Warum machen die das? Noch dazu
in diesem Alter? Mit dem Radl um die Welt, durch unzivilisierte
Länder, nicht in der Gruppe mit Reiseführer, was Sicherheit
verspricht, auch kein Begleitfahrzeug, keine Hotelvorbuchung,
sich schutzlos den Bedrohungen in gefährdeten Ländern aussetzen?
Dann auch noch durch islamische Staaten, wo doch dort überall
die fanatischen Muslims lauern und Jagd auf die Ungläubigen
machen. Da muss man doch abraten, und das wird ja auch wahrscheinlich
nichts, nur so eine spinnerte Idee vom Gerhard. Wer den Gerhard
aber kennt, traut ihm allerdings Einiges zu. Aber würde seine
Frau Jutta da mitmachen?
Als ich die Idee vor einem Jahr meiner
Frau vortrug, war sie zunächst gar nicht begeistert. Der Vorschlag
für die Amerikatour coast to coast vor vier Jahren kam ja eigentlich
von ihr. Diesmal war es anders. Auch bei ihr die Kernfrage:
"Warum?" Mit der beredten Beschreibung meines Jugendtraumes,
der in den 40er und 50er Jahren entstand, als die Grenzen auch
für uns in Europa noch dicht waren, konnte ich sie noch nicht
überzeugen. Wenngleich es sie nicht richtig begeistern konnte,
so hat sie sich doch mehr und mehr mit dem Vorhaben identifiziert,
und sie ist nun voll dabei.
Ihre Zusage war die wichtigste Voraussetzung
für die beginnende Planung. Die Entscheidung ist gefallen. Wichtiges
haben wir schon in Gang gesetzt, geklärt, entschieden, aber
viel ist noch zu tun. Gnadenlos läuft der Countdown.
Die erste Frage war: Wieviel Zeit wollen
wir uns nehmen? Schnell waren wir uns einig, dass wir vor dem
Winter des nächsten Jahres zurück sein wollen. Also Abreise
im zeitigen Frühjahr 2002, Rückkehr im Oktober 2003.
Die Routensuche hat mich wochenlang,
ja monatelang beschäftigt. Ich habe die Überlegungen und meine
Vorschläge immer wieder auf den Prüfstand gestellt. Start nach
Ost oder West? Für beide Richtungen gab es gute Argumente. Ein
besonderer Gag wäre es ja, vor der Haustür eine Münze zu werfen,
um dann zehn Meter nach der Haustür nach links oder rechts,
gen Westen oder Osten, abzubiegen. Für die Westroute hatte ich
zunächst vorgeschlagen, nach Frankreich, England, Irland, dann
hinüber über den großen Teich, die Durchquerung Kanadas und
nach der Überwindung des nordamerikanischen Kontinents hinunter
nach Australien. Dann kam die Idee, über Spanien, Marokko, Südafrika,
schließlich sollten alle Kontinente dabei sein. Für die Westroute
lockte die Erwartung, dass die Chancen, wenigstens Australien
zu erreichen, recht gut sind. Höhere Chancen jedenfalls als
andersrum - wenn auch bei weitem nicht so viele Landkilometer.
Jetzt jedoch haben für uns für die
Ostroute entschieden, und das mit voller Zustimmung meiner Frau.
Das heißt, wir nehmen uns die schwierigste und längste Teilstrecke,
die Asienroute, als Erstes vor. Wir versuchen, den Stier bei
den Hörnern zu packen. Wir glauben einigermaßen zu wissen, was
uns erwartet. Viele Informationen über die Reiseländer haben
wir in uns aufgesogen, haben Empfehlungen und Auskünfte gesichtet
und nach realistischer Bewertung gesucht. Wir wollen sie riskieren,
die Ostroute, den Balkan hinunter, wo wir es noch kalt haben
werden und uns erstmal auf die Schulter klopfen werden, wenn
wir da durch sind, dann durch die islamischen Staaten Zentralasiens.
Von Kasachstan aus wollen wir nach China überwechseln. Dort
hätten wir dann schon mal über 8.000 Kilometer hinter uns. In
China wird uns ein heißer Sommer erwarten, am Rande der Wüsten
Taklamatan und Gobi. Nach etwa 2.000 Kilometer in den wüstennahen
Trockenzonen nach der Großstadt Lanzhou ein Schwenk nach Süden
in die Ausläufer des Himalaya hinunter nach Vietnam. Mit subtropischer
Schwüle müssen wir in Ostasien fertig werden, wenn wir von Vietnam
über Laos, Thailand und Malaysia die Insel Sumatra erreichen
werden, wo wir über den Äquator radeln werden und dann eine
ganze Weile in der südlichen Hemisphäre bleiben werden. In Australien
kommen wir wieder in den Hochsommer. Dort kann es ganz schön
heiß werden. Deswegen packen wir den fünften Kontinent im Süden
an, wo es etwas gemäßigter und nicht ganz so schwül ist, wenn
wir von Perth nach Sydney fahren. Dann müssen wir allerdings
durch die Nullarbor-Wüste, 1.000 Kilometer blanker Sand. Es
gibt dort aber ausreichende Versorgungsstellen.
Wenn wir Weihnachten in Australien
feiern können, sind wir glücklich, denn dann haben wir das Gröbste
hinter uns, nämlich mit ca. 20.000 Kilometer zwei Drittel der
Radstrecke, noch dazu den schwierigeren Teil. Mit einem Stopp
in Neuseeland und Haiti wollen wir dann Santiago de Chile in
Südamerika ansteuern. Wir haben also für den Herbst entschieden,
ihn in Südamerika zu erleben. Zu spät dürfen wir aber auch da
nicht dran sein, denn wir müssen die Anden überwinden. Die Kanada-Route
scheidet aus, denn im dortigen Frühjahr liegt noch zu viel Schnee
in den Rockies. Wenn wir auch das schaffen sollten, die Südamerika-Route
von Chile über Argentinien nach Uruguay - das ist ja eine vergleichsweise
kurze Strecke - wollen wir von Buenos Aires nach Kapstadt in
Südafrika fliegen und in der Winterzeit hinauf nach Windhoek
in Namibia radeln. Da wird es nachts recht kalt sein, aber tagsüber
hoffentlich angenehm mild und warm. Wenn wir dann mit einem
Luftsprung Marokko erreichen, rücken wir der Heimat schon recht
nahe. Dort empfängt uns wieder Hochsommer, aber im Atlas-Gebirge,
das wir von Agadir oder Marrakesch aus angehen wollen, soll
das Klima um diese Zeit verträglich sein. Die schmale Straße
von Gibraltar werden wir per Schiff überwinden, um ins Euroland
zurückzukehren. In Spanien haben wir vor, mittendurch zu radeln.
Das wird zwar etwas bergiger sein als die Küstenroute, aber
wir wollen dem starken Autoverkehr entkommen. Wenn wir das geschafft
haben sollten, werden wir uns auch noch durch Frankreich auf
Nebenstraßen durchmogeln können. Das ideale Radlerland scheint
die Schweiz zu sein, denn dort erwartet uns vom Genfer See bis
Lindau ein markierter Radweg. Am Bieler See allerdings müssen
wir noch Station bei Verwandten machen, na, und ab Lindau, das
werden wir auch noch packen. Aber vielleicht kommt es ja auch
ganz anders. Wir wissen, es lauern viele Gefahren auf diesem
sehr sehr langen Weg. Schon am ersten Tag kann alles zu Ende
gehen durch einen unglücklichen Unfall. Dass wir immer Glück
haben werden, darauf können wir uns nicht verlassen. Hellwach
und umsichtig müssen wir stets sein. Das größte Gefahrenpotenzial
kommt von der Straße. Die Autos sind es, vor allem die Laster
und Busse, die Feinde der Radler. Auf nahezu allen Wegstrecken,
die wir ansteuern, gilt das Gesetz des stärkeren Motors, der
lautstärkeren Hupe haben die schwächeren Verkehrsteilnehmer
zu weichen. Die Kriminalität? Nach allen Informationen sind
wir in den islamischen Ländern, in China und auch in Fernost
weniger gefährdet. . . .
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