. . . Orkan fuhr mit uns zu einem Erlebnispark, der auch ein
Highlight werden sollte. Es wurde nur bedingt ein Erlebnis.
Bei kaltem Nieselwetter tranken wir draußen Tee. In unserer
unmittelbaren Tischnähe saßen vier hübsche junge Mädchen, offenbar
Studentinnen. Orkan übersetzte uns, dass sie uns sehr sympathisch
fänden, woher wir kämen und wohin wir wollten. Gerhard zückte
sofort seinen Fotoapparat und fragte, ob er sie fotografieren
dürfte. Drei der vier stimmten zu. Es ging soweit, dass sich
eine mit mir ablichten ließ. Aber das Wetter lud nicht zum Verweilen
ein. Wir brachen auf. An einem angelegten See stand eine Gruppe
von etwa zehn Mädchen. Wieder fragte Gerhard um Erlaubnis zum
Fotografieren. Sie scherzten, ob wir diese bei ihrem College
eingeholt hätten. Wir lachten, und ehe sie es sich anders überlegten,
drückte Gerhard auf den Auslöser.
Wir haben uns in Tabriz noch einen
Ruhetag gegönnt, und das war auch gut so. Am Vortag hatten wir
das Verkehrschaos beobachtet und uns vorgestellt, wie es wäre,
wenn wir mit den Rädern da durch müssen. Wir sprechen mit Orkan
darüber und treffen die Entscheidung, dass es sicherer ist,
sich mit einem Pickup aus der Stadt bringen zu lassen. Orkan
versprach bereitwillig, uns einen Transportwagen zu besorgen.
Punkt 9 Uhr am nächsten Morgen war er da. Er ging mit Gerhard
los, um einen Pickup aufzutreiben. Erst wurden die Taschen,
dann die Fahrräder aufgeladen. Orkan erklärte dem Fahrer mit
Nachdruck, wo er uns absetzen sollte, denn wir konnten uns mit
ihm nicht verständigen. Auf der Ausfallstraße nach Aha quälten
wir uns durch den morgendlichen Stadtverkehr, auf Ausweichstraßen
versuchten wir, dem stop and go zu entgehen. Auf diese Weise
blieben uns schätzungsweise 15 Kilometer erspart. Nach etwa
einer Stunde hielt unser Pickup. Gerhard legte auf den ausgehandelten
Preis noch etwas drauf, denn sicher war es kein reicher Mann,
der uns chauffiert hatte. Die Packtaschen auf die Räder, und
die Fahrt konnte beginnen. Die Wetterbedingungen waren gut,
und wir fuhren auf dem Randstreifen der Straße. Es lief hervorragend
- und dann folgten unendlich viele mühevolle Anstiege und schnelle
Abfahrten. Die Anstiege ziehen sich oftmals über mehrere Kilometer
hin,. Gleichmäßig mit kleinen Gängen und viel Geduld kurbeln
wir herauf. Ich denke dann: Jeder Berg hat seinen Scheitelpunkt.
Absteigen und Schieben ist auch nicht einfacher. Im Tempo von
45 bis 50 Stundenkilometer geht die Fahrt abwärts, und der nächste
Anstieg folgt. Diese Etappe hatte es wieder in sich. Gottseidank
habe ich im Lauf unserer Reise an Kondition gewonnen, und es
fällt mir nicht mehr so unendlich schwer.
Die kleine Stadt Aha machte zunächst
einen ordentlichen Eindruck auf uns. Gerhard fragte mehrmals
nach einer Unterkunft. Immer wieder anhalten, fragen, weiterfahren.
Das Hotel hätten wir nicht als solches erkannt, denn was in
arabischer Sprache daransteht, ist für uns nicht leserlich.
In diesen kleinen Städten gibt es fast immer nur eine Unterkunft,
man hat also keine Alternative. Unsere Zimmer liegen zur Straße
hin. Auf etwa zehn Quadratmeter stehen drei Betten, ein vergammelter
Stuhl, ein kleiner Tisch. Die Decke ist mit Stuck in rosa Blumenornamenten
verziert. Die Deckengrundfarbe ist hellblau. Der Fußboden ist
total verdreckt. Ich betrachte das Bett näher. Es ist gut erkennbar,
dass es schon von jemandem benutzt wurde. Haare und Hautabschürfungen
beweise es mir. Bloß nicht darüber nachdenken! Denk' an deinen
Grundsatz, Jutta: Besser drinnen schlafen als draußen im Zelt.
Ich lasse mich auf einem Bett nieder. Gerhard muss für die Polizei
noch Personenangaben machen. Wie ich so auf den Boden schaue,
sehe ich viele winzige kleine Ameisen. Das war nicht alles:
Eben lief eine Kakerlake vorbei.
Unsere Räder fanden Platz in einem
Vorratsraum. Sie sind inzwischen so verdreckt, dass man sie
nicht mehr mit aufs Zimmer nehmen kann. In diesem Fall hatten
wir auch ohne Räder im Zimmer gerade noch Platz zum Stehen.
Wir beschlossen, uns Trockenfrüchte und Obst einzukaufen, damit
wir unsere Vitamine bekommen. Wir haben sowieso beide das Gefühl,
dass wir inzwischen unterernährt sind. Ständig der polierte
Reis und das wenige Fleisch dazu. Gerhard sieht schon recht
mager aus. Wir landen in einem Restaurant, das mehr nach einem
Werkzeugschuppen aussah. Ein muffiger junger Mann erzählt, was
er uns anzubieten hat. Natürlich Gerstensuppe mit einer weißen,
nicht definierbaren Einlage. Nach zwei Löffeln habe ich genug
davon. Gerhard hat Hunger und isst meine Suppe mit auf. Er bestellt
sich einen Salat, der eben husch vom Feld eingetroffen war.
Ich warne ihn: Der ist nicht anständig gewaschen. So was
kannst du hier nicht essen." Auf mein Drängen lässt er die Hälfte
stehen.
In einem Obstgeschäft will uns der
Besitzer einen überhöhten Preis für die eingekaufte Ware abverlangen.
Ich sage auf Deutsch: Das ist doch wohl zu teuer!" Gerhard
schaut zum Himmel und erwähnt Allah. Da gibt er uns einen 10.000-Rial-Schein
lachend zurück. Wir wollen von einem mit Melonen beladenen Pickup
eine Melone kaufen und lösen damit eine Männerversammlung aus.
Was war denn daran besonders? Das nervt mich doch oft. Wieder
im Quartier lassen wir uns die Melone und die anderen Obstsorten
schmecken. Wir breiten unsere Schlafsäcke aus. Gerhard schläft
bald, während mich der vorbeirasende Ortsverkehr nicht zur Ruhe
kommen lässt. Das dauert bis 1 Uhr nachts. Um 4.30 Uhr meldet
sich der Muezzin. Völlig unausgeschlafen bereite ich das Frühstück,
bestehend aus Nescafe, Joghurt mit Haferflocken, Äpfeln, Apfelsinen
und Bananen. Um 9 Uhr sind wir startklar. Das war eine Nacht
für fünf Dollar.
In der Nacht hatte es stark geregnet.
Die Straßen waren nass und gleichmäßig mit Matsch belegt. Es
war recht kühl, und der Himmel zeigte drohende Regenwolken.
Es gab Gegenwind als Erschwerniszulage. Gerhard fühlte sich
gar nicht wohl. Es rumorte etwas in seinen Därmen, irgendetwas
stimmte nicht. Ich machte an diesem Tag die Führungsarbeit.
Die Landschaft war öde mit wenig Grün, in der Ferne sah man
ab und zu kleine Dörfer aus Lehm. Hin und wieder wurden wir
von Hunden attackiert. Noch etwas haben wir nicht bedacht: Dass
die Abstände der Dörfer, in denen es etwas zu trinken gab, weit
auseinander lagen. Die Folge des Flüssigkeitsmangels war ein
Leistungsknick. Es kam ein nie enden wollender Anstieg. Diese
läppischen 58 Kilometer wurden zur Ewigkeit. Die Beschilderung
an den Straßen ist spärlich. Gottseitdank sind größere Städte
auch in lateinischer Sprache ausgewiesen. Ohne diese Hinweise
wären wir total aufgeschmissen. Aber es gibt kaum Schilder am
Ortseingang. Man kann nur vermuten, dass man das angepeilte
Ziel erreicht hat.
Wir fragten uns wieder durch. Ein angebliches
Hotel, das von außen einen ordentlichen Eindruck machte, war
leider geschlossen. Man führte uns zu einem anderen wieder
gab es keine Alternative. Wir mussten unsere Räder eine sehr
steile Treppe hinauftragen. Der Gang zu den Zimmern war mit
ocker-weißen Fliesen in Schachbrettmuster ausgelegt. Im Zimmer
lagen zwar nur schmutzige Teppiche, aber wir mussten die Schuhe
vor der Tür ausziehen. Dort standen vier Eisenbetten, deren
Lattenrost aus geflochtenem Metall bestand. Darauf lag eine
durchgelegene Schaumgummimatratze. Das Betttuch war grau statt
weiß, die Decke war aus 100 Prozent Acryl. Gerhard hatte nur
einen Wunsch: Er wollte sich hinlegen. Sein Darm hatte sich
inzwischen mehrmals entleert. Er packte seinen Schlafsack aus,
legte sich hin und schlief bald ein. Ich setzte mich auf eines
der freien Betten, das am Fenster stand, schaute dem munteren
Treiben auf der Straße zu und dachte: Ich krieg' gleich die
Krise! . . . |