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Tourstart

. . . Der Ruhetag hat uns und den Muskeln gut getan. Ein ausgiebiger Besuch im Goethe-Institut brachte uns unter anderem Aufklärung für das Missverständnis, dass es nicht Sonntag, sondern schon Montag war. Am Dienstag beschloß Gerhard, nun die überflüssigen Kleidungsstücke und andere Dinge nach Hause zu schicken. Gesagt, getan. Wir betraten die mit Menschen übervolle Post. Mir stockte der Atem. Freundliche Menschen zeigten uns den Paketschalter, und ein ebenso freundlicher Beamter reichte uns drei Formulare zum Ausfüllen. Davon folgten noch weitere drei, sozusagen die Zolldeklaration. Gerhard schrieb und schrieb, es nahm kein Ende. Die ganze Prozedur dauerte eine Stunde. Dann kam die Krönung: 35 Euro. Wir waren platt. Das war viel Geld. Gerhard ärgerte sich darüber und meinte, da hätte er die Sachen gleich verschenken können.
Inzwischen war es Mittag geworden. Unser Start zum nächsten Etappenziel war 13 Uhr. Durch die City von Belgrad mit dem Radl – unvorstellbar! Rechts die Straßenbahn, links ein Bus, hupende Autos hinter uns, Katzenkopfpflaster mit zum Teil defekten Stellen in der Straßendecke. Wir versuchten, den Schlaglöchern auszuweichen. Mir brach der Schweiß aus. Schalten, Verkehr beachten, Slalom fahren - das hielt der Stärkste nicht aus. Gerhard radelte wieder 100 Meter vor mir, als wenn nichts wäre. Alles reine Nervensache. Endlich, nach 13 Kilometer, wurde es ruhiger. Es wurde wieder angenehmer, wenn man von vielen kleinen Auf und Abs absieht. Während wir dahinfuhren, wurden wir von einem Konzert von Hundegebell begleitet. Gottseidank waren die Kläffer auf der anderen Straßenseite. Sie wussten ganz genau, wenn sie den Sprung zu uns herüber gemacht hätten, wäre es vielleicht ihr letzter gewesen. Auf der gesamten Tour war die Straße und der Rand mit überfahrenen wilden Hunden gepflastert. Bis zur Unkenntlichkeit plattgefahren. Ebenso oft gab es Gedanktafeln für verunglückte Menschen. Die Tafeln entsprachen unseren Grabsteinen in Deutschland, versehen mit einem Foto des Verunglückten. Auch die Friedhöfe lagen meistens direkt an der Straße, häufig mit Plastikblumen in Bonbonfarben dekoriert.
     Die Menschen hier in Serbien begegneten uns durchweg freundlich und hilfsbereit. Wir fuhren an Spalierobst-Plantagen vorbei, die Natur war schon so weit. Kirschblüten rochen intensiv. Auch Apfelblüten waren im Ansatz zu sehen. Das Wetter meinte es gut mit uns, wenn man von den heftigen Windböen mal absieht. Im Laufe unserer Etappe folgten noch viele schweißtreibende Anstiege. Das geht in die Oberschenkel! Der Tag näherte sich dem Ende. Es gab ein Motel an der Straße, das sich aber als Rotlicht-Absteige entpuppte. Zwielichtige Gestalten trieben sich herum. Uns war klar: Hier wollten wir nicht bleiben. Das nächste Hotel lag etwa 15 Kilometer entfernt. Die Sonne versank langsam, und wir machten unsere Rücklichter an. Mit dem letzten Fetzen Helligkeit fuhren wir in die nächste Stadt ein.
     Wie fast üblich, wollte man uns erst nach zähen Verhandlungen gestatten, unsere Radl mit aufs Zimmer zu nehmen. Die drei Dinge, die wir brauchten, waren vorhanden. Abends belohnten wir uns mit einem guten Mahl. Damit es am nächsten Tag wieder gut rollte, versorgte ich uns beide mit Magnesium und entsprechenden homöopathischen Mitteln. Das Frühstück war erwartungsgemäß dürftig. Zwei einsame Würstchen und zwei Stück Brot. Statt des Kaffees bekamen wir süßes Wasser, das einmal neben Tee gestanden hatte. Auffüllung nur nach Bitten. Nach der zweiten Tasse schaute uns der Kellner schon strafend an. So ist das also: anderes Land, andere Sitten.
     Damit es mal nicht so bergig sein sollte, hatten wir am Tag zuvor beschlossen, den Weg die Donau entlang zu nehmen. Das wurde mit einem wunderschönen Ausblick auf den Strom und die Landschaft belohnt. Es wirkte hier so südländisch, verstärkt durch die warmen Sonnenstrahlen. So machte radeln Spaß. Doch die Tour sollte nicht ohne eine Besonderheit enden: Es waren 15 Tunnels zu durchfuhren. Vier von ihnen hatten eine Länge, bei der man für kurze Zeit in völliger Finsternis war. Eine Irritation für das Auge. Man fühlte eine totale Orientierungslosigkeit. Ich rief nach Gerhard, hatte Angst und glaubte, jeden Moment vom Fahrrad zu fallen. Es kam kein Auto. War es Glück für uns oder Pech? Diese Frage konnte ich nicht beantworten.
     Noch zu guter Letzt kam ein saftiger Anstieg von zwei Kilometern mit acht Prozent. Wieder ging die Sonne langsam unter, und es war keine Unterkunft in Sicht. Sozusagen "nothing between" als Donau und Natur. Wir trampelten, was die Muskeln hergaben. Mal waren es 34 Stundenkilometer, mal nur 16. Doschlimihailowa erreichten wir endlich nach 109,6 Kilometer. Wie bewährt, steuerten wir die nächste Tankstelle an. Der Tankwart gab uns zu verstehen, dass es circa einen Kilometer den Berg hinauf ein Hotel gäbe. Ich war am Ende und hatte nicht mehr den Nerv, noch einen einzigen Berg hinaufzufahren. Ich schob. Nach dem Essen gingen wir ins Bett und schliefen sofort ein. Ich wachte in den letzten Tagen nachts auf, weil mir meine Kniegelenke von den Anstrengungen des vorangegangenen Tages schmerzten.
     Der neue Tag bescherte uns wiederum Sonne und reichlichen Wind. Dieser Tag war mit vielen heftigen Anstiegen durchsetzt, und wir beendeten die Etappe nach circa 60 Kilometern in Negotin, kurz vor der bulgarischen Grenze, in einer Herberge, die nicht unbedingt vertrauenseinflößend war. Kinder und Erwachsene beäugten mich wie eine Exotin, während mein Mann die Modalitäten an der Rezeption klärte. In dieser Unterkunft war der Aufzug nicht mehr funktionsfähig, also mussten erst das Gepäck und dann die Räder drei Etagen getragen werden. Geschafft! Das Bett war sauber, aber die Dusche in einem erbarmungswürdigen Zustand. Der Fußboden des Bades sah aus wie auf der Straße. Na gut, ich hatte Badelatschen dabei. Wir aßen schon seit mehreren Tagen Schopska und Cevapcici, weil uns das am Bekanntesten war. Auch eine nervtötende Sache: Das häufige Anhupen der Autos. Schon 500 Meter hinter einem wurde gehupt. Ich rief ihnen noch einen unanständigen Gruß hinterher, bevor sie in der Ferne verschwanden.
     Meine Gedanken sind in der Heimat: Heute ist Karfreitag. Alle bereiten sich in Deutschland auf Ostern vor – wir nicht. Das orthodoxe Osterfest ist hier erst im Mai. Wir betreten ein neues Reiseland. Grenzübergang Vedin: Bulgarien. Mir ist ganz mulmig zu Mute. Bekannt ist ja, dass hier ein großer Anteil von Zigeunern lebt. Die ganze Abwicklung verlief reibungslos. Die Beamten, sowohl die serbischen als auch die bulgarischen, waren korrekt. Was sich nun unseren Augen bot, war nicht zu glauben. Die Straßen waren fast autofrei, die Häuser beiderseits der Straße total heruntergekommen. Marodes Mauerwerk, in den Vorgärten lag verrottetes Material herum. Es war ausgesprochen deprimierend und trostlos. Wir fuhren auf einer zu unserem Erstaunen gut asphaltierten Straße. Selten kam ein Auto. Je näher wir Ortschaften kamen, desto schlechter war der Straßenzustand. Und nicht nur das: In den Bäumen hingen massenhaft bunte Plastiktüten, die der Wind dorthin verweht hatte. So entledigte man sich hier des Abfalls: Indem man ihn in die freie Natur warf.
     In den grenznahen Gebieten lebte offensichtlich die ärmere Bevölkerung. Wir fuhren wieder ein Stück an der Donau entlang. Eigentlich hätte unser Tagesendziel circa 90 Kilometer betragen sollen. Aber wir sahen in der Ferne ein Haus, das an bayerischen Baustil erinnerte. Es war nicht zu glauben. Näher kommend war in großer Schrift „Hotel – Restaurant" zu lesen. Wie eine Fata Morgana. In eingespielter Art wartete ich bei den Rädern, während Gerhard im Hotel nach Preis und möglicher Übernachtung fragte. Wieder das gleiche Spiel mit den Rädern, die in einer Garage untergestellt werden sollten. Aus dem Haus kam eine alte Frau, die uns fragte, ob wir Deutsch sprechen. . . .

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