Ausführlicher Bericht vom 2. Teil
der Weltreise – Fortsetzung |
In der Millionenstadt Phnom Penh
verbrachten wir vier Tage. Wir traten in den Trubel der Stadt ein.
Die Gangschaltung wurde vom Hausmeister der Deutschen Botschaft,
Herrn Lohmeier, gerichtet. Am Abend waren wir zum Essen mit den
deutschen Botschaftsangestellten eingeladen. Es war ein wunderbares
Lokal, das oben nur mit einer Plane bespannt und im Übrigen
zu allen Seiten offen war. So sorgte immer ein leichter Windzug
für angenehme Temperaturen. Wir aßen typische Landesgerichte.
Draußen vom Hauptboulevard hörten wir das Hupen unzähliger
Motorräder. Wir hatten schon im Laufe des Tages die protestierenden
Studenten gesehen. Dass sich die Situation später so zuspitzen
konnte, hätten wir nicht vermutet. Ein Kellner bat uns, das
Lokal zu verlassen, weil es aus Sicherheitsgründen geschlossen
wurde.
Auf dem großen Boulevard fuhren in Rudeln
Studenten auf Motorrädern zum Regierungsgebäude. Die Unruhen
und der Zorn der Menschen waren durch eine angebliche Äußerung
einer 20-jährigen Filmdiva ausgelöst worden. Die, so wurde
uns erzählt, hatte gesagt, Angkor Wat gehöre den Thais.
Nach Mitternacht hörte ich mehrere Explosionen. Ich dachte
mir nichts dabei, denn es war zwei Tage vor dem chinesischen Neujahrsfest,
und ich hielt es für vorzeitig gezündete Feuerwerkskörper.
Wir hatten uns entschieden, mit einem Schiff
nach Angkor Wat zu fahren, weil die Straße in einem nicht
so guten Zustand war. Wir waren vor dieser Schiffsfahrt gewarnt
worden: Das Schiff sei meistens übervoll, die Passagiere müssten
mit ihren Gepäckstücken an einer schmalen, etwa 25 Zentimeter
breiten Reling entlang jonglieren. Ich hielt es für unmöglich,
auch unsere Räder dort entlang zu tragen. Wir wollten uns deshalb
den Ablauf einen Tag vorher ansehen und dann entscheiden, ob die
Fahrt für uns in Frage kommt. An einem Platz sahen wir ein
Gebäude, aus dem Rauchwolken emporstiegen. Uns fiel die Explosion
der letzten Nacht ein. Am Kai beobachteten wir das Einsteigen der
Passagiere. Es erschien uns nicht so schwierig, wie es uns erzählt
wurde.
Den vorletzten Tag in Phnom Penh nutzten wir
zu einer Stadtrundfahrt. So besuchten wir die Gedenkstätte
einer ursprünglichen Schule, die zu Zeiten des Pol-Pot-Regimes
in ein Gefängnis umfunktioniert wurde. Dort wurden Menschen
gefoltert, bevor sie zu den „Killing Fields“ gebracht
wurden und in brutaler Weise zu Tode kamen. Zwei Millionen Khmer
oder mehr sind zwischen 1975 und 1980 ums Leben gekommen. Mich hat
das so betroffen gemacht. Heute kann jeder Besucher die Schilder
für die Getöteten auf den Killing Fields anschauen. In
der Gedenkstätte standen Relikte aus dieser Zeit: Bettgestelle
aus Eisen, auf denen die Gefangenen geschlafen haben, Ketten, mit
denen sie gefesselt waren, Essgeschirr, von dem sie gegessen hatten.
Zu den Gefangenen gehörten alle Altersgruppen und Geschlechter,
von unbequemen Intellektuellen bis hin zu Straftätern.
Dann fuhren wir zum Königspalast mit seinen
fünf Nebengebäuden. Die reichen Ornamente waren mit Goldpatina
überzogen. Der Innenbereich durfte nur ohne Schuhe betreten
werden. Überall sah man überschwänglichen Protz.
Dann gingen wir in eine Pagode, in der wir Gedenkminuten für
die Toten der Killing Fields einlegten.
Zurück im Hotel erzählten wir dem
Besitzer von unserer Beobachtung in der Stadt. Er wusste längst
Bescheid. Angeblich waren 20 Kambodschaner in Thailand umgebracht
worden, und aus Rache wurden in Kambodscha die Thai-Botschaft, ein
Hotel und das Gebäude einer thailändischen Telefongesellschaft
niedergebrannt.
Am nächsten Morgen fuhren wir zeitig zum
Kai. Zwei Jungen trugen für ein Trinkgeld unsere Räder
an Bord. Dort wurden sie an der Reling fixiert, und die Gepäckstücke
wurden ins Innere des Schiffes gebracht. Das Schiff war zu unserem
Glück nur etwa 70 Prozent ausgelastet. Pünktlich um sieben
Uhr legte es ab. Die frühe Morgensonne und der kühle Fahrtwind
ließen es zu einer angenehmen Fahrt werden. Es ging über
einen schmalen Fluss, an dem rechts und links Hütten auf Beton-
und Holzpfeilern standen. Vom Ufer winkten uns Kinder und Frauen
zu. Vom Fluss selbst gingen zahlreiche Nebenarme ab, bis er schließlich
in einen großen See mündete, dessen Ufer wir nicht mehr
sehen konnten. Nach fünfeinhalb Stunden fuhren wir in einen
Klong. Die Fahrrinne war sehr schmal geworden, beiderseits lagen
viele Hausboote, alle in der gleichen grauen Farbe. Es war um die
Mittagszeit, und die Menschen lagen in der Hängematte auf ihrem
Hausboot und schaukelten im Rhythmus der Wellen. Das Passagierboot,
das die Fremden brachte, interessierte sie nicht. In einem Beiboot
wurden Schweine gehalten. Das Wasser in den Klongs war schon reichlich
trübe. Ein Hausboot war zum Teil aus alten Öltonnen gefertigt
worden, die geradegewalzt als Wand dienten. Gerhard fand eine Fülle
von Fotomotiven.
„Wie wollen wir das mit unserem Gepäck
handhaben?“, fragte ich meinen Mann. „Es wird das Beste
sein, wir gehen zwei Mal“, schlug er vor. Wir reihten uns
unter den Letzten ein. Unsere Räder wurden zuletzt von Bord
gebracht. Sehr steil führte eine Art Hühnerleiter an Land.
Eine Bambusstange, die an jeder Seite von einem Mann gehalten wurde,
diente als Geländer. Wir wurden von einem Mann erwartet, der
uns in das uns empfohlene Hotel bringen sollte. Gerhard wollte ihn
mit den Packtaschen vorausschicken, damit wir leichter hinterherradeln
konnte. Ich legte Protest ein: „Das möchte ich nicht,
die Packtaschen sollen am Rad sein!“ Die ersten Kilometer
konnten wir nur schieben. Der Sand war zu tief. Ein süßlicher
Verwesungsgeruch nahm mir fast den Atem. Überall lagen Unrat
und Plastiktüten herum. Menschen vegetierten in Hütten
aus ein paar Bambusstangen, die mit reparaturbedürftigem Reisschilf
bedeckt waren. „Unvorstellbar: Wie kann ein Mensch hier freiwillig
leben?“, fragte ich Gerhard. Die meisten suchten vor der Mittagshitze
apathisch Schutz in ihren Behausungen. Kleine Kinder liefen nur
mit einem T-Shirt bekleidet herum. Eine hochschwangere Frau erwiderte
meinen Gruß lächelnd. Alles schien so völlig normal
zu sein. Ich frage mich, ob sie sich ihres Elends nicht bewusst
sind oder mir nur der Unterschied so auffällt, weil ich aus
einer geordneten Welt komme.
Wir kauften zwei Flaschen Wasser, mehr aus
humanitären Gründen denn aus Durst. Die schlechte Wegstrecke
zog sich über insgesamt vier Kilometer hin. Dann begann der
Asphalt. Rechts der Straße wurde eine Bambushütte zum
Mieten angeboten. Der Fußboden bestand aus Bambusstangen,
die im Abstand von etwa drei Zentimetern lagen. Ich denke: Wenn
dir da was runterfällt, ist es für alle Zeiten weg. Oder
man legt einfach einen Teppich drauf. Wir fahren auch an stabilen
Häusern vorbei, die offenbar aus Teakholz sind. Sie stehen
auf etwa zehn Meter hohen Betonpfeilern. Über der Eingangstür
steht in flatternden Buchstaben „Happy New Year“.
Angkor Wat
Ich möchte nach dem Duschen am liebsten
gleich zum Essen gehen und habe Lust auf ein Bier. Gerhard drückt
mir seine Lesebrille in die Hand: Das Glas ist herausgefallen. „Frau,
kannst du sie mir reparieren?“ Damit hat er mich beschäftigt.
Er legt sich auf die Seite und schläft. Nach einer halben Stunde
bin ich es Leid. Wir haben keinen kleinen Schlitzschraubenzieher,
sondern nur eine Pinzette. Meine Geduld ist am Ende. Er macht sich
die Sache einfach. Soll er die Brille doch zum Optiker bringen,
denke ich. Mein Radcomputer hat auch den Geist aufgegeben. Ich wechsle
die Batterie aus. Es ist gegen 17 Uhr. Auch ich werde schläfrig
und lege mich hin. Meine Füße sind eiskalt. Ich friere.
Das kommt doch nur vor, wenn ich Fieber bekomme? Ich hatte mich
bis vor einer Stunde gut gefühlt. Was war los? Ich bekam Kopfschmerzen,
und mir wurde übel. Mein Gehirn arbeitete auf Hochtouren. Vielleicht
eine Form von Malaria? Ich hatte mich, soweit es möglich war,
mit entsprechenden Verhaltensweisen geschützt. Um 18.30 Uhr
wacht Gerhard auf und will essen gehen. Ich spüre noch den
Ärger darüber, dass er einfach schlief. „Was du
machst, ist mir egal, ich gehe heute nicht mehr zum Essen“,
antwortete ich. Das war meine Rache. Abgesehen davon war mir mulmig.
Ich kramte das Thermometer hervor und maß meine Körpertemperatur:
38,7 Grad. Nach der Hanemannschen Regel ging meine Symptomatik noch
einmal durch. Ich nahm das gewählte homöopathische Mittel
im Abstand von zwei Stunden ein. Später gab es ein weiteres
Mittel dazu. Bis zum Morgen ließen Übelkeit und Kopfschmerzen
nach.
Am kommenden Tag legte ich einen Ruhetag ein.
Es ging mir zunehmend besser. Zurück blieb nur eine bleierne
Müdigkeit. Für den folgenden Tag wollten wir eine Kulturtour
machen. Wer nach Siem Reap kommt, besucht auch pflichtgemäß
Angkor Wat, das erwartet die Geschichte. Angkor Wat wurde von den
Thai zerstört. Wir starten um 7.30 Uhr, um rechtzeitig vor
der großen Hitze da zu sein. Wir beschritten den Hauptkomplex.
Ich betrachte die abgenutzten Steine: Wer mag da alles schon rübergegangen
sein? Wenn die Steine reden könnten, könnten sie so viel
erzählen. Ich betrachte die filigranen Ornamente, mit denen
sie verziert sind. Welch unglaubliche Leistung Menschen schon vor
700 Jahren vollbracht haben! Ich ziehe meinen Hut vor diesen genialen
Künstlern.
Wir wandern Block um Block. Meine weitere Hochachtung
gilt den Archäologen, die die Rekonstruktion so meisterlich
vollbracht haben. Wir schreiten zu einer Wand mit einer Reliefarbeit,
die Krieger und Götter darstellt. Dieses Relief ist circa einen
Kilometer lang. Wir verbringen einen halben Tag mit der Besichtigung
und sind tief beeindruckt. Dann treffen wir Mario mit seiner Schwester.
Gerhard hörte, wie sie sich auf fränkisch unterhielten,
und sprach sie an. Mario ist 32, Schreiner, seine Schwester ist
43, Bibliothekarin. Sie kamen von Thailand und fahren nach Vietnam.
Nach einem halben Plauderstündchen schlug Mario vor, dass wir
uns am Abend auf ein Bier treffen sollten.
Wir gehen zu einer gut erhaltenen buddhistischen
Kultstätte. Aber hier nagt der Zahn der Zeit. Die Skulpturen
sind aus Sandstein, der bekanntlich besonders anfällig für
Umweltverschmutzung ist. Ein buddhistischer Mönch gibt uns
ein Räucherstäbchen in die Hand. Wir revanchieren uns
mit einem Obolus. In einer Gedenkminute danke ich meinem Schutzengel,
der uns bislang begleitet hat. Es ist Mittag, und die Sonne steht
hoch am Himmel. Es sind 38 Grad. Wir sind müde und beschließen,
zurück ins Hotel zu fahren.
Am Abend treffen wir die beiden. Es wurde ein
sehr gemütlicher, unterhaltsamer Abend. Wir tauschen unsere
Adressen aus und versprechen, uns gegenseitig zu mailen. Sie wollen
morgen mit dem Schiff nach Phnom Penh, wir mit dem Rad weiter nach
Sisiphon, 48 Kilometer vor dem Grenzübergang zu Thailand.
In der Morgenfrühe fuhren wir los. 32
Kilometer liefen gut. Die Vegetation wurde dürrer: Nur trockene
Felder mit Stoppeln vom abgeernteten Reis waren zu sehen. Dann begann
eine Zerreißprobe an unser Material und an unsere Nerven.
In der Luft der von Autos aufgewirbelte Staub, am Boden festgefahrene
Steine. Wir fahren mal links, mal rechts. Für die Umgebung
hatte ich keinen Blick mehr. Klangen „Hellos“ an meine
Ohren, so antwortete ich, ohne hinzusehen. Zur Entspannung waren
hin und wieder nicht so viele Steine in der Fahrbahn. Fuhr ich ganz
rechts, war der Sand zu tief, und das Hinterrad schmierte mir ab.
Hin und wieder ein kurzer Blick: Was macht mein Mann? Dann wieder
volle Konzentration auf mein Rad und die Straße. Das war ja
abartig! Nach 124 Kilometern Rütteln und Schütteln, aber
ohne Platten, erreichten wir Sisiphon und eine Asphaltstraße.
Nachdem wir uns, unsere Räder und unsere
Taschen vom Staub befreit hatten, wollten wir die kleine Grenzstadt
besichtigen. Wir hörten Musik und gingen ihr nach. Wir trafen
auf eine Kapelle, die typisch chinesische Musik spielte und dabei
Tänze mit einem Drachenkopf und –körper vor einem
Geschäft aufführt. Für mich eindeutig das Vertreiben
böser Geister, die Symbolik des Neujahrsfestes. Zum Abschluss
gab es ein großes Feuerwerk. Wir kamen weiter zu einem Markt.
Neben Textilien und Haushaltsutensilien wurde allerlei Gemüse
und Fisch in frischer und getrockneter Form angeboten. Auf dem Frischfleisch
saßen massenhaft Fliegen, die mit einem selbstgebastelten
Plastiktütenwedel vertrieben wurden. An einer Ecke bot eine
Frau auf einer Metallschale große, schwarze Kakerlaken an.
Mir drehte sich der Magen um, als tatsächlich Kunden davon
kauften. „Lass’ uns Melonen und Bananen kaufen“,
schlug ich vor, „die haben jetzt Saison“.
In unserem Quartier fanden sich auch einige
Kakerlaken von einer anderen Art: Sie waren braun. Ich gehe schlaftrunken
nachts zur Toilette, mache das Licht an und sehe sie quer durch
das Bad huschen. Ich knalle die Tür sofort wieder zu. Erschrocken
fährt Gerhard hoch: „Was ist los? Ist eine Schlange im
Bad?“ „Nein, nur unzählige Kakerlaken!“ „Die
tun dir doch nichts.“ Er geht ins Bad und scheut sie in den
Gully, wo sie herkamen. Vorsichtig betrete ich das Bad, mache meine
Verrichtung und sause wieder hinaus. Irgendwie haben wir auch diese
Nacht herumbekommen.
Der Weg nach Thailand
Wir haben Rückenwind. Die frühen
Morgenstunden waren angenehm kühl. Die Straße blieb auch
hinter der Stadt gut befahrbar, wenn auch immer mit tiefen Löchern
im Asphalt. Das empfanden wir schon als Luxus. Die Besiedlung nahm
stetig ab. Ab und zu stehen im trockenen Land noch einzelne Häusern
auf Holzpfeilern neben dürftigen Hütten aus Reisstroh.
Wir hielten an einer etwas von der Straße zurückgesetzten
Hütte an, um die Stimmung einzufangen. Vor der Hütte war
ein etwa 80 Quadratmeter großer Wassertümpel. Eine junge
Frau kam mit einem runden Weidenkorb und schöpfte. Das Wasser
lief heraus, einen verbliebenen Rest schüttete sie in einen
Eimer. Wir waren zu weit entfernt, um zu erkennen, was es war. „Sicher
sind es Kröten“, sagte ich zu Gerhard. Der wollte es
genauer wissen und ging mit seiner Kamera nahe heran. Er fotografierte
die schöpfende Frau. Begeistert kam er zurück. „Das
war ein schönes Motiv!“ Es sind kleine Fische gewesen.
Nach 35 Kilometern war die Asphaltstraße
zu Ende. Wieder fuhren wir über Sand, Steine und Schotter.
Aber wir waren hoffnungsfroh, denn die Grenze lag noch maximal 13
Kilometer entfernt. Die Umgebung war völlig öde, kein
Baum, nur Gestrüpp. Zum Teil wurde das brach liegende Land
kontrolliert abgebrannt. Die Selbstentzündung wird so verhindert.
Außerdem entsteht Asche, die die Erde düngt. Und schließlich
wird bei der Neubepflanzung das Umgraben erleichtert. Zwei Kilometer
vor der Grenze kam es noch einmal knüppeldick. Die Straße
ist mit dem Rad nicht mehr befahrbar. Sie besteht nur noch aus spitzen,
festgefahrenen Steinen. Wir steigen ab und schieben. An der Grenze
ist es auffallend ruhig: wenig Verkehr, keine Händler, keine
Geldwechsler. Die Aus- und Einreise war in 15 Minuten erledigt.
Wir hatten in Angkor Wat gehört, dass die Grenze geschlossen
war. Nur für ausländische Touristen bestand eine Ausnahme.
Gleich hinter der Grenze war der Asphalt in
einem guten Zustand. Es gab für Motorräder und Fahrräder
einen begrenzten Seitenstreifen. „Ist dir schon etwas aufgefallen?“,
frage ich Gerhard. „Das nervige Hupen hat ein Ende!“
Wir hatten Rückenwind, glatte Straßen und Ruhe. Unsere
Räder liefen von selbst. Die Häuser entsprachen mehr europäischer
Bauweise. Die Handwerker arbeiteten nicht mehr auf der Straße.
Die Einflüsse der westlichen Welt waren hier deutlich spürbar.
Trotz dieser Annehmlichkeiten: Wir möchten keinen Tag in Kambodscha
missen. Eben, weil es so gut lief, bekam Gerhard nicht genug. Er
fiel in einen Radrausch, den ich nur bedingt teilen konnte. Irgendwann
nach acht Stunden auf dem Rad hatte ich genug. Ich versuchte Gerhard
davon zu überzeugen, dass es auch schon sei, die Etappe am
frühen Nachmittag zu beenden und nicht restlos kaputt zu sein.
Da rechnete er zu Hause auf seinem Taschenrechner einen Schnitt
von 63 Kilometer pro Tag aus. Tatsächlich aber fahren wir meist
das Doppelte.
Wir fuhren in südöstlicher Richtung
auf Bangkok zu. Vor uns war eine Rauchwolke. Wir sahen das Feuer
auf den Feldern links von uns. Eine Böe blies den Rauch und
die Flammen zu uns herüber. Rechts war die belebte Straße.
Ich konnte für Sekunden nichts mehr sehen, kaum atmen und spürte
die Hitze an meinem Arm. Der Blindflug irritierte mich total. Bloß
durch! Anschließend hatten wir beide weiche Knie. Tatsächlich
hatte Gerhard am Fußgelenk und ich am Ellenbogen eine Verbrennung
ersten Grades davongetragen. Je näher wir Bangkok kamen, um
so dichter wurde die Besiedelung – hauptsächlich Industriegebiete.
Durch den schiebenden Wind kamen wir zügig zu unserem Tagesziel
40 Kilometer vor Bangkok. Wir hatten beschlossen, nicht mit dem
Rad durch Bangkok zu fahren. Wir kannten die Stadt von einem unserer
Besuche in den letzten Jahren. Die Straßen sind verstopft
mit Autos und sonstigen Fahrzeugen. Es gibt keine Fuß- und
Radwege, und eine großzügige Umgehung gibt es auch nicht.
Wir waren uns einig, einen Vorstadtzug oder einen Bus zu nehmen.
Mit einem Tuk-Tuk fuhren wir drei Kilometer zum Busbahnhof. Das
war schwieriger, als wir angenommen hatten. Kaum jemand verstand
Englisch.
„Das ist doch vertane Zeit“, sagte
ich. „Gut“, entgegnete Gerhard, „dann lass’
uns zum Bahnhof fahren“. Wieder in einem Tuk-Tuk, dessen Fahrer
wir gleich von 40 auf 20 Baht herunterhandelten. Da waren wir, und
wir verstanden auch nur Bahnhof. Die Fahrpläne waren in Thai
ausgewiesen. Wir wollten schon aufgeben, da holte eine Frau einen
Mann herbei, der gut Englisch sprach. Er ging mit uns in das Büro
des Bahnbeamten. Er übersetzte für uns. Kein Problem,
die Räder im Zug mitzunehmen. Er fuhr am nächsten Tag
um 7.40 Uhr.
Unsere tägliche Ernährung bestand
am Morgen aus einer Tasse Kaffee mit Obst. Wir wechselten zwischen
Bananen, Ananas, Melonen und anderen Obstsorten, deren Namen wir
nicht kennen, die aber köstlich schmecken. Mittags und abends
essen wir die guten Nudelsuppen, die an jeder Garküche ein
wenig anders schmecken.
Mit dem Vorstadtzug nach Hua Hin
Am nächsten Morgen waren wir zeitiger
am Bahnhof, als wir wollten. Wir hatten mit einer längeren
Fahrtzeit mit dem Rad gerechnet. Die Bahnbeamten waren uns mit dem
Gepäck und dem Verstauen der Räder im Zug behilflich.
Wir fanden sie sehr freundlich und hilfsbereit. Der Zug war gut
besetzt. An jeder Haltestelle stiegen Menschen ein und aus. Für
zwei buddhistische Mönche musste ich meine Sitzbank räumen.
Wir saßen auf einer Querbank. Die scheint für die Heiligkeiten
reserviert zu sein, vielleicht vergleichbar mit den Behinderten-Sitzplätzen
bei uns. Ich hatte kein Problem damit. Zwischendurch stiegen fliegende
Händler ein. Sie boten abgepacktes, warmes Essen oder Getränke
an. Meine These, in Asien kann man nicht verhungern, wurde wieder
bekräftigt. Wir fuhren bis zur Endstation in Hua Hin. Wir wurden
von hohen Bettenburgen empfangen. In den Straßen begegneten
uns Massen von Pauschaltouristen. Uns traf der Kulturschock pur.
Das hatte ich nicht erwartet! Wir fanden eine ordentliche Bleibe,
die auch ruhig war.
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