. . . In dem Eisenbahnzug durch
Kasachstan scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Jeder
Fahrgast weis, dass bis Novosibirik 40 Stunden vergehen werden.
Es sind auch zwei Nächte dabei, darauf richtet man sich
ein, das ist ein ganz anderes Zugreisegefühl. Mehr als
eine Stunde lang fuhren wir an einem See entlang, der sich wie
ein Meer bis zum Horizont ausdehnt. Es sind die „Früchte“
dieses Meeres, Räucherfische, die hier zu Vorzugspreisen
an den Haltestellen präsentiert werden. Wie die Fahnenträger
beim Oktoberfestzug tragen einige Männer große Gestänge
mit geräuchertem Fisch vor sich her. Ich erinnerte mich
an die besorgte Mahnung unserer Gastgeberin in Biskek, ja keinen
Räucherfisch zu essen. Wir konnten einer solchen Versuchung
leicht widerstehen.
Die Hügel wurden kahler,
wir fuhren in die Steppe, noch langsamer als zuvor. Hier werden
die Pferdestärken der beiden mächtigen Dieselloks
gefordert, denn sie müssen in weiten Schleifen Höhe
gewinnen. In den Kurven kracht, quietscht und poltert es so
laut, dass ich fürchtete, der Waggon könnte auseinanderfliegen.
Hier würde das scherzhafte Verbotsschild passen: „Aussteigen
zum Blumenpflücken verboten“. Wildblumen sind am
Gleisrand noch zu sehen, so dürr ist die Steppe noch nicht.
Ich schaute aus dem Fenster und sah weit drüben einen Zug
auf einem in entgegengesetzter Richtung verlaufenden Gleiskörper
– bis ich erkannte, dass das unser eigener Zug ist. Die
beiden Loks hatten zu einem weiten Bogen ausgeholt, und ich
konnte in der Schleife die Waggons zählen. Es waren mindestens
30, wie unendlich lang war dieser Zug? Die Nacht im Zug war
unspektakulär. Ich schlief tief und fest, meine Jutta weniger.
Sie plagte starker Juckreiz am ganzen Körper. Das Öffnen
unserer Waggontür für den Gang zur Toilette war sehr
anstrengend. Ich musste einige Male mit Leibeskräften reißen.
Sind die Eisenbahnnächte nicht gefährlich, werden
vorsichtige Leute fragen. Nein, sie waren es nicht. Auch nicht
auf den folgenden Bahnstrecken. Insgesamt fünf Nächte
verbrachten wir in russischen Zügen. Ich hatte im Tagesverlauf
nach den anderen Fahrgästen Umschau gehalten. In den nächsten
Abteilen waren die Türen offen. Nein, da saß niemand,
vor dem ich mich instinktiv in Acht nehmen wollte. Von den beiden
Waggonschaffnern war zudem immer einer auf Wache.
Am nächsten Tag kam ich
auf dem Gang mit einem Kasachen ins Gespräch. Wir hatten
sehr oft erlebt, dass Menschen mit fremden Sprachkenntnissen
Gesprächspartner suchen. Er zeigte auf die grüne Steppe,
die sich mit weiter Sicht über sanfte Hügel anbot.
Am Himmel hingen dunkle Regenwolken, und es war kühl geworden.
Jutta hatte zuvor noch gesagt: „Haben wir unsere Wärmekleidung
nicht zu früh nach Hause geschickt?“ Das habe es
noch nie gegeben, betonte der Kasache. Zu dieser Zeit sei es
sehr heiß und die Steppe trocken. Also auch hier Wetterkapriolen!
Der Kasache stellte sich als Mediziner vor. Früher hatte
er praktiziert, dann war er in die Politik eingestiegen, in
der Wendezeit war er einige Jahre Gesundheitsminister und wurde
dann der Politik unter Präsident Nasarbajev überdrüssig.
Jetzt ist er Chef eines großen Instituts, in dem junge
Frauen zu Krankenschwestern und Hebammen ausgebildet werden.
Er betonte, dass ihm diese Arbeit viel Freude mache. Auch er
hatte sich also für eine lange Bahnfahrt Zeit genommen.
. . .
. . . Wir kamen zur russischen Grenze. Die Kasachen hatten es
schnell gemacht. Sie interessierten sich mehr für unsere
Räder als für unsere Pässe. Bei den Russen war
das ganz anders. Jeder von uns hatte zwei Pässe, einen
mit dem kasachischen Visum, und einen mit dem russischen. Die
Beamtin war ratlos und nahm uns mit zum russischen Grenzhäuschen.
Der kasachische Doktor begleitete mich als Dolmetscher. In weiser
Voraussicht hatte ich mir von der deutschen Botschaft in einem
Schreiben bestätigen lassen, dass der Besitz von zwei deutschen
Pässen legal ist. Einige Vorgesetzte im Grenzhaus lasen,
prüften und telefonierten dann sehr lange und gaben uns
schließlich den Stempel. Als am Abend der Doktor mit seiner
Familie in Rubskov ausstieg und am Bahnhof von Verwandten begrüßt
wurde, grüßten er und seine Frau noch einmal lange
zu uns herüber. Das verhieß: „Alles Gute, Jutta!
Wir wünschen dir baldige Genesung.“
Der Zug ratterte nun durch Russland,
wo es wieder Wald und Wiesen gab. Kleine Dörfer mit den
typischen russischen Holzhäusern, mal braun, blau oder
gelb gestrichen, tauchten auf, auch mal einzelne Häuser,
weitab von der nächsten größeren Ansiedlung.
Wie können diese Leute hier existieren? Das waren keine
Großbauern, denn wenn Vieh zu sehen war, dann ein bis
zwei Kühe und ein paar Ziegen. Noch mehr hatte es uns bei
der Fahrt durch Kasachstan beeindruckt, wenn nach langer Fahrt
durch die einsamer Steppe plötzlich einige Häuser
auftauchten, umgeben von kahlen, weitgeschwungenen Hügeln
als sichtbarem Zeichen unendlicher Weite und Einsamkeit. Wie
kommen sie durch die eisigen Winter, und wo nehmen sie ihr Brennmaterial
her? Die Russen haben den Wald. Womit heizen aber die Kasachen
in der Steppe? Getrockneter Kuhdung kann doch nicht ausreichen.
Wir waren froh, als uns die Helligkeit
des Tages weckte. So kamen wir nicht bei Nacht in Novosibirsk
an. Wir hatten noch viel Zeit. Ich holte Teewasser aus dem Samowar,
und Jutta richtete unsere letzten Vorräte auf dem Tisch
an. Brot, Marmelade und Obst hatten gerade noch ausgereicht.
Ich schaute auf die zehn gepackten Taschen um uns herum, auf
die noch oben verstauten Räder und versuchte, die aufkommende
Anspannung zu bekämpfen. „Wir können uns Zeit
lassen, hier ist Endstation“, versuchte ich uns beide
zu beruhigen. Wir vereinbarten, dass jeder zunächst mit
dem Rad nach vorn geht. Jutta bleibt dann draußen bei
den Rädern, und ich hole die Taschen. So sind wir dann
auch mit unserem Hab und Gut auf dem Bahnsteig gelandet, haben
erstmal durchgezählt, ob alles da ist, und dann die Taschen
wieder auf die Räder geladen. Die Menschen strömten
zu den Unterführungen, aber ich wählte den Weg über
eine Brücke. Dort hatte ich nämlich eine praktische
Beförderungshilfe entdeckt. Auf der rechten Seite war eine
Blechrinne über die Stufen montiert, auf der wir unsere
Räder mit vereinten Kräften hochschieben und auf der
anderen Seite gebremst nach unten bringen konnten. . . .
. . . Gleich gegenüber ragt ein riesiges Gebäude mit
30 Stockwerken in den Himmel: das Hotel Novosibirsk. Es standen
einige breitschultrige Wachleute herum, und ich musste Verständigungshürden
an der Rezeption überwinden. Glück für uns war,
dass wir das Zimmer sofort beziehen konnten. Die Räder
konnten wir mit dem Materialaufzug nach oben bringen. Ich musste
noch Rubel tauschen, denn die wollten hier zur Abwechslung mal
keine Dollar, sondern Rubel haben. Der private Geldwechsler
nahm einen 50-Dollar-Schein nicht an, weil er ein kleines Loch
hatte. Schon einige Male hatte ich erlebt, dass private Wechsler
die Dollarnoten sehr misstrauisch auf Fälschungen untersuchen.
Schon bei einer kaum erkennbaren, geringen Beschädigung
lehnen sie ab. Den besagten Schein habe ich tags darauf ohne
Schwierigkeiten bei einer Bank umtauschen können. Die Dame
an der Rezeption hatte betont: „No registraze.“
Das hätte mich eigentlich stutzig machen sollen. Mir ist
später gesagt worden, die Registrierung ist eine Service-Leistung
des Hotels. In der Stadt gab es sie offenbar nur im Interhotel
Sibir. Dort waren wir zuvor zwar auch, aber die wollten um einiges
mehr für ein vergleichbares Zimmer. >
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