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Bericht 11: „Meine tapfere Frau kämpft gegen die Hepatitis“ – Seite 4/8

. . . Wir warteten im großen Wartesaal mit dem Blick auf die große Anzeigentafel, denn da sollte 15 Minuten vor Abfahrt des Zuges der Bahnsteig angezeigt werden. Dazwischen hatten wir noch eine Schrecksekunde zu überstehen. Der Sicherheitsoffizier hatte uns erlaubt, unsere Räder mit in die Halle zu nehmen. Für Jutta fand ich einen Sitzplatz weit vorn. Etwas später hat mit eine Frau zwei Sitzplätze in der Nähe unserer Räder angeboten, und ich holte Jutta zurück. Nach einiger Zeit sprach uns eine andere Frau an und deutete nach vorn. Sofort verstanden wir es: Jutta hatte die Lenkertasche dort stehen lassen. Da war alles Wichtige drin, die beiden Pässe, Geld und die Digitalkamera. Diese Nachlässigkeit ist nur mit Müdigkeit und Nervosität zu erklären. Gottseidank gibt es auch in Sibirien ehrliche Leute. Nach diesem Schreck ging alles gang planmäßig. Ich sah die Gleisanzeige auf der Anzeigentafel, und wir beide haben mit reduzierter Aufregung unsere Last auf dem gleichen Weg wie bei der Ankunft über die Brücke transportiert und waren gerade rechtzeitig da, als unser Waggon angekoppelt wurde. Jetzt saßen wir also in der Transsibirischen Eisenbahn, der längsten Bahnstrecke der Welt. Von Moskau bis Wladiwostok sind es über 9.500 Kilometer. Für uns waren es „nur“ ca. 2.500 Kilometer bis Ulan-Ude, wo die Transmongolische Eisenbahn abzweigt, die bis Peking weiterfährt. Wir fühlten uns gleich wie zu Hause. Zum Aufstellen der Räder in der oberen Etage war es etwas enger, weil die Liegen dicke Polster haben. . . .
. . .Wir hatten uns wieder auf 40 Stunden einzurichten. Da sind offenbar auch die stundenlangen Halts auf offener Strecke wegen Gleisbauarbeiten eingeplant. Da sahen wir dann auf das Grün am Gleisrand, und ich hatte oft das Bedürfnis, ein Stück in die sibirische Waldeinsamkeit hinauszugehe. Doch es ist eine trennende Scheibe dazwischen, und eine geschlossene Tür. Weil wir aber auf einer langen Reise unterwegs waren, warteten wir in der unheimlichen Stille der Halts auf das gleichförmige Tak-tak, Tak-tak von den Schienen und auf die unterschiedliche Frequenz des Radaufpralls auf den Schienen. Das ist mir deswegen in besonderer Erinnerung, weil die Zugführer sicher wegen der unterschiedlichen Qualität der Gleiskörper die Geschwindigkeit sehr häufig verändern.
      In den angrenzenden Abteilen logierten Familien. Wir fühlten uns auch hier völlig ungefährdet. An den Haltestellen wird bei weitem nicht so viel angeboten wie in Kasachstan. Einmal musste ich ziemlich weit nach vorn laufen, um eine Flasche Mineralwasser zu ergattern. Wir fuhren weiter, immer weiter nach Osten. Unendliche Weite auch hier. Die Landschaft unterscheidet sich nicht sehr von der, die wir aus dem Ural kennen. Die weiten, nicht von Menschenhand veränderten Mischwälder werden oft von Waldwiesen unterbrochen. Wie hoch stehen da Gras und Wildblumen! Nur vereinzelt sehen wir Bauern, die mit der Sense ein Stück Wiese mähen. Nutzvieh ist in der offenen Landschaft auch nicht zu sehen. Auch in Sibirien gehören die russischen Blockhäuser zum Landschaftsbild. In Abständen von 20 bis 50 Kilometern tauchen sie immer wieder auf. Ab und zu wird auch mal eine Kuh zum Weiden getrieben. Ich konnte auf diesen langen Strecken keine Kolchosen entdecken. Boden und Klima geben offenbar für gewerbsmäßigen Feldanbau nicht genug her. Nicht wegzudenken sind die Kartoffelfelder zur Selbstversorgung. Im überschaubaren Einzugsbereich der hier lebenden Menschen wird jeder Quadratmeter zum Kartoffelanbau genutzt, aber auch die Gemüsegärten fehlen an keinem Haus. Dort wird mit primitiven Gewächshäusern und Folien das Wachstum beschleunigt, denn die Sommer sind kurz. Die Winterbevorratung mit Kartoffeln und haltbar gemachtem Gemüse ist kein Hobby, sondern lebenswichtige Selbstversorgung. Im Bereich größerer Städte werden die Datschen-Siedlungen sichtbar. Da gibt es skurrile Bauwerke, alle im Eigenbau. Nicht wenige dieser Häuschen, die ja meist nur im Sommer für einige Zeit bewohnt werden, sind nicht fertig geworden oder verfallen. . . .
. . . Ulan-Ude ist auch eine große Stadt und erstreckt sich über weite Strecken entlang eines breiten Flusslaufes. Wieder hatten wir eine Brücke zu überwinden. Ich konnte nicht verhindern, dass Jutta ihr Rad persönlich hochschleppte. An einem nahen Kiosk kauften wir Brot ein. Wir schätzen das russische Kastenbrot, von dem es verschiedene Vollkornsorten gibt. Wir fanden sehr schnell ein Hotel. Ein unscheinbares, langes Gebäude verhieß bestenfalls mittleren Standard. Das Zimmer war leidlich groß, mit einem praktischen Tisch in der Mitte. Die Sanitäranlagen sind in all diesen Häusern verrostet und funktionieren nicht auf Anhieb. Das Hotel ist noch nicht von moderner Rationalisierung erfasst. Umständlich wurden Meldevordrucke ausgeschrieben, die wir dann oben bei der Etagenverwalterin abgeben mussten. Doch es gibt auf dieser Etage auch einige Jungunternehmer oder Existenzgründer. In einem Vorraum hatte sich ein Friseurbetrieb eingerichtet. Jutta hat sich dort gleich angemeldet und kam mit chic geschnittener, neuer Frisur zurück ins Zimmer.
      Ich selbst habe mich sofort ins Bett gelegt, Husten und Schnupfen kündigten eine Grippe oder Erkältung an. Das hatte schon im Zug begonnen. Ich führte das auf nächtliche Zugluft zurück, denn ich hatte es nicht geschafft, das Fenster ganz zu schließen. Ich fühlte mich zwei Tage in Ulan-Ude miserabel und fürchtete schon, jetzt ginge es auch bei mir mit der Hepatitis los, denn bei Jutta hatte es ja so angefangen. Doch gottlob war es nur eine Erkältung oder leichte Grippe, schon am dritten Tag war ich wieder auf den Beinen.
      Unser bescheidenes Hotel lag recht fußgängerfreundlich in der alten Stadtmitte. Dafür mussten wir allerdings Geräusche ertragen. Wenn die Straßenbahn vorbeifuhr, sagte Jutta: „Das hört sich an, als ob sie mitten durchs Zimmer fährt.“ Doch so arg war es auch wieder nicht. Zum Einkaufen gingen wir zum nahen Basar. Diese Bezeichnung hat sich bei uns seit der Türkei so eingeprägt, wie der Markt auf russisch heißt, weiß ich gar nicht so richtig. Dort hat uns das breite Angebot überrascht. In einem modernen Hallengebäude haben die eng nebeneinander stehenden Kleinhändler ihre Lebensmittel feilgehalten, und da herrschte ein munteres Einkaufstreiben. Ich interessierte mich mehr für die Kleinhändler, an der Straße, die sich gerne fotografieren ließen. Die Kleinbauern verkauften Gemüse aus Eigenbau, was gut zu erkennen war. Kartoffeln, Weißkraut, Möhren, Sellerie, verschiedene Salatsorten und Gewürzkräuter. Dazu Waldfrüchte: eine sibirische Waldbeere, die im Geschmack der Sauerkirsche nahe kommt, aber süßer ist. Und schließlich Blaubeeren und Himbeeren. Ich weiß aus meiner Jugend, wie mühsam das Blaubeer-Pflücken im Wald ist. Hier konnten wir diese Waldfrüchte so billig einkaufen, dass wir freiwillig etwas zulegten.
      Weil sich die jungen russischen Frauen gerne auffallend sexy kleiden und sich auch so bewegen wollen, staksen sie mit hohen Schuhen durch das löcherige und nasse Straßenlabyrinth. Vor einem Haus hat ein älterer Mann die vorhin beschriebenen sibirischen Beeren in einen Korb gepflückt. Ich ging an den Zaun und gab mich als „njemez“ (Deutscher) zu erkennen. Er deutete auf sein Gesicht und sagte „stary“ (alt). Ich sagte auf Russisch: „Ich bin 73 Jahre alt.“ Er erwiderte: „Ich bin 75.“ Dann gaben wir uns lachend die Hand. Es gibt also doch eine bescheidene Verständigungs-Möglichkeit auf Russisch. Hinter dem Vorhang lugte seine Frau hervor. Ich hätte mich gerne Einladen lassen, aber ich wollte das von meiner Frau vorgebene Zeitlimit nicht überziehen. >

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