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In Usbekistan

. . . Nicht nur die Eintönigkeit und das Geradeausfahren, sondern auch die heftigen Gegenwinde setzten uns zu. Die Durchschnittsgeschwindigkeit mussten wir mit 15 Stundenkilometern ansetzen, mehr war nicht drin. Nach wie vor gab es keine Kilometerangaben bis zur nächsten Stadt. Heute hatte ich wieder Gelegenheit, meinen verschwitzten Körper mit Wasser zu reinigen. Es war mir inzwischen egal, wie rein das Wasser war. Hauptsache, kalt! Ein großes Problem stellt die Besorgung der Lebensmittel dar. Findet sich ein Kiosk, dann hat er zwar Wasser und die anderen üblichen Zuckergetränke, aber sonst nichts Brauchbares, nur Chips und süßes Zeug.
     Die Armut und Schlichtheit auf dem Land erleben wir live. Im Übermaß sind nur Polizeikontrollen vorhanden. Für den Fall, dass man vermisst wird, ist wenigstens klar, wo man das letzte Mal gesichtet wurde. Auf dem Weg in die nächstgrößere Stadt erfahren wir, was Wüste heißt. Einsamkeit, Weite, heißer Gegenwind wie aus dem Backofen. Abwechslung bieten nur die gelegentlich vorbeifahrenden Pkw oder Lkw. Erschwerend sind die hundert Mal reparierten Straßenböden.
     Wegen der unerträglichen Hitze haben wir an einem Truckstop Halt gemacht. Der Wirt muss uns die Strapazen angesehen haben. Er bot uns privat eine Unterkunft an. Wir nahmen dankbar an. Er zeigte uns einen angenehm kühlen Raum, in dem wir unsere Schlafsäcke auf dem Boden ausbreiten konnten. Vor Erschöpfung schliefen wir für zwei Stunden ein. Am Abend kochte er uns eine kräftige Suppe, dazu gab es Salat und Brot. Auf dem harten Boden spürte ich, was es heißt, keine Fettpolster mehr zu haben. Wir beide sind ob der unzureichenden Ernährung ziemlich abgemagert.
     In der Nacht wache ich auf, weil ich etwas Kaltes am Bein spüre. Wir machen das Licht an. Zunächst dachte ich, es wäre eine Maus, aber beim genauen Hinsehen entdecke ich einen Frosch, der in eine Ecke des Raumes hüpft. Gerhard hat keine Scheu, unseren Gefährten anzufassen und nach draußen zu bringen. Ich denke, hoffentlich war es unser einziger Mitbewohner. Die ständige Hitze hat unseren Tagesplan verändert. Die Nacht endet für uns zwischen 4 und 4.30 Uhr. Das Frühstück ist auch heute wieder mager – ein wenig Trockenobst. Um 5.30 Uhr starten wir, damit wir den Hauptteil der Kilometer vor Beginn der Hitze um 10.30 Uhr hinter uns haben.
     Die letzte Stadt vor der Grenze zur Usbekistan heißt Cargev. Dort beginnt das Leben mit dem Sonnenuntergang, wenn der Straßenhandel blüht. Frauen bieten Brot an, das sie zum Warmhalten in Decken schlagen und in Kinderwägen transportieren. Auch selbst gebackene Kuchen und Teigtaschen werden angeboten. Inzwischen habe ich es mir abgewöhnt, mir Gedanken darüber zu machen, wie hygienisch das alles ist. Ich kann nur so essen, wie es uns angeboten wird.
     Am nächsten Tag sind wir früh auf den Beinen. Nach 36 Kilometern erreichen wir die turkmenische und die usbekische Grenze. Die Grenzabwicklung kostet uns insgesamt mehr als zwei Stunden. Endlich, um 11.30 Uhr, beginnt die Reise in das neue Land Usbekistan. Nach insgesamt 66 Kilometern ist es so heiß, dass uns der Atem stockt. Der Teer auf dem Asphalt ist weich, unsere Räder kleben regelrecht fest. Dazu gibt es heftigen Gegenwind. Im ersten Ort nach der Grenze steht ein überdachtes Lokal, das zur Pause einlädt. Hier möchte ich am liebsten bleiben, denke ich. Wir aßen eine kalte Joghurtsuppe, dazu Salat und natürlich jede Menge Flüssigkeit. Wir wollten bis Buchara noch 80 Kilometer strampeln. Aber darauf wurde nichts, denn wir verweilten den Nachmittag und noch die ganze Nacht in diesem kleinen Ort.
     Die Wirtin fuhr mit ihrem Auto voran und wir mit den Rädern hinterher. Nach etwa 300 Metern standen wir vor einer hohen Mauer mit einem großen Eisentor. Wir waren überrascht von der Größe des Innenhofes, der im Karree angelegt und von vier Gebäuden umgeben war. Das Innere eines der Gebäudetraktes war dunkel, und unsere Augen mussten sich daran erst gewöhnen. Unsere Wirtin brachte Bettwäsche und verordnete uns einen ausgedehnten Mittagsschlaf. Mir zeigte sie die Waschgelegenheit und redete immer von „banja, banja". Ich weiß, dass das auf Deutsch „Sauna", heißt, deutete es aber als „Bad". Nein, es war wirklich eine Sauna. Heiß war mir eigentlich schon genug, und lieber hätte ich mich jetzt unter eine kalte Dusche gestellt. In einer großen Metallwanne stand handwarmes Wasser. So ging ich auf Geheiß in die Sauna, schwitzte und wusch mich. Als ich dann ins Freie trat, empfang ich die Außentemperatur als relativ kühl. Dieser Effekt überraschte mich. Tatsächlich schlief ich für drei Stunden tief und fest.
     Nina, wie unsere gute Fee hieß, umsorgte uns vom Nachmittag bis in den Abend hinein mit Essen und Trinken. Auch am nächsten Morgen machte sie uns noch ein üppiges Frühstück, damit wir gestärkt auf die Reise gehen konnten. Wir sind mittags in Buchara angekommen, einem viel besuchten Touristenort. Trotzdem gibt es wenige hygienisch einwandfreie Restaurants. Man braucht nur das Tischtuch und die Gläser anzusehen, dann weiß man genug. Die Essensauswahl ist stark reduziert: auf eine Suppe, Gurke und Tomaten, dazu ein wenig Zwiebellauch. Ob der abgewaschen wurde, bezweifle ich. Und dann dieser Kebap, der uns seit der Türkei verfolgt und den wir nicht ausstehen können. Gekochtes Gemüse bekommt man nicht. Die verschiedenen Kebaps liegen den ganzen Tag ohne jede Kühlung in der Auslage. Uns dreht sich der Magen um, wenn wir das nur sehen. Dann hat es uns erwischt: erst Gerhard, einen Tag später mich.
     Von drei Ruhetagen in Buchara konnten wir nur einen nutzen, diese Stadt mit ihren Sehenswürdigkeiten am frühen Morgen und am späten Abend zu besuchen. Zwischen den Moscheen bieten Händler ihre Souvenirs an. Wir schlendern in der Altstadt und sind von den vielen kunstvollen Moscheen und Minaretten beeindruckt. An den Straßen wird mit Plakaten die zu diesem Zeitpunkt stattfindende „Universiale" bekannt gemacht. Eigens dafür wurde ein neues „Olympiastadion" gebaut. Aber in der Altstadt waren nur wenige Touristen unterwegs. Wir fragten unseren Vermieter, wann denn Hochsaison sei. Sie sei jetzt, Mitte Mai bis Ende August. Aber seit dem 11. September blieben die Touristen eben aus.
     Wir beide leiden weiter unter dem Beschaffungsmangel für Lebensmittel. Es gibt wohl saisonales Obst, wie Aprikosen und Kirschen. Trockenobst konnten wir noch nicht finden. Bei Außentemperaturen von 40 bis 45° Grad in der Sonne gibt es kaum ein Lebensmittel, das sich hält. Das Mineralwasser schmeckt, nachdem wir es in der Sonne fünf bis sechs Stunden Spazieren gefahren haben, nach Plastik. Fruchtsäfte gären schnell. Nach vier Ruhetagen hoffen wir, wieder fit zu sein. Kurz nach Sonnenaufgang fuhren wir los. Unsere angepeilte Stadt lag 120 Kilometer entfernt. Wir hatten Glück, weil es fast windstill war. Aber ab 10.30 Uhr knallte die Sonne auf uns nieder. Rechts und links am Weg lagen Felder, oder wir fuhren an kleinen Ortschaften vorbei. Es war wenig Verkehr. Unterwegs trafen wir hin und wieder Radfahrer auf ihren alten, klapprigen Rädern, die ohne jede Wartung oder Pflege auskommen mussten. Die Laufräder eierten, und es gab natürlich keine Schaltung. Hauptsache, der Sattel war gut gepolstert. Sie waren immer stolz, wenn sie uns überholen konnten, wenn auch nur für kurze Zeit. Manchmal fuhren junge Burschen über einige Kilometer mit uns, um sich stillschweigend mit uns zu messen. Auch in diesem Land grüßten Frauen kaum. . . .

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