Nach 26 Stunden kamen wir morgens um sechs Uhr
in Ulan-Bator an. Hier endete der Zug, wir hatten genügend
Zeit zum Aussteigen. Der ungewöhnlich tiefer liegende Bahnsteig
führte bei mir beim Aussteigen beinah zu einem Sturz. Ein
ausgestiegener Passant nahm mir zum Glück mein Rad ab.
Nachdem wir unsere Sachen alle beieinander hatten, fragte uns
eine junge Frau auf Englisch, ob wir ein Quartier suchen. Das
kam uns sehr entgegen, denn wir brauchten eins. Sie führte
uns zu dem angepriesenen Apartment. Das befand sich in einem
Hinterhof in einem Hochhaus. Das sah wenig Vertauen erweckend
aus. Gleich neben dem Haus befand sich eine Bar. Da wurde die
Erinnerung aus Ulan-Ude bei mir wach. Gerhard schaute sich das
angebotene Apartment an. Es bestand aus drei Zimmern, die für
mehrere Gäste gedacht waren. Dafür forderte der Vermieter
einen hohen Preis, der uns völlig überzogen erschien.
Mein Mann schilderte mir die Modalitäten. Wir kamen überein,
dass das nicht unseren Vorstellungen entsprach.
Wir hatten die Absicht, eine Ferienwohnung
zu nehmen, damit ich mir mein Essen selbst zubereiten konnte.
Das war mein Problem, ich durfte kein Fett essen. „Lass
uns weiter suchen“, schlug Gerhard vor. Wir werden schon
etwas Passendes finden. Es kam dann auch bald ein Hotel. Gerhard
ging hinein und weckte das schlafende Personal an der Rezeption
auf. Nach 15 Minuten kam Gerhard strahlend heraus. Er sagte:
„Es ist ein schönes großes Zimmer und das Bad
sieht auch ganz ordentlich aus“. Unsere Räder konnten
wir in den Garderoberaum zur Aufbewahrung geben. Das Zimmer
befand sich in der fünften Etage, mit Aussicht auf den
gegenüberliegenden Bahnhof, Basar und den entfernten grünen
Bergen. Wir bezogen unser Zimmer. Das Zimmer mit einer Plüschgarnitur,
einem Tisch, einen kleinen Kühlschrank und zwei Betten
ausgestattet. Reparaturbedürftige Rollos waren der Gardinenersatz.
Für mich war es wichtig, wieder
angekommen zu sein. „Den Kühlschrank benutzen wir
besser nicht“, meinte ich zu Gerhard, „der war schon
lange nicht mehr in Gebrauch, er riecht nach Schimmel“.
Bei der näheren Betrachtung stellte ich fest, dass die
Bettwäsche schon benutzt war. Trotzdem: erst einmal duschen
und dann eine Runde Schlaf. Ich drehte den Warmwasserhahn der
Dusche auf, aber es kam kein Wasser. Entsetzt rief ich meinem
Mann zu: „Es gibt kein warmes Wasser“. Ich hatte
mich so nach einer heißen Dusche gesehnt. Also, wie gehabt.
Mit kaltem Wasser die Haare zu waschen, ist kein Vergnügen.
Meinen Mann bat ich, den Mangel an der Rezeption zu reklamieren,
was er auch tat. Er kam dann mit der frohen Botschaft hoch,
dass dieser Zustand sich auch in den nächsten Tagen nicht
ändern würde. Ein technischer Defekt war angeblich
die Ursache dafür. Es gibt Schlimmeres, dachte ich bei
mir. Ich packte meinen Schlafsack aus, da wusste ich wenigstens,
wessen Schweiß darin war.
In Gedanken stellte ich mir die Frage, wie es denn mit unsere
Reise weitergehen sollte. Noch konnte ich mir nicht vorstellen,
dass wir die Reise abbrechen. Es kam mir so unvollendet vor,
aber ich wusste, bald mussten wir eine Entscheidung treffen.
In meinem augenblicklichen Zustand hatte ich nicht die Kraft,
mit dem Rad eine längere Strecke zu fahren. Gerhard musste
die gleichen Gedanken gehabt haben, denn nach drei Tagen fragte
er mich, wie ich mir unsere Reise vorstellte. „Ich weiß
es nicht“, gab ich unsicher zurück. Er nahm mir die
Entscheidung ab. Er sagt: „Das Beste wird wohl sein, wenn
wir die Reise unterbrechen. Ich stimmte ihm zu und fügte
noch hinzu: „Wir können die Reise ja fort setzen,
wenn ich gesundheitlich wieder ganz hergestellt bin“.
Damit waren die Würfel gefallen Mir war jetzt viel wohler.
Ich küsste meinen Loverman und sagte: „Ja, das machen
wir“.
Nun brauchten wir noch einen Arzt,
der uns eine Bestätigung meiner Krankheit bescheinigte.
„Ich werde jetzt bei der Botschaft anrufen und mich nach
einem Arzt, der Deutsch spricht, erkundigen“, fuhr er
fort. Die ärztliche Telefonnummer hielten wir bald in den
Händen Jetzt brauchten wir nur noch einen Termin mit dem
Arzt zu vereinbaren. Hörte sich alles ganz unkompliziert
an.
War es aber nicht. Nachdem Gerhard
den Arzt an der Leitung und ihm unser Anliegen vorgetragen hatte,
hörte ich, wie der Arzt mit erhobener Stimme ins Telefon
sagte: „Die kommt mir in kein Flugzeug, die kommt ins
Krankenhaus“. Ich glaubte meinen Ohren nicht zu trauen.
Nach fünfeinhalb Wochen Krankheit noch ins Krankenhaus.
‚Der braucht wohl zahlungskräftige Patienten, da
sind wir genau die Richtigen’, dachte ich bei mir. Gerhard
sprach noch weiter mit dem Arzt und wiederholte für mich,
was der Arzt am anderen Ende der Leitung vorschlug. Gerhard
sagte: „Also, ich rufe Sie heute Mittag noch einmal an,
und Sie kommen dann mit ihrer Laborantin und entnehmen meiner
Frau Blut. Ja, ist gut Herr Doktor, ich habe alles verstanden“.
Als mein Mann aufgelegt hatte, sagte
er: „Tut mir leid, Frau, der gibt uns keine Bescheinigung.
Ich kaufe dir noch was zu essen ein“. Damit zog er ab
und ließ mich mit meinen Ängsten allein. In meinem
Kopf raste ein Karussell umher. Immer und immer wieder dachte
ich darüber nach, wie kann ich einer Einweisung ins Krankenhaus
entgehen konnte. Mir kam die zündende Idee, den Doktor
einfach nicht wieder anzurufen. Das war es. Ich hoffte inständig,
dass er sich unsere Hoteladresse nicht notiert hatte.
Gerhard kam vom Einkauf zurück
und ich eröffnete ihm mein Idee. Fast wie ein Hilfeschrei
war es, als ich ihn bat, diesen Arzt nicht mehr anzurufen. „Lass
uns die Flugtickets auf eigene Rechnung kaufen, wenn du willst
bezahle ich sie auch aus meiner Tasche“. Das lehnte mein
Mann rundweg ab. „Nein, Frau, wenn du nicht ins Krankenhaus
willst, besorge ich die Tickets“.
Gerhard rief den Bekannten von der
GTZ an und bat ihn, uns beim Ticketkauf behilflich zu sein.
Wieder ließ er mich mein alleine. Wie sollte ich mich
verhalten, wenn das Telefon klingelte oder gar, wenn es an der
Tür klopfte. Am liebsten hätte ich mich in ein Loch
vergraben. Ich hatte die abwegigsten Gedanken. Vielleicht hatte
dieser Arzt schon bei den zwei existierenden Airlines angerufen
und ihnen verboten, für zwei Radfahrer Flugtickets auszustellen.
Banges Warten begann. Wir hatten ein Klopfzeichen vereinbart,
wenn er vor der Tür steht. Endlich nach zwei Stunden kam
mein Beschützer zurück. Fragend schaute ich ihn an.
Hatte er die Tickets bekommen? Nein, er hatte sie noch nicht.
Er wollte die Alternativen mit mir besprechen. Mir war ziemlich
egal, wie ich flog, nur raus Ulan-Bator.
Entschieden haben wir uns für
die Aeroflot mit einem Zwischen Stopp in Moskau. In zwei Tagen
ging der Flug. Ich zitterte immer noch wegen des Arztes. Die
Frage, er ob eine Zwangseinweisung bewirken konnte, geisterte
immer noch in meinem Hinterkopf. Die Tage vergingen, ohne das
etwas passierte. Am Abend vor unsere Abreise bestellte Gerhard
ein Taxi für uns und unsere Räder. Es musste schon
ein großräumiges Fahrzeug sein, dachte ich mir. Alles
lief jetzt nach Plan. Am Morgen in aller Frühe nahmen wir
unsere Packtaschen und wollten sie in das bestellte Fahrzeug
verstauen. Ich glaubte meinen Augen nicht zu trauen. Ein ganz
normales Taxi stand vor dem Hotel. Eindeutig es war für
uns, denn zwei Männer sprangen aus dem Auto, als sie uns
kommen sahen. Wie sollte das gehen? Wo wollten sie unsere Räder
verstauen. Ich protestierte laut und wollte schon den Einstieg
in das Auto verweigern, aber es war keine Alternative vorhanden,
und der Flieger wartete nicht auf uns. So hoben und banden sie
unsere Räder auf den Gepäckträger auf dem Dach.
|