Dienstag, 12.03.2002, Start Um 9.06 Uhr radelten wir von der
Haustür weg. Nach einem kurzen Abschiedstrunk mit Nachbarn und
unserer Mieterin mit Champagner machten wir uns auf unsere geplante
Weltradltour. Der Trennungsschmerz saß mir tief, und es dauerte
bis Starnberg. Ich musste mir klarmachen, dass ich nun aufmerksam
und konzentriert sein musste, was der Verkehr verlangte. Die
Startbedingungen waren bestens. Bei frühlingshaften Temperaturen
und Sonnenschein pedalierten wir dahin. In unserem Radlshop
machten wir Halt. Gerhard bekam einen neuen Radständer. In den
letzten Wochen hatten uns die beiden Radhändler die wichtigsten
Funktionen der Radl, zum Beispiel Gangschaltung, Hydraulikbremsen,
Kettelritzel etc. erklärt. Sie gaben uns Tipps und Ratschläge
zur Reparaturanleitung.
Der
Ernst begann um 9.40 Uhr. Endlich - und für mich die Arbeit.
Meine Fitness hatte in den letzten Wochen durch die Tourvorbereitungen
gelitten. Der steile Anstieg kam. und mir ging die Luft aus.
Bei einer Pulsfrequenz von 146 Schlägen musste ich absteigen.
Noch konnte ich meine Umgebung kaum genießen, denn Gerhard machte
das Tempo. Er war immer etwa 100 bis 150 Meter voraus. Zwischen
Bad Tölz und Miesbach waren Autoverkehr und Anstiege am Schlimmsten.
Würde das so weitergehen? Ich könnte es nicht durchstehen. In
meinem Hinterkopf war da noch der Tauernpass, den wir passieren
mussten. Bei dem bloßen Gedanken daran bekam ich Bauchschmerzen.
Berge waren noch nie so recht mein Ding. Unsere Tagesetappe
endete nach 8,14 Stunden, 12 Kilometer hinter Bad Feilnbach
in einer Pension.
Auch
am zweiten Tag war gutes Wetter. Nachdem unser Gepäck auf dem
Rad verstaut war, fuhren wir los. Das Bergpanorama war herrlich
anzuschauen. Unterwegs rief uns ein älterer Radfahrer zu: Wo
soll's denn hingehen?" Um die Welt", rief Gerhard zurück.
Der Mann fühlt sich auf den Arm genommen und antwortete lachend:
Ach so. Haha." Nach 82,4 Kilometer und 856 Höhenmeter
endete die Tagesetappe in Aufham, sieben Kilometer vor Bad Reichenhall.
Während
der Fahrt verglichen wir nach den Aufstiegen unsere Pulsfrequenzen.
Meine lag meist 15 bis 20 Schläge höher als die meines Mannes.
Dieser Mann besaß eine unglaubliche Organkraft. Während ich
am Limit den Berg hochkurbelte, ruhte er sich auf der Höhe schon
aus. Sollte ich ihn bewundern oder beneiden, dass er so stark
war? Am Ende unserer Tagesetappe war ich total erschöpft und
brauchte eine heiße Dusche und ein Bett. Mein Magen war wie
verschlossen: kaum Hunger, nur Durst.
Der
Tauernpass rückte bedrohlich näher. Wir erreichten ihn am vierten
Tag unserer Reise. Brutal begann dieser Anstieg gleich mit einer
Steigung von circa 21 Prozent über 500 Meter, dann zur Erholung
ein kurzes Stück leicht steigend, insgesamt elf Kilometer bei
15 Prozent Steigung bis zur Passhöhe. Ein sehr sehr hartes Stück
Arbeit. Mir kam es unendlich weit vor. Es waren insgesamt 50
Kilo zu bewegen, 16 Kilo das Rad, circa 30 bis 35 Kilo das Gepäck.
Natürlich kommen mir in einer solchen Situation Gedanken wie
Warum tue ich mir das an? Steht das dafür?" Gleichzeitig
tadele ich mich als Weichei, verglich mich mit Menschen, die
Schwereres ertragen mussten als ich.
Es
war eine belustigende Situation. Während wir schwer atmend unsere
Räder schoben, lag neben uns eine gespurte Langlaufloipe. Skifahrer
kamen aus der Loipe zu uns. Um diesen glücklichen Moment beneide
ich sie. Die Leichtigkeit, mit der sie auf ihren Brettern fuhren
ich hätte gerne mit ihnen getauscht. Aber es half nichts.
Wir mussten weiter, bis zur Passhöhe. Je weiter wir kamen, desto
öfter sahen wir rechts und links Alpinskifahrer. Sie fuhren
neben uns hinab, und wir schoben hinauf. Auf der Passhöhe Obertauern
saßen vor den Hotelanlagen die Menschen beim Après-Ski und betrachteten
uns ungläubig. Wir konnten es in ihren Gesichtern lesen: "Was
machen denn diese Radler hier oben? Das ist doch ein Skigebiet!"
Wir amüsierten uns. Wenn Pauschaltourismus auf Individualtourismus
trifft...
Was
nun folgte, waren 18 Kilometer Leichtigkeit. Bergabfahren -
fast vergessen Erschöpfung und Müdigkeit. Diese Tagesetappe
endete nach 58,4 Kilometer in einer guten Herberge. Endlich
lag der Pass hinter uns, und damit kehrte der Hunger zurück,
und die Bauchschmerzen ließen nach. In einer guten Pizzeria
ließen wir es uns schmecken.
Der
folgende Radtag hatte wenige Höhenmeter. Es waren 716 bei einer
Tagesetappe von 108,4 Kilometer. Unterwegs beschwerten sich
meine Muskeln sehr. So eine extreme Dauerbelastung waren sie
nicht gewöhnt.
Während
ich bei den Rädern blieb, regelte Gerhard in den jeweiligen
Unterkünften die nötigen Dinge. Für mich begannen die Aufgaben
damit, die verschwitzten Kleidungsstücke zu waschen und in die
Nähe einer Heizung zu hängen, damit wir sie am folgenden Tag
wieder tragen konnten. Nach so einem Tagesritt waren wir total
kaputt. Es ist unglaublich schwer, geistig noch zu arbeiten,
wenn man körperlich erschöpft ist. Man hat viele Gedanken in
seinem Kopf, aber sie lassen sich nicht mehr in Worte fassen.
Der
Tagesablauf war eigentlich immer der Gleiche: Start morgens
um 9 Uhr, fünf bis sechs Stunden pedalierten wir. Ankommen -
und dann brauchte ich drei Dinge: gutes Essen, eine heiße Dusche
und ein sauberes Bett. Gute hygienische Verhältnisse sind für
mich von elementarer Bedeutung. Ich kann Schmutz nur schwer
aushalten. Das sieht mein Mann natürlich etwas großzügiger.
In
den zehn Tagen, in denen wir unterwegs sind, war ich in der
Leistung immer hinter meinem Mann. So manches Mal kam es mir
vor, als wenn der Teufel hinter ihm war. Schnell fuhr er voraus.
Ich kämpfte mit jedem Anstieg, dankbar für jede kurze Pause,
die wir machten. In meinem Kopf versuchte ich, die mentale Einstellung
zu dieser Weltradltour zu gewinnen, und so ganz allmählich kann
ich mir diese Tour als möglich vorstellen. Zehn Tage seit Reisebeginn
liegen hinter uns. Slowenien hatten wir in drei Tagesetappen
passiert. Wir waren jetzt in Kroatien. Was ich als faszinierend
empfand, war die Natur. Je weiter wir in Richtung Südosten fuhren,
desto weiter war sie fortgeschritten. Das satte Grün, die blühenden
Narzissen, die fast schon verblühenden Forsythien ganz
ungewöhnlich zu dieser frühen Jahreszeit Mitte März. Wie mochte
es zu dieser Zeit daheim aussehen, fragte ich mich oft. Neben
der Straße fielen mir die vielen Häuser im Rohbau auf
verlassen. Oft wuchsen schon Bäume aus ihrer Mitte. Mich bewegten
die Gedanken, welches Schicksal dahinter läge.
Hier
auf dem Land gab es sehr viele Bauern. Jedes zweite Haus hatte
Geflügelhaltung. Jede Menge Hunde bellten uns hinterher. Die
Felder der Bauern waren teils sehr begrenzt und klein. Zum Teil
wurden sie mit der Hand bearbeitet. Armut sprach aus vielen
Häusern. Trotzdem haben die Menschen den Sinn für die Blumen
nicht verloren. In den Vorgärten blühten Narzissen und Tulpen.
So in Gedanken verloren fuhr ich in ein Loch auf dem Asphalt,
was mich dann in die Wirklichkeit zurückholte. Es war wichtig,
die Konzentration auf der Straße zu halten.
Wir
radelten dahin und kämpften gegen Anstiege und Wind. Natürlich
waren wir für die Bevölkerung ein Tagesereignis. Die Männer
schauten Gerhard verwundert hinterher. Mich hatte Gerhard immer
100 bis 150 Meter im Schlepp. Ob sie mir auch so hinterherschauten?
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