Nachdem wir uns Proviant für die 40-stündige
Fahrt besorgt hatten, nahmen wir noch Platz in der vollbesetzten
Wartehalle des Bahnhofes, denn wir waren sehr zeitig am Bahnhof.
Jeder von uns fand einen Platz, aber entfernt voneinander. Später
bot mir eine Frau ihren Platz, der neben Gerhard war, an. Selbst
das aufrechte Sitzen fiel mir schwer. Das muss mir mein Mann
angesehen haben, denn er fragte besorgt nach meinem Befinden.
Ich muss wohl ganz schön neben der Spur gewesen sein, sonst
hätte ich meine Lenkertasche nicht an dem anderen Sitzplatz
stehen lassen. Eine Russin machte mich darauf aufmerksam. Nachträglich
rutschte mir noch das Herz in die Hose.
Der Zug fuhr, wie sollte es auch anders
sein, mit über einer Stunde Verspätung ab. Meinem
Gerhard war ich dankbar dafür, dass er sich darum kümmerte,
auf welchem Gleis der Zug abfuhr. Nachdem wir unseren Wagen
und das Abteil gefunden hatten, gingen wir mit der gleichen
Methode wie bei der ersten Bahnfahrt vor. Erst die Räder,
dann die Packtaschen. Bei der Handhabung unserer Räder
hatten wir ja inzwischen schon einige Fertigkeit. Nachdem wir
unsere Räder auf die oberen Liegen gehievt und die Packtaschen
verstaut hatten, ließ ich mich erst einmal mit einem Seufzer
nieder. „Das wäre wieder mal geschafft und ich auch“,
bemerke ich halblaut. Prüfend schaut mich mein Loverman
an, seine Stirn zeigte Sorgenfalten. „Schau mir die Augen,
Kleines, „sagte er zum x-ten Mal zu mir. Wir lachten beide
und wussten trotzdem um den Ernst des Satzes.
Die Abeilschaffnerin kommt und schaut
streng nach oben zu den Rädern. Es gefällt ihr überhaupt
nicht, dass unsere Räder da oben stehen. Ich denke: „Na,
was für ein Glück, dass sie nicht zugeschaut hat,
auf welche Art und Weise wir sie da hochbekommen haben . Als
nächstes will sie unsere Fahrscheine sehen. Ihr wäre
es am liebsten gewesen, wenn wir für die oberen Liegen
keine Tickets gehabt hätten. Pech für sie, wir hatten
auch dafür welche. Der Zug fuhr schon eine geraume Zeit.
Wir erkundeten, ob unser Teewasser im Samowar schon kochte.
Ich war erstaunt, als ich sah, welche Aufgaben die Abteil-Schafferin
noch zu erledigen hatte. Sie musste Staub wischen in den einzelnen
Abteils, den Gang wischen und war für die Reinhaltung der
Toiletten zuständig. Die Befeuerung des Samowar oblag ihr
auch. So etwas hatte ich bei uns natürlich noch nie gesehen.
Langeweile hatte sie nicht. Draußen klatschte der Regen
gegen das Fenster, eine unendliche Weite, einer grünen
Steppe bot sich uns. Immer, wenn wir an kleine Siedlungen mit
drei bis fünf 5 Holzhäusern mit ihren großen
Gärten vorbeifuhren, schien es mir unmöglich, dass
hier Menschen leben konnten. Diese Erlebnisse haben mich gelehrt,
dass der Mensch tatsächlich wenig zum Leben braucht. Ich
fragte meinen Mann, ob er sich vorstellen könnte, hier
zu leben. Nein, das konnte er nicht. Gerne hätte ich die
Menschen gefragt, ob und warum sie sich für dieses Fleckchen
Erde entschieden hatten. Die Antwort auf diese Frage wird für
mich immer ein Geheimnis bleiben. Allmählich kam die Nacht.
Der Zustand der Schienen der Transsibirischen Eisenbahn hatte
westlichen Standard, fast lautlos fuhr der Zug über die
Schienen, aber das Schienennetz ist abschnittsweise nur eingleisig,
so dass wir mehrmals für eine Stunde und mehr standen,
bis der entgegenkommende Zug vorbei war. Mein Gesundheitszustand
besserte sich nur unmerklich. Nicht zu wissen, an Hand von entsprechenden
Laborwerten, in welcher Phase meiner Krankheit ich mich befand,
war schon eine Unsicherheit. Ich hatte überhaupt keinen
Einfluss darauf
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