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Tourstart

. . . Im Bad war eine Dusche ohne Abtrennung. Wenn man geduscht hatte, wurden alle Sanitärobjekte gleich mit nass. Sozusagen eine Ganzraumduschung. Das Spritzwasser hatte die Badezimmertür im Laufe der Zeit faulen lassen. Eine Neonbeleuchtung an der Wand war die ganze Zimmerbeleuchtung. Zum Schreiben unserer Berichte setzen wir unsere Stirnlampen auf. Zwei Betten boten unterschiedlichen Liegekomfort. Das erste Bett gab, wenn man sich bewegte, Geräusche von sich, als ob ein herannahender Donner käme. Das zweite war bretthart im wahrsten Sinne des Wortes. Ich kam mir vor wie eine alte Frau, alle Knochen taten mir weh. Für ein paar Leva ließen wir uns Essen und Bier schmecken. In diesem Lokal sprachen uns zwei junge deutsche Männer an. Der eine hatte vor drei Wochen damit begonnen, eine Existenz mit Zierfischen zu gründen. Angeblich weil die Lebenshaltungskosten hier so günstig seien und das Wasser so weich sei. Ich hätte mir unter gleichen Bedingungen ein Dorf ausgesucht, das landschaftlich reizvoller und Sofia näher war. Konsens: Jeder kriegt das, was er sucht.
     Das Frühstück am nächsten Morgen servierte uns ein Deutsch sprechender Bulgare, der kurzzeitig in Österreich gelebt hatte. Gerhard sprach mit ihm über die aktuelle Politik und die Zukunft des Landes. Ein kluger Mann, der wusste, was er wollte. Angenehme Aussichten: Wie wir erfuhren, war es bis zur nächsten Stadt Montana nur 50 Kilometer auf einer neuen Straße. Nach Passieren der Stadt konnte man die E 79 fahren, die mit EU-Geldern gebaut war.
     Der deutsche Existenzgründer hatte uns den Verlauf der Straße als wenig bergig und anspruchsvoll geschildert. Auf der E 79 trieben Bauern ihre Kühe über die Straße, Frauen boten ihre Liebesdienste an, daneben fuhren Esel-Fuhrwerke und natürlich wir mit unseren Rädern. Es stellte sich wieder einmal die wenig reale Sichtweise eines Autofahrers für bergiges Gelände heraus. Der merkt überhaupt nicht, wenn es ansteigt. Für uns zählt jeder Höhenmeter. Ich musste dann und wann doch anhalten, um auszuschnaufen. Nach wie vor war Gerhard der Leistungsstärkere. Kaum hatte ich ihn erreicht, sprang er auf sein Bike und wollte weiter. Immer musste ich ihn bitten, einen Moment zu warten. Er hatte eine stetige Unruhe. Ich zweifelte manchmal daran, ob ich der richtige Radlpartner für ihn bin. Unterm Strich überwanden wir an diesem Tag 1242 Höhenmeter auf 92,8 Kilometer.
     In Vraca machten wir an diesem Tag Schluss. Das hatten wir nicht vermutet: ein relativ gepflegter Stadtkern mit Fußgängerzone. Der Lebensstandard war auf jeden Fall höher, als wir es bislang kennen gelernt hatten. Es gab ein einziges Hotel am Ort. Das Zimmer war mäßig geräumig, aber wir schafften es immer, die Räder mit aufs Zimmer zu nehmen. Wie fast täglich wusch ich unsere Wäsche im Handwaschbecken. Ich spannte zwischen Schranktüren eine Wäscheleine und hängte die im Handtuch ausgewrungene Wäsche auf. Ein Heißlüfter war glücklicherweise im Zimmer. So ließen sich die nassen Kleidungsstücke schnell trocknen. Es ist nicht einfach, auf solch einer Reise immer sauber und ordentlich auszusehen.
     In diesem Hotel baten sie uns, die Übernachtungskosten sofort zu begleichen. Gerhard fragte die zuständige Hotelangestellte, ob sie Angst hätten, dass zwei Biker nicht bezahlen könnten. Sichtlich ertappt, verneinte sie unsere Frage. Von Stunde an waren sie uns gegenüber super-freundlich.
     Von Vraca bis Sofia waren es gut 120 Kilometer, dazu noch kräftige Anstiege. Wir waren uns einig, während der Fahrt neu zu entscheiden, wie weit wir heute fahren wollten. Mein Radcomputer zeigte auf dem Tageskilometerzähler 50 Kilometer an, als wir anhielten und überlegten, ob wir noch bis Sofia fahren sollten. Bei einem Tagesschnitt von circa 15 bis 16 Stundenkilometer wären es noch vier bis fünf Stunden gewesen. Es war jetzt 13.30 Uhr. Mir war nach Aufhören zu Mute. Ich wollte nicht immer total kaputt das Tagesziel erreichen. Ich spürte, dass Gerhard vielleicht noch gerne weitergefahren wäre. Aber ich konnte ihn überzeugen, in dieser Kleinstadt mit dem Namen Betowgrad zu bleiben. Auch hier saubere Straßen, eine große Fußgängerpassage und eine technische Hochschule. Die Unterkunft sauber und gepflegt.
     Nach einer Tagestour bevorzugte mein Mann nach Möglichkeit ein Bad. Hin und wieder hatte die Bäder auch Wannen. Regelmäßig fehlte der Wannenstöpsel, was mich erfinderisch werden ließ. Ich füllte einen Zahnbecher oder ein Glas mit Wasser und setzte es über den Ausguss. Dann ließ ich Badewasser einlaufen. Das Patent hat sich bewährt. Wir mutmaßen, dass der Stöpsel fehlt, damit nicht so viel Wasser verbraucht wird.
     Der nächste Radtag, es war der Ostersonntag, begann erneut mit Sonnenschein, wenngleich es noch kühl war. Unser Ziel hieß heute Sofia. Wir suchten die alte Autobahn Nr. 1. Hätten wir uns auf unsere Straßenkarte verlassen, wären wir unweigerlich auf der neuen Autobahn gelandet. Wir hielten Autofahrer an. Mit Gesten und Symbolzeichnungen auf der Straße zeigten sie uns die Richtung, denn auf dem Land kommt man weder mit Englisch noch mit Deutsch durch. Hier sind Hände und Füße gefragt. Wir fuhren auf einer Straße, die in einem guten Zustand war, und auf der uns insgesamt vielleicht vier Autos begegnet waren. Nach gut sechs Kilometer sah ich einen Meilenstein, auf dem die „1" und der Kilometerstand standen. Die Straße stieg gleichmäßig an, und wir wussten, wir mussten diesen Pass von 900 Höhenmetern überwinden. Wir erreichten auch tatsächlich Sofia.
     Es ist in großen Städten schwierig, mit dem Rad zu fahren. Es bedeutet für mich stets Stress, zwischen all den Autos, Bussen und Ampeln zu fahren. Ich bin immer froh, wenn wir wieder auf dem Land sind. Inzwischen ist uns klar geworden, dass die Zeit zu kurz und die Entfernung bis Turkmenistan zu groß ist, um bis Mitte Mai in Turkmenistan zu sein, wenn das Einreisedatum für das Visum beginnt. Um Zeit zu gewinnen, beschlossen wir, ein Stück mit dem Zug zu fahren. Zunächst bis Plovdiv, circa 180 Kilometer entfernt. Aber wir erfuhren, dass die Mitnahme der Bikes im Tageszug nicht gestattet war. Wohl aber international bis Istanbul in einem Nachtzug, im Schlafwagenabteil erster Klasse. Das passte gut in unseren Plan. Wir hätten einen Zeitgewinn von circa fünf bis sechs Tagen.
     Am nächsten Tag besorgten wir uns die Tickets. Gerhard fragte mehrmals nach, ob es denn wirklich möglich sein, mit den Rädern im Abteil zu reisen. Ein überzeugtes "Ja" der Fahrkartenbeamtin. Das war unmissverständlich, denn sie sprach gut Deutsch. Sie hatte von den Jahren 1965 bis 1969 in Ostberlin gelebt. Dass es so einfach gehen sollte, konnte ich mir nicht vorstellen. Ich sollte recht behalten. Zwei Stunden vor Reiseantritt waren wir am Bahnhof. Gerhard erkundete, wie wir am Besten zum Abfahrtsgleis Nr. 5 kommen konnten. Die Treppen waren sehr steil, einmal hinunter und einmal wieder hinauf zum Bahnsteig. Eine gut gekleidete junge Frau fragte: "Brauchen Sie Hilfe? Ich habe gehört, Sie wollen nach Istanbul." Sie erzählte uns, dass sie Reisetouristik studiert, schon mehrmals in Deutschland war und gerne in die Schweiz wollte. Sie wartete auf ihren Freund, der mit dem Zug kommen sollte.
     Weil unsere Räder so schwer sind, wollten wir uns Träger nehmen. Wir fragten sie nach dem üblichen Preis für die Träger, um nicht den Ausländerzuschlag zu zahlen. Wir haben erfahren, dass Ausländer oft das Doppelte des üblichen Preises zahlen müssen. Wir heuerten Träger an. Selbst die starken Männer stöhnten bei der Last unserer Räder und trugen zu zweit ein Rad. . . .

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