. . . Nachmittags um 16 Uhr erreichen wir die Stadt Erzurum,
eine Universitätsstadt. Wir fahren an einem Touristenbüro vorbei.
Gerhard sagt: "Laß' uns anhalten, ich schau' mal rein, ob die
uns ein Quartier vermitteln können." Ich warte draußen etwa
zehn Minuten, dann meldet Gerhard: "Wir haben eine hervorragende
Unterkunft." Ein Reporter ist auch schon bestellt, der uns interviewen
sollte. Oh, ich hasse es. Ich mag diese Öffentlichkeit nicht.
Aber das ist genau Gerhards Element. Nach etwa einer Dreiviertelstunde
ist der Interview-Spuk vorbei. Ich bin ganz glücklich darüber.
Am nächsten Tag erreichen wir ein ostanatolisches Dorf. Privatunterkünfte
gibt es nicht, und zum Zelten ist es zu kalt. Es sind drei einfache
Hotels im Angebot. Zwei sind zu klein, wir bekommen die Räder
nicht ins Zimmer. Das dritte bietet ein sehr schlichtes Zimmer.
Es gibt eine Gemeinschaftsdusche und eine Gemeinschaftstoilette.
Oh graus! Und wieder Männerwirtschaft. Seit drei Tagen plagt
mich ein Herpes an der Lippe. Das ist das Ergebnis des großen
Ekels, den ich immer gegenüber Schmutz empfinde. Man muss über
Vieles hinwegsehen oder verhungern. Diese Armut, dieser unendliche
Schmutz. In dem Esslokal bin ich die einzige Frau. Das stört
mich nicht - aber wo sind die anderen Frauen? Die Straßen sind
nur voll von Männern. Manchmal habe ich Wut auf diese muslimische
Männerwelt.
Diese Herberge ist eine einzige Krawallbude.
Es wurde ein TV-Raum mit 25 Stühlen hergerichtet, denn am Abend
wurde ein Fußballspiel im Fernsehen übertragen. Unsere Zimmertür
ist nicht abschließbar. Plötzlich steht ein fetter Kurde im
Zimmer. Er schien nicht ganz bei Sinnen. Ich rufe: "Was geht
denn hier ab?" Er murmelt etwas und schließt die Tür. Der nötige
Zwischenstopp bescherte mir eine schlafarme und unruhige Nacht.
Der Hausherr hantierte bis 1 Uhr mit Aufräumarbeiten. Um 0.30
Uhr kam noch ein Gast. Um 4.30 Uhr sang der Mullah sein Gebet.
Um 6 Uhr begann das Leben auf den Straßen. Um 6.30 Uhr bereitete
ich schon das Frühstück.
Für die Kaffeezubereitung habe ich
immer einen Reisetauchsieder dabei. Das hat sich bewährt. Hier
in der Türkei befinden sich die Elektrostecker in Schulterhöhe
an der Wand. Warum, weiß ich nicht. Jedenfalls musste ich mein
Glas mit dem Tauchsieder immer so lange halten, bis das Wasser
kochte. Not macht erfinderisch. So benutzte ich meine Lenkertasche
am Rad als Standplatz für das Glas. Wir aßen dazu Brot, Trockenfrüchte
und Obst. Wir waschen viel aus. Die Gemeinschaftsdusche hatte
ich nicht betreten. Mir reichte schon der Zustand und der Geruch
der Toilette. Den Toilettengang am Morgen hatte ich mir dann
gespart: Ich konnte mich nicht überwinden. Ekel packte mich,
wenn ich nur daran dachte. Mein Bedürfnis unterdrückte ich,
und so stiegen wir um 8 Uhr aufs Rad. Auf dem Weg hinaus mussten
wir durch die Teestube. Erstaunlich, wie viele Männer hier schon
so früh saßen. Die Arbeitslosigkeit ist wohl sehr hoch. Ich
war froh, wieder im Freien zu sein und die nötige Frischluft
atmen zu können.
Wir besorgten uns den nötigen Reiseproviant.
Der erste Anstieg kam nach zwei Kilometer und setzte sich mit
Auf und Abs fort. Ich beobachtete meinen Höhenmesser und hoffte,
dass wir in den Abfahrten nicht zu viel an gewonnener Höhe verlieren.
Die Wetterbedingungen wurden für uns ungünstiger. Es kam heftiger
Wind auf, diesmal von vorn und von der Seite wechselnd. Es wartete
wieder ein Pass auf uns. Drei Faktoren machen es uns schwer:
heftiger Gegenwind, Asphalt mit hohem Rollwiderstand und die
Anstiege zum Pass. Zwischendurch legten wir kurze Ess- und Trinkpausen
ein. Endlich, etwa drei Kilometer entfernt, konnten wir die
Passhöhe sehen. Das motivierte uns zum Weiterkurbeln. Oben angekommen,
waren war ganz euphorisch. Geschafft: 2.310 Meter Höhe oder
Türkisch "rakim". 34 Kilometer waren bewältigt. Nach zehn Minuten
Pause freuten wir uns, dass es hoffentlich nur abwärts geht.
Das war nicht von langer Dauer. Der Wind von vorn und seitlich
kam in Sturmböen, unsere Räder standen schräg im Wind. Um überhaupt
vorwärts zu kommen, mussten wir tüchtig in die Pedale treten,
obwohl es abwärts ging. Zweimal wurden wir fast vom Rad geblasen.
Wir mussten anhalten.
Es kam noch einmal ein giftiger Anstieg
über 100 Höhenmeter auf zwei Kilometer. Ungünstigerweise kamen
zwei Wach- und Hofhunde und attackierten uns. Der Konsul von
Sivas hatte uns vor den Hunden gewarnt. Er sagte uns, sie wären
nicht mehr unter Kontrolle. Mir rutschte damals schon das Herz
in die Hose. Ich hatte Angst und schrie. Sie kamen beängstigend
nah an uns heran. Gerhard ist in so einer Situation immer ein
Held. Das merken die Hunde: Sie spüren wohl, wer Angst hat und
wer nicht. Wenn ich die Hunde schon in der Ferne sehen, rufe
ich meinen Gerhard, der fast immer 50 bis 100 Meter vorausfährt.
Er wartet dann und lässt mich vorausfahren.
Wir erreichten den nächsten kleineren
Ort, der sich nicht von den bisherigen unterschied. Bis zum
Endziel unserer Tagesetappe waren noch 25 Kilometer zu fuhren,
die sich endlich einmal flach und leicht mit teilweisem Rückenwind
gestalteten. Nach acht Stunden und 20 Minuten erreichten wir
die Stadt Agri. Wir suchten uns ein ordentliches Quartier, denn
wir wollten wieder einen Ruhetag einlegen. "Ruhetag" bedeutet
nicht Ausruhen, es heißt nur "Nicht Radeln". Ich mache dann
große Wäsche, schreibe das in den vergangenen Tagen vernachlässigte
Tagebuch, und wir schauen uns die Stadt an. Wir befinden uns
tief in Kurdistan, und das merkt man. Die Menschen werden immer
ärmer. Straßenreinigung und regelmäßige Müllentsorgung scheint
es nicht zu geben. Es hatte in den vergangenen Tagen wohl geregnet.
Auf den Straßen, sofern man von solchen überhaupt reden kann,
stand ein einziger Sumpf. Ich sehe nur noch Matsch und Schmutz.
Wir suchen ein Internet-Café, wobei uns ein Englisch sprechender
Student hilft. Auf dem Rückweg zum Hotel sehen wir eine Menschenansammlung.
Näher kommend sehen wir Polizei in Uniform und Zivil. Auf der
Straße lag ein Messer, dessen Spitze mit Blut überzogen war.
Auf der Straße ebenfalls eine Blutlache, mutmaßlich eine Blutrache.
Ich ziehe Gerhard am Arm weiter. Ich konnte sensationshungrige
Zuschauer noch nie haben.
Das Wetter ist wechselnd, mal Wolken,
mal Regenschauer. Wie wird es am nächsten Tag werden, wenn wir
weiterwollen? Als ich am Morgen durch das schmutzige Hotelfenster
schaue, sieht das Wetter durch diese Scheibe noch trüber aus,
als es ohnehin schon ist. Fahren oder nicht fahren? Letzten
Endes sind wir dann gegen 10 Uhr doch gefahren. |