. . . Das Leben in Adabil beginnt erst am Abend um 20 Uhr.
Wir waren am späten Nachmittag durch die Hauptstraßen spaziert.
Ich sagte zu Gerhard: Deine Haare und dein Bart sehen
recht wild aus. Komm', wir gehen zum Barbier!" Der freute sich
über einen Kunden. Kunstvoll beschnitt er den Bart und die wenige
Haarpracht meines Mannes. Jetzt sah er wieder ganz gepflegt
aus. Gerhard fragte nach dem Preis. Der Barbier verdeutlichte
mit einer Geste, dass es kostenlos war. Vergelt's Allah! Erstaunt
nahmen wir es zur Kenntnis.
Für den kommenden Reisetag wollten
wir uns mit Lebensmitteln eindecken und betraten eine kleine
Backstube. Hier wird ausschließlich nur dieses Fladenbrot gebacken.
Ich sagte in Farsi: Bitte ein Brot." Der Bäcker bearbeitete
mit den Händen noch einmal den Teig. Er dellt ihn mit den Fingerkuppen
ein, was ein typisches Muster ergibt, damit das Brot nicht aufreißt.
Mit einem großen Schieber legt die vorbereiteten Fladen nebeneinander
Stück für Stück in den vorgeheizten Backofen. Sie werden mit
offenem Gasfeuer ca. zehn bis zwölf Minuten gebacken, je nach
Nachfrage. Das Brot schmeckt frisch am besten. Wir waren die
ersten und bislang einzigen Kunden. Er reichte uns den 20x30
Zentimeter großen Fladen. Bei der Bezahlung machte der Bäcker
die gleiche Geste wie der Friseur. Wahrscheinlich lag die Großzügigkeit
an Gerhards Aussehen. Wir kauften noch eine kleine Menge Honig
mit Wabe. Hoffentlich ist das so gesund, wie ich es mir vorstelle.
Im Iran wird ab 20 Uhr gegessen. Die
Restaurants sind wenig besucht. Auf jeden Fall gibt es Reis,
viel Reis. Gekochtes Gemüse dagegen fast gar nicht. Fast ausschließend
gegrilltes Fleisch von Lamm, Rind oder Geflügel. Und natürlich
die immer gleiche Suppe. Bisher waren die Küchen, die wir während
unserer Reise gekostet haben, wenig vielfältig, ja sogar einseitig
und aus meiner Sicht ernährungsphysiologisch nicht ausgewogen.
Egal, der Hunger treibt es hinein. Eine Stunde nach dem Essen
bin ich wieder hungrig. Wir sättigen uns dann mit Obst.
Die einheitlich schwarz gekleideten
Frauen begleiten mich weiterhin. Nicht nur die Frauen tragen
die vorschriftsmäßige Kleidung, auch die kleinen Mädchen im
Alter von drei bis vier Jahren tragen ein Kopftuch. Sie werden
auf ihre zukünftige Rolle schon früh vorbereitet. Wir werden
nicht als Frau geboren, nein, wir werden dazu erzogen! Ich begegne
kaum Frauen, von denen Selbstbewusstsein ausgeht. Sie wirken
fast alle verschüchtert und ängstlich. Selbst die Nachrichtensprecherin
wirkt wie eine Ordensfrau. Nur ihr Gesicht ist sichtbar.
Am nächsten Morgen starten wir früh
um 8.30 Uhr. Die Bedingungen sind gut, kein Regen, aber bewolkt
und kühl. Wir wollen heute nach Astara zur Küste. Verschiedene
Männer beschrieben uns den Weg als sehr bergig und steil mit
vielen Auf und Abs. Mit Respekt fahren wir los. Es hält sich
wirklich in Grenzen, auch die satten Anstiege. Nach 35 Kilometern
ändert sich das Landschaftsbild. Wir befinden uns auf ca. 1.500
Höhenmetern. Es gibt grüne Hügel mit grünen Sträuchern. Es sind
keine Ziegen oder Schafe zu sehen, dabei hätten sie hier genügend
Futter. Das Buschwerk wird immer dichter, obwohl wir an Höhe
gewinnen. Das ist nicht mehr frühlingshaft, sondern schon Frühsommer.
An einer Polizeikontrolle, die es dann und wann gibt, werden
wir angehalten. Ein schnittig aussehender junger Polizist stoppt
uns. Er redet auf Farsi auf uns ein. Wir wissen nicht, was er
von uns will. Es geht sicher nicht um eine Geschwindigkeitsüberschreitung!
Ein Polizist im Streifenwagen winkt uns zu sich her. Er verhandelt
noch mit einem vermutlichen Verkehrssünder. Nach ein paar Minuten
wird mir der Herumstehen zu blöd. Ich sage laut und vernehmlich
auf Deutsch: Was soll das eigentlich? Was will der denn
von uns?" Erstaunt schaut er mich an, so als ob er sagen wollte,
wieso beschwert sich denn da eine Frau? Er stutzt und winkt
uns plötzlich weiter.
Die Kläffer werden zu meiner Freude
auch weniger. Wir sehen einen langen, moderaten Anstieg vor
uns, halten an und stärken uns noch einmal. Wer weiß, wie lange
es nach der Kurve bergan geht. Da haben wir schon manchen Schock
erlebt. Das satte Grün wird intensiver, aus Sträuchern werden
Bäume. Ein Verkehrsschild zeigt einen Tunnel an. In Farsi war
zu lesen: 300 Meter. Ich dachte an den Donautunnel. Am Eingang
stoppen wir: Licht am Rad hinten an, Stirnlampe anziehen. Sicherheit
war wichtig. Sehen und gesehen werden war unsere Devise. Es
ging ganz unproblematisch. Auf der anderen Seite des Tunnels
war es wie in einer anderen Welt. Von 1.650 Höhenmeter schauten
wir auf einen dichten Wald hinab. Es war Frühsommer. Das satte
Grün und die Sonne taten der Seele gut. In Serpentinen ging
es bis zu 40 Meter unter dem Meeresspiegel hinab. Wir genossen
die Fahrt. Nach so viel Kälte endlich etwas Wärme. Aber es gab
noch einen Wermutstropfen: Statt endlich in T-Shirt und kurzer
Hose fahren zu dürfen, mussten wir eingehüllt bleiben, ich noch
zusätzlich mit Kopftuch. Wir wollten uns als Gäste in diesem
Land auch an die Gepflogenheiten halten.
Astara war der erste Ort an der Küste
des Kaspischen Meeres. In diesem grenznahen Ort hatte ich endlich
die Möglichkeit, meinen Lieben per Handy eine SMS zu schicken.
Ich mache mir Gedanken, ob in der Heimat alles in Ordnung ist.
Vielleicht liegt es am Alter, dass man gedankenvoller ist. Diese
Stadt war sauber und lebhaft. Auf der Suche nach einem Esslokal
schlenderten wir über eine Basar. Hier hörten wir vereinzelt
russische Töne, für uns so vertraut, denn seit mehr als zehn
Jahren besuchen wir einmal pro Jahr den Ural, wo inzwischen
feste Freundschaften gewachsen sind.
Wir fuhren an der Küste des Kaspischen
Meeres entlang. Eine interessante Begegnung hatten wir in Lahijaahn.
In unserer Unterkunft fuhren wir mit unseren Rädern aufs Zimmer.
Da sprach uns ein Mann auf Deutsch an. Er erzählte uns, dass
er Iraner sei und seit seinem Medizinstudium in Deutschland
lebt. Er hatte eine urologische Praxis, die er aus Altersgründen
aufgegeben hatte. Jedes Jahr besuchte er seine Geschwister an
seinem Geburtsort, wo er den Bau einer Schule für Grund- und
Realschüler gespendet hatte. Eine weitere sei im Bau. Er möchte
dazu beitragen, dass die geistige Armut in seinem Heimatland
gemindert wird. Hussein ist ein aufgeschlossener, intelligenter
Mann. Er lädt uns zu einer kleinen Bergtour ein. Der Berg liegt
in Sichtweite unserer Unterkunft. |