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Im Iran Teil 2

. . . Wieder Gemeinschaftsdusche, wieder Gemeinschaftsklo. Da versiegte jedes menschliche Bedürfnis. Es hatte wieder zu regnen begonnen. Ich hatte Hunger, und so machten wir uns auf die Suche nach einem Esslokal. Wir fanden aber nur einen Stehimbiss, in dem es Fleischspieße gab. In einer Konditorei wollten wir verschiedene Kekse einkaufen. Wieder eine Männerversammlung. Aber endlich war einer dabei, der gebrochen Englisch sprach. Er half uns beim Einkauf.
     Wieder draußen auf der Straße sprach uns eine Frau in Deutsch an. Ich konnte es nicht glauben. Sie hatte ihre beiden Töchter dabei und ein kleines Kind auf dem Arm. Wir fragten sie nach einem Lokal. „Die öffnen erst um 20 Uhr. Mein Mann ist beruflich hier, als Geologe tätig und arbeitet an einem Projekt zur Erforschung heißer Quellen zur Energiegewinnung. Wir sind nur für zwei Jahre hier." Auf unsere Frage, woher sie akzentfrei Deutsch spräche, antwortete sie: „Ich habe 18 Jahre in Berlin gelebt. Seit neun Jahren bin ich wieder im Iran und lebe eigentlich in Teheran." Es regnete wie aus Kübeln. Während Gerhard mit unserem Regenschirm neben der Frau geht, gehe ich hinterdrein und werde nass. Der Einzige, der trocken bleibt, ist Gerhard. Sie lädt uns zu sich nach Hause ein und wir beschließen, ein Taxi zu nehmen. Wir sind sechs Personen, und alle passen in ein Taxi. So etwas gibt es nur im Orient.
     Das Haus, in dem sie wohnt, ist umgeben von einer hohen Mauer. Im Innenhof sehen wir im Halbdunkeln einen Garten. An der Haustür ziehen alle ihre Straßenschuhe aus. Wir betreten einen großen, wohnlich mit Teppichen ausgelegten Raum, der eine angenehme und behagliche Atmosphäre ausstrahlt. Unsere Gastgeberin heißt Nina. Sie erzählt uns, dass die Menschen, die hier leben, keine Iraner, sondern Türken sind. Sie haben ihre eigene Sprache, die sie selbst auch erst lernen müsste. Die Menschen hier sind tief religiös und leben streng danach. Meshkinschah ist das Ende der Welt, erklärt sie uns. Ich frage sie, warum die Frau so verhüllt gehen muss. „Das schreibt der Koran vor." Aber welcher Gedanke steht dahinter, möchte ich wissen. Das weiß sie nicht, das ist eben so. In Teheran sei vieles anders, viel lockerer geregelt als hier auf dem Land. Und dann versucht sie mir zu sagen, dass die Frauen in der Familie viele Rechte haben. Warum ist sie nach 18 Jahren in Deutschland zurück in ihre Heimat gegangen? Sie führt als Beispiel die bei uns lebenden Türken an, wo die nachkommenden Generationen weder Deutsche noch Türken sind. Das möchte sie ihren Kindern ersparen.
     Sie fragt uns, ob wir etwas essen möchten. Gerhard meint, eine Suppe täte ihm gut. Nina lässt ihre Tochter, die 18 Jahre alt ist, die Suppe zubereiten. Ihr jüngstes Kind, ein Sohn, ist zweidreiviertel Jahre alt und will die ganze Aufmerksamkeit der Mutter. Es klingelt dauernd an der Haustür, und jedes Mal bindet sich Nina ein Kopftuch um. Normalerweise tragen die Frauen zu Hause keine Kopftücher. Wir essen alleine. Warum? Nina sagt, sie müsse abnehmen, die älteste Tochter hat Englisch-Unterricht, nur das jüngste Kind isst mit uns Suppe. Sie reißt von dem hauchdünnen Fladenbrot mit ca. 30 Zentimeter Durchmesser das Äußerste ab. Das sei nicht gut. Ich habe beobachtet, dass der Bäcker dieses Brot für die Kunden in Zeitungspapier wickelt.
     Das Hotel, in dem wir nächtigen, kennt Nina nicht. Sie bietet uns an, in das Gästehaus der Firma ihres Mannes überzusiedeln. Das nimmt Gerhard gerne an. Sie fahren mit uns zum Quartier. Dort wartet auf uns ein angeblicher Englischlehrer, der für die örtliche Polizei übersetzt. Er hat einen Fragebogen, der sehr sonderbare Fragen beinhaltet, zum Beispiel den Vornamen von Gerhards Vater, den Vornamen meines Vaters, wer die Frau sei, die uns begleite, woher wir sie kennen. Währenddessen packe ich in aller Eile unsere Sachen zusammen. Aber im Büro des Hotels wird diskutiert. Ergebnis: Wir müssen diese Nacht bleiben, aus „polizeilichen Sicherheitsgründen", wie es heißt.
     So verabreden wir uns mit Nina für den nächsten Morgen um 9 Uhr. Falls sich Gerhard nicht besser fühlt, siedeln wir dann um. Nach einer guten Nacht für uns beide muss Gerhard wieder mehrmals das Stehklo besuchen. Sein Zustand hatte sich noch nicht stabilisiert. Ich behandelte ihn mit Kohletabletten und einem homöopathischen Mittel für einen Magen-Darm-Infekt. Pünktlich standen wir gepackt vor der Eingangstür des Hotels, als Nina und Hassan kamen. Mit dem Umquartieren war es nicht so einfach. Wenn wir bleiben wollten, dann nur in diesem Hotel. Das hatte die Sicherheitspolizei angeordnet. Wir hatten die Wahl: Entweder hier bleiben und sich von Nina die heißen Quellen und sonstige Sehenswürdigkeiten zeigen lassen oder unsere Fahrt Richtung Adabil aufnehmen. Nina bot uns an, dass Hassan, der Fahrer, uns mit dem Kombi so weit fährt, wie wir es wollen.
     Er brachte uns erstmal zu seinem Stammlokal, wo wir vier Tassen Tee und trockenes Fladenbrot frühstückten. Auf der Weiterfahrt überlegten wir noch, wo uns Hassan am besten absetzen könnte, da hielt er nach 15 Minuten an. Die Fahrt sei zu Ende. Wir waren total perplex und nahmen es mit Haltung hin. Aber es war schon riskant: Gerhard fühlte sich noch schlapp, und wir hatten nichts zu trinken dabei. Es waren bis Adabil 85 Kilometer. Zunächst ging es vielleicht zehn Kilometer bergab. Dann kamen wie gewohnt die Anstiege, kilometerlang, nie enden wollend. Wir hatten Glück: Bei Kilometer 35 kam ein Stand mit Cola und Limo. Bei einem Anstieg quälten wir uns sehr. Wieder so ein rauer, holpriger Asphalt. Wir kamen kaum voran. Der Himmel war bedeckt, der Wind blies von der Seite. Wir machten wegen Gerhards Gesundheitszustand öfter eine Verschnaufpause.
     Noch 25 Kilometer mussten wir pedalieren, da sahen wir auf der linken Seite ein kleines Restaurant. Wir bestellten uns Apfelsaft, Brot mit Honig und Joghurt. Die Pause von 15 Minuten tat meinem Mann sehr gut. Der Wind wurde wieder stärker und kam jetzt von vorn. Die Kilometer gingen zäh dahin. Hinter uns braute sich der Himmel schwarz zusammen. Wir konnten die Abfahrten nicht für uns nutzen. Der Wind drückte uns zurück. Wir traten in die Pedale, ich voran, Gerhard im Windschatten hinterher. Endlich kam ein Straßenschild: noch zehn Kilometer bis Adabil. Wir konnten die Stadt schon sehen. Sie kam und kam nicht näher. Ich hatte mich aufgearbeitet, mein Rücken war total verkrampft. Ich rief Gerhard zu: „Verdammt nochmal, ich kann nicht mehr!" Er übernahm die Führung. Mit 13 bis 15 Stundenkilometern krochen wir vorwärts, hinter uns der schwarze Himmel, in der Ferne vor uns Sonnenschein.
     In der Stadt schien tatsächlich die Sonne, als wir sie erreichten. Stolze 922 Höhenmeter auf 95 Kilometer hatten wir überwunden. Wie hatte Nina gesagt? Alles flach – aus der Sicht eines Autofahrers. Es gab ein Hotel mit einem sauberen Bett, einer heißen Dusche und einem Abendessen. Hier musste und wollte sich Gerhard wieder erholen. Der folgende Ruhetag tat ihm gut, und wir hängten noch einen weiteren Tag an, damit er wieder ganz fit war. Morgen wollen wir weiter in Richtung Kaspisches Meer. Viele Anstiege liegen wieder vor uns. . . .

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