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Bericht 11: „Meine tapfere Frau kämpft gegen die Hepatitis“ – Seite 5/8

      Hier oben, nahe am Waldrand mit licht stehenden Kiefern, waren einige Häuser in der traditionellen Blockbauweise im Bau. Drei Männer luden Holzbalken ab. Die Lücken zwischen den Balken waren sorgfältig mit Moos ausgestopft. Ob das reicht? Ich dachte an die eisigen sibirischen Winde, die da oben im Winter in ausgesetzter Lage um das Haus fegen. Der Bauherr kam hinzu, als ich hineinschaute. Er nickte zustimmend, als ich mit der Hand eine zusätzliche Innenabdichtung andeutete. Er sei Sibire, erklärte er, und schlug sich dabei mit der Hand an die Brust. Doch er hatte dem Aussehen nach auch mongolisches Blut in den Adern.
      Zum Straßenbild in Russland, vor allem in Bahnhofsnähe, gehören auch die betrunkenen Bettler. Es sind bedauernswerte Geschöpfe, Alkoholiker, die der Wodka schon ziemlich zerstört hat.
      Am nächsten Tag lief ich in die andere Richtung los. Ich überquerte den breiten Gleiskörper der Bahn. Von einer langen Brücke schaute ich hinunter auf eine Durchgangsstraße Das wäre unsere Radstrecke in die Mongolei. Es fuhren wenig Autos, was zum Radeln richtig einlud. Beide wollten wir von hier aus wieder auf die Räder steigen. Doch diese Hoffnung hatten wir schon vor einigen Tagen aufgegeben. Ich hatte meiner Frau vorgeschlagen, dass ich alleine nach Ulan-Bator fahre. Es sind nur 600, wenn auch bergige, Kilometer. Ich hätte sie zum Zug gebracht und hätte sie auch in Ulan-Bator abholen lassen. Diese Radstrecke hätte mich schon sehr gereizt. Aber ich musste darauf verzichten: Meine Frau hätte keine ruhige Stunde gehabt, so sehr wäre sie in Sorge gewesen. Dass diese psychische Belastung ihrem Heilungsprozess nicht förderlich gewesen wäre, war mir klar. Sie erklärte auch kategorisch: „Das lass ich nicht zu.“ . . .
. . . Als ich mit schlechtem Gewissen zum Hotel eilte, kam mir meine Frau entgegen. „Wo warst du?, rief sie vorwurfsvoll. Sie hatte sich aus Angst um mich auf den Weg gemacht, um mich zu suchen – aber wo? Es hat mir sehr Leid getan, dass ich sie so in Unruhe versetzt hatten, und nahm sie in den Arm. Da wurde mir noch deutlicher bewusst, dass ich nicht allein losradeln darf.
      Wir haben uns für die Weiterfahrt mit der Bahn einige Tage Zeit gelassen. Die Krankheit meiner Frau hat mich auch psychisch runtergezogen und mich nachdenklich gemacht. Beide versuchten wir, uns Mut zu machen, als wir in unseren Betten lagen. Kann man dieser Phase auch etwas Positives abgewinnen? „Das schweißt zusammen“, sagte meine Frau. In sentimentaler Stimmung tauschten wir Erinnerungen aus.
      Ganz ruhig schilderten wir uns gegenseitig unsere Gefühle, als wir uns vor elf Jahren kennen lernten, im Läuferhotel Ehrenbachhöhe oberhalb von Kitzbühel. Ich war damals von meiner ersten Russlandreise zurückgekommen. Auf meine Initiative für einen Sportleraustausch hatte ich mit sechs anderen Senioren-Sportlern vom DSV, dem Deutschen Skiverband, eine Kontaktreise durch Russland hinter mir, die uns nach St. Petersburg, Moskau, den Ural und Kasachstan geführt hatte. Im Hotel saßen drei Frauen an einem Tisch. Als ich dort kurz stehenblieb und mich eigentlich nur zu grüßen traute, machte Jutta eine einladende Handbewegung zum Sitzen. Ich werde nicht vergessen, wie aufmerksam sie mir zuhörte, als ich von Russland erzählte, und ihre Blicke verhießen viel. Ich wusste zunächst nicht, was ich damit anfangen sollte. Ich hatte ja so wenig Erfahrung mit Frauen. Ein Bekannter von mir hatte die bei mir nicht zu übersehenden Regungen mit der Bemerkung gedämpft: „Mach‘ dir keine Hoffnungen, die Frau ist in festen Händen.“ Ich war sehr sensibilisiert, denn nach dreijähriger Trennung von meiner ersten Frau war ich auf der Suche. Jutta sagte mir später, ich hatte die Sensoren ausgefahren. Sie hatte danngespürt, dass ich meine Gefühle zurücknahm und ging selbst in die Initiative.
      Am nächsten Tag haben wir uns von unseren Freunden zu einer langen Bergrunde über 30 Kilometer abgesetzt. Da habe ich ihr bei gedrosseltem Lauftempo sehr viel aus meinem Leben erzählt. Dann ging alles sehr schnell. Heute wissen wir beide besser denn je: Für uns hatte die große Liebe begonnen. In unserem Erinnerungsschatz haben wir elf sehr erlebnisreiche Jahre in Harmonie. Aus dieser Schatztruhe holten wir auch in diesen Tagen einiges hervor, wie unsere Hochzeit vor sechs Jahren in dem Berghotel, in dem wir uns kennen lernten, unsere Traumhochzeit, die meine Jutta so stark emotional bewegte, dass sie nichts essen konnte und sich eigentlich an diesem hohen Tag krank fühlte.
      Wieder saßen wir schließlich im Zug. Diesmal waren es 23 Stunden für etwa 600 Kilometer. Da mussten lange Wartezeiten an der Grenze dabei sein. Das Einsteigen und Verstauen der Räder auf den oberen Bänken war schon zur Routine geworden. Im Waggon waren wir in Gesellschaft einer koreanischen Reisegruppe, der sich auch einige Engländer angeschlossen hatten. Wie wird sich die Landschaft auf der Fahrt nach Süden verändern? Im ansteigenden Hügelgelände gibt es noch Nadelwald im Wechsel mit licht stehenden Föhren, dazwischen die klassischen russischen Datschen-Siedlungen. Nach häufigen Halts auf offener Strecke kamen wir zur Grenzstadt Kjahta. Hier würden wir möglicherweise einen längeren Aufenthalt haben. Doch wir ahnten nicht, dass es sechs Stunden werden sollten. Die Rangiermanöver wollten nicht enden. Immer wieder fuhr der Zug rückwärts an, und dann wieder in die andere Richtung. Die Einkaufsmöglichkeiten waren bescheiden, doch wir waren ausreichend versorgt. . . .
. . . Na endlich, der Zug fuhr an. Durch sumpfiges Niemandsland ging es dann zu einem Halt vor einem aufsehenerregenden Grenzgebäude. Mitten in der Waldlandschaft stand ein in hellen Farben getöntes Blockhaus, gekrönt von einer kleinen Plattform mit einem schussbereiten Soldaten. Etwa ein Dutzend weitere Soldaten gingen umher, einige grillten Fleischspieße. Die kaffeebraunen Uniformen passten gut zum getönten Blockhaus. Im Farbenspiel der Abendsonne könnte dies auch die Filmkulisse für einen Western abgeben oder einen Abenteuerspielplatz.
      Die Mongolen waren unkomplizierter. Ruckzuck hatten wir unsere Stempel im Pass. Das ist also die Mongolei. Wir sahen auf grünes Weideland und versuchten, in der Abenddämmerung herauszufinden, wo die Straße verläuft, die wir geradelt wären. Die mongolische Grenzstadt überraschte mit modernen Gebäuden am Bahnhof und mit einem Hotel. Nach vielen Halts in der Nacht fuhren wir am frühen Morgen auf Ulan-Bator zu. Wir kamen nach einer sehr eingeschränkten Nachtruhe im Zug morgens um 6.30 Uhr an.
      Dann spornten mich wieder die müden Augen meiner Frau an, möglichst schnell ein Hotelzimmer zu ergattern. Sie kann nicht stundenlang herumstehen oder in der ungemütlichen Bahnhofshalle herumsitzen. Dann ging es doch recht schnell. Zuerst wollten uns zwei Frauen am Bahnhof in ein „guest house“ lotsen. Doch diese heruntergekommene Herberge konnte ich meiner Frau nicht antun.Gleich nebenan hatte ich das schlafende Hotelpersonal geweckt. Die beiden waren sehr schnell munter und erkannten ihre Chance. Dem kleinen Mittelklassehotel mangelte es an Gästen. Wir landeten für 30 Dollar im Luxuszimmer im fünften Stock, mit freiem Blick auf die Berge, und die Küche durften wir mitbenutzen. >

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