Jutta hatte darauf bestanden, dass wir mit unseren Rädern
zum Bahnhof fahren. „Das wäre ja noch schöner!
Die zwölf Kilometer werde ich doch noch schaffen.“
Ich ließ mich von ihrer Zuversicht anstecken und versuchte,
die Bilder zu verdrängen, die von Erschöpfung gequälten
Gesichtsausdrücke, als sie im fiebrigen Zustand versuchte,
wenigstens einige Minuten aufrecht zu sitzen oder als sie sich
einige Tage später plagte, wenigstens einige hundert Meter
zu gehen. Doch wir dürfen uns nichts vormachen. Die Ausheilung
einer Hepatitis erfordert Geduld und Disziplin, bis zu sechs
Wochen Ruhe und strenge Diät. Wir dürfen keinen Rückschlag
riskieren. Ich sah mich plötzlich in einer Rolle, die ich
zuvor nie kannte. Denn ich war es gewohnt, dass meine Frau um
meine Gesundheit besorgt war. Jetzt musste ich auf sie aufpassen
und darauf achten, dass sie sich nicht zu stark belastet. Und
wir waren jeden Tag auf der Suche nach passender Ernährung,
was in einer fremden Stadt gar nicht so einfach ist. Wir hatten
erkannt, dass das Essen im Restaurant einfach ausfallen muss.
Da gibt es meistens fettreiche Kost oder zumindest versteckte
Fette. . . .
. . . Endlich waren wir wieder in Aufbruchstimmung. Ich holte
unsere Räder aus der engen, dunklen Kammer des Wachpersonals,
und wir packten unter den aufmerksamen Blicken der Wachmänner
unsere Taschen darauf. Jeder Handgriff sitzt inzwischen. Von
drüben grüßte mich ein Taxifahrer, der hier
seinen Standplatz hat. Er hatte mich zum Marathonstart gefahren.
Vorher hatte ich noch sein überhöhtes Preisangebot
heruntergehandelt. Lachend und mit Handschlag hat er dann die
Kompromiß-Taxe akzeptiert und mir fortan jedes Mal, wenn
wir uns sahen, „Maraphon“ und „moi Drug“,
„mein Freund“, zugerufen.
Azia wollte uns unbedingt zum
Bahnhof begleiten, obwohl wir ihn eigentlich nicht verfehlen
konnten. Wir mussten nur eine Straßenabzweigung beachten.
Sie fuhr im Linienbus voraus, und wir hinterher. Den Bus haben
wir nicht aus den Augen verloren. An den Haltestellen konnten
wir immer wieder aufschließen. „So schnell wie der
Bus“, lobte uns Azia anerkennend am Bahnhof. Da sah ich
wieder meiner Frau tief in die Augen. War es zu schnell für
sich? Nein, sie machte keinen überanstrengten Eindruck.
Wir hatten vier Fahrkarten gekauft, zwei für uns und zwei
für die Räder. Die Räder als „bagage“
in das Coupé? Das ist in russischen Fernzügen nichts
Außergewöhnliches. Viele Fahrgäste haben schweres
Gepäck dabei und wuchten voluminöse Bündel in
ihr Abteil. Nur der Gang muss frei sein, worauf die Waggonschaffnerin
achtet. Azia hatte mir vor der Abfahrt noch zugeflüstert:
„Am liebsten würde ich mit euch fahren.“ Sie
lief dann bis zur Bahnsteigkante neben dem anfahrenden Zug her.
Ich erkannte an ihrem Laufstil ihr Talent. Sie war ja auch den
Bergmarathon mitgelaufen.
Es war ein Zug der russischen
Bahn, der komfortabler ausgestattet ist als der kasachische
Zug. Jedes verschließbare Abteil hat vier Plätze,
zwei oben und zwei unten. Wir wuchteten unsere Räder auf
die oberen Bänke und verzurrten sie seitlich. Sie standen
dort bombenfest. Auf den unteren Bänken konnten wir uns
bequem zum Liegen einrichten oder am Fenster mit gepolsterter
Rücklehne sitzen. Es gibt auch einen Tisch zum Essen. Alle
Fahrgäste haben Proviant dabei. In jedem Waggon spendet
ein Samowar zu fast jeder Tageszeit heißes Wasser, wenn
die Schaffnerin nicht vergißt, Holz zur Befeuerung nachzulegen.
Für eine planmäßige Fahrzeit von 40 Stunden
sollte man sich schon bequem einrichten. Das ist auch möglich.
Es ist ausreichend Bettzeug da, von dem allerdings nicht die
besten Düfte ausgehen. Jutta rümpfte bedenklich die
Nase. Aber wir hatten ja unsere Schlafsäcke und zudem frische
Bettlaken, die von der Schaffnerin gebracht wurden.
Wir fuhren nach Sibirien, mindestens
1.500 Kilometer nach Norden durch die berüchtigte kasachische
Steppe, wo es über weite Strecken keine menschliche Ansiedlung
geben soll. Es geht vorbei an trockenen Salzseen über Semipaladinsk,
einer bis vor einigen Jahren gesperrten Stadt hinüber nach
Russland, bis Novosibirsk. Dort wollten wir mit der Transsibirischen
Eisenbahn einige 1.000 Kilometer weiter nach Osten, zum Baikalsee.
Noch waren wir jedoch im Einzugsbereich
von Almaty. Der Zug hält sehr häufig, wie ein Regionalzug.
Bis hierher ist es eine fruchtbare Ebene. Wir schauten häufig
auf Industrieruinen. Das sind sicher die langsam verrottenden
Reste einer überhasteten Industrie-Verlagerung nach dem
deutschen Überfall, der den Russen in ihrem „patriotischen“
Krieg 194145 so viel Leid und Zerstörung gebracht
hat. In großen Städten hält der Zug länger,
erkennbar am Basar entlang des Bahnsteiges. Das eindringliche
Quietschen der Bremsen mag Musik in den Ohren der vielen Anbieter
sein. Meistens sind es Frauen in Tracht, die auf das Aufstoßen
der Waggontüren warten. Auch das ist ein geräuschvoller
Akt, der den Schaffnern vorbehalten ist und die diese Aufgabe
wie einen hoheitlichen Akt zelebrieren. Kein Fahrgast könnte
es wagen, selbst die Tür zu öffnen. Da standen vor
jeder Tür einige Frauen, die ihre Warenkörbe nach
oben reckten und ihr Preisangebot ausriefen. Hier waren es meist
vollreife Aprikosen. Draußen am Bahnsteig hatten sich
viele andere hinter Tischen mit ihrem Warenangebot postiert.
An einigen Stationen wurde auch warmes Essen feilgeboten. Mich
trieb es natürlich mit der Kamera hinaus. Ich habe einer
Frau Obst abgekauft, damit sie sich fotografieren ließ.
Das war zunächst nicht so einfach, denn die wackere Frau
wollte mir partout den ganzen Eimer Aprikosen verkaufen. Der
Zug war unendlich lang. Da habe ich mich ein Mal ziemlich weit
von unserem Waggon entfernt, und als ich schließlich zurückgefunden
hatte, war die Tür schon zur Abfahrt geschlossen. Doch
mein Klopfen wurde vom Schaffner erhöht. Von da an ermahnte
mich meine Frau bei jedem Zugstopp: „Lauf‘ nicht
zu weit!“ Sie winkte mir zeitig aus dem Abteilfenster
zum Einsteigen. . . .>
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