. . . Zunächst wollten sie im Hotel nur Rial nehmen, später
ließen sie sich aber auf Dollarbezahlung ein. Nachdem wir uns
im Zimmer einquartiert hatten, ging Gerhard gleich ins Bett
und schlief sofort ein. Ich beschäftigte mich mit der Reinigung
der Taschen und der Wäsche. Wir hatten heftigen Hunger und wollten
uns am Abend verwöhnen lassen. Aber es war nur ein Gericht im
Angebot: Man muss essen, was vorhanden ist. Auch diesmal gab
es die gleiche Gerstensuppe mit und ohne Tomatenmark. Gängiges
Besteck sind Löffel und Gabel, Messer gibt es selten. Der Löffel
ersetzt das Messer. Es gab "chicken kebap", das ist Hähnchenfleisch
am Spieß, dazu eine Unmenge Reis mit zehn Gramm Butter. Gerhard
hat Probleme mit dem Reis. Er hat wohl keine ausreichende Speichelbildung,
denn er kaut unendlich lange. Zu Trinken gibt es nur süße Limonade
oder Coca-Cola. Mineralwasser ist eine Rarität.
Nach einer erholsamen Nacht und einem
dürftigen Frühstück starteten wir bei Sonnenschein in den Tag.
Die Bergketten links und rechts sind leicht grün, die Vegetation
ist noch spärlich und vom Frühling wenig zu sehen. Das ist verständlich,
wir bewegen uns meistens auf einer Höhe von 1.300 bis 1.700
Höhenmetern. Seit wir den Iran betreten haben, haben wir oft
Seiten- oder Gegenwind. Vom Hotel aus ging es gleich scharf
ansteigend 220 Höhenmeter über drei Kilometer hoch. Da rebellierten
die noch nicht warmen Muskeln sehr. Der Puls ging auf 143 Schläge
hoch. Auf der Hälfte der Strecke stiegen wir vom Rad, schnauften
aus und warteten, dass sich der Puls wieder beruhigte. Das Tagesziel
war Tabriz. Wie ich feststellte, gab es keinen Netzanschluss
für ausländische Handys. Es gibt nur einen Netzanbieter, und
der ist wohl staatlich. Es ist schwierig, Kontakt nach Deutschland
zu bekommen. An das Hupen mit und ohne Grund haben wir uns inzwischen
relativ gewöhnt. Immer so tun, als ob wir nicht gemeint wären,
ist die Devise.
Wir erreichten unser Ziel Tabriz am
frühen Nachmittag. Wir wohnten ca. fünf Kilometer vor dem Zentrum.
Gerhard arrangierte wieder die Unterkunft, während ich bei den
Rädern wartete. Unweit von mir saß eine Gruppe von Frauen im
klassischen schwarzen Einheitsgewand. Sie sahen teils empört,
teils neugierig zu mir herüber. Ich war in Fahrradhelm, gelber
Jacke und beiger Hose - sehr ungewohnt für die Frauen hier.
Am Abend suchten wir uns ein Esslokal. Unterwegs sprachen spontan
mehrere junge Männer Gerhard an. "Hallo, do you speak English?
Wie geht's? Wo kommst du her?" und so weiter. Gerhard war brennend
interessiert an Informationen über das Land, was die Jungen
über die Regierung und die Stimmung denken. Ich gehe in Landessitte
hinterher, wie es sich gehört. Ich werde angestarrt, als wenn
ich von einem anderen Stern käme. Leider fanden wir kein passendes
Esslokal. Es scheint hier nicht üblich zu sein, dass man abends
zum Essen geht. Wir kehrten zum Hotel zurück. Auf dem Rückweg
sprach uns erneut ein Student an. Er sprach ein unsauberes Englisch
mit reichlichem Wortschatz. Letzten Endes verabredeten wir uns
für den folgenden Tag für 14 Uhr. Er bot sich an, uns die Stadt
zu zeigen. Das Frühstück am Morgen ist nicht der Hit und lässt
eine Gewichtszunahme nicht zu. Inzwischen ist mein Gewicht so
weit reduziert, dass ich Konfektionsgröße 36 tragen kann. Wieder
bekamen wir das Brot aus Wasser, Mehl und Salz, dazu fünf Gramm
Butter, zehn Gramm Marmelade, zehn Gramm Schafskäse und Tee.
Davon soll ein Mensch leben. Pünktlich um 14 Uhr kam unser Student
und holte uns ab. Wir fuhren mit dem Taxi zur blauen Moschee.
Unterwegs nahmen wir noch zwei weitere Fahrgäste mit, es war
sozusagen ein Sammeltaxi. Dadurch wird es billiger. Außer dem
Fahrer saßen fünf Personen im Wagen. Das Fahren sowie das Queren
einer Straße ist ein waghalsiges Unternehmen. Es gibt nur wenige
Ampeln, die niemand beachtet. Ob grün oder rot, es wird immer
gefahren. Es gibt überhaupt keine Verkehrsregeln. Am laufenden
Band wird gehupt. Ich habe mir während der Taxifahrt mehrmals
die Augen und die Ohren zugehalten. Ich dachte, jetzt kommt
ein Crash. Es wird kreuz und quer gefahren und erinnert mich
an einen Autoscooter auf der Kirmes. Unser Führer sagte: "Don't
worry." Der Taxifahrer amüsierte sich, wenn ich mir die Augen
zuhielt. Als Fußgänger eilt man im Zickzackkurs über die Straße
und hofft darauf, dass die Autos ihr Tempo verringern oder kurz
halten. Trotz des hohen Verkehrsaufkommens gibt es keinerlei
Stau.
Die blaue Moschee besteht nur noch
aus Fragmenten. Nach einem Erdbeben vor etwa hundert Jahren
wurde sie größtenteils zerstört und wird fortwährend restauriert.
Die Kosten für die Restauration erbringen zum Teil die Eintrittsgelder
der Touristen. Der Eintritt beträgt sechs Dollar pro Person.
Orkan, unser Student, ging mit uns
in ein landestypisches Lokal. Das Essen wurde auf dem Boden,
also auf dem Teppich, serviert. Man sitzt in runden Nischen,
auf dem Boden liegen Perserteppiche. Für das Essen wird eine
Plastikdecke ausgebreitet, auf der serviert wird. Gerhard tat
sich mit dem Schneidersitz schwer. Das muss noch geübt werden.
Er saß mit gestreckten Beinen total verkrampft. Obwohl ich den
Schneidersitz kaum kann, wollte ich nicht ins Fettnäpfchen treten
und setzte mich seitlich. Ich konnte schlecht fragen: "Wie setzt
sich denn eine Frau anständig hin?" Es gab Reis als Hauptgericht,
gegrillten Fisch als Beilage. Eine Portion reichte eigentlich
für uns beide. Hier werden Unmengen von Reis verzehrt.
Im Anschluss führte uns Orkan über die verschiedenen Basare.
An den Schaufenstern für Damenkleider standen viele Frauen.
Die Kleider waren im westlichen Stil, überwiegend schwarz mit
Pailettenstickerei für festliche Anlässe. Wozu die Kleidung,
wenn die Frauen doch nur ihr knöchellanges Gewand mit dazu passendem
Kopftuch und Schleier tragen? Das ist doch schizophren, denke
ich. Die Frage, warum die Frauen alle in schwarz gehen, beantwortet
Orkan damit, dass es ihre freie Entscheidung sei. Sie könnten
auch farbige Gewänder wählen.
Wir wandern weiter durch Schuhpassagen,
vorbei an Pflanzenheilmitteln, wo Rosenblätter, Pfefferminze,
Kamille und noch viele andere Pflanzen, die mir nicht bekannt
sind, angeboten werden. In der Auslage des Metzgers hängen halbe
Lämmer, Innereien, Vorderhufe von Rindern und Hühner. Neben
seiner Ware sitzt der Verkäufer halb dösend und wartet auf Kunden.
Von Kühlung keine Spur. Einladend sieht das nicht aus. Wir gehen
durch eine Passage mit Goldschmuck und eine mit Wandteppichen,
die wie Gemälde wirken, mit unterschiedlichen Motiven wie Herbst,
junge moderne Frau, eine alte Frau mit einem faltenreichen Gesicht
und Händen. Sie sind so naturgetreu, als ob es ein Foto wäre.
Während wir durch die Stadt schlendern,
starren mich Männer, Frauen und Kinder an. Ich kann in ihren
Gesichtern ganz unterschiedliche Stimmungen lesen. Das reicht
von empört und ungläubig bis zu bewundernd. Manchmal dachte
ich, gleich gehen sie auf mich los und killen mich. Ganz geheuer
war mir diese Situation nicht. Wenn bei uns eine Frau vermummt
herumläuft, schauen wir ja auch verwundert. Jetzt erlebe ich
die Situation einmal umgekehrt. Mein Mann hat es da wieder einmal
einfacher. Er kann frei entscheiden, welche Kleidung er wählt.
. . . |