. . . Wir warteten im großen
Wartesaal mit dem Blick auf die große Anzeigentafel, denn
da sollte 15 Minuten vor Abfahrt des Zuges der Bahnsteig angezeigt
werden. Dazwischen hatten wir noch eine Schrecksekunde zu überstehen.
Der Sicherheitsoffizier hatte uns erlaubt, unsere Räder
mit in die Halle zu nehmen. Für Jutta fand ich einen Sitzplatz
weit vorn. Etwas später hat mit eine Frau zwei Sitzplätze
in der Nähe unserer Räder angeboten, und ich holte
Jutta zurück. Nach einiger Zeit sprach uns eine andere
Frau an und deutete nach vorn. Sofort verstanden wir es: Jutta
hatte die Lenkertasche dort stehen lassen. Da war alles Wichtige
drin, die beiden Pässe, Geld und die Digitalkamera. Diese
Nachlässigkeit ist nur mit Müdigkeit und Nervosität
zu erklären. Gottseidank gibt es auch in Sibirien ehrliche
Leute. Nach diesem Schreck ging alles gang planmäßig.
Ich sah die Gleisanzeige auf der Anzeigentafel, und wir beide
haben mit reduzierter Aufregung unsere Last auf dem gleichen
Weg wie bei der Ankunft über die Brücke transportiert
und waren gerade rechtzeitig da, als unser Waggon angekoppelt
wurde. Jetzt saßen wir also in der Transsibirischen Eisenbahn,
der längsten Bahnstrecke der Welt. Von Moskau bis Wladiwostok
sind es über 9.500 Kilometer. Für uns waren es „nur“
ca. 2.500 Kilometer bis Ulan-Ude, wo die Transmongolische Eisenbahn
abzweigt, die bis Peking weiterfährt. Wir fühlten
uns gleich wie zu Hause. Zum Aufstellen der Räder in der
oberen Etage war es etwas enger, weil die Liegen dicke Polster
haben. . . .
. . .Wir hatten uns wieder auf 40 Stunden einzurichten. Da sind
offenbar auch die stundenlangen Halts auf offener Strecke wegen
Gleisbauarbeiten eingeplant. Da sahen wir dann auf das Grün
am Gleisrand, und ich hatte oft das Bedürfnis, ein Stück
in die sibirische Waldeinsamkeit hinauszugehe. Doch es ist eine
trennende Scheibe dazwischen, und eine geschlossene Tür.
Weil wir aber auf einer langen Reise unterwegs waren, warteten
wir in der unheimlichen Stille der Halts auf das gleichförmige
Tak-tak, Tak-tak von den Schienen und auf die unterschiedliche
Frequenz des Radaufpralls auf den Schienen. Das ist mir deswegen
in besonderer Erinnerung, weil die Zugführer sicher wegen
der unterschiedlichen Qualität der Gleiskörper die
Geschwindigkeit sehr häufig verändern.
In den angrenzenden Abteilen
logierten Familien. Wir fühlten uns auch hier völlig
ungefährdet. An den Haltestellen wird bei weitem nicht
so viel angeboten wie in Kasachstan. Einmal musste ich ziemlich
weit nach vorn laufen, um eine Flasche Mineralwasser zu ergattern.
Wir fuhren weiter, immer weiter nach Osten. Unendliche Weite
auch hier. Die Landschaft unterscheidet sich nicht sehr von
der, die wir aus dem Ural kennen. Die weiten, nicht von Menschenhand
veränderten Mischwälder werden oft von Waldwiesen
unterbrochen. Wie hoch stehen da Gras und Wildblumen! Nur vereinzelt
sehen wir Bauern, die mit der Sense ein Stück Wiese mähen.
Nutzvieh ist in der offenen Landschaft auch nicht zu sehen.
Auch in Sibirien gehören die russischen Blockhäuser
zum Landschaftsbild. In Abständen von 20 bis 50 Kilometern
tauchen sie immer wieder auf. Ab und zu wird auch mal eine Kuh
zum Weiden getrieben. Ich konnte auf diesen langen Strecken
keine Kolchosen entdecken. Boden und Klima geben offenbar für
gewerbsmäßigen Feldanbau nicht genug her. Nicht wegzudenken
sind die Kartoffelfelder zur Selbstversorgung. Im überschaubaren
Einzugsbereich der hier lebenden Menschen wird jeder Quadratmeter
zum Kartoffelanbau genutzt, aber auch die Gemüsegärten
fehlen an keinem Haus. Dort wird mit primitiven Gewächshäusern
und Folien das Wachstum beschleunigt, denn die Sommer sind kurz.
Die Winterbevorratung mit Kartoffeln und haltbar gemachtem Gemüse
ist kein Hobby, sondern lebenswichtige Selbstversorgung. Im
Bereich größerer Städte werden die Datschen-Siedlungen
sichtbar. Da gibt es skurrile Bauwerke, alle im Eigenbau. Nicht
wenige dieser Häuschen, die ja meist nur im Sommer für
einige Zeit bewohnt werden, sind nicht fertig geworden oder
verfallen. . . .
. . . Ulan-Ude ist auch eine große Stadt und erstreckt
sich über weite Strecken entlang eines breiten Flusslaufes.
Wieder hatten wir eine Brücke zu überwinden. Ich konnte
nicht verhindern, dass Jutta ihr Rad persönlich hochschleppte.
An einem nahen Kiosk kauften wir Brot ein. Wir schätzen
das russische Kastenbrot, von dem es verschiedene Vollkornsorten
gibt. Wir fanden sehr schnell ein Hotel. Ein unscheinbares,
langes Gebäude verhieß bestenfalls mittleren Standard.
Das Zimmer war leidlich groß, mit einem praktischen Tisch
in der Mitte. Die Sanitäranlagen sind in all diesen Häusern
verrostet und funktionieren nicht auf Anhieb. Das Hotel ist
noch nicht von moderner Rationalisierung erfasst. Umständlich
wurden Meldevordrucke ausgeschrieben, die wir dann oben bei
der Etagenverwalterin abgeben mussten. Doch es gibt auf dieser
Etage auch einige Jungunternehmer oder Existenzgründer.
In einem Vorraum hatte sich ein Friseurbetrieb eingerichtet.
Jutta hat sich dort gleich angemeldet und kam mit chic geschnittener,
neuer Frisur zurück ins Zimmer.
Ich selbst habe mich sofort ins
Bett gelegt, Husten und Schnupfen kündigten eine Grippe
oder Erkältung an. Das hatte schon im Zug begonnen. Ich
führte das auf nächtliche Zugluft zurück, denn
ich hatte es nicht geschafft, das Fenster ganz zu schließen.
Ich fühlte mich zwei Tage in Ulan-Ude miserabel und fürchtete
schon, jetzt ginge es auch bei mir mit der Hepatitis los, denn
bei Jutta hatte es ja so angefangen. Doch gottlob war es nur
eine Erkältung oder leichte Grippe, schon am dritten Tag
war ich wieder auf den Beinen.
Unser bescheidenes Hotel lag
recht fußgängerfreundlich in der alten Stadtmitte.
Dafür mussten wir allerdings Geräusche ertragen. Wenn
die Straßenbahn vorbeifuhr, sagte Jutta: „Das hört
sich an, als ob sie mitten durchs Zimmer fährt.“
Doch so arg war es auch wieder nicht. Zum Einkaufen gingen wir
zum nahen Basar. Diese Bezeichnung hat sich bei uns seit der
Türkei so eingeprägt, wie der Markt auf russisch heißt,
weiß ich gar nicht so richtig. Dort hat uns das breite
Angebot überrascht. In einem modernen Hallengebäude
haben die eng nebeneinander stehenden Kleinhändler ihre
Lebensmittel feilgehalten, und da herrschte ein munteres Einkaufstreiben.
Ich interessierte mich mehr für die Kleinhändler,
an der Straße, die sich gerne fotografieren ließen.
Die Kleinbauern verkauften Gemüse aus Eigenbau, was gut
zu erkennen war. Kartoffeln, Weißkraut, Möhren, Sellerie,
verschiedene Salatsorten und Gewürzkräuter. Dazu Waldfrüchte:
eine sibirische Waldbeere, die im Geschmack der Sauerkirsche
nahe kommt, aber süßer ist. Und schließlich
Blaubeeren und Himbeeren. Ich weiß aus meiner Jugend,
wie mühsam das Blaubeer-Pflücken im Wald ist. Hier
konnten wir diese Waldfrüchte so billig einkaufen, dass
wir freiwillig etwas zulegten.
Weil sich die jungen russischen
Frauen gerne auffallend sexy kleiden und sich auch so bewegen
wollen, staksen sie mit hohen Schuhen durch das löcherige
und nasse Straßenlabyrinth. Vor einem Haus hat ein älterer
Mann die vorhin beschriebenen sibirischen Beeren in einen Korb
gepflückt. Ich ging an den Zaun und gab mich als „njemez“
(Deutscher) zu erkennen. Er deutete auf sein Gesicht und sagte
„stary“ (alt). Ich sagte auf Russisch: „Ich
bin 73 Jahre alt.“ Er erwiderte: „Ich bin 75.“
Dann gaben wir uns lachend die Hand. Es gibt also doch eine
bescheidene Verständigungs-Möglichkeit auf Russisch.
Hinter dem Vorhang lugte seine Frau hervor. Ich hätte mich
gerne Einladen lassen, aber ich wollte das von meiner Frau vorgebene
Zeitlimit nicht überziehen. >
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