Während wir uns unterhielten, bereiteten
die Frauen das Abendbrot. Sie hatten zuvor den Bollerofen im
Wohnzimmer angemacht, der uns ausgepowerten Radlern angenehme
Wärme spendete. Ein Tisch, auf dem schon das Essen stand, wurde
ins Wohnzimmer getragen. Es bestand aus einer gut schmeckenden
Suppe, Ziegenkäse, Oliven, Gurken und Pommes frites. Zu Trinken
gab es Wasser. Wir aßen alle gemeinsam aus einer großen Schüssel.
Es fiel mir auf, dass zuerst das Familienoberhaupt, dann die
Gäste, die Söhne und das Enkelkind bedient wurden, während die
Frauen nicht aßen. Wir lobten ihre Kochkunst und wurden aufgefordert,
weiter zuzulangen. Diese Menschen, die wahrhaftig nicht viel
hatten, teilten mit uns. Ich aß nur zuviel, wie es die Höflichkeit
verlangte. Mein Mann war etwas unbescheidener. Ich tadelte ihn
in Deutsch. Mit fällt in solchen Momenten immer der Spruch meiner
Großmutter ein: Man kann auch einen Sack zubinden, wenn er nicht
voll ist. Zu der Hausfrau hatte ich einen guten Draht. Wir verstanden
uns nonverbal. Sie deutete mir an: Ach, die Männer, die sind
doch alle gleich. Wir mochten uns sehr. Äußerlich war sie eine
typische Mutter, die viele Kinder geboren hat, körperlich schwer
gearbeitet hat und sicherlich auch viele Sorgen hatte. Sie war
48 Jahre alt, wirkte aber bedeutend älter. Ich kannte diesen
Typ von Frauen aus meinem Berufsalltag als Hebamme. Mein Weltbild,
das ich über diese Menschen im Kopf hatte, musste ich ab Istanbul
gänzlich neu ordnen. Wir haben gebildete Menschen auf der einen
Seite und einfache, aber mit großer Herzensbildung versehene
Menschen auf der anderen Seite kennen gelernt. Auch die Ehrlichkeit
dieser in Armut lebenden Menschen beeindruckte mich sehr.
Am Morgen des folgenden Tages bekamen
wir noch ein Frühstück serviert. Wir wollten ihnen anstelle
eines Präsentes, das wir nicht hatten, Geld schenken. Aber der
junge Mann des Hauses erklärte mit ernster Miene in Englisch:
"Geld ist nicht alles." Zum Abschied umarmte ich die Hausfrau
nochmal, und sie war noch lange in meinem Kopf. Das Wetter war
schön, der Morgen früh, und es war wenig Verkehr. Das Radeln
war angenehm mit leicht fallendem Gelände. Der Asphalt muss
genauer beschrieben werden: Er besteht aus Schotter und Kieselsteinen,
die auf eine Teerschicht aufgeklebt wurden. Das ergibt einen
unglaublichen Bremseffekt von mindestens fünf Stundenkilometer
und mehr. Alternativ gab es einen hundertmal geflickten, holprigen
Straßenbelag mit unzähligen Schlaglöchern. Immer im Rückspiegel
den herannahenden Autoverkehr, suchen wir die noch relativ gut
zu fahrenden Stellen der Straße. Das geht so weit, das wir hin
und wieder auf der anderen Straßenseite fahren. Den Schüttel-
und Rütteleffekt spüre ich bis in meinen Kopf. Am Ende einer
solchen Fahrt dröhnt mir mein Schädel. An diesem Morgen ist
das Vergnügen nach fünf Kilometer zu Ende. Jetzt wird es ernst.
Das Verkehrsschild zeigt für die folgenden sechs Kilometer Steigung
an. Atmend, keuchend, schwitzend kurbele ich die Steigung hinauf,
dazwischen eine kleine Trinkpause. Die Landschaft ist grandios.
Schneebedeckte Berge in der Ferne, die wir noch näher kennen
lernen sollten. Wenig Wälder oder Baumbestände, vorwiegend Acker
oder brachliegende Wiesen. Letzten Endes müssen wir an diesem
Tag noch einen Pass von 2.300 Meter Höhe überwinden, der auf
den drei Karten, die wir besitzen, nicht verzeichnet ist.
Am Spätnachmittag erreichen wir die
gepflegte Kleinstadt Sivas. Allmählich wird es mir lästig, dass
wir immer wieder wie Exoten angestarrt werden. Wir brauchen
bloß stehenzubleiben, damit sich eine Traube von Menschen um
uns bildet - Kinder und Erwachsene. Es nervt mich. Gerhard hatte
von unterwegs den Honorarkonsul der Deutschen Botschaft angerufen.
Der wiederum hatte für uns Quartier gemacht. Wie sich jetzt
herausstellte, in einer Nobelherberge. Das lag nicht in unserer
Absicht. Nun war es passiert. Wir gingen mit unseren Rädern
ins Hotel. Ungläubig schaute uns das Personal an. Wir sollten
unsere Räder in der Hotelhalle deponieren. Das lehnten wir ab.
Wir machten klar: "Die kommen mit aufs Zimmer." Wir stellen
fest: Je fleckiger der Teppich, umso pingeliger die Hotelangestellten.
Dabei kann man an den Teppichen doch wirklich nichts mehr verderben.
Morgen sollte ein Ruhetag sein, an dem wir unsere Muskeln pflegen
wollten. Unsere Muskeln schmerzten uns von der Tagesetappe von
125 Kilometer. Am nächsten Morgen holte uns der Honorarkonsul,
Herr Aca, vom Hotel ab und machte eine Stadtbesichtigung mit
uns. Ein freundlicher und hilfsbereiter Mann, der sehr gut Englisch
sprach. Er muss ein stadtbekannter Mensch sein: Wo wir uns mit
ihm zeigten, reagierten die Menschen ehrfürchtig und respektvoll.
Er zeigte uns das Gesicht seiner Stadt, wie wir es sicherlich
nie kennen gelernt hätten. Er lud uns zum Kebap ein, diesmal
vom Holzgrill. Es war sehr pikant, dazu gab es Sauerrahm, Reis
und Gemüse. Anschließend schlenderten wir über einen Basar und
gingen über einen riesengroßen Obst- und Gemüsemarkt, der mich
an den Viktualienmarkt in München erinnerte. Es gab auch Trockenobst
in Hülle und Fülle. Wir kosteten getrocknete Früchte, von denen
wir bis heute nicht wissen, was es war. Aber sie waren köstlich.
Dann gingen wir in eine weitere Halle mit Ziegenkäse in jeder
Form, getrocknet, halbtrocken, weich, gewürzt. Wir konnten von
allem probieren. Leider hatten wir schon gegessen. So stellte
ich mir den beginnenden Orient vor.
Was ich hier am meisten vermisse, ist
ein Bier. Seit wir die Türkei betreten haben, gab es keinen
Alkohol mehr. Das wird sich auch in den kommenden Monaten nicht
ändern. Am Abend suchten wir allein ein Restaurant. Gerhard
sah in der Seitenstraße ein mit typischen Lampen beleuchtetes
Gebäude, das ein Lokal vermuten ließ. Näher kommend entpuppte
es sich als Handyshop. Pech gehabt! Wir waren jetzt 30 Tage
unterwegs und sind bisher ohne jede Erkältung oder Erkrankung
geblieben. Ich sorge dafür, dass der Mineralhaushalt in der
Waage bleibt. Vitamine bekommen wir mit dem Obst, das wir täglich
essen.
Die nächsten zwei Tage führten uns
über einen Pass und viele Berge. Wir bewegen uns über 1.200
Höhenmeter. Die Landschaft ist karg mit gigantischen Felsen,
die Farben wechselten von ockerbraun und gelb bis grün. Die
Flüsse sind vom Schmelzwasser ebenfalls braun. Ein typisches
Skigebiet, denke ich, aber ich sehe keine Lifte. Die Menschen
haben andere Sorgen als Skilifte zu bauen. Wir fahren Richtung
Osttürkei, nach Erzincan. Anschließend kommen wir in ein Hochtal.
Endlich mal angenehmes Radeln ohne große Schwitzattacken. Wir
treffen einen Single-Radbummler, der in der anderen Richtung
unterwegs ist. Ihm fehlt die rechte Hand. Er packt trotz des
Handicaps geschickt seine Kamera aus. Vorher stützt er mit einem
Stock anstelle eines Gepäckträgers Rad und Gepäck ab. Ideen
muss man haben! An seinem Lenker baumeln zwei 1,5 Liter-Plastikflaschen.
Es war ein Thai, der seit anderthalb Jahren unterwegs war. Er
hatte schon die Patina an sich, die man bekommt, wenn man immer
nur zeltet. Irgendwie tat er mir Leid. Er hatte doch kaum Ansprache.
Es braucht doch jeder einen Menschen, mit dem er sich austauschen
kann. Ob er die Pässe und Berge schafft, die bereits hinter
uns lagen mit gebrochener Alufelge?
Wir wollten weiter in Richtung Erzurum.
Wir machen einen Zwischenstopp, um zu nächtigen. Dieser Ort
heißt Tercan. Wir finden eine Bleibe in einem einfachen Hotel.
Der Hotelbesitzer fordert mich ab der ersten Etappe auf: Madam,
Schlappen anziehen!" Die Dusche befindet sich im Nebenzimmer.
Für das kalte Duschwasser kassiert der Hotelbesitzer zusätzlich
ab. . . . |