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Im Iran Teil 2

. . . Orkan fuhr mit uns zu einem Erlebnispark, der auch ein Highlight werden sollte. Es wurde nur bedingt ein Erlebnis. Bei kaltem Nieselwetter tranken wir draußen Tee. In unserer unmittelbaren Tischnähe saßen vier hübsche junge Mädchen, offenbar Studentinnen. Orkan übersetzte uns, dass sie uns sehr sympathisch fänden, woher wir kämen und wohin wir wollten. Gerhard zückte sofort seinen Fotoapparat und fragte, ob er sie fotografieren dürfte. Drei der vier stimmten zu. Es ging soweit, dass sich eine mit mir ablichten ließ. Aber das Wetter lud nicht zum Verweilen ein. Wir brachen auf. An einem angelegten See stand eine Gruppe von etwa zehn Mädchen. Wieder fragte Gerhard um Erlaubnis zum Fotografieren. Sie scherzten, ob wir diese bei ihrem College eingeholt hätten. Wir lachten, und ehe sie es sich anders überlegten, drückte Gerhard auf den Auslöser.
     Wir haben uns in Tabriz noch einen Ruhetag gegönnt, und das war auch gut so. Am Vortag hatten wir das Verkehrschaos beobachtet und uns vorgestellt, wie es wäre, wenn wir mit den Rädern da durch müssen. Wir sprechen mit Orkan darüber und treffen die Entscheidung, dass es sicherer ist, sich mit einem Pickup aus der Stadt bringen zu lassen. Orkan versprach bereitwillig, uns einen Transportwagen zu besorgen. Punkt 9 Uhr am nächsten Morgen war er da. Er ging mit Gerhard los, um einen Pickup aufzutreiben. Erst wurden die Taschen, dann die Fahrräder aufgeladen. Orkan erklärte dem Fahrer mit Nachdruck, wo er uns absetzen sollte, denn wir konnten uns mit ihm nicht verständigen. Auf der Ausfallstraße nach Aha quälten wir uns durch den morgendlichen Stadtverkehr, auf Ausweichstraßen versuchten wir, dem stop and go zu entgehen. Auf diese Weise blieben uns schätzungsweise 15 Kilometer erspart. Nach etwa einer Stunde hielt unser Pickup. Gerhard legte auf den ausgehandelten Preis noch etwas drauf, denn sicher war es kein reicher Mann, der uns chauffiert hatte. Die Packtaschen auf die Räder, und die Fahrt konnte beginnen. Die Wetterbedingungen waren gut, und wir fuhren auf dem Randstreifen der Straße. Es lief hervorragend - und dann folgten unendlich viele mühevolle Anstiege und schnelle Abfahrten. Die Anstiege ziehen sich oftmals über mehrere Kilometer hin,. Gleichmäßig mit kleinen Gängen und viel Geduld kurbeln wir herauf. Ich denke dann: Jeder Berg hat seinen Scheitelpunkt. Absteigen und Schieben ist auch nicht einfacher. Im Tempo von 45 bis 50 Stundenkilometer geht die Fahrt abwärts, und der nächste Anstieg folgt. Diese Etappe hatte es wieder in sich. Gottseidank habe ich im Lauf unserer Reise an Kondition gewonnen, und es fällt mir nicht mehr so unendlich schwer.
     Die kleine Stadt Aha machte zunächst einen ordentlichen Eindruck auf uns. Gerhard fragte mehrmals nach einer Unterkunft. Immer wieder anhalten, fragen, weiterfahren. Das Hotel hätten wir nicht als solches erkannt, denn was in arabischer Sprache daransteht, ist für uns nicht leserlich. In diesen kleinen Städten gibt es fast immer nur eine Unterkunft, man hat also keine Alternative. Unsere Zimmer liegen zur Straße hin. Auf etwa zehn Quadratmeter stehen drei Betten, ein vergammelter Stuhl, ein kleiner Tisch. Die Decke ist mit Stuck in rosa Blumenornamenten verziert. Die Deckengrundfarbe ist hellblau. Der Fußboden ist total verdreckt. Ich betrachte das Bett näher. Es ist gut erkennbar, dass es schon von jemandem benutzt wurde. Haare und Hautabschürfungen beweise es mir. Bloß nicht darüber nachdenken! Denk' an deinen Grundsatz, Jutta: Besser drinnen schlafen als draußen im Zelt. Ich lasse mich auf einem Bett nieder. Gerhard muss für die Polizei noch Personenangaben machen. Wie ich so auf den Boden schaue, sehe ich viele winzige kleine Ameisen. Das war nicht alles: Eben lief eine Kakerlake vorbei.
     Unsere Räder fanden Platz in einem Vorratsraum. Sie sind inzwischen so verdreckt, dass man sie nicht mehr mit aufs Zimmer nehmen kann. In diesem Fall hatten wir auch ohne Räder im Zimmer gerade noch Platz zum Stehen. Wir beschlossen, uns Trockenfrüchte und Obst einzukaufen, damit wir unsere Vitamine bekommen. Wir haben sowieso beide das Gefühl, dass wir inzwischen unterernährt sind. Ständig der polierte Reis und das wenige Fleisch dazu. Gerhard sieht schon recht mager aus. Wir landen in einem Restaurant, das mehr nach einem Werkzeugschuppen aussah. Ein muffiger junger Mann erzählt, was er uns anzubieten hat. Natürlich Gerstensuppe mit einer weißen, nicht definierbaren Einlage. Nach zwei Löffeln habe ich genug davon. Gerhard hat Hunger und isst meine Suppe mit auf. Er bestellt sich einen Salat, der eben husch vom Feld eingetroffen war. Ich warne ihn: „Der ist nicht anständig gewaschen. So was kannst du hier nicht essen." Auf mein Drängen lässt er die Hälfte stehen.
     In einem Obstgeschäft will uns der Besitzer einen überhöhten Preis für die eingekaufte Ware abverlangen. Ich sage auf Deutsch: „Das ist doch wohl zu teuer!" Gerhard schaut zum Himmel und erwähnt Allah. Da gibt er uns einen 10.000-Rial-Schein lachend zurück. Wir wollen von einem mit Melonen beladenen Pickup eine Melone kaufen und lösen damit eine Männerversammlung aus. Was war denn daran besonders? Das nervt mich doch oft. Wieder im Quartier lassen wir uns die Melone und die anderen Obstsorten schmecken. Wir breiten unsere Schlafsäcke aus. Gerhard schläft bald, während mich der vorbeirasende Ortsverkehr nicht zur Ruhe kommen lässt. Das dauert bis 1 Uhr nachts. Um 4.30 Uhr meldet sich der Muezzin. Völlig unausgeschlafen bereite ich das Frühstück, bestehend aus Nescafe, Joghurt mit Haferflocken, Äpfeln, Apfelsinen und Bananen. Um 9 Uhr sind wir startklar. Das war eine Nacht für fünf Dollar.
     In der Nacht hatte es stark geregnet. Die Straßen waren nass und gleichmäßig mit Matsch belegt. Es war recht kühl, und der Himmel zeigte drohende Regenwolken. Es gab Gegenwind als Erschwerniszulage. Gerhard fühlte sich gar nicht wohl. Es rumorte etwas in seinen Därmen, irgendetwas stimmte nicht. Ich machte an diesem Tag die Führungsarbeit. Die Landschaft war öde mit wenig Grün, in der Ferne sah man ab und zu kleine Dörfer aus Lehm. Hin und wieder wurden wir von Hunden attackiert. Noch etwas haben wir nicht bedacht: Dass die Abstände der Dörfer, in denen es etwas zu trinken gab, weit auseinander lagen. Die Folge des Flüssigkeitsmangels war ein Leistungsknick. Es kam ein nie enden wollender Anstieg. Diese läppischen 58 Kilometer wurden zur Ewigkeit. Die Beschilderung an den Straßen ist spärlich. Gottseitdank sind größere Städte auch in lateinischer Sprache ausgewiesen. Ohne diese Hinweise wären wir total aufgeschmissen. Aber es gibt kaum Schilder am Ortseingang. Man kann nur vermuten, dass man das angepeilte Ziel erreicht hat.
     Wir fragten uns wieder durch. Ein angebliches Hotel, das von außen einen ordentlichen Eindruck machte, war leider geschlossen. Man führte uns zu einem anderen – wieder gab es keine Alternative. Wir mussten unsere Räder eine sehr steile Treppe hinauftragen. Der Gang zu den Zimmern war mit ocker-weißen Fliesen in Schachbrettmuster ausgelegt. Im Zimmer lagen zwar nur schmutzige Teppiche, aber wir mussten die Schuhe vor der Tür ausziehen. Dort standen vier Eisenbetten, deren Lattenrost aus geflochtenem Metall bestand. Darauf lag eine durchgelegene Schaumgummimatratze. Das Betttuch war grau statt weiß, die Decke war aus 100 Prozent Acryl. Gerhard hatte nur einen Wunsch: Er wollte sich hinlegen. Sein Darm hatte sich inzwischen mehrmals entleert. Er packte seinen Schlafsack aus, legte sich hin und schlief bald ein. Ich setzte mich auf eines der freien Betten, das am Fenster stand, schaute dem munteren Treiben auf der Straße zu und dachte: Ich krieg' gleich die Krise! . . .

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