Wir starten in ein neues Reiseland. Es sind noch 35 Kilometer
bis zur iranischen Grenze. Ich hoffe, dass im Iran die Lebensverhältnisse
besser als bisher sind. Die Armut, der Unrat und das Chaos belasten
mich. Nach fünf Kilometern treffen wir auf zwei Holländer, die
mit einem Jeep um die Welt wollen. Hier in Ostanatolien hat
ihr Motor versagt, weil sie übermütig durch ein Loch gefahren
sind. Die Unterhaltung dauert vielleicht 15 Minuten. Wir machen
zwei oder drei Fotos und verabschieden uns mit einem Auf
Wiedersehen, vielleicht irgendwo auf unserer Tour!"
Wir erreichen die türkisch-iranische
Grenze. Ich sehe unzählige Lkws und denke: Wo geht es denn hier
zur Passkontrolle? Einige Türken winken Gerhard denn
Frauen beachten sie bekanntlich nicht in ein Gebäude,
wo unser Paß den Stempel bekommt. Draußen und drinnen warten
viele Menschen auf ihre Abfertigung. Die Halle ist schmutzig
und dunkel mit mieser Beleuchtung. Das Ganze erinnert an ein
Gefängnis. Mir ist mulmig zu Mute. Eine mit einem Hängeschloss
versehene Tür wird von einem Beamten geöffnet, und Menschen
strömen herein. Wir stehen mit unseren Rädern da und sollen
ebenfalls durch diese Tür, in die andere Richtung. Wir hatten
eine Sonderbehandlung warum, wird ein Geheimnis bleiben.
Die Spannung in mir steigt. Jetzt kommt
die iranische Grenze. Die Wartehalle ist groß und modern. Unsere
Pässe werden uns beim Betreten abgenommen. Es wartet eine Gruppe
von verhüllten Frauen in langen, wehenden Gewändern in fast
ausschließlich Schwarz- und Grautönen. Ich sage zu Gerhard:
Was haben die denn für Gardinen an?" Sie wirken verschüchtert
und trauen sich kaum, den Blick zu heben. Ich hatte mir schon
vorsorglich ein Nickituch über den Kopf gebunden. Darüber trug
ich meinen Fahrradhelm. Nur keine Provokation an der Grenze
auslösen! Meine Schwägerin hatte mir zum Abschied ein Kopftuch
mit den typischen Farben, dunkler Untergrund und pinkfarbene
Blumen, geschenkt. Damals haben wir darüber sehr gelacht. Heute
bin ich froh, dass ich es habe. Vor der Abreise wurde uns von
einem Reisebüro gesagt, dass an der Grenze Frauen und Männer
gesondert abgefertigt werden. Das geschah nicht. Wir erfuhren
wieder eine Sonderabfertigung, genauso wie beim Zoll. Das große
Gebäude war sauber und ordentlich, ich hoffte, dass es so bleiben
würde.
Die ersten fünf Kilometer behielten
den Charakter. Der erste Eindruck war positiv. Bemerkenswerterweise
hatten die Straßen breite Randstreifen, auf denen wir gut fahren
konnten. Das mindert die Gefahr für uns. Unsere Sorge war, ob
die Straßenschilder auch in Latein ausgewiesen seien. Tatsächlich,
sie waren es zumindest in den großen Städten. Der erste
Ort nach der Grenze hieß Tako. Hier konnte man Frauen in knöchellangen,
schwarzen Einheitsgewändern sehen, dazu das Gesicht zur Hälfte
verhüllt. Schnell huschten sie über die Straßen. Wir brauchen
nur stehen zu bleiben, dann kommen Männer ungeniert auf Gerhard
zu, schütteln ihm die Hand und wollen behilflich sein. Ich werde
erwartungsgemäß überhaupt nicht beachtet. Mich ärgert das schon.
Frauen sind in der muslimischen Welt offenbar ein notwendiges
Übel, denn letzten Endes braucht man sie zum Kindergebären.
Am liebsten würden diese Männer auch das noch übernehmen.
Am nächsten Tag war gutes Wetter, die
Sonne schien gute Voraussetzungen für uns. Es sollte
wieder einmal eine lange Tour werden. Die ersten 25 Kilometer
rollten wir dahin. Gerhard fotografierte den Ararat mit Teleobjektiv.
Wir ließen uns Zeit. Der Hammer kam nach 45 Kilometern, eine
kontinuierliche Steigung mit heftigem Gegenwind. Heute war Gerhard
nicht in Form. Er schwächelte etwas, und ich machte die Führungsarbeit.
Die Sonne stand schon tief, und wir mussten ein Quartier finden.
In diesem Ort gab es kein offizielles Hotel. Gerhard fragte
einen Polizisten, der auf ein Flachgebäude zeigte. Das sah nach
einem Esslokal, aber nicht nach einer Unterkunft aus. Gerhard
ging hinein und kam mit der Nachricht heraus: Wir können
hier übernachten, aber wir müssen unsere Schlafsäcke ausbreiten."
Mit Rad und Gepäck gingen wir in den
bereit gestellten Raum. Es war der Gebetsraum des Lokals. Auf
dem Boden lag ein sauberer Teppich, auf der Fensterbank der
Koran. Besser drinnen als draußen im Zelt, denke ich, und muss
wieder eine fast schlaflose Nacht hinnehmen. Bis 2 Uhr lief
der Fernseher überlaut. Was machten diese Menschen ohne TV?
Es gab Satellitenschüsseln bis in die entlegensten Winkel. Ich
traute mich nicht, die Beine herauszustrecken, denn im Nebenzimmer
schliefen die drei Männer, die das Lokal bewirteten. Gegen Morgen
kam ein heftiges Gewitter. Gerhard stellte fest, dass es in
sein Gesicht und auf den Schlafsack tropfte. Er rückte näher
an mich heran.
Am Morgen fühlte ich mich zerschlagen
und müde, und es war außer Gesichtwaschen nicht mehr drin. Das
dürftige Frühstück bestand aus Tee, Marmelade, etwas Quark und
Fladen. Die Fladen werden aus Wasser, Salz und Mehl gefertigt.
Die Konsistenz erinnert an ein feuchtes Fensterleder. Wir warteten
den Regenguss ab, dann machten wir uns auf den Weg. Es standen
immer noch Regenwolken am Himmel, und es gab Gegenwind. Wir
fanden im kaum besiedelten Gebiet keine Unterstellmöglichkeit.
Es gab nur kargen Grasbewuchs, Folge der Überweidung durch Schafe
und Ziegen. Ich beobachtete einen etwa zwölfjährigen Jungen,
der alleine seine Herde hütete. Wie einsam mag so ein Kind sein,
dachte ich. Wenn ich diesen Jungen mit unseren Kindern vergleiche
nicht vorstellbar, in unseren Verhältnissen.
Die drohenden Regenwolken entleerten
sich über uns, dazu weiter heftiger Gegenwind und kontinuierlicher
Anstieg des Geländes. Auch heute fühlte sich Gerhard nicht gut.
Seine Geschwindigkeit nahm ab. Ich sah im Rückspiegel, dass
der Abstand zwischen uns immer größer wurde. Die Trinkpausen
brachten nicht viel. Die nächste kleine Stadt war insgesamt
nur 71 Kilometer entfernt vom Startpunkt, aber die Wetterverhältnisse
und das Gelände erschwerten weiterhin das Vorankommen. Wir hatten
für unsere Umgebung nicht besonders viel übrig. Die vorbeifahrenden
Autos wirbelten das Spritzwasser hoch. Wir, unsere Taschen und
die Räder sahen entsprechend aus. Endlich hatten wir die Kleinstadt
Mahrad erreicht. Es gab heftiges Treiben auf der Hauptstraße.
Autos fuhren quer durcheinander. Menschen passierten die Straße
meist im Sauseschritt. Wir stoppten und fragten nach einer Unterkunft.
Es gäbe eine drei Kilometer außerhalb der Stadt auf einem Berg.
Wir waren sowieso schon fix und fertig. Bloß nicht darüber Nachdenken,
einfach weiterkurbeln. . . . |