Nach
einer Stunde musste ich mich aus dem nachgeholten Schlaf reißen,
denn ich hatte viel abzuarbeiten. Zuerst habe ich mich über
das deutsche Konsulat zu einem Reisebüro durchgefragt,
in dem Deutsch gesprochen wird. Als ich dort ankam, traf ich
am Schalter zunächst auf eine lustlose jungen Frau, die
meine Fragen nicht richtig verstand, weder auf Deutsch noch
auf Englisch noch mit meinen bescheidenen russischen Brocken.
Dann kam aber die Chefin selbst hinzu, telefonierte mit dem
Bahnhof und ließ die Fahrkarten reservieren – ein
Vierercoupe für uns und die Räder. Sie spricht sehr
gut Deutsch und stimmte mir zu, als ich über die russische
Bürokratie klagte. „Kann ich vorher noch die Registrierung
erledigen?“, fragte ich. „Ja natürlich, das
geht schon“, sagte die Frau. Sie gab mir die Adresse und
beschrieb mir den Weg dorthin. Ich machte mich im Laufschritt
auf den Weg. Ich musste einige Male fragen und eine andere Richtung
einschlagen. Ein junger Mann begleitete mich schließlich
zu dem angegebenen Büro. Wieder stieß ich auf viele
wartende Menschen, die vor und in den Büros herumstanden
und –saßen. Ich zeigte meinen deutschen Paß
und sagte „registraze“. Die Russen ließen
mich nach vorn, und ich stand schließlich vor einem Schreibtisch.
Da erschien nach einigen Minuten eine junge Frau. Sie redete
in ihrer Sprache auf mich ein, und ich konnte nur so viel verstehen,
dass alles viel komplizierter ist, als ich es erwartet hatte.
Da müsste ich womöglich das Reisebüro in München
einschalten, das die Visa beschafft hatte, weil die private
Einladung unserer russischen Freunde im Konsulat nicht akzeptiert
worden war. Das hat die Visa erheblich verteuert, denn wir mussten
Hotelzimmer und Stadtführung in Moskau mitbezahlen, was
wir nie in Anspruch nehmen konnten. Eine üble Abzockerei.
Seit zehn Jahren fahren wir nach Russland, und nie hatten wir
ein Problem mit den privaten Einladungen. Das waren, wie auch
diesmal, Einladungen des Bürgermeisters einer russischen
großen Stadt mit Stempel und allem drum und dran. Sollte
das alles nun plötzlich nicht mehr gelten?
Der belehrende, überhebliche
Ton und die abweisende Geste der Beamtin brachten mich so in
Rage, das ich meinem Ärger lauthals in meiner Sprache Luft
machte. „Warum ist das alles so kompliziert und bürokratisch
in Russland? Ich muss doch nur diesen idiotischen Stempel in
meinem Pass haben!“ Dazu deutete ich auf den auf dem Schreibtisch
liegenden Stempel. Die Beamtin schaute mich strafend an und
ging leicht erregt aus dem Zimmer. Sie kam sogleich mit einer
Frau in Uniform zurück. Das war offenbar die Chefin mit
einigen Sternen auf den Schulterstücken. Die umstehenden
Leute hatten ihr respektvoll Platz gemacht. Sie pflanzte sich
vor mir mit hochgeschränkten Armen auf und ließ ein
russisches Donnerwetter auf mich los. Ich streckte mich auch,
nahm meine geschränkten Arme noch höher und erwiderte
in meiner Sprache: „Damit können Sie mir überhaupt
nicht imponieren!“ Ich sagte noch ein paar Sätze
mehr, dass ich anständig behandelt werden möchte.
Das zeigte Wirkung. Sie ließ die Arme fallen und entspannte
sich. Ihr Gesichtsausdruck verriet mir, dass ich ihr imponiert
hatte. Die Umstehenden schmunzelten verhalten. Ich bekam nach
einigen Minuten einen Telefonhörer in die Hand gedrückt.
Dort meldete sich eine Deutsch sprechende Frau, die sagte: „Sie
brauchen einen Dolmetscher.“ Ich erwiderte: „Sie
sind meine Dolmetscherin, kommen Sie bitte hierher.“
Dazu kam es dann aber nicht,
denn kurz darauf tippte mir ein Mann auf die Schulter und sagte
ruhig und leise in perfektem Deutsch: „Regen Sie sich
nicht auf, ich helfe Ihnen. Ich habe das gleiche Problem mit
der Registrierung.“ Er hatte die Anmeldefrist überzogen
und verhandelte deshalb mit der Beamtin am anderen Tisch. Als
er nach 20 Minuten seine Stempel hatte, ging er mit mir in einem
Vorraum und füllte Vordrucke aus – alle in Russisch.
Er erklärte mir, dass die einladende Institution oder Privatperson
den Aufenthalt verbunden mit einer Verpflichtungserklärung
bestätigen müsse. Das würde in meinem Fall einige
Tage in Anspruch nehmen. Also schrieb er im Namen seiner russischen
Verwandten. Alles müsse jetzt schnell gehen, denn in 40
Minuten schließe die Behörde, und am nächsten
Tag sei auch geschlossen. Außerdem muss die Einzahlungsquittung
über 40 Rubel abgegeben werden. Einzahlen kann man aber
nicht hier, sondern nur bei einer ganz bestimmte Kasse in der
Stadt. Er wolle die Quittung sofort besorgen, bevor die zumachen.
Nach 20 Minuten kam er zurück und ließ mich das nicht
bezahlen. Das sei jetzt unbedeutend.
Er stellte sich als Heinz Schmidt
vor. Er ist Russland-Deutscher und lebt seit 20 Jahren in Konstanz.
Daher stammt sein Akzent in einer Mischung aus Schwyzerdütsch
und Schwäbisch. Er legte der Beamtin alle Papiere mit den
Pässen vor. Schon vorher hatte er lange auf die Frau eingeredet
und hat ihr offensichtlich auch einiges über mich erzählt,
denn ab und zu ging ihr Blick zu mir herüber, und ich glaubte,
ein zunehmendes Wohlwollen darin zu erkennen. Und wie er auf
sie einredete! Ziemlich schnell, denn Heinz Schmidt entpuppte
sich plötzlich als quicklebendiger Mann, der auch Scherze
machte. Zwischendurch machte er eine Bemerkung zu mir herüber:
„Wir schaffen das. Es ist ja eigentlich illegal, was ich
da mache, aber es wird schon klappen.“ Er sagte auch:
„Mit Geld kann man hier nichts machen.“ Es würde
in die falsche Richtung gehen, wenn man einen Schein auf den
Tisch legen würde. Die offiziellen Schalterstunden waren
längst überzogen, nur wir beide und die Beamtin waren
noch da – bis sie mit einer gerade feierlichen Bewegung
den Stempel in unsere Pässe drückte. Ich hatte bei
dieser Prozedur den Atem angehalten, und erleichtert entfuhr
es mir: „Gott sei Dank.“ Heinz Schmidt fuhr mich
noch mit seinem Auto ins Hotel und musste dann weiter.
Ich sauste wieder im Dauerlauf
los und suchte einen Geldautomaten oder eine Wechselstube. Würden
die Fahrkarten noch da sein? Als ich am Bahnhof ankam, hatte
ich wieder Warteschlangen vor mir. Nach einer halben Stunde,
was ja gar nichts ist, hatte ich die sie in den Händen.
Die Abfahrt war am nächsten Nachmittag. Ich atmete erst
mal auf: geschafft! Aber was nützt das alles, fuhr es mir
durch den Kopf, wenn es meiner Frau schlecht geht. Wäre
es vielleicht doch besser gewesen, noch einen weiteren Tag hierzubleiben?
Jutta war natürlich in Sorge,
als ich zurückkam. Ich war mehr als fünf Stunden weg.
„Wie geht es dir?“ ist seit Wochen die erste Frage
an meine Frau nach dem Aufstehen. Dazu schaue ich ihr in die
Augen und hoffe täglich neu auf das Wunder, dass das Gelb
im Augapfel verschwunden ist. „Geht schon“, kommt
es von ihr zurück. Zwar klingt das optimistisch, aber wiederum
auch leicht deprimiert. Sie leidet darunter, dass die Heilung
so langsam vorankommt. Wir gingen gemeinsam los, um einzukaufen.
. . .
. . . Wir kamen am Konsulat vorbei und wollten eigentlich nur
kurz reinschauen, um uns für die telefonische Beratung
zu bedanken. Doch der Generalkonsul empfing uns zugleich und
nahm sich viel Zeit für uns. Es ist seine letzte Station
im Auswärtigen Dienst, und er bereitet sich auf den Ruhestand
vor. Er erzählte uns aus seinem Diplomatenleben und erkannte
sofort, dass meine Frau an Hepatitis leidet. Er selbst hat diese
Krankheit einige Jahre verschleppt, weil er falsch behandelt
worden war. . . . >
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