Um sechs Uhr ging die Reise los .Die Reisebedingungen
waren optimal. Hier gab es auch Ausschilderungen, die uns den
Weg aus der Stadt in Richtung Almaty wiesen. Nach 30 Kilometern
kam der Grenzübergang nach Kasachstan, den wir ohne Schwierigkeiten
passieren konnten Waja hatte uns
von einem schwierigen Pass erzählt, den wir passieren mussten,
aber wie viel Kilometer es bis dahin waren, das wussten wir
nicht. Nach 58 Kilometern kam er.
Auf einem Verkehrsschild wurde er mit acht Prozent Steigung
auf 29 Kilometern und schlechter Wegstrecke angekündigt.
Da hilft wohl alles nichts, da müssen wir drüber,
dachte ich. Mental stellte ich mich darauf ein. Es war schon
sehr hart, denn das Gemeine an diesem Pass war, dass die Steigung
sich in die Länge zog. Subjektiv hatte ich das Gefühl,
als ob wir uns auf der Passhöhe bewegten, objektiv sah
ich auf meinem Altimeter, dass wir gleichmäßig stiegen.
Ich verlor immer mehr an Geschwindigkeit, kroch mit 12 Kilometer
pro Stunde dahin. Es fiel mir unglaublich schwer, nicht anzuhalten
und zu sagen, ich kann nicht mehr. Ich kämpfte mit meinen
Magen-Darm-Problemen, hatte eine Abneigung gegen Essen. Mehr
aus Vernunftgründen trank ich. Gerhard wollte ich nicht
damit belasten, dass ich mich so mies fühlte. Wir machten
eine Trink- und Fotopause. Mein Radcomputer zeigte mir, dass
es maximal noch zwei bis drei Kilometer bis zum Scheitelpunkt
waren. Das machte mir wieder Mut. Dann kam eine sieben Kilometer
lange Abfahrt: Auf der konnte ich mich wieder erholen. Überraschenderweise
sahen wir ein Lokal. Gerhard rief mir zu: „Halt bitte
an, ich werde dort fragen, ob es eine Unterkunftsmöglichkeit
gibt“. Gerhard sprach eine junge Frau an, die am Eingang
zum Restaurant stand und offensichtlich zum Bedienungspersonal
gehörte. „Gibt es hier eine Gastiniza“. „Nijet“
kam die Antwort. Gerhard wiederholte noch einmal seine Frage
und fügte noch hinzu. „Meine Frau ist krank“.
Sie beschrieb mit der Hand einen Halbkreis und sagte mit Nachdruck
Nijet. Ich spürte die leise Genungtung in ihrer Stimme.
Das machte mich so wütend, und ich vergaß einen Augenblick
meine Unpässlichkeit. „Blöde Ziege“, entfuhr
es mir. „Komm, lass uns weiterfahren, die will sowieso
nichts für uns tun“. Zwei Kilometer weiter kam eine
Polizei-Kontrollstelle für Lastwagen. „Wir müssen
uns noch mit Getränken eindecken, wer weiß, wann
der nächste Versorgungsstand kommt“, meinte Gerhard.
Die herumstehenden Polizeibeamten fragte mein Mann nach einer
Unterkunft. Die erzählen uns was von Hotel Almaty. Das
aber liegt noch 160 Kilometer von uns entfernt. Die haben überhaupt
keine Ahnung, was es heißt so eine Entfernung mit dem
Rad zurück zu legen und wie viel Zeit man dazu braucht.
Sie fahren mit ihren Autos mit 120 Sachen mal eben dorthin.
Das Ergebnis ist alles andere als ermutigend.
In unseren Köpfen und auf der Karte steht ein Ort 60 Kilometer
weiter, von dem wir hoffen, dass es dort eine Unterkunft gibt.
Am Mittag war es heiß geworden, die Sonne stand schon
schräg. Weit und breit Grasfelder, vereinzelt Sträucher.
Hin und wieder ein paar grasende Rinder. Während des Fahrens
schaue ich mir die Gegend an und stelle mir in Gedanken vor,
wo wir denn hier wohl zelten könnten. Die Kilometer gehen
flott dahin. Wir haben teils Rücken-, teils Seitenwind.
Der Himmel bewölkt sich und ein Regenschauer kommt auf
uns nieder. So, die letzten fünf Kilometer, dann müsste
das Dorf kommen. Statt eines Ortes
kam eine Polizei-Registrierstelle. Die Uniformierten heben ihre
Kelle und fordern uns zum Halten auf. Zwei Beamte und ein HIWI
schauen uns Radler neugierig an. Eine der Beamten, ein dickbäuchiger
Typ mit versteinertem Gesicht registriert unsere Daten aus den
Pässen. Er winkt mich mit einer herablassenden Handbewegung
heran, fragt mich, im welchem Hotel wir in Almaty wohnen. „Idiot“
denke ich Almaty liegt noch hundert Kilometer weit von uns entfernt.
Es ist abends um sieben. Wie sollen wir das denn schaffen? Können
wir fliegen oder haben wir einen Motor an unserem Rad? Mit einem
Achselzucken deute ich an, dass wir das nicht wissen. Heraus
kommt, dass 20 Kilometer weiter eine Herberge existiert. Ich
glaubte, meinen Ohren nicht zu trauen. Also, noch mal 20 Kilometer
trampeln. Ich war stehend k.o., trotzdem motiviere ich mich
und sagte mir: Die Kilometer reiße ich noch runter. Nur
sehr langsam komme ich voran, mein Magen rebelliert, und mir
ist noch immer sterbensübel. Irgendwann falle ich vom Rad,
denke ich. Besorgt fragt mich mein Mann, wie ich mich fühle.
Ich sage kurz: „Es geht schon“.
Ich schaue in meinem Rückspiegel uns sehe drei größere
Autos näherkommen. Ich steige
ab und halte meine Hand schräg raus, das Zeichen dafür,
dass wir mitgenommen werden wollen.
Der erste Bus fährt vorbei, das zweite Auto, ein Lkw, hält
ebenfalls nicht. Das dritte Auto, ein Pritschenwagen mit Plane
hält. „Gerhard“, rufe ich, „der will
uns mitnehmen“. Mein Mann geht zum Fahrer, der kurbelt
seine Scheibe herunter. Mit knappen Sätzen erklärt
Gerhard ihm unsere vertrackte Lage und bittet ihn, uns bis zur
nächsten Unterkunft mitzunehmen, die, wie uns beschrieben
wurde, in sieben Kilometern kommen müsste. Er steigt aus
und zeigt uns das Innere des Laderaums. Offensichtlich wurden
hier Schweine transportiert. Das konnten wir an dem Stroh, das
auf dem Boden lag, sehen und an dem unverwechselbaren Geruch,
welcher uns entgegen duftete. Im Führerhaus hatten insgesamt
nur drei Personen Platz. Der Fahrer, sein Beifahrer, das machten
schon zwei, also noch einen Platz für uns zwei. Ich verzichtete
freiwillig, denn neben zwei fremden Männern als Frau, das
war mir unangenehm. Unsere Räder, die Packtaschen und ich
kamen auf den Laderaum. Ich wählte den äußersten
Platz in einer Ecke und versuchte, es mir bequem auf dem duftenden
Stroh zu machen. Das störte mich nicht mehr, denn ich fühlte
mich total erschöpft. Die Fahrt geht los.
Die Straße ist sehr holprig, das macht sich deutlich auf
der Ladefläche bemerkbar. Bei jedem Schlagloch hopse ich
in die Höhe und lande dann wieder unsanft auf den Boden.
Ich werde hin und her geschaukelt. Ich schaue auf meine Uhr.
Wir fahren inzwischen schon 30 Minuten, keine Anzeichen, dass
das Auto hält. Mir wird ganz unbehaglich. Ich frage mich,
warum sie nicht anhalten. Schließlich halte ich es nicht
mehr aus und klopfe gegen die Plane. Das Auto hält. Gerhard
und der Fahrer kommen gerannt, sie fragen mich, ob etwas nicht
in Ordnung wäre. „Die gleiche Frage wollte ich dir
stellen, denn für sieben Kilometer fahren wir schon recht
lange“, bemerke ich. „Es kam nach sieben Kilometern
keine Unterkunft, oder wir haben sie übersehen“,
antwortete mir mein Mann. „Und wie soll es jetzt weitergehen?“,
frage ich ihn. „Wir fahren bis zur nächsten Kleinstadt,
da soll es ein Quartier geben“.
Geendet sind wir an diesem Tag, abends um halb zehn Uhr, drei
Kilometer vor dem Ortseingang von Almaty. Es wurde zunehmend
schwieriger für uns. Die Dunkelheit entwickelte sich in
Minutenschnelle, und es waren kaum noch Menschen unterwegs.
Die, die wir fragten, wussten kein Quartier, oder sie verstanden
uns nicht. Ein Paar wusste zwar auch kein Hotel, aber sie luden
uns für den nächsten Tag zu sich nach Hause ein. Wenn
es nicht so ernst gewesen wäre, hätten wir beinahe
gelacht. Unser Schutzengel ließ uns nicht hängen.
Eine Frau an einer Ampel hatte gehört, wie wir das Paar
angesprochen hatten. Sie mischte sich ein und deutete mit der
Hand auf die andere Straßenseite, dabei sagte sie Gastiniza.
Ja, dort war wirklich ein Hostel. Das war verdammt knapp hergegangen.
Die Angestellten in diesem Hostel
waren sehr freundlich zu uns, und das tat meiner erschöpften
Seele so gut. Wir bezogen unser Zimmer, duschten uns. Mir war
es inzwischen egal, wie rein die Dusche war, Hauptsache, reinigen
können, Schlafsack raus, in den Schlafsack rein und schlafen.Gerhard
sagte mir am nächsten Morgen, dass es keine zwei Minuten
gedauert hätte, bis ich schlief.
Ein neuer Tag. Die Sonne schien, wir fühlten uns ausgeschlafen
und gut. Heute wollten wir zu deutschen Botschaft fahren. |