Die Tagesetappen hatten sich auf 70 bis 80 Kilometer eingependelt,
denn nun wurde die Etappe von den Entfernungen der Hotels mitbestimmt.
Gerhard klagte immer über das schwere Gepäck und schwor, die
Hälfte nach Hause zu schicken. Er wollte mir noch dazu etwas
abnehmen. Nein danke, mein Gepäck transportiere ich selber",
war meine ständige Antwort. Es regte mich auf. Alles, was er
in die Hand nahm, wog er ab und stellte lakonisch fest: Zu
schwer." In seinem Kopf waren die falschen Vorstellungen. Kilometer
machen, hieß es. Es trieb ihn förmlich voran. Wo war bis jetzt
der Genuss einer solchen Reise? Ich wollte wahrnehmen, was ich
sah.
An
private Unterkünfte war nicht zu denken, wo wir auch fragten.
Irgendwo an der Haustür zu klingeln, war mir zu unsicher. Wer
weiß, auf welchen Menschen man treffen würde. Also blieb als
einzige Möglichkeit die Hotelunterkunft. Die Hotels aus Titos
Zeit erinnerten uns allesamt an Russland. Sofern sie nicht in
privater Hand waren, waren sie ziemlich heruntergekommen. Ein
Kriterium erfüllten sie aber allesamt: ein sauberes Bett und
saubere Handtücher.
Am
elften Tag unserer Reise kamen wir nach Vukowar, eine Stadt,
in der die Spuren des vergangenen Krieges noch überall zu sehen
waren. Andererseits wurde wieder gebaut, was das Zeug hergab.
Wir kamen gegen 14 Uhr mittags an. Wir hatten Rückenwind und
fuhren im Doppelpack. Endlich einmal ein leichtes Fahren, einfach
herrlich! So konnten wir uns noch Vukowar ansehen und kauften
für ein Paar kroatische Dollar Obst ein. Das Wetter war relativ
gut mit Wind, aber Sonnenschein. In einem hergerichteten Biergarten
tranken wir ein Glas Bier. Köstlich! Gerhard unterhielt sich
mit Kroaten sowie Serben über die politische Lage der Vergangenheit
und über die Zukunft des Landes. Es war doch eindrucksvoll.
Die jüngeren Menschen wollten sich an die tragische Vergangenheit
nicht so gerne erinnern. Sie verdrängten sie. Die Älteren gaben
an, dass sie nun ein friedliches Auskommen miteinander hätten.
Zurückblickend stellte ich fest, dass es in der Gastronomie
vorwiegend männliches Personal gab und ganz wenig weibliches.
Morgen
winkt die serbische Grenze. An diesem zwölften Tag unserer Reise
starteten wir morgens um 9 Uhr bei Sonnenschein und einem kräftigen,
eiskalten Wind, der aus Westen kam. Nach 30 Kilometer erreichten
wir einen kleinen Grenzübergang in Cid. Erst der kroatische
Grenzübergang: alles klar, kein Problem. Dann die serbische
Grenze. Sie sahen uns von Weitem kommen und winkten uns in gewisser
Weise herablassend heran. Wir mussten natürlich ein Visum haben,
das man an dieser Grenze auch bekam. Nach 15 Minuten dolmetschten
sie uns, dass der Beamte, der die Gebühr kassieren muss, nicht
da sein. Er war sozusagen Brotzeitholen".
Ein
Zollbeamter sprach gut Deutsch und unterhielt sich mit Gerhard.
Mir war nicht nach Unterhaltung. Die Kälte kroch in mir hoch,
ich zitterte. Dann fragte der Beamte Gerhard nach Kopfschmerzmittel.
Gerhard gab die Frage an mich weiter. Also jetzt die Packtasche
auspacken und in der Apotheke nach Schmerzmittel suchen
genau das wollte ich nicht. Ich dachte: Soll er weniger rauchen,
dann hat er auch weniger Kopfschmerzen. Endlich, nach 50 Minuten,
kam der besagte Beamte zurück. Er erhielt die Gebühr, wir bekamen
unsere Pässe und konnten also mit dieser Stunde Zeitverlust
die Fahrt fortsetzen. Der Himmel war schwarz, und die ersten
Hagelschauer kamen auf uns nieder. Wir zogen rasch unsere Regensachen
an und kämpften gegen den Wind und die Wetterverhältnisse. Der
Asphalt war auch nicht mehr das Beste. Slalomfahren war angesagt,
immer im Rückspiegel den nachfolgenden Verkehr. Der Wind hatte
auf Nordwest gedreht. Wir fuhren gegen den Wind mit zehn Stundenkilometern
15 Kilometer weit. Dann änderten wir unsere Richtung, so dass
wir seitlichen Rückenwind hatten. Hier und da grüßten uns Menschen
oder winkten uns zu. Sie gaben bereitwillig Auskunft, wenn wir
es brauchten.
Am
Hotel in Nitrovica, wieder nach russischem Stil, endete diese
Tagesetappe. Die Ausstattung des Zimmers und das Bad war in
dunkelbraun gehalten. Noch machte das Bett einen guten Eindruck.
Spätestens beim Zubettgehen merkte ich, dass auch dies eine
Matratze aus Titos Zeiten war. Man lag mehr oder weniger auf
Sprungfedern. Morgens konnte ich meine Knochen nummerieren.
Das Frühstück in dieser Herberge wurde dürftiger. Es gab die
Wahl zwischen Marmelade oder Ei. Der Kaffee war mindestens der
vierte Aufguss in einer wenig einladenden Farbe. Na ja, wir
wussten ja, dass diese Menschen nicht die Reichsten waren. Mit
viel gutem Willen und Toleranz nahmen wir die Dinge, wie sie
waren.
Wir
hatten uns angewöhnt, an Tankstellen nach Wegen, Ausfahrten,
Hotels etc. zu fragen. Damit hatten wir gute Erfahrungen gemacht.
Das machte mein Mann. Er fragte ganz ungeniert und ließ sich,
wenn es sein musste, auch vier Mal den Weg erklären. Ich hatte
nicht so die Traute. Mir war es auch etwas unangenehm. Das unterschied
uns doch sehr voneinander. Am Morgen des besagten 13. Reisetages
empfahl man uns, nicht die Landstraße zu wählen, sie sei in
keinem guten Zustand. Also die Autobahn E 70 direkt nach Belgrad.
Mir war nicht wohl bei dem Gedanken, denn wir wussten ja, was
auf Deutschlands Autobahnen gestattet oder nicht gestattet ist.
Gerhard fragte an drei Tankstellen, ob es erlaubt sei. Ich versuchte,
ihn dazu bringen, die Landstraße mit Umweg zu nehmen. Aber er
ignorierte meinen Vorschlag. So war er nun mal. Was er wollte,
wollte er. Zielstrebig setzte er sich durch, ich gab nach, wenn
auch mit einem unguten Gefühl.
Am
Eingang der Autobahngebührenstelle winkte der Mann uns durch.
Wir konnten ungehindert passieren. 75 Kilometer bis Belgrad
vor uns. Starke Böen von der Seite machten uns das Leben schwer.
Unsere Räder standen schräg im Wind. Es war nervtötend. Diese
Monotonie, dazu die immer gleichen Geräusche der vorbeirasenden
Autos. Es strengte uns unglaublich an. Es war Stress pur. Manchmal
wurden wir angehupt. War es ein Gruß, oder wollten sie damit
ausdrücken, dass wir nicht auf den Randstreifen gehörten? Mir
war immer noch unbehaglich. Zunächst war wenig Verkehr, aber
je näher wir an Belgrad herankamen, umso dichter wurde der Verkehr.
An den Ein- und Ausfahrten schnitten uns die Autofahrer. Ziemlich
rücksichtslos, wie in aller Welt.
Bei
einer Ausfahrt 20 Kilometer vor Belgrad schlug ich meinem Mann
vor, abzufahren. Er meinte, man könnte ruhig noch so weiterfahren.
Wir würden doch nur Umwege fahren. Innerlich war ich richtig
ärgerlich auf ihn. Mir war überhaupt nicht wohl. Wieder einmal
gab ich nach. Es war genauso, wie ich es mir vorgestellt hatte.
Wir kamen fünf Kilometer vor Belgrad in einen heftigen Rush-Hour-Verkehr.
Es gab keine Standspur mehr, nur noch Fahrspuren. Busse fuhren
an mir eine Handbreit und hupend vorbei. Mein Rufen verhallte.
100 Meter vor mir fuhr mein Mann. Ich hatte eine unglaubliche
Angst, nicht heil aus dieser Situation herauszukommen. Endlich
ein Abzweig zur Stadt. Unmittelbar auf einem schmalen Trennstreifen
hielt ein Polizeiauto. Pässe zeigen - das Übliche, wenn man
sich nicht ordnungsgemäß verhalten hast. Ohne Pass bist du gar
nichts. Er wollte von uns eine Geldstrafe von ungefähr 1.500
Dinar. Der Beamte verhielt sich korrekt und zeigte uns den Bußgeldkatalog.
Mein Mann Gerhard redete so lange auf uns ein, bis er uns ohne
Bußgeldzahlung fahren ließ. Glück gehabt! Noch einmal werde
ich so ein Unterfangen nicht machen. Wir quälten uns durch Belgrad,
und nach einigem Nachfragen erreichten wir unser Ziel, eine
Privatunterkunft. Wir haben uns für den nächsten Tag einen Ruhetag
gegönnt. Das Frühstück bestand nun aus Wasser, Brot, Ei und
etwas Käse. . . . |