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Zug nach Novosibirsk

„Das ist ein nobler Mann, so habe ich ihn auch eingeschätzt”, meinte Gerhard lächelnd
     Meine Erkrankung spürte ich noch sehr. Ständig diese Abgeschlagenheit. Während der Zugfahrt lag ich die meiste Zeit und schlief zwischendurch oft ein. Am Morgen unserer Ankunft in Novosibirsk wurden wir um fünf Uhr vom Schaffner geweckt. Wir packten unsere Sachen, machten uns noch einen Tee. Nach 40 Stunden erreichten wir morgens um sieben Uhr unseren Zielbahnhof. Mit uns stiegen nur wenige Fahrgäste aus. Der Zug hatte eine Stunde Aufenthalt, so dass uns ausreichend Zeit zum Aussteigen mit unseren Rädern blieb.
     Die Luft war kühl, wenige Menschen waren auf dem Bahnhof. Mir fiel es schwer, mein Rad die Treppe zum Bahnhofsausgang hochzutragen. Es kam mir unglaublich schwer vor, aber das lag sicher daran, dass ich so geschwächt war. Nein, ich wollte es mir beweisen, ich wollte kein Weichei sein. Dann holten wir unsere Packtaschen, die wir gleich ans Rad hängten. Da standen wir nun auf dem Bahnhofsvorplatz. Wie konnten wir jetzt ein Hotel finden? Ein Rundblick über den Vorplatz zeigte die Lösung: ein riesiges Hochhaus – ein Hotel. „Lass uns wenigstens fragen, wie die Preislage ist und ob überhaupt noch ein Zimmer frei ist“, sagte ich. Wie immer wartete ich vor dem Hotel und hütete unsere Räder. Es dauerte eine ganze Weile, bis Gerhard wieder kam. Ein Zimmer war schon vorhanden, aber der Preis war nicht gering. Wir beschlossen nach einer Alternative zu suchen.
     Ein Passanten, den wir ansprachen, zeigte uns ein weiteres Hotel. Der Aufenthalt war nötig, weil wir uns bei einer Ovierstelle innerhalb von 24 Stunden nach Einreise in Russland registrieren lassen mussten. Wir entschieden uns für das Hotel in Bahnhofsnähe. Unsere Räder konnten wir erst nach zähen und hartnäckigen Verhandlungen mit aufs Zimmer nehmen. Ich war froh, wieder in einem richtigem Bett zu schlafen, denn das Nächtigen im Schlafwagen war sehr beeinträchtigt durch das Rattern, Knattern und Rumpeln des Zuges auf den Gleisen. Während der Fahrt hatte ich manchmal das Gefühl, als ob der Zug den nächsten Augenblick entgleisen würde. Es war doch insgesamt nicht so erholsam, wie ich es mir vorgestellt hatte.
     „Lass uns ein wenig schlafen, bevor du zur Ovierstelle zum Registrieren gehst“, schlug ich meinem Mann vor. „Leg du dich hin, ich besorge das alleine“. Ich war dankbar, denn ich fühlte mich miserabel. Kaum, dass ich lag, schlief ich ein. Zwei Stunden hatte ich geschlafen. Mein Mann war von der Registrierung noch nicht zurück. Unruhe machte sich in mir breit. Warum brauchte er so lange? Ich beruhigte mich damit, dass sicher lange Warteschlangen in der Registrierstelle standen. Meine Unruhe nahm trotzdem zu. Warum kam er nicht? Meine Gedanken gingen weiter. Wenn er nicht wieder auftauchte, was könnte ich machen, wo müsste ich ihn suchen? In kurzen Abständen lief ich zum Fenster, in der Hoffnung meinen Gerhard auf der Straße zu sehen. Es war eine Illusion, denn die Gesichter und Staturen der Menschen konnte man aus dieser Höhe kaum auseinanderhalten. Sie wirkten so klein. Es war nach meiner Einschätzung etwa die zehnte Hoteletage, in der wir wohnten. Die Zeiger der Uhr schlichen nur langsam voran. Jetzt waren es schon vier Stunden. Ich führte laute Selbstgespräche.
     „Gerhard, warum kommst du nicht, was ist los?“ Mich hielt nichts mehr in meinem Bett. Wie ein gefangener Tiger lief ich im Zimmer auf und ab. Hin und wieder riss ich die Zimmertür auf, weil ich glaubte, ihn auf dem Flur zu hören. Nichts, der Flur war menschenleer. Ich kenne das von mir. Sobald er in der Zeit überfällig ist, sorge ich mich um ihn. Endlich, endlich klopfte es an unsere Tür. Aus Vorsicht fragte ich. „Wer ist da?“ „Ich bin es“. Gerhard! Ich riss die Tür auf und umarmte ihn. „Schön, dass du wieder zurück bist, ich habe mir solche Sorgen um dich gemacht“. Er war nicht alleine. „Das ist Herr Schmidt, Russland-Deutscher, der mir auf der Behörde sehr behilflich war“.
     In kurzen Sätzen erzählte Gerhard von der Umständlichkeit der russischen Behörden. „Ich muss gleich wieder gehen, die Fahrkarten kaufen“.
     Für mich war es eine Strafe, wieder auf Gerhard warten zu müssen, keine Erholung, wie es hätte sein müssen. Nach zwei Stunden war er noch nicht zurückgekehrt. Dabei lag der Bahnhof mit seinem Platz gleich unterhalb des Hotels. Ich beschloss ihn zu suchen, aber wo in diesem unübersichtlichen Bahnhof? Egal, Hauptsache erst einmal aktiv sein. Auf dem Vorplatz standen kleine Kioske, an denen alle mögliche Ware angeboten wurde. Von Lebensmitteln bis zu Textilien. Ich suchte den Platz nach einem bärtigen Mann mit heller Kleidung ab. Ich traute meinen Augen nicht – da war mein Gerhard. Laut rief ich in den Stadtverkehr hinein – Geerrrhard!! Dann endlich sah mich auch mein Mann. Wir liefen aufeinander zu und umarmten uns. Am nächsten Tag sollte die Zugfahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn weitergehen. Der Zug fuhr am Nachmittag.

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