Das Hotelpersonal war rührend
um uns besorgt. Jutta bereitete ihr diätetisches Essen
vor, und in der Küche wurde es dann gekocht. Die Mädchen
lachten, wenn ich mit den Töpfen in die Küche kam.
Störend war wieder mal der Geräuschpegel, der vom
nahen Bahnhof mit seinen nächtlichen Rangiergeräuschen
ausging. . . .
. . . Wir sind am Ziel des ersten Teiles unserer großen
Tour, etwa 40 Tage früher als geplant, trotz der vielen
Stunden Bahnfahrt und den langen Pausen in Sibirien. Die Radroute
sollte von Novosibirsk oder Barnaul über das Altei-Gebirge
zum einzigen Westportal der Mongolei führen, und anschließend
über 1.400 Kilometer auf der Nordroute zur Hauptstadt.
Wir hätten das auf den Fahrspuren der Nomaden schaffen
können. Auch in der Mongolei hatten wir Kontaktadressen,
und wir durften auf Hilfe im Notfall hoffen. Es wäre die
geänderte Route gewesen, die mit einem geografischen Bruch
endet, nachdem uns die Chinesen die Durchreise verweigert hatten.
Hier wollten wir einige Tage Energie auftanken vor dem Luftsprung
nach Hongkong, in eine andere Klimazone.
Die Hoffnung, Jutta könnte
sich in den verbleibenden Wochen die erforderliche Fitness zurückholen,
mussten wir schon nach wenigen Tagen in Zweifel ziehen und uns
der Realität stellen. Der Reisestress machte sich nachteilig
bemerkbar. Sie war verzweifelt, und einmal lagen wir uns weinend
in den Armen. Über eine vorzeitige Heimreise hatten wir
schon in Ulan-Ude gesprochen, doch da überwog noch die
Hoffnung. Wir mussten offenbar beide noch einen Reifeprozess
für diese Entscheidung durchmachen. Wir hatten unser Ziel
so sehr verinnerlicht, dass wir nicht aufgeben wollten und trösteten
uns damit, dass wir unsere Radreise um die Welt nicht abbrechen,
sondern nur unterbrechen, weil uns die Krankheit dazu zwingt.
Ich hätte akzeptieren müssen, wenn meine Frau nach
den Leiden und Strapazen der vorangegangenen Wochen einen Schlussstrich
hätte ziehen wollen: Bis hierhin und nicht weiter! Nein,
wieder erklärte sie ohne wenn und aber: „Auch wenn
wir Heimfliegen müssen, geben wir unser Ziel nicht auf.
In einigen Monaten machen wir weiter.“ Gleich haben wir
darüber gesprochen, wie es weitergehen könnte, im
Dezember oder Januar ab Vietnam.
Wir einigten uns darauf, einen
Arzt zu konsultieren, der uns die Notwendigkeit eines sofortigen
Heimfluges bescheinigt. Nach einem telefonischen Vorgespräch
mit einem uns von der Botschaft empfohlenen Arzt mussten wir
jedoch erkennen, dass meiner Frau die Einweisung in ein Krankenhaus
für langwierige Untersuchungen oder für eine für
notwendig gehaltene Therapie drohte. Dass der Standard der heilkundlichen
Behandlungen in dieser Stadt weit unter dem europäischen
liegt, hatten wir schon vorher erfahren. Nein, ins Krankenhaus
wollte Jutta auf keinen Fall, und ich konnte ihr das nicht zumuten.
Nach zwei Tagen ging es ihr deutlich besser. Ruhe und Diät
hatten geholfen. So hatten wir den Mut, den Rückflug zu
organisieren. Herr Basandaava hat uns dabei geholfen. Wir entschieden
uns für einen Flug mit der Aeroflot über Moskau. Ich
erinnerte mich jedoch, dass diese Fluglinie bei Übergepäck
hart zulangt. Es sind neun Dollar pro Kilo Übergewicht,
wurde uns bestätigt. Mit unserem mongolischen Freund suchte
ich den örtlichen Direktor der Fluggesellschaft auf. Es
empfing uns ein gut genährter Mongole mit dem klassischen
runden Schädel. Die beiden redeten zunächst Mongolisch
miteinander, das war schon mal gut. Ich gab ihm dann unsere
Reisevisitenkarte, auf die der Direktor sofort ein Autogramm
haben wollte. So war schnell klar, dass all unser Gepäck
einschließlich der Fahrräder ohne Mehrkosten mitgeht.
So unkompliziert können also Mongolen sein! Ich muss bekennen,
dass ich mich unter diesen Menschen wohlfühlte. In diesen
Tagen habe ich eine Menge neuer Eindrücke gewonnen und
unser Freund Basandaava hat mir vieles erzählt.
Auf galoppierendem Pferd mit
angezogenen Beinen, mit einem Arm das Tier antreibend, den anderen
Arm nach vorn gestreckt, das ist der kühne Mongole, ein
Ausdruck von Freiheit. Dieser Hauch von Dschingis Khan –
ist das ein Klischee, wie man es den Werbeprospekten entnehmen
kann? Doch es scheint nicht so abwegig zu sein, dieses Bild.
Denn von den 2,6 bis 2,8 Millionen Mongolen leben zwar 800.000
in der Hauptstadt und nochmal einige Hunderttausend in kleineren
Städten, aber die meisten sind auch heute noch nomadisierende
Hirten in der Steppe mit ihren weit auslaufenden Hügelketten.
Ihre Lebensgrundlage und Existenzsicherung ist die Viehherde.
Sie haben das Recht, sich in einer abgegrenzten, großen
Region frei zu bewegen, ungehindert durch Zäune. Ich fragte
unseren Freund, ob es denn ein Konkurrenzproblem mit anderen
Hirten gäbe. Ja, das könne schon sein, dass sich Einzelne
mal in die Quere kommen, denn seit der Privatisierung sind die
Viehbestände gewachsen. Doch die Mongolen lösen diese
Probleme auf eigene Weise. Dazu hörte ich das Beispiel,
wie er einmal beim Besuch eines Verwandten Zeuge war, wie sich
zwei große Schafherden vereinigt hatten. Er war dabei
erstaunt, wie die Besitzer die Trennung zwischen mein und dein
problemlos schafften und ihre eigenen Tiere, die keinerlei Markierung
hatten, mit sicherem Blick herausfanden. Das alles unmittelbar
zu erleben, wäre der große Anreiz unserer Radtour
durch die Mongolei gewesen. Doch darauf mussten wir verzichten.
Jutta meinte: „Vielleicht musste es so sein, wer weiß,
wie es gekommen wäre.“ . . .
. . . Die städtische Infrastruktur erreicht bei weitem
nicht das Niveau von Almaty. Nebenstraßen und Gehwege
sind durchsetzt von Löchern und Mulden. Revisionsschächte
für die tiefer liegenden Versorgungsleitungen sind meist
ohne Abdeckung. Man muss sich das mal vorstellen, was passieren
würde, wenn sich in einer deutschen Stadt auf einem Gehweg
ein 50 bis 80 Zentimeter breites Loch mit einer Tiefe bis zu
zwei Metern auftun würde! Die Mongolen denken sich nichts
dabei: Man muss halt aufpassen. Auf den Straßen haben
mich die Staus überrascht. Denn in der Benutzung ihrer
Pkws sind die Mongolen weitgehend auf die Großstadt angewiesen.
In den Außenbereichen gibt es nur die schon beschriebenen
Fahrspuren in der Steppe.
Mein mongolischer Freund hatte
mir einen Supermarkt empfohlen, in dem die besser situierten
Leute einkaufen. Die nüchterne Atmosphäre eines Supermarktes
nach europäischem Vorbild hatte ich aber nicht gesucht.
Der Basar am Bahnhof, auf dem hunderte Kleinhändler ihre
Waren anbieten, war viel interessanter. Hinzu kam, dass dort
der Warennachschub ankommt und ich den Warenumschlag beobachten
konnte. Die Händler tragen die großen Behälter
meist auf dem Rücken weg, unglaublich, was sich einzelne
Männer aufgeladen hatten. Das waren wunderbare Fotomotive,
doch die Mongolen lassen sich nicht gerne fotografieren. Viele
haben es mir untersagt oder ihr Gesicht verdeckt. Jeden Tag
habe ich mich durch die Menschentraube gezwängt, um zu
beobachten und passende Nahrung für meine kranke Frau zu
finden. . . .
. . . Auf die vorzeitige Rückkehr in die Heimat freuten
wir uns eigentlich beide nicht, so sehr hatten wir unser großes
Reiseziel vor Augen. Mussten wir uns als Versager zu Hause verstecken?
Die planmäßige Rückkehr hatten wir uns ganz
anders vorgestellt. Das ärgerte meine Frau vor dem Abflug.
Ich habe ihr widersprochen. Ihre Gesundheit hat absolute Priorität,
das sind wir zunächst uns beiden, aber auch unseren Angehörigen
und Freunden schuldig. Die Sorge um ihre Gesundheit hat in den
vergangenen Wochen alles überlagert. Wir waren doch sehr
erleichtert, als wir im Flugzeug saßen. >
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