Dieser Tag wird uns in Erinnerung bleiben für den Rest unseres
Lebens. Jetzt, am vierten Tag, sind wir in Tamsweg in Österreich
und haben den Tauernpass überwunden. Wir fühlen uns gut und
sind befriedigt, dass wir hier angekommen sind. Es war nicht
einfach.
Es ist doch eigentlich ein gutes Zeichen:
Jeden Tag sind wir vier, fünf, sechs Stunden im Sattel und haben
uns schon richtig geplagt mit unseren schweren Rädern. Zum Schluss
heute die Gipfeltour. Jetzt ist es richtig gemütlich in unserem
Zimmer. Wir hatten ein Vollbad, es ist 21.30 Uhr am Abend. Jetzt
wage ich es erstmals, meine Stimme auf Tonband zu bringen.
Was haben wir da in Gang gesetzt mit
unserer Radtour um die Welt? Sehr früh haben wir uns geoutet.
Das ist uns manchmal schon recht unheimlich. Es wäre vielleicht
besser gewesen, ganz heimlich loszufahren, weil man ja nie weiß,
wie lange es geht – und weil man dann auch nicht dumm
dasteht, wenn man vielleicht irgendwann mal abbrechen muss.
Die Vorbereitung dieser Reise ist eine
Erfahrung für mich und meine Frau Jutta, die unser Leben bereichert
hat. Diese Phase vor dem Start hatte sich in den letzten Tagen
ja noch richtig dramatisch zugespitzt. Die Vorbereitungen, immer
alles auf den letzten Drücker machen, dann war auch noch vieles
zu erledigen in der Nacht vor der Abfahrt – es war schon
richtig nervig. In den Nächten vorher bin ich schon einige Male
aufgestanden und habe Notizen gemacht, wenn mir wieder etwas
eingefallen ist. Es war wirklich Anspannung bis zuletzt.
Und der letzte Tag vor der Abreise:
Es war noch einiger Papierkram zu erledigen, wir haben eingekauft
und ich musste kurz vor Ladenschluss Zubehör abholen. Dabei
habe ich kurz entschlossen noch eine Radjacke für jeden von
uns erworben. Ich bin froh, dass Jutta und ich die noch bekommen
haben, wir tragen sie jetzt jeden Tag.
Dann waren plötzlich die Medien auf
uns aufmerksam geworden. Die beiden Zeitungsberichte von unserer
Pressekonferenz vom Freitag zuvor und der Verabschiedung vor
etwa 50 Leuten hatte Einiges bewirkt. Es kamen am Montag reihenweise
Telefonanrufe an, darunter von vier Radiostationen. Sie waren
richtig beharrlich und wollten uns alle noch am gleichen Tag
oder am nächsten Abreisetag interviewen. Wir konnten die Anrufe
schon gar nicht mehr richtig einordnen. Ein Radiosender wollte
jedenfalls vor der Abreise um 7 Uhr ein Interview über zwei
Stunden machen. Das wollten wir uns aber nicht antun. So blieb
es bei einem Interview, und die „Bild“-Zeitung schickte
uns noch einen Reporter. Erst um 1 Uhr sind wir ins Bett gekommen
und früh um 6.30 Uhr wieder aufgestanden. Im Flur warteten schon
unsere gepackten Räder. Dann stand plötzlich ein ehemaliger
Kollege von mir in der Tür. Dr. Linz, der ehemalige Vorstandsvorsitzende
der Bank, wollte von uns persönlich Abschied nehmen. Eine halbe
Stunde später standen einige Nachbarn mit einer Flasche Schampus
vor dem Haus. Das war dann noch mal ein richtig rührender Abschied.
Unser Freund Charlie von der Bank kam noch angefahren, auch
eine Riesen-Überraschung.
Wenn man sich für eine so lange Zeit
verabschiedet, geht es emotional sehr tief. In diesem Moment
empfand ich große Bewunderung für meine Frau, die sich aus Liebe
zu mir entschlossen hat, diese Reise mitzumachen. Nun kullerten
ihr die Tränen über beide Wangen, als wir uns auf die Räder
schwangen und ohne uns umzuschauen in die Pedale traten. Nun
hatte sie also begonnen, die Weltradtour. Die Stunde Null am
12. März 2002 um 9 Uhr. Wir haben in diesen Tagen sehr viel
Sympathie und Zuwendung erfahren, das hat uns wirklich überrascht.
Es könnte ja auch sein, dass es viele gibt, die für ein waghalsiges
Unternehmen, das doch kaum gut gehen könnte, wenig Verständnis
haben. Nein, viele Menschen wünschen uns Glück und Erfolg und
werden an uns denken, wenn wir unterwegs sind. Wir haben uns
für lange Zeit verabschiedet, so als ob man auswandert, und
behalten doch eine starke Bindung an Daheim. Wir haben Partner,
die auf uns vertrauen, wie der Weltsichten-Verlag mit Axel Brümmer
und Peter Glöckner, der unser „Hauptquartier“ bildet
und das Buch, das ich schreiben will, herausgeben. Das ist aufregend
und eine Riesen-Herausforderung. Es sind tiefgehende Gefühle,
die uns begleiten werden.
In Starnberg beim Radhaus mussten wir
noch mal Station machen, denn es stand schon die erste Reparatur
an. Der Radständer bei mir ist gebrochen. Die Neumontage war
schnell erledigt, aber es war nur ein Behelf. Aber es gibt wesentlich
Wichtigeres in dieser Stunde. Jetzt geht es erst richtig los.
Um den See, das sind ja heimische Gefilde, die wir vor uns haben.
Ein Blick hinunter zum Starnberger See und hinauf den ersten
Berg. Eine erste Pulskontrolle: Jutta hat 20 Schläge in der
Minute mehr als ich. Das beunruhigt mich etwas. Bei 150 Puls
liegt sie nahe am absoluten Limit, da droht starke Übersäuerung.
Dann links hinüber Richtung Wolfratshausen
gibt es weitere Bergprüfungen. Wir waren ja einige Tage vorher
hier schon einmal durchgefahren, auch mit Gepäck zum Test. Aber
es kam noch Einiges hinzu, und wir sind auf unseren Rädern noch
schwerer geworden. Hier sind wir auf unseren Rennrädern oft
zum Biathlon-Training die Berge hinaufgekurvt. Nun ist es ein
ganz anderes Radfahren. Ab Wolfratshausen und im ganzen Raum
Bad Tölz erfasst uns starker Autoverkehr. Wir befinden uns nun
auf einer Schnellstraße. Es sind viele Raser unterwegs. Es wird
erst einem Radfahrer richtig bewusst, wie schnell auf unseren
Straßen oft gerast wird. Und wir schieben erstmals einen Berg
hinauf, den wir früher im kleinsten Gang noch hinaufgekommen
sind. . .
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