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Bericht 11: „Meine tapfere Frau kämpft gegen die Hepatitis“ – Seite 3/8

      Nach einer Stunde musste ich mich aus dem nachgeholten Schlaf reißen, denn ich hatte viel abzuarbeiten. Zuerst habe ich mich über das deutsche Konsulat zu einem Reisebüro durchgefragt, in dem Deutsch gesprochen wird. Als ich dort ankam, traf ich am Schalter zunächst auf eine lustlose jungen Frau, die meine Fragen nicht richtig verstand, weder auf Deutsch noch auf Englisch noch mit meinen bescheidenen russischen Brocken. Dann kam aber die Chefin selbst hinzu, telefonierte mit dem Bahnhof und ließ die Fahrkarten reservieren – ein Vierercoupe für uns und die Räder. Sie spricht sehr gut Deutsch und stimmte mir zu, als ich über die russische Bürokratie klagte. „Kann ich vorher noch die Registrierung erledigen?“, fragte ich. „Ja natürlich, das geht schon“, sagte die Frau. Sie gab mir die Adresse und beschrieb mir den Weg dorthin. Ich machte mich im Laufschritt auf den Weg. Ich musste einige Male fragen und eine andere Richtung einschlagen. Ein junger Mann begleitete mich schließlich zu dem angegebenen Büro. Wieder stieß ich auf viele wartende Menschen, die vor und in den Büros herumstanden und –saßen. Ich zeigte meinen deutschen Paß und sagte „registraze“. Die Russen ließen mich nach vorn, und ich stand schließlich vor einem Schreibtisch. Da erschien nach einigen Minuten eine junge Frau. Sie redete in ihrer Sprache auf mich ein, und ich konnte nur so viel verstehen, dass alles viel komplizierter ist, als ich es erwartet hatte. Da müsste ich womöglich das Reisebüro in München einschalten, das die Visa beschafft hatte, weil die private Einladung unserer russischen Freunde im Konsulat nicht akzeptiert worden war. Das hat die Visa erheblich verteuert, denn wir mussten Hotelzimmer und Stadtführung in Moskau mitbezahlen, was wir nie in Anspruch nehmen konnten. Eine üble Abzockerei. Seit zehn Jahren fahren wir nach Russland, und nie hatten wir ein Problem mit den privaten Einladungen. Das waren, wie auch diesmal, Einladungen des Bürgermeisters einer russischen großen Stadt mit Stempel und allem drum und dran. Sollte das alles nun plötzlich nicht mehr gelten?
      Der belehrende, überhebliche Ton und die abweisende Geste der Beamtin brachten mich so in Rage, das ich meinem Ärger lauthals in meiner Sprache Luft machte. „Warum ist das alles so kompliziert und bürokratisch in Russland? Ich muss doch nur diesen idiotischen Stempel in meinem Pass haben!“ Dazu deutete ich auf den auf dem Schreibtisch liegenden Stempel. Die Beamtin schaute mich strafend an und ging leicht erregt aus dem Zimmer. Sie kam sogleich mit einer Frau in Uniform zurück. Das war offenbar die Chefin mit einigen Sternen auf den Schulterstücken. Die umstehenden Leute hatten ihr respektvoll Platz gemacht. Sie pflanzte sich vor mir mit hochgeschränkten Armen auf und ließ ein russisches Donnerwetter auf mich los. Ich streckte mich auch, nahm meine geschränkten Arme noch höher und erwiderte in meiner Sprache: „Damit können Sie mir überhaupt nicht imponieren!“ Ich sagte noch ein paar Sätze mehr, dass ich anständig behandelt werden möchte. Das zeigte Wirkung. Sie ließ die Arme fallen und entspannte sich. Ihr Gesichtsausdruck verriet mir, dass ich ihr imponiert hatte. Die Umstehenden schmunzelten verhalten. Ich bekam nach einigen Minuten einen Telefonhörer in die Hand gedrückt. Dort meldete sich eine Deutsch sprechende Frau, die sagte: „Sie brauchen einen Dolmetscher.“ Ich erwiderte: „Sie sind meine Dolmetscherin, kommen Sie bitte hierher.“
      Dazu kam es dann aber nicht, denn kurz darauf tippte mir ein Mann auf die Schulter und sagte ruhig und leise in perfektem Deutsch: „Regen Sie sich nicht auf, ich helfe Ihnen. Ich habe das gleiche Problem mit der Registrierung.“ Er hatte die Anmeldefrist überzogen und verhandelte deshalb mit der Beamtin am anderen Tisch. Als er nach 20 Minuten seine Stempel hatte, ging er mit mir in einem Vorraum und füllte Vordrucke aus – alle in Russisch. Er erklärte mir, dass die einladende Institution oder Privatperson den Aufenthalt verbunden mit einer Verpflichtungserklärung bestätigen müsse. Das würde in meinem Fall einige Tage in Anspruch nehmen. Also schrieb er im Namen seiner russischen Verwandten. Alles müsse jetzt schnell gehen, denn in 40 Minuten schließe die Behörde, und am nächsten Tag sei auch geschlossen. Außerdem muss die Einzahlungsquittung über 40 Rubel abgegeben werden. Einzahlen kann man aber nicht hier, sondern nur bei einer ganz bestimmte Kasse in der Stadt. Er wolle die Quittung sofort besorgen, bevor die zumachen. Nach 20 Minuten kam er zurück und ließ mich das nicht bezahlen. Das sei jetzt unbedeutend.
      Er stellte sich als Heinz Schmidt vor. Er ist Russland-Deutscher und lebt seit 20 Jahren in Konstanz. Daher stammt sein Akzent in einer Mischung aus Schwyzerdütsch und Schwäbisch. Er legte der Beamtin alle Papiere mit den Pässen vor. Schon vorher hatte er lange auf die Frau eingeredet und hat ihr offensichtlich auch einiges über mich erzählt, denn ab und zu ging ihr Blick zu mir herüber, und ich glaubte, ein zunehmendes Wohlwollen darin zu erkennen. Und wie er auf sie einredete! Ziemlich schnell, denn Heinz Schmidt entpuppte sich plötzlich als quicklebendiger Mann, der auch Scherze machte. Zwischendurch machte er eine Bemerkung zu mir herüber: „Wir schaffen das. Es ist ja eigentlich illegal, was ich da mache, aber es wird schon klappen.“ Er sagte auch: „Mit Geld kann man hier nichts machen.“ Es würde in die falsche Richtung gehen, wenn man einen Schein auf den Tisch legen würde. Die offiziellen Schalterstunden waren längst überzogen, nur wir beide und die Beamtin waren noch da – bis sie mit einer gerade feierlichen Bewegung den Stempel in unsere Pässe drückte. Ich hatte bei dieser Prozedur den Atem angehalten, und erleichtert entfuhr es mir: „Gott sei Dank.“ Heinz Schmidt fuhr mich noch mit seinem Auto ins Hotel und musste dann weiter.
      Ich sauste wieder im Dauerlauf los und suchte einen Geldautomaten oder eine Wechselstube. Würden die Fahrkarten noch da sein? Als ich am Bahnhof ankam, hatte ich wieder Warteschlangen vor mir. Nach einer halben Stunde, was ja gar nichts ist, hatte ich die sie in den Händen. Die Abfahrt war am nächsten Nachmittag. Ich atmete erst mal auf: geschafft! Aber was nützt das alles, fuhr es mir durch den Kopf, wenn es meiner Frau schlecht geht. Wäre es vielleicht doch besser gewesen, noch einen weiteren Tag hierzubleiben?
      Jutta war natürlich in Sorge, als ich zurückkam. Ich war mehr als fünf Stunden weg. „Wie geht es dir?“ ist seit Wochen die erste Frage an meine Frau nach dem Aufstehen. Dazu schaue ich ihr in die Augen und hoffe täglich neu auf das Wunder, dass das Gelb im Augapfel verschwunden ist. „Geht schon“, kommt es von ihr zurück. Zwar klingt das optimistisch, aber wiederum auch leicht deprimiert. Sie leidet darunter, dass die Heilung so langsam vorankommt. Wir gingen gemeinsam los, um einzukaufen. . . .
. . . Wir kamen am Konsulat vorbei und wollten eigentlich nur kurz reinschauen, um uns für die telefonische Beratung zu bedanken. Doch der Generalkonsul empfing uns zugleich und nahm sich viel Zeit für uns. Es ist seine letzte Station im Auswärtigen Dienst, und er bereitet sich auf den Ruhestand vor. Er erzählte uns aus seinem Diplomatenleben und erkannte sofort, dass meine Frau an Hepatitis leidet. Er selbst hat diese Krankheit einige Jahre verschleppt, weil er falsch behandelt worden war. . . . >

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