Kirgistan war herrlich grün. Das tat dem
Auge und der Seele gut. Nach dem Erlebnis des vergangenen Tages
wahrer Balsam für unsere Seele. Gutgelaunt, fast übermütig
holte Gerhard seine Kamera heraus. Wie auf Kommando kam ein
Reiter daher. Eine filmreife Szene. Gerne ließ sich der
Reiter fotografieren, er setzte sich noch in hervorhebende Pose
Komm, Gerhard lass uns weiter fahren, wir müssen noch 80
Kilometer trampeln. An der Grenze hatten wir uns mit Mineralwasser
und Keksen versorgt.
Wir konnten uns nicht satt sehen an
der herrlichen grünen Landschaft mit den schneebedeckten
Bergkuppen.
Am frühen Nachmittag erreichten
wir die Hauptstadt von Kirgistan – Bishkek.
Bishkek hat eine große und breite Hauptstraße, die
sich Kilometer lang hinzieht. Wir hatten günstigerweise
einen Stadtplan, so dass wir verschiedene Hotels ausmachen konnten.
Ein vornehmes, repräsentatives Gebäude mit einem großzügigen
Park wies sich als ein amerikanisches Hotel aus. Am Eingang
des Parks stand ein Wächter in typischer Dienerrobe. „Lass
uns doch einmal fragen, was eine Nacht in solch einer Nobelherberge
kostet“, sagte ich zu Gerhard. Wir dachten, nicht richtig
gehört zu haben – 220 US-Dollar, der günstigste
Tarif. „Hier passen wir nicht hin“, bemerkte Gerhard.
Nein, ich würde mich hier auch nicht wohlfühlen, dachte
ich. Wir suchten uns eine angemessenere Unterkunft. Gerhard
handelte den geforderten Preis in gewohnter Weise herunter.
30 Dollar war unser Limit. Er brauchte dazu etwas mehr Zeit
als sonst, bis unsere Preisvorstellung akzeptiert wurde.
Bei unserer Reisevorbereitung im letzten
Jahr fiel mir eine ehemalige Kollegin in Nordrhein-Westfalen
ein, mit der ich zusammen in der Operationsabteilung tätig
war. Rosa war aus Kasachstan. Sie war mir immer ein Vorbild
für mich. Ihre Ordentlichkeit, Zuverlässigkeit und
die Perfektion, mit der sie ihren Beruf ausübte.
Überrascht über meinen Anruf
erklärte sie sich bereit, uns eine Adresse in Bishkek zu
geben, an die wir uns wenden konnten.Es waren gute Freunde von
ihr.
Wir riefen die Adresse an. Noch am
gleichem Tag besuchte uns Nikoleiy, so hieß der Hausherr.
Er lud uns zu sich nach Hause ein. Leider sprachen er und seine
Frau weder Deutsch noch Englisch. So verständigten wir
uns auf der pantomimischen Ebene. Aus der Hausbesichtigung wurde
ein Abendessen, zu der noch eine Englischlehrerin als Dolmetscherin
geholt wurde. Das war die uns bekannte russische Gastfreundschaft,
die wir von unseren russischen Freunden bei unseren Besuchen
im Ural erfahren haben. Sie luden uns ein, bei ihnen zu nächtigen.
Am nächsten Morgen holte uns Nikoleiy vom Hotel ab. Er
lud unsere Packtaschen in seinen Bus ein. Er versuchte noch,
unsere Räder unterzubringen, aber wir schafften es nicht.
„Wir können doch auch Nikoleiy hinter fahren“,
schlug ich vor. Wieder verständigten wir uns mit Gesten.
Also fuhren wir hinterher. Es war so leicht, ohne Gepäck
zu fahren, und unsere Räder rollten nur so dahin. Ich fuhr
vor Gerhard, dabei schaue ich oft in meinem Rückspiegel.
Gänzlich ungewohnt für mich, üblicherweise fährt
mein „Loverman“ voraus. Plötzlich bleibt er
zurück. Ich halte an, schaue mich um, Gerhard hatte das
Zelt verloren. Nachdem wir es wieder eingesammelt hatten, konnte
die Fahrt weitergehen. Waja, unsere Gastmutter begrüßte
uns herzlich. Unsere Gastfamilie lud uns zu einem Ausflug in
ein Erholungsgebiet ein. Wir hatten keine Ahnung, wo das Gebiet
lag.Schon vor Sonnenaufgang fuhren wir mit seinem VW-Bus los.
Der Hausherr seine beiden Töchter, seine drei Enkelkinder
und eine Freundin des Hauses, die Dolmetscherin. Beladen mit
mehreren Taschen, die voll mit Lebensmittel und Getränken
waren.
Rechts und links neben der Hauptstraße
trieben Frauen, Männer oder Kinder ihre Rinder, Pferde,
oder Schafe auf die Wiesen. Hier grasten sie bis zum Sonnenuntergang.
Weiden oder Weidezäune existieren nicht. Wahrscheinlich
fehlt dazu das Material. Mehrmals musste Nikoleiy abbremsen,
weil die Tiere die Straße in aller Gemütsruhe querten.
Nicht ganz ungefährlich. Vier Stunden brauchten wir, bis
wir den See erreichten. Ein herrlicher Sandstrand mit überdachten
Sitzbänken in bunten Farben. Der See erschien so groß
wie ein Meer. Da kam echte Urlaubsstimmung auf. Die Sonne schien
kräftig. Gerhard war der Erste, der ins Wasser sprang,
danach die anderen. Ich hielt mich zurück, wollte erst
einmal von Gerhard hören, wie das Wasser war. Er kam sehr
schnell wieder. „Oh, ist das Wasser kalt“, sagte
er. Ich hatte es mir schon gedacht. Seen, die so klar sind,
sind meistens kalt. Ein ausgiebiges Picknick folgte danach.
Wir unterhielten uns teils in Englisch, teils mit Gesten, über
Gott und die Welt
Wir hatten keinen Augenblick das Gefühl,
dass uns diese Menschen fremd waren.
Am Spätnachmittag traten wir unseren Heimweg an. Wir hatten
alle etwas zuviel Sonne abbekommen. An den Straßen wurde
Honig in unterschiedlichen Gefäßen angeboten. Ich
schlug Gerhard vor, der Hausfrau ein Präsent mit zu bringen.
„Ja, das ist eine gute Idee“, meinte er. So kauften
wir eine Flasche Honig in einer Coca- Cola. Flasche. Nikoleiy
machte uns auf einen Stand an der Straße aufmerksam. Hier
wurde vergorene Stutenmilch angeboten. „Frau, möchtest
du nicht auch davon probieren?“, fragte mich Gerhard.
Ich lehnte dankend ab. Seit zwei Tagen erst hatte sich mein
Darm beruhigt. Versonnen schaute ich nach draußen, das
Bild ähnelt sich doch sehr in den ehemaligen russischen
Gebieten. Rechts und links der Straße stehen kleine, reparaturbedürftige
Häuser. Fehlende Fensterscheiben werden oft durch Plastik
ersetzt. Haushohe und windschiefe Bretterzäune, die dem
Sichtschutz dienen, verwehren den Einblick. Es deprimiert mich,
überall die Armut zu sehen.
Unser Schlafgemach befand sich im Nebenhaus.
Das bestand aus zwei Zimmern, die hintereinander liegen. Das
Bett eine Ausziehcouch, die als Doppelbett umfunktioniert wird
.Alles soweit gut, störend sind nur die kleinen Mini-Ameisen,
die durchs Bett laufen. Eine verirrte sich in meinem Schlüpfer.
Unsere Gastfamilie ist weitgehend autark.
Hat gängiges Gemüse, Kräuter, Kartoffeln und
Obst in ihrem Garten. Wasser kommt aus dem eigenen Brunnen.
Der Wohnkomplex besteht aus mehreren kleineren Häusern,
So ist die Küche auch gesondert, ebenso die Banja –
da wo sich alle in einer Waschschüssel waschen.
Wir verbringen fünf angenehme
Tage bei dieser Familie, dann drängt es uns zur Weiterreise.
Wir wollen die Gastfreundschaft auch nicht zu sehr strapazieren.
In der Nacht vor unserer Abfahrt gurgelt es aus unerfindlichen
Gründen wieder in meinen Därmen. Ich werde auch von
einer Übelkeit geplagt. Das hatte uns gerade noch gefehlt.
Unsere Mamuschka war für uns um fünf Uhr aufgestanden,
hatte uns eine Haferflocken-Suppe und einen Pfefferminztee gekocht
Gerhard stellte die Überlegung
an, ob es nicht besser wäre, noch einen weiteren Tag hier
zu verbringen. Das können wir doch nicht machen. Wo die
Hausmutter so früh für uns aufgestanden ist. Dann
zu sagen, Jutta fühlt sich nicht so gut, wir bleiben noch
einen Tag... Ich hoffte inständig, dass es nur ein vorübergehender
Zustand war. Mit Mühe bekam ich die Haferflockensuppe hinunter.
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