Hier oben, nahe am Waldrand mit licht stehenden Kiefern, waren
einige Häuser in der traditionellen Blockbauweise im Bau.
Drei Männer luden Holzbalken ab. Die Lücken zwischen
den Balken waren sorgfältig mit Moos ausgestopft. Ob das
reicht? Ich dachte an die eisigen sibirischen Winde, die da
oben im Winter in ausgesetzter Lage um das Haus fegen. Der Bauherr
kam hinzu, als ich hineinschaute. Er nickte zustimmend, als
ich mit der Hand eine zusätzliche Innenabdichtung andeutete.
Er sei Sibire, erklärte er, und schlug sich dabei mit der
Hand an die Brust. Doch er hatte dem Aussehen nach auch mongolisches
Blut in den Adern.
Zum Straßenbild in Russland,
vor allem in Bahnhofsnähe, gehören auch die betrunkenen
Bettler. Es sind bedauernswerte Geschöpfe, Alkoholiker,
die der Wodka schon ziemlich zerstört hat.
Am nächsten Tag lief ich
in die andere Richtung los. Ich überquerte den breiten
Gleiskörper der Bahn. Von einer langen Brücke schaute
ich hinunter auf eine Durchgangsstraße Das wäre unsere
Radstrecke in die Mongolei. Es fuhren wenig Autos, was zum Radeln
richtig einlud. Beide wollten wir von hier aus wieder auf die
Räder steigen. Doch diese Hoffnung hatten wir schon vor
einigen Tagen aufgegeben. Ich hatte meiner Frau vorgeschlagen,
dass ich alleine nach Ulan-Bator fahre. Es sind nur 600, wenn
auch bergige, Kilometer. Ich hätte sie zum Zug gebracht
und hätte sie auch in Ulan-Bator abholen lassen. Diese
Radstrecke hätte mich schon sehr gereizt. Aber ich musste
darauf verzichten: Meine Frau hätte keine ruhige Stunde
gehabt, so sehr wäre sie in Sorge gewesen. Dass diese psychische
Belastung ihrem Heilungsprozess nicht förderlich gewesen
wäre, war mir klar. Sie erklärte auch kategorisch:
„Das lass ich nicht zu.“ . . .
. . . Als ich mit schlechtem Gewissen zum Hotel eilte, kam mir
meine Frau entgegen. „Wo warst du?, rief sie vorwurfsvoll.
Sie hatte sich aus Angst um mich auf den Weg gemacht, um mich
zu suchen – aber wo? Es hat mir sehr Leid getan, dass
ich sie so in Unruhe versetzt hatten, und nahm sie in den Arm.
Da wurde mir noch deutlicher bewusst, dass ich nicht allein
losradeln darf.
Wir haben uns für die Weiterfahrt
mit der Bahn einige Tage Zeit gelassen. Die Krankheit meiner
Frau hat mich auch psychisch runtergezogen und mich nachdenklich
gemacht. Beide versuchten wir, uns Mut zu machen, als wir in
unseren Betten lagen. Kann man dieser Phase auch etwas Positives
abgewinnen? „Das schweißt zusammen“, sagte
meine Frau. In sentimentaler Stimmung tauschten wir Erinnerungen
aus.
Ganz ruhig schilderten wir uns
gegenseitig unsere Gefühle, als wir uns vor elf Jahren
kennen lernten, im Läuferhotel Ehrenbachhöhe oberhalb
von Kitzbühel. Ich war damals von meiner ersten Russlandreise
zurückgekommen. Auf meine Initiative für einen Sportleraustausch
hatte ich mit sechs anderen Senioren-Sportlern vom DSV, dem
Deutschen Skiverband, eine Kontaktreise durch Russland hinter
mir, die uns nach St. Petersburg, Moskau, den Ural und Kasachstan
geführt hatte. Im Hotel saßen drei Frauen an einem
Tisch. Als ich dort kurz stehenblieb und mich eigentlich nur
zu grüßen traute, machte Jutta eine einladende Handbewegung
zum Sitzen. Ich werde nicht vergessen, wie aufmerksam sie mir
zuhörte, als ich von Russland erzählte, und ihre Blicke
verhießen viel. Ich wusste zunächst nicht, was ich
damit anfangen sollte. Ich hatte ja so wenig Erfahrung mit Frauen.
Ein Bekannter von mir hatte die bei mir nicht zu übersehenden
Regungen mit der Bemerkung gedämpft: „Mach‘
dir keine Hoffnungen, die Frau ist in festen Händen.“
Ich war sehr sensibilisiert, denn nach dreijähriger Trennung
von meiner ersten Frau war ich auf der Suche. Jutta sagte mir
später, ich hatte die Sensoren ausgefahren. Sie hatte danngespürt,
dass ich meine Gefühle zurücknahm und ging selbst
in die Initiative.
Am nächsten Tag haben wir
uns von unseren Freunden zu einer langen Bergrunde über
30 Kilometer abgesetzt. Da habe ich ihr bei gedrosseltem Lauftempo
sehr viel aus meinem Leben erzählt. Dann ging alles sehr
schnell. Heute wissen wir beide besser denn je: Für uns
hatte die große Liebe begonnen. In unserem Erinnerungsschatz
haben wir elf sehr erlebnisreiche Jahre in Harmonie. Aus dieser
Schatztruhe holten wir auch in diesen Tagen einiges hervor,
wie unsere Hochzeit vor sechs Jahren in dem Berghotel, in dem
wir uns kennen lernten, unsere Traumhochzeit, die meine Jutta
so stark emotional bewegte, dass sie nichts essen konnte und
sich eigentlich an diesem hohen Tag krank fühlte.
Wieder saßen wir schließlich
im Zug. Diesmal waren es 23 Stunden für etwa 600 Kilometer.
Da mussten lange Wartezeiten an der Grenze dabei sein. Das Einsteigen
und Verstauen der Räder auf den oberen Bänken war
schon zur Routine geworden. Im Waggon waren wir in Gesellschaft
einer koreanischen Reisegruppe, der sich auch einige Engländer
angeschlossen hatten. Wie wird sich die Landschaft auf der Fahrt
nach Süden verändern? Im ansteigenden Hügelgelände
gibt es noch Nadelwald im Wechsel mit licht stehenden Föhren,
dazwischen die klassischen russischen Datschen-Siedlungen. Nach
häufigen Halts auf offener Strecke kamen wir zur Grenzstadt
Kjahta. Hier würden wir möglicherweise einen längeren
Aufenthalt haben. Doch wir ahnten nicht, dass es sechs Stunden
werden sollten. Die Rangiermanöver wollten nicht enden.
Immer wieder fuhr der Zug rückwärts an, und dann wieder
in die andere Richtung. Die Einkaufsmöglichkeiten waren
bescheiden, doch wir waren ausreichend versorgt. . . .
. . . Na endlich, der Zug fuhr an. Durch sumpfiges Niemandsland
ging es dann zu einem Halt vor einem aufsehenerregenden Grenzgebäude.
Mitten in der Waldlandschaft stand ein in hellen Farben getöntes
Blockhaus, gekrönt von einer kleinen Plattform mit einem
schussbereiten Soldaten. Etwa ein Dutzend weitere Soldaten gingen
umher, einige grillten Fleischspieße. Die kaffeebraunen
Uniformen passten gut zum getönten Blockhaus. Im Farbenspiel
der Abendsonne könnte dies auch die Filmkulisse für
einen Western abgeben oder einen Abenteuerspielplatz.
Die Mongolen waren unkomplizierter.
Ruckzuck hatten wir unsere Stempel im Pass. Das ist also die
Mongolei. Wir sahen auf grünes Weideland und versuchten,
in der Abenddämmerung herauszufinden, wo die Straße
verläuft, die wir geradelt wären. Die mongolische
Grenzstadt überraschte mit modernen Gebäuden am Bahnhof
und mit einem Hotel. Nach vielen Halts in der Nacht fuhren wir
am frühen Morgen auf Ulan-Bator zu. Wir kamen nach einer
sehr eingeschränkten Nachtruhe im Zug morgens um 6.30 Uhr
an.
Dann spornten mich wieder die
müden Augen meiner Frau an, möglichst schnell ein
Hotelzimmer zu ergattern. Sie kann nicht stundenlang herumstehen
oder in der ungemütlichen Bahnhofshalle herumsitzen. Dann
ging es doch recht schnell. Zuerst wollten uns zwei Frauen am
Bahnhof in ein „guest house“ lotsen. Doch diese
heruntergekommene Herberge konnte ich meiner Frau nicht antun.Gleich
nebenan hatte ich das schlafende Hotelpersonal geweckt. Die
beiden waren sehr schnell munter und erkannten ihre Chance.
Dem kleinen Mittelklassehotel mangelte es an Gästen. Wir
landeten für 30 Dollar im Luxuszimmer im fünften Stock,
mit freiem Blick auf die Berge, und die Küche durften wir
mitbenutzen. >
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