Der
Zug war schon da, und der zu unserem Abteil gehörende Schaffner
ebenfalls. Als er aber hörte, dass wir mit unseren Bikes in
das Abteil wollten, sagte er: "No baggage." Die durfte nur hinten
ins Gepäckabteil. Die junge Studentin übersetzte uns. Er erzählte
von gesetzlichen Bestimmungen, es sei nicht erlaubt. Nein, wir
wollten uns von unseren Bikes, unserem Kapital, nicht trennen.
Wir diskutierten, denn schließlich hatte es die Fahrkartenbeamtin
als selbstverständlich erlaubt. So schnell ließen wir uns nicht
klein machen. Ich argumentierte: Wir zwei haben ein Abteil
für uns und behindern niemanden mit den Rädern." Es war deutlich
das Machtgehabe dieses Abteilschaffners zu spüren. Ich kochte
vor Wut. So ein Fettsack mit seinem sanierungsbedürftigen Esszimmer
spielte sich hier auf.
Gerhard
eilte mit der Studentin zum Schalter, in der Hoffnung, auf die
gleiche Beamtin zu treffen, die uns die Karten ausgestellt hatte.
Die Gepäckträger und ich standen geduldig bei unseren Rädern.
Wir hatten sie vorsorglich nicht ausgezahlt, vielleicht brauchten
wir ja noch ihre Hilfe. Ich ließ nicht locker und redete teils
Deutsch, teils Englisch auf den Schaffner ein. Auch wenn er
mich verbal nicht verstand, wusste er trotzdem, was ich sagen
wollte. Noch 20 Minuten bis zur Abfahrt des Zuges. Die Minuten
zogen sich wie Gummiband dahin. Gerhard und die Studentin kamen
endlich. Alles klar. Er hatte zusätzlich noch 20 Dollar bezahlt,
wegen angeblichen Gepäckübergewichts. Nun hatte dieser aufgeblasene
Schaffner keine Argumente mehr und drohte damit, dass uns die
türkischen Beamten Schwierigkeiten machen würden.
Die
Träger schafften die Räder samt Gepäck ins Abteil. Gerhard entlohnte
die Träger höher, als es verabredet war. Die Studentin umarmte
ich herzlich und sagte ihr ein Gott vergelt's". Die hatte
uns der Himmel geschickt. Ohne ihre Hilfe wäre es wahrscheinlich
schwieriger geworden. Die Räder füllten mehr als die Hälfte
des Abteilganges aus. Das nahmen wir gerne in Kauf. Mit akrobatischer
Geschicklichkeit erreichte ich das obere Bett und richtete mich
auf die Nacht ein. Der Zug setzte sich in Bewegung. Der Waggon
war mutmaßlich noch ein Vehikel aus der DDR-Zeit. In vier verschiedenen
Sprachen, unter anderem in Deutsch, war zu lesen: Bitte
nicht hinauslehnen." Die Gleise knatterten, ratterten, und manchmal
hatte man das Gefühl, als ob der Zug gleich entgleisen würde.
Ich fragte meinen Mann, was denn hier Erster Klasse sei. Wahrscheinlich
nur der Preis. Die Landschaften flogen an uns vorbei, und fast
wehmütig stellten wir beide fest, ob es nicht reizvoller gewesen
wäre, sich die gefahrenen Kilometer zu erstrampeln.
Nachts
um 0.30 Uhr hielt der Zug an und blieb anderthalb Stunden auf
freier Strecke stehen. Warum? Keine Ahnung. Um 2.30 Uhr erreichten
wir die bulgarische Grenze. Kein Problem. Eine Stunde weiter
zur türkischen Grenze. Hier mussten alle den Zug verlassen und
zur Passkontrolle in ein Gebäude gehen. Die Abfertigung war
zügig, dann noch die Zollkontrolle. Die türkischen Zollbeamten
waren freundlich und fragten uns: Wo soll den die Fahrt
hingehen?" Um die Welt", war meine Antwort. Sie wünschten
uns alles Gute. Die Bikes störten sie überhaupt nicht. Also
nur heiße Luft von diesem Schaffner. Es war so schade: Wir hatten
in ganz Bulgarien nur ehrliche, hilfsbereite Menschen kennen
gelernt bis auf diesen Schaffner.
Istanbul
erreichten wir gegen 11 Uhr vormittags. Glück auf dem Bahnhof:
Es war ein Kopfbahnhof, das heißt, der Bahnsteig und der Ausgang
lagen ebenerdig. Die Sonne Istanbuls strahlte uns Übermüdeten
entgegen. Neben dem Bahnhof war der erste Kebap-Stand, wo ich
mir gerne eine Mahlzeit gegönnt hätte. Aber mein Gerhard kramte
die Telefonnummer vom Goethe-Institut heraus, und ich sollte
die Nummer wählen. Es folgte die Wegbeschreibung zum Institut
- mit der U-Bahn. Oh nein, nicht schon wieder mit dem Bike und
Gepäck in eine Bahn!
Nur
wer Istanbul kennt, weiß, was es bedeutet, vom Hauptbahnhof
aus zum Taksim-Platz hinaufzufahren. Ein Gewimmel von Autos,
mehr Taxis als Privatautos, Hupen bis zum Abwinken. Straßen
kreuz und quer, kein Prinzip erkennbar. Jeden Moment sah ich
mich angefahren auf der Straße liegen, und ebenfalls meinen
Angetrauten, der im Straßenverkehr äußerst stabile Nerven zeigte.
Die Straßen sind ungewöhnlich schmal mit meterhohen Bordsteigen,
ebenso wie die Gehwege. Der Platz reicht kaum für zwei Personen
nebeneinander. Es ist einfach chaotisch auf den Straßen. Pausenloses
Hupen, stop and go. Ich wurde von einem Auto touchiert. Gottseidank
ist nichts passiert. Oben auf dem Berg gab es eine großzügige
Fußgängerpassage mit freundlichen Menschen. Ich wurde mehrmals
auf Deutsch angesprochen. Ist ja auch unmissverständlich: Hinten
aus meinem Gepäck flatterte die bayerische Fahne. Nun sind wir
in Istanbul. Diese Stadt hat ein angenehmes Flair. Gestern abend
haben wir einen kleinen Spaziergang gemacht. Heute machen wir
einen Ruhetag, und dann müssen wir überlegen, wie wir wieder
aus dieser riesigen Stadt herauskommen.
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