten uns damit, dass wir unsere Radreise um die Welt nicht abbrechen, sondern nur unterbrechen, weil uns die Krankheit dazu zwingt. Ich hätte akzeptieren müssen, wenn meine Frau nach den Leiden und Strapazen der vorangegangenen Wochen einen Schlussstrich hätte ziehen wollen: Bis hierhin und nicht weiter! Nein, wieder erklärte sie ohne wenn und aber: „Auch wenn wir Heimfliegen müssen, geben wir unser Ziel nicht auf. In einigen Monaten machen wir weiter.“ Gleich haben wir darüber gesprochen, wie es weitergehen könnte, im Dezember oder Januar ab Vietnam.
      Wir einigten uns darauf, einen Arzt zu konsultieren, der uns die Notwendigkeit eines sofortigen Heimfluges bescheinigt. Nach einem telefonischen Vorgespräch mit einem uns von der Botschaft empfohlenen Arzt mussten wir jedoch erkennen, dass meiner Frau die Einweisung in ein Krankenhaus für langwierige Untersuchungen oder für eine für notwendig gehaltene Therapie drohte. Dass der Standard der heilkundlichen Behandlungen in dieser Stadt weit unter dem europäischen liegt, hatten wir schon vorher erfahren. Nein, ins Krankenhaus wollte Jutta auf keinen Fall, und ich konnte ihr das nicht zumuten. Nach zwei Tagen ging es ihr deutlich besser. Ruhe und Diät hatten geholfen. So hatten wir den Mut, den Rückflug zu organisieren. Herr Basandaava hat uns dabei geholfen. Wir entschieden uns für einen Flug mit der Aeroflot über Moskau. Ich erinnerte mich jedoch, dass diese Fluglinie bei Übergepäck hart zulangt. Es sind neun Dollar pro Kilo Übergewicht, wurde uns bestätigt. Mit unserem mongolischen Freund suchte ich den örtlichen Direktor der Fluggesellschaft auf. Es empfing uns ein gut genährter Mongole mit dem klassischen runden Schädel. Die beiden redeten zunächst Mongolisch miteinander, das war schon mal gut. Ich gab ihm dann unsere Reisevisitenkarte, auf die der Direktor sofort ein Autogramm haben wollte. So war schnell klar, dass all unser Gepäck einschließlich der Fahrräder ohne Mehrkosten mitgeht. So unkompliziert können also Mongolen sein! Ich muss bekennen, dass ich mich unter diesen Menschen wohlfühlte. In diesen Tagen habe ich eine Menge neuer Eindrücke gewonnen und unser Freund Basandaava hat mir vieles erzählt.
      Auf galoppierendem Pferd mit angezogenen Beinen, mit einem Arm das Tier antreibend, den anderen Arm nach vorn gestreckt, das ist der kühne Mongole, ein Ausdruck von Freiheit. Dieser Hauch von Dschingis Khan – ist das ein Klischee, wie man es den Werbeprospekten entnehmen kann? Doch es scheint nicht so abwegig zu sein, dieses Bild. Denn von den 2,6 bis 2,8 Millionen Mongolen leben zwar 800.000 in der Hauptstadt und nochmal einige Hunderttausend in kleineren Städten, aber die meisten sind auch heute noch nomadisierende Hirten in der Steppe mit ihren weit auslaufenden Hügelketten. Ihre Lebensgrundlage und Existenzsicherung ist die Viehherde. Sie haben das Recht, sich in einer abgegrenzten, großen Region frei zu bewegen, ungehindert durch Zäune. Ich fragte unseren Freund, ob es denn ein Konkurrenzproblem mit anderen Hirten gäbe. Ja, das könne schon sein, dass sich Einzelne mal in die Quere kommen, denn seit der Privatisierung sind die Viehbestände gewachsen. Doch die Mongolen lösen diese Probleme auf eigene Weise. Dazu hörte ich das Beispiel, wie er einmal beim Besuch eines Verwandten Zeuge war, wie sich zwei große Schafherden vereinigt hatten. Er war dabei erstaunt, wie die Besitzer die Trennung zwischen mein und dein problemlos schafften und ihre eigenen Tiere, die keinerlei Markierung hatten, mit sicherem Blick herausfanden. Das alles unmittelbar zu erleben, wäre der große Anreiz unserer Radtour durch die Mongolei gewesen. Doch darauf mussten wir verzichten. Jutta meinte: „Vielleicht musste es so sein, wer weiß, wie es gekommen wäre.“ . . .
. . . Die städtische Infrastruktur erreicht bei weitem nicht das Niveau von Almaty. Nebenstraßen und Gehwege sind durchsetzt von Löchern und Mulden. Revisionsschächte für die tiefer liegenden Versorgungsleitungen sind meist ohne Abdeckung. Man muss sich das mal vorstellen, was passieren würde, wenn sich in einer deutschen Stadt auf einem Gehweg ein 50 bis 80 Zentimeter breites Loch mit einer Tiefe bis zu zwei Metern auftun würde! Die Mongolen denken sich nichts dabei: Man muss halt aufpassen. Auf den Straßen haben mich die Staus überrascht. Denn in der Benutzung ihrer Pkws sind die Mongolen weitgehend auf die Großstadt angewiesen. In den Außenbereichen gibt es nur die schon beschriebenen Fahrspuren in der Steppe.
      Mein mongolischer Freund hatte mir einen Supermarkt empfohlen, in dem die besser situierten Leute einkaufen. Die nüchterne Atmosphäre eines Supermarktes nach europäischem Vorbild hatte ich aber nicht gesucht. Der Basar am Bahnhof, auf dem hunderte Kleinhändler ihre Waren anbieten, war viel interessanter. Hinzu kam, dass dort der Warennachschub ankommt und ich den Warenumschlag beobachten konnte. Die Händler tragen die großen Behälter meist auf dem Rücken weg, unglaublich, was sich einzelne Männer aufgeladen hatten. Das waren wunderbare Fotomotive, doch die Mongolen lassen sich nicht gerne fotografieren. Viele haben es mir untersagt oder ihr Gesicht verdeckt. Jeden Tag habe ich mich durch die Menschentraube gezwängt, um zu beobachten und passende Nahrung für meine kranke Frau zu finden. . . .
. . . Auf die vorzeitige Rückkehr in die Heimat freuten wir uns eigentlich beide nicht, so sehr hatten wir unser großes Reiseziel vor Augen. Mussten wir uns als Versager zu Hause verstecken? Die planmäßige Rückkehr hatten wir uns ganz anders vorgestellt. Das ärgerte meine Frau vor dem Abflug. Ich habe ihr widersprochen. Ihre Gesundheit hat absolute Priorität, das sind wir zunächst uns beiden, aber auch unseren Angehörigen und Freunden schuldig. Die Sorge um ihre Gesundheit hat in den vergangenen Wochen alles überlagert. Wir waren doch sehr erleichtert, als wir im Flugzeug saßen. >

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