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Bericht 11: „Meine tapfere Frau kämpft gegen die Hepatitis“ – Seite 2/8

. . . In dem Eisenbahnzug durch Kasachstan scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Jeder Fahrgast weis, dass bis Novosibirik 40 Stunden vergehen werden. Es sind auch zwei Nächte dabei, darauf richtet man sich ein, das ist ein ganz anderes Zugreisegefühl. Mehr als eine Stunde lang fuhren wir an einem See entlang, der sich wie ein Meer bis zum Horizont ausdehnt. Es sind die „Früchte“ dieses Meeres, Räucherfische, die hier zu Vorzugspreisen an den Haltestellen präsentiert werden. Wie die Fahnenträger beim Oktoberfestzug tragen einige Männer große Gestänge mit geräuchertem Fisch vor sich her. Ich erinnerte mich an die besorgte Mahnung unserer Gastgeberin in Biskek, ja keinen Räucherfisch zu essen. Wir konnten einer solchen Versuchung leicht widerstehen.
      Die Hügel wurden kahler, wir fuhren in die Steppe, noch langsamer als zuvor. Hier werden die Pferdestärken der beiden mächtigen Dieselloks gefordert, denn sie müssen in weiten Schleifen Höhe gewinnen. In den Kurven kracht, quietscht und poltert es so laut, dass ich fürchtete, der Waggon könnte auseinanderfliegen. Hier würde das scherzhafte Verbotsschild passen: „Aussteigen zum Blumenpflücken verboten“. Wildblumen sind am Gleisrand noch zu sehen, so dürr ist die Steppe noch nicht. Ich schaute aus dem Fenster und sah weit drüben einen Zug auf einem in entgegengesetzter Richtung verlaufenden Gleiskörper – bis ich erkannte, dass das unser eigener Zug ist. Die beiden Loks hatten zu einem weiten Bogen ausgeholt, und ich konnte in der Schleife die Waggons zählen. Es waren mindestens 30, wie unendlich lang war dieser Zug? Die Nacht im Zug war unspektakulär. Ich schlief tief und fest, meine Jutta weniger. Sie plagte starker Juckreiz am ganzen Körper. Das Öffnen unserer Waggontür für den Gang zur Toilette war sehr anstrengend. Ich musste einige Male mit Leibeskräften reißen. Sind die Eisenbahnnächte nicht gefährlich, werden vorsichtige Leute fragen. Nein, sie waren es nicht. Auch nicht auf den folgenden Bahnstrecken. Insgesamt fünf Nächte verbrachten wir in russischen Zügen. Ich hatte im Tagesverlauf nach den anderen Fahrgästen Umschau gehalten. In den nächsten Abteilen waren die Türen offen. Nein, da saß niemand, vor dem ich mich instinktiv in Acht nehmen wollte. Von den beiden Waggonschaffnern war zudem immer einer auf Wache.
      Am nächsten Tag kam ich auf dem Gang mit einem Kasachen ins Gespräch. Wir hatten sehr oft erlebt, dass Menschen mit fremden Sprachkenntnissen Gesprächspartner suchen. Er zeigte auf die grüne Steppe, die sich mit weiter Sicht über sanfte Hügel anbot. Am Himmel hingen dunkle Regenwolken, und es war kühl geworden. Jutta hatte zuvor noch gesagt: „Haben wir unsere Wärmekleidung nicht zu früh nach Hause geschickt?“ Das habe es noch nie gegeben, betonte der Kasache. Zu dieser Zeit sei es sehr heiß und die Steppe trocken. Also auch hier Wetterkapriolen! Der Kasache stellte sich als Mediziner vor. Früher hatte er praktiziert, dann war er in die Politik eingestiegen, in der Wendezeit war er einige Jahre Gesundheitsminister und wurde dann der Politik unter Präsident Nasarbajev überdrüssig. Jetzt ist er Chef eines großen Instituts, in dem junge Frauen zu Krankenschwestern und Hebammen ausgebildet werden. Er betonte, dass ihm diese Arbeit viel Freude mache. Auch er hatte sich also für eine lange Bahnfahrt Zeit genommen. . . .
. . . Wir kamen zur russischen Grenze. Die Kasachen hatten es schnell gemacht. Sie interessierten sich mehr für unsere Räder als für unsere Pässe. Bei den Russen war das ganz anders. Jeder von uns hatte zwei Pässe, einen mit dem kasachischen Visum, und einen mit dem russischen. Die Beamtin war ratlos und nahm uns mit zum russischen Grenzhäuschen. Der kasachische Doktor begleitete mich als Dolmetscher. In weiser Voraussicht hatte ich mir von der deutschen Botschaft in einem Schreiben bestätigen lassen, dass der Besitz von zwei deutschen Pässen legal ist. Einige Vorgesetzte im Grenzhaus lasen, prüften und telefonierten dann sehr lange und gaben uns schließlich den Stempel. Als am Abend der Doktor mit seiner Familie in Rubskov ausstieg und am Bahnhof von Verwandten begrüßt wurde, grüßten er und seine Frau noch einmal lange zu uns herüber. Das verhieß: „Alles Gute, Jutta! Wir wünschen dir baldige Genesung.“
      Der Zug ratterte nun durch Russland, wo es wieder Wald und Wiesen gab. Kleine Dörfer mit den typischen russischen Holzhäusern, mal braun, blau oder gelb gestrichen, tauchten auf, auch mal einzelne Häuser, weitab von der nächsten größeren Ansiedlung. Wie können diese Leute hier existieren? Das waren keine Großbauern, denn wenn Vieh zu sehen war, dann ein bis zwei Kühe und ein paar Ziegen. Noch mehr hatte es uns bei der Fahrt durch Kasachstan beeindruckt, wenn nach langer Fahrt durch die einsamer Steppe plötzlich einige Häuser auftauchten, umgeben von kahlen, weitgeschwungenen Hügeln als sichtbarem Zeichen unendlicher Weite und Einsamkeit. Wie kommen sie durch die eisigen Winter, und wo nehmen sie ihr Brennmaterial her? Die Russen haben den Wald. Womit heizen aber die Kasachen in der Steppe? Getrockneter Kuhdung kann doch nicht ausreichen.
      Wir waren froh, als uns die Helligkeit des Tages weckte. So kamen wir nicht bei Nacht in Novosibirsk an. Wir hatten noch viel Zeit. Ich holte Teewasser aus dem Samowar, und Jutta richtete unsere letzten Vorräte auf dem Tisch an. Brot, Marmelade und Obst hatten gerade noch ausgereicht. Ich schaute auf die zehn gepackten Taschen um uns herum, auf die noch oben verstauten Räder und versuchte, die aufkommende Anspannung zu bekämpfen. „Wir können uns Zeit lassen, hier ist Endstation“, versuchte ich uns beide zu beruhigen. Wir vereinbarten, dass jeder zunächst mit dem Rad nach vorn geht. Jutta bleibt dann draußen bei den Rädern, und ich hole die Taschen. So sind wir dann auch mit unserem Hab und Gut auf dem Bahnsteig gelandet, haben erstmal durchgezählt, ob alles da ist, und dann die Taschen wieder auf die Räder geladen. Die Menschen strömten zu den Unterführungen, aber ich wählte den Weg über eine Brücke. Dort hatte ich nämlich eine praktische Beförderungshilfe entdeckt. Auf der rechten Seite war eine Blechrinne über die Stufen montiert, auf der wir unsere Räder mit vereinten Kräften hochschieben und auf der anderen Seite gebremst nach unten bringen konnten. . . .
. . . Gleich gegenüber ragt ein riesiges Gebäude mit 30 Stockwerken in den Himmel: das Hotel Novosibirsk. Es standen einige breitschultrige Wachleute herum, und ich musste Verständigungshürden an der Rezeption überwinden. Glück für uns war, dass wir das Zimmer sofort beziehen konnten. Die Räder konnten wir mit dem Materialaufzug nach oben bringen. Ich musste noch Rubel tauschen, denn die wollten hier zur Abwechslung mal keine Dollar, sondern Rubel haben. Der private Geldwechsler nahm einen 50-Dollar-Schein nicht an, weil er ein kleines Loch hatte. Schon einige Male hatte ich erlebt, dass private Wechsler die Dollarnoten sehr misstrauisch auf Fälschungen untersuchen. Schon bei einer kaum erkennbaren, geringen Beschädigung lehnen sie ab. Den besagten Schein habe ich tags darauf ohne Schwierigkeiten bei einer Bank umtauschen können. Die Dame an der Rezeption hatte betont: „No registraze.“ Das hätte mich eigentlich stutzig machen sollen. Mir ist später gesagt worden, die Registrierung ist eine Service-Leistung des Hotels. In der Stadt gab es sie offenbar nur im Interhotel Sibir. Dort waren wir zuvor zwar auch, aber die wollten um einiges mehr für ein vergleichbares Zimmer. >

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