Ausführlicher Bericht vom 2. Teil
der Weltreise |
Vor dem zweiten Start
Nachdem ich mich in viereinhalb Monaten zu
Hause von meiner Hepatitis-Erkrankung erholt hatte und die Leberwerte
wieder die Norm erreicht hatten, starteten wir am 01.01.2003 zum
zweiten Teil unserer Weltradtour. In den letzten Wochen unserer
Reise war bei allem, was ich tat, die Reise in meinem Kopf. Schon
Weihnachten und Silvester verliefen nicht so feierlich wie sonst.
Gerhard überredete mich zu einem Weihnachtsbaum. „Laß‘
uns wenigstens einen kleinen kaufen!“ „Bitte, dann musst
du ihn auch schmücken“, erwiderte ich. Er fiel in der
Tat wirklich klein aus, so dass wir ihn gut im Auto mit nach Hersbruck
zu unserem Zweitwohnsitz nehmen konnten. Dort feierten wir den Heiligabend
und den ersten Feiertag mit Gerhards Bruder. Walter ist zwei Jahre
älter als er. Er versorgt sich nach dem Tod der Mutter alleine.
Vor neun Jahren hatte einen Schlaganfall mit einer halbseitigen
Lähmung, die sich bis auf eine Gesichtslähmung zurückgebildet
hat. Er hat einen prächtigen Körperbau und ist insgesamt
von robuster Natur. Das liegt offenbar in der Familie Krauss, denn
auch mein Mann hat diesen genetischen Vorteil von seinen Eltern
mitbekommen.
Alles, was ich tat, richtete sich auf unsere
Reise. „Es ist noch so viel zu machen“, stöhnte
Gerhard. „Du hast Recht“, stimmte ich ihm zu. Am ersten
Weihnachtsfeiertag hatte mein Mann Geburtstag. Es war sein 74. Er
bekommt jedes Jahr eine Schwarzwälder Kirschtorte, das ist
seit Jahren Tradition. Lachend frage ich ihn: „Wie alt bist
du eigentlich?“ „Ziemlich jung, jung genug für
dich!“ Silvester feierten Gerhard und ich völlig unspektakulär
mit unserer Mieterin Gitti. Mit einem Fleischfondue, Kartoffelsalat
und einem guten Wein verbrachten wir die letzten Stunden des Jahres
2002. Unsere Gedanken kreisten um den Start unserer Reise. Wir gingen
zeitig um ein Uhr zu Bett. In dieser Nacht schlief ich ab drei Uhr
nicht mehr. Ein letztes Frühstück um sieben Uhr, obwohl
ich vor Aufregung kaum etwas essen konnte. Gerhard kam auch unausgeschlafen
zum Frühstück. Um elf Uhr kam das Taxi, das uns zum Bahnhof
brachte. Gitti war unglücklich. Das übertrug sich auf
mich, und so weinten wir beide.
Mit der S-Bahn fuhren wir zum Flughafen. Alles
klappte reibungslos. Wir hatten zwei Stunden Zeit. Unsere Räder
wurden uns von unserem Radhändler in Kartons verpackt gebracht.
Das Einchecken war unproblematisch. Wir hatten insgesamt 80 Kilo
Gepäck. Zu unserer Freude konnten wir bis Hanoi durchchecken.
Nach vier Stunden Flug kam der erste Zwischenstopp in Dubai. In
dem riesigen, modernen Terminal gibt es unzählige Duty-free-Shops,
und ein Duft mischt sich mit dem anderen. Nach dreieinhalb Stunden
Zwischenstopp ging der Flug weiter nach Bangkok. Dort hatten wir
ebenfalls fünf Stunden Aufenthalt. Wir waren völlig übermüdet
und haben auf den Stühlen geschlafen. Irgendwann war auch diese
Zeit um. Den zweieinhalbstündigen Weiterflug mit Thai Airways
nutzten wir zum Schlafen. Endlich, um 19.30 Uhr, setzte das Flugzeug
in Hanoi zur Landung an.
In Hanoi gelandet
Ich verspürte Unwohlsein in Form von Bauchschmerzen:
Schiß! Was würden wir erleben? Ob alles gut geht? Ob
der Fahrer vom Goethe-Institut am Flughafen ist? Die Einreise verlief
normal. Die nächste bange Frage stellte sich am Gepäckband.
Aber das Gepäck kam, und unsere Räder auch. Die Verpackung
von Gerhards Rad bestand nur noch aus Kartonfetzen. Der Radhelm
kam ihm gleich entgegen. „Unser Gepäck ist wohl gründlich
kontrolliert worden“, bemerkte ich. Das bestätigte sich
später auch an unseren Plastikaufbewahrungsboxen mit Ersatzmaterial
und Küchenutensilien, denn die Verschlüsse sind alle abgebrochen.
Die Zollbeamten demonstrierten das typische Verhalten eines Militärstaates
und fertigten uns mit steinernen Mienen ab. Draußen wartete
tatsächlich der Fahrer des Goethe-Instituts. „Gerhard,
geh‘ du zuerst durch die Ausgangstür, ich gebe dir das
Gepäck und die Räder nach und nach durch.“ Denn
schon einmal hatten wir am Münchner Flughafen die Dummheit
begangen, nur mit einem Teil des Gepäck - und ohne Räder
- durch die Ausgangstür zu gehen. Damals half kein Bitten und
Flehen an die Zollbeamten, uns doch die Räder durch die Tür
zu schieben. Gerhard musste sich umständlich beim Sicherheitsbüro
einen Laufzettel geben lassen, mit dem er Einchecken durfte, bis
er wieder auf der Seite der Räder stand. Die ganze Prozedur
hatte uns damals eine Stunde gekostet. Die Erfahrung hatten wir
noch gut in Erinnerung.
Der Fahrer des Goethe-Instituts, ein kleinwüchsiger
Mann mit Mandelaugen, lächelte uns an. Da zeigten sich seine
lückenhaften und schlechten Zähne. Trotzdem wirkte er
vertrauenserweckend. Er hieß uns in Deutsch herzlich willkommen.
Ich spürte, wie die erste Anspannung in mir nachließ.
Wir waren Herrn Augustin, dem Leiter des Goethe-Instituts in Hanoi,
dankbar für diese Geste. Außerdem hatte er für uns
ein Quartier gebucht. Vorausgegangen waren Kontaktaufnahmen per
E-Mail.
Nachdem wir die zerfledderten Radkartons und
das Gepäck im Kleinbus verstaut hatten, nahmen wir vorne neben
dem Fahrer Platz. Der Flughafen liegt 29 Kilometer außerhalb
von Hanoi. Der Fahrer beherrschte nur wenige Standardsätze
Deutsch. Im Quartier aßen wir noch etwas und spülten
mit einer heißen Dusche den Staub einer 32-stündigen
Reise von uns. Wir erwachten am nächsten Morgen erst gegen
zwölf Uhr Ortszeit. Die Zeitverschiebung von sechs Stunden
machte sich bemerkbar. „Frau, sei so gut und brau‘ uns
einen Kaffee“, bat mich Gerhard. „Ich bin noch so müde.“
Gerhard wollte Herrn Augustin besuchen, um sich bei ihm zu bedanken.
In der Rezeptionshalle stand der Fahrer, der offenbar deutsche Landsleute
vom Flughafen abgeholt hatte und nun zum Institut fahren wollte.
Das war ein glücklicher Zufall. Die drei jungen Deutschen waren
in Hanoi, um eine Wanderausstellung moderner Kunst aufzubauen, die
für zwei Wochen im Institut zu sehen ist.
Herr Augustin ist ein Mann mittlerer Größe
mit weißem Haar, dynamisch und sympathisch. Er lud uns alle
zusammen zum Essen ein. Ich hatte Fisch und Gemüse mit Reis
bestellt. Der bekannte Geschmack von Lemongras und leichter Schärfe
ließ das Essen köstlich schmecken. Herr Augustin lud
uns für den nächsten Abend ein.
Von Hanoi wollten wir Einiges sehen. Wir mieteten
uns eine Fahrrad-Rikscha. In einer atemberaubenden Fahrt quer durch
den Verkehr brachte uns der Fahrer zum Ho-Chi-Minh-Mausoleum. Alle
Besucher mussten paarweise, schön hintereinander, eintreten.
Die Kameras mussten wir vorher abgeben. Dafür bekamen wir eine
Nummer. Der Weg war durch Pfeile vorgegeben. Unzählige Soldaten
bewachen die Besucher. Am Eingang des Mausoleums mahnte ein Staatsdiener
zum Schweigen, indem er seinen Zeigefinger gegen die Lippen tippte.
Wir betraten einen halbdunklen Gang, der um mehrere Ecken führte.
In jeder Ecke stand ein Soldat. Endlich betraten wir den Raum, in
dem der ehemalige Führer und Befreier Vietnams in einer Glasvitrine
gut präpariert aufgebahrt liegt. Ein süßlicher und
leicht stechender Geruch erfüllt den Raum. Vier Soldaten hielten
am Sarg Totenwache. Ein Rundgang führte uns dann wieder nach
draußen. Ich atmete tief durch. „Stell dir mal vor,
die Soldaten stehen jeden Tag acht Stunden in diesem Raum.“
Allerdings nicht in den Sommermonaten: In dieser Zeit wird Ho Chi
Minh wieder neu präpariert.
Wir besuchten noch die Häuser, wo er gelebt
und gewirkt hatte. Er lebte sehr bescheiden, kein Prunk, kein Protz
waren zu sehen. Das Museum der modernen Kunst besuchten wir auch
noch. Dann ließen wir uns durch den tosenden Verkehr mit den
Tausenden von Motor- und Fahrrädern zum Quartier zurückbringen.
Es scheint im Verkehr überhaupt keine Ordnung zu geben. Jeder
fährt, wie er will, kreuz und quer, dazwischen huschen noch
vereinzelt Fußgänger über die Straße. Ampeln
sind zwar vorhanden, werden aber weitgehend ignoriert. „Wir
müssen wenigstens ein paar für uns wichtige Worte lernen,
zum Beispiel <Hotel>, <Essen>, <Restaurant>“,
meinte Gerhard. Die Sprache, beziehungsweise die Aussprache, ist
für uns einfach nicht lernbar. Eine falsche Betonung lässt
einen simplen Vornamen zum Schimpfwort werden.
Die große Tour
Heute ist Sonntag. „Vielleicht gilt der
Sonntag auch hier als arbeitsfreier Tag, und wir können leichter
aus der Stadt finden“, sagte ich zu Gerhard. Gerhard hatte
sich am Abend zuvor noch einmal den Weg erklären lassen. Das
stetige Hupen der Autos, Busse und Motorräder ist gewöhnungsbedürftig.
Wenn ich nicht genau wüsste, dass sie auf der Nationalstraße
Nr. 1 fahren, könnte ich glauben, ich sei im Hamburger Hafen,
so laut rollen die Hupen. Unterwegs versorgen wir uns mit Obst und
Wasser. Wir waren beeindruckt vom Lebensstil der Menschen. Das Leben
spielt sich weitgehend auf der Straße ab. Die Häuser
haben einen eigenwilligen Baustil. Fast alle stehen solitär,
sind vielleicht fünf bis zehn Meter breit und gehen bis zu
20 Meter in die Tiefe. Die Türen sind, so weit die Bewohner
zu Hause sind, geöffnet. Es gewährt den totalen Einblick.
Alle handwerklichen Betriebe arbeiten vor dem Haus. Rechts und links
der Straße sehen wir sowohl Feudalhäuser als auch einfache
Häuser hin bis zum schlichten Holzschuppen. Die Überdachung
ist meist aus Wellblech. Die besten erinnern an verspielte französische
Bauweise, oft mit Säulen. Etwa jedes dritte Haus hat eine Garküche
mit unterschiedlichen Qualitätsansprüchen. In allen Lokalen,
in die wir sehen konnten, dienten Plastikstühle als Bestuhlung.
Sie sind nicht höher als eine Fußbank. Das liegt wahrscheinlich
daran, dass es sich die Menschen in ganz Asien oft in der Hocke
bequem machen. Die Häuser sind lila, rosa und hellbeige. Auch
die Mützen haben diese Farben. Frauen tragen Schals oft so
gebunden, als ob sie Zahnschmerzen hätten, wenn sie nicht gerade
einen Chinesenhut tragen. Die meisten tragen einen Mundschutz. Das
ist eine notwendige Maßnahme, wenn sie nicht die stinkenden
Abgase einatmen wollen.
Wir sind dankbar für das Radfahren auf
einer Seitenstraße. Allerdings liegen auch hier reichlich
Unrat und Glassplitter, was gleich am zweiten Tag bei Gerhard einen
Platten verursacht hat. Beim Pedalieren durch einen kleinen Ort
sehe ich ein Schild „Hot Tok“. Oh, gibt es hier etwas
zu Essen?, denke ich. Als ich genau in diese gute Stube schaue,
sehe ich einen Damenfriseur.
Bis jetzt sah ich keine Frau mit kurzen Haaren.
Alle haben wunderbare, lange, schwarze Haare. Die Frauen hier in
Nordvietnam sind hübsch, mit Mandelaugen, zierlichen Nasen
und wohlgeformten Lippen. Einmal sah ich ein hübsches Mädchen
auf einem Ochsenkarren sitzen und einen Büffel antreiben. Da
fiel mir das Sprichwort ein: „Einen schönen Menschen
entstellt nichts.“ Die Männer finde ich nicht ganz so
attraktiv. Die älteren Männer tragen oft als Kopfschutz
den Vietconghelm.
Während unserer ersten Etappe hatte es
zu nieseln begonnen. Der Regen nahm stetig zu. Nach 83,5 Kilometern
sahen unsere Taschen, Räder und Schuhe lehmig aus. Suchend
blickten wir uns nach einen geeigneten Quartier an. Ein Mopedfahrer
hielt an und fragte: „Can I help you?“ „We are
looking for a hotel“, antwortete Gerhard. „Follow me“,
gab er zurück. Tatsächlich, nach gut einem Kilometer,
bog er in eine Seitenstraße ein. Dort lag ein kleines Privathotel
mit einem Hof. Ein junger Bursche und eine Frau mittleren Alters
kamen uns entgegen. Ich deutete auf unsere mit Sand verschmutzten
Kleider und Utensilien. Sie nickten und reinigten uns mit einem
Wasserschlauch. Sie nahmen mir die tropfnassen Taschen ab und brachten
sie aufs Zimmer. Zum Glück war der gesamte Fußboden gefliest.
Die Wasserlachen, die die Taschen hinterließen, konnten keine
bleibenden Schäden anrichten.
Die Hausfrau war sehr fürsorglich. Sie
kochte gleich eine Suppe, die wir nach einer heißen Dusche
aßen. Frau Swini, das ist ihr Vorname, erzählte uns von
ihren Kindern, zwei Söhnen und zwei Töchtern. Eine der
Töchter lebt in Frankreich. Ein Sohn und die andere Tochter
leben in Hanoi. Nur der jüngste Sohn lebt noch bei den Eltern.
Sie ist eine kleine dralle Frau mit einem Teint von der Farbe eines
Milchkaffees. Sie trug eine bunte Pudelmütze keck auf ihrem
Kopf und eine Anzugjacke gegen die Kälte im Haus. Das Haus
hatte ihr Mann erst im letzten Jahr ausgebaut, und die Fensterrahmen
schlossen nicht dicht ab. Es war nicht für eine kühle
Jahreszeit konstruiert. Draußen windete es sehr, und der Regen
peitschte gegen die Fensterläden. Unser Zimmer war recht kühl.
Eine Heizung gab es nicht. Da war das Bett der beste Ort. Sie brachte
uns noch eine weitere Decke. Wir fühlten uns richtig wohl.
Ein ereignisreicher Tag
Wind und Regen hatten am nächsten Tag
aufgehört. Der Himmel war noch bedeckt, aber das störte
uns überhaupt nicht. Nach einem ausgiebigen Frühstück
fuhren wir los. Wieder begann es zu regnen. Das machte die Menschen
verschlossener. Jeder versuchte, mit dem miesen Wetter fertig zu
werden. Transportiert wird alles auf dem Fahrrad oder dem Motorrad
- Hausstand, Couchgarnitur, Schränke, in Körben Enten,
Hühner, Schweine, Bambusstangen, Eisenstangen, Drahtrollen.
Und natürlich hat die gesamte Familie, bestehend aus Vater,
Mutter und zwei Kindern, Platz auf der Sitzbank eines Motorrades.
Selten wird ein Sturzhelm getragen. Rückspiegel finden sich
genauso selten. Öfters sehen wir Männer oder Frauen, die
ihre Räder schieben. Sie waren voll beladen mit vier oder fünf
Säcken Reis von je einem Zentner. Zum besseren Hantieren wird
die Lenkerstange mit einem Stock verlängert, der mit einer
Kordel fixiert ist. Hinter dem Sattel wird ebenfalls ein langes,
kräftiges Rundholz, das mindestens 30 Zentimeter über
den Sattel hinausragt, mit einer Kordel fixiert. Gepflegt oder geölt
werden die Räder nie. Die Laufräder eiern, quietschen,
klappern oder geben andere Geräusche von sich. Sie sind oft
schrottreif. Das gängige Schuhwerk der Landbevölkerung
sind Plastiklatschen, die, als sie neu waren, die Farbe weiß
hatten.
Nach 20 Kilometern riss das Schaltseil an Gerhards
Rad. Ach, du heiliger Schreck, dachte ich, hoffentlich kommen jetzt
keine Berge. Es kamen aber doch kleine Hügel. Nach weiteren
zehn Kilometern drehte sich mein Mann um und rief mir zu: „Ich
habe einen Platten.“ Er verriß den Lenker und stürzte
zur Seite. Da lag er für einige Sekunden regungslos. Ich legte
mein Rad auf den Seitenstreifen und lief zu ihm. „Gerhard,
ist alles in Ordnung?“ Mir zitterten die Knie. „Ja,
es geht schon“, antwortete er. Ich half ihm beim Aufstehen.
„Meine Schulter und meine Hüfte schmerzen“, sagte
er- Er schien immer noch benommen. Ich versorgte ihn mit homöopathischem
Mittel.
Wir hatten Glück: Auf der anderen Straßenseite
war ein Mechaniker. Nachdem er geschickt den Schlauch des Vorderrades
geflickt hatte, sagte ich zu Gerhard: „Vielleicht kann er
auch den Bowdenzug austauschen!“ Ganz wohl war uns beiden
nicht. Mit so einer Hightech-Schaltung hatte der brave Mann bestimmt
noch nie Kontakt gehabt. Da muss selbst bei uns so mancher Radmechaniker
passen. Wir zeigten ihm die Montageanleitung. An Hand der Skizzen
versuchte er, die Arbeitsschritte zu verstehen, denn Englisch konnte
er nicht. Wir arbeiteten im Team. Jeder wusste etwas. Nach anderthalb
Stunden hatten wir es gemeinsam geschafft. Er strahlte, und wir
merkten, wie stolz er auf sich war. Gerhard entlohnte ihn gut. Auch
wir waren glücklich, die Fahrt fortsetzen zu können. Nach
weiteren 30 Kilometern endete die Tagesetappe in einer Kleinstadt.
Ich merkte, wie sehr der Sturz Gerhard zugesetzt hatte, und bereite
ihm erst mal ein warmes Bad. Leider war es nur eine Sitzwanne. Dann
machte ich uns einen heißen Tee.
Erste Hilfe auf vietnamesisch
Im Laufe unserer Fahrt erlebten wir Erste Hilfe
auf vietnamesisch. Ein Fahrer war mit seiner Rikscha gestürzt.
Er war bewusstlos. Zwei Männer hievten ihn auf ein Motorrad.
Er saß zwischen dem Fahrer und einem Mitfahrer. Sein Kopf
pendelte hin und her. Ehe ich realisiert hatte, was geschehen war,
fuhren sie los. Drei Kilometer weiter hielten sie an. Wir holten
sie ein. Ich sprang vom Rad, holte meine homöopathische Taschenapotheke
heraus und steckte ihm fünf Kugeln in den Mund. Ich bemerkte,
dass er betrunken war. Mehr konnte ich nicht für ihn tun.
Weiter oben in den Bergen hielten wir wieder
einmal zu einer Trinkpause an. Kinder näherten sich uns. Ein
kleines Mädchen in zerlumpter, ärmlicher Kleidung, schaute
mich mit großen Augen an. Ich gab ihm von dem eingekauften
Brot. Sie lief davon. Ich beobachtete, wie sie es mit anderen Kinder
teilte. Gerhard meinte: „Das war gerade Brot für die
Welt.“ Kurze Zeit später kam das Mädchen zurück.
Diesmal gab ich ihm den einzigen Apfel. Auch der Apfel wurde durch
sechs oder sieben Kinder geteilt. „Lass‘ uns weiterfahren,
sonst verschenkst du den Rest auch noch“, meinte Gerhard.
Diese Tagesetappe endete nach 137,5 Kilometern. Leider besaß
das Zimmer kein Fenster. Das wirkte sich am nächsten Morgen
nachteilig aus, denn es gab im ganzen Haus keinen Strom. Also suchte
ich mit einer Minitaschenlampe unsere gesamten Sachen zusammen.
Nach dem Frühstück setzten wir unsere
Fahrt fort. Wir sahen oft an schlichten Häusern üppig
blühende, lilafarbene Bougainvilla-Sträucher oder Hibiskus.
An Schutthalden gedeihen prächtige Weihnachtsstern-Sträucher.
Beiderseits der Straße wechselt das Bild, mal sind es Kokospalmen,
mal Bananenbäume.
Wieder ein Regentag
Es regnete, wenn auch leicht, aber über
den ganzen Tag. Wir kamen wieder total nass und schmutzig in einem
Hotel an. Dort wurden unsere Sachen wieder abgespritzt. Zum Frühstück
gab es Bananen, Mango und eine Tasse Kaffee. Der Himmel ist bedeckt,
es regnet nicht. Wir erleben das Hupen in jeder Tonlage. Das ist
reines Imponiergehabe. Besonders lästig ist das Hupen der Überlandbusse
und der Lastwagen.
Wir haben inzwischen Südvietnam erreicht.
Die Menschen haben hier eine andere Physiognomie. Die Nase ist breiter,
das Gesicht ist runder, die Hautfarbe ist dunkler. In der kleinen
historischen Stadt Hue haben wir einen Ruhetag eingelegt. Wir wollten
uns Hue anschauen, das Sehenswürdigkeiten zu bieten hatte.
Wir haben uns einen Rikschafahrer für den Tag gemietet. Als
er hörte, dass wir nach Danang wollen, erzählte er uns,
dass dazwischen ein hoher Pass liegen würde. Er meinte, es
sehr besonders schwer, und wir sollten am besten den Zug nehmen.
„Das mag ja sein, dass das mit den üblichen Fahrrädern
nicht zu schaffen ist“, sagte ich zu Gerhard.
Auf dem Weg zum Pass wollten wir uns eine der
köstlichen Suppen zu Gemüte fuhren. Aber es wurde uns
eine trübe Brühe mit Nudeln und Gemüse, das nach
Spinatblättern aussah, gereicht. Der Geruch - pfui Teufel!
Das erinnert mich an verwesende Hühnerknochen. Ich hatte diesen
Geruch in Südamerika in meiner Nase, als ich ein Lager mit
Hunderten von geschlachteten Hühnern gesehen hatte. Ich konnte
die Suppe einfach nicht herunterbekommen. Gerhard isst ja fast alles
(nur zu Hause nicht).
Nach 65 Kilometern kam der erwartete Pass.
Oh Graus: Er begann gleich mit neun Prozent Steigung. Nach 500 Metern
begann ich mächtig zu schwitzen, schnaufte und hoffte, der
Pass möge sich moderat hochschrauben. Nach 180 Höhenmetern
musste ich erst einmal anhalten und verschnaufen. Laufend überholten
mich Lkws, Busse oder Motorräder, immer mit der Hupe als Vorankündigung.
Die Hupe scheint nach dem Gaspedal das zweitwichtigste Utensil am
Auto zu sein. Erschwerend kamen die Auspuffgase hinzu - oftmals
schwarze Schwaden von Dieselmotoren. Gerhard zeigte mir heute, was
ein „strong man“ ist. Er fuhr ganz locker ohne zu Schnaufen
voran. Der Abstand zwischen uns wurde immer größer. Zwischendurch
hielt er an, um auf mich zu warten. „Lass‘ dir ruhig
Zeit, es drängt uns nichts zur Eile“, sagte er dann beruhigend.
„Du musst was Essen und Trinken, Frau“, mahnte er mich.
„Bin ich ein kleines Kind?“, brummte ich zurück.
„Du musst die Banane jetzt essen, denn du brauchst Power,
anstatt sie über den Pass zu tragen.“ Tatsächlich,
nach 15 Kilometern und 600 Höhenmetern hatten wir die Passhöhe
erreicht. Oben warteten die Händler auf Buskunden und solche
wie uns. Sie boten lauthals ihre Waren an. „Madam, Kaffee?“
„No, thank you“, rief ich in gleicher Tonlage zurück.
Dann ging es zehn Kilometer mit zehn Prozent Gefälle bergab.
Einige Male waren wir schneller als die Laster. Das Überholmanöver
war nicht ungefährlich, denn stellenweise waren tiefe Löcher
im Asphalt. Da mussten wir auf der Hut sein.
Das Wetter hatte sich seit der Passhöhe
verändert: ein wolkenloser Himmel, Sonnenschein. Mein Radcomputer
zeigte 28 Grad plus. Auf der Meereshöhe angekommen, mussten
wir bis zur angepeilten Stadt noch 16 Kilometer radeln. Wir waren
schon recht geschafft. Die Kilometer gingen langsam dahin. Drei
Kilometer vor Danang fanden wir eine passable Bleibe. Nachdem wir
uns gereinigt und gelüftet hatten, gingen wir zum Abendessen.
Das Gemüse war wieder das der letzten Tage, spinatartig mit
einem Geruch wie Henna. Vielleicht war es ja auch Henna. In Deutschland
wird das nicht gegessen, sondern als natürliches Haarfärbemittel
verwendet. Es wird in der Tat in Asien produziert.
Um acht Uhr starteten wir in die falsche Richtung.
So mussten wir wieder drei Kilometer zurück fahren. Schon am
frühen Morgen war heftiger Schwerlastverkehr und unerträgliches
Hupen. Die Straßen wurden zunehmend schmaler mit teilweise
holprigem Asphalt und sehr vielen Baustellen. Die Geschäfte
werden im Garagestil gebaut. „Hast du schon bemerkt, bei den
Hot Tok ist nie Licht im Salon. Wie können die da einen gescheiten
Schnitt machen?“, fragte ich Gerhard. „Ist vielleicht
auch besser, wenn der Kunde den Haarschnitt nicht gleich sieht“,
antwortete er. Faszinierend war schon die Haarwäsche: Der Kunde
legt sich auf eine Art Bahre, bekommt von hinten die Haare gewaschen
und die Ohren gereinigt.
Ein Thema hat von Anfang an gewisse Probleme
bereitet: meine Notdurft. Selten gibt es einen Busch, hinter dem
ich mich hinhocken kann. Ist gerade mal kein Haus in der Nähe,
kommt Sumpfland mit Reisfeldern. Gerhard stellt sich gerade mal
an die Ecke. Ich muss oft stundenlang einhalten, bis es fast nicht
mehr geht.
Als wir durch eine kleine Stadt fahren, sehen
wir einen Menschenauflauf und einige Lkws auf der Straße stehen.
Auf der Straße lagen zwei junge Burschen bäuchlings übereinander.
Die beiden hatten das Gesicht zur Seite und die Augen geöffnet.
Eine frische Blutlache lag unter ihnen, das Motorrad neben ihnen.
Für sie kam wohl jede Hilfe zu spät. Sie müssen einfach
ein herannahendes Auto übersehen haben. Ein Polizist regelte
den Verkehr, kein Notarzt, kein Blaulicht. Das lässt für
mich den Schluss zu, dass Menschenleben nicht um alles in der Welt
gerettet werden. Es waren blutjunge Kerlchen, vielleicht 15 oder
16 Jahre. Es hat uns beide nachhaltig beeindruckt. Die einzige gesetzliche
Voraussetzung fürs Motorradfahren ist, dass sie 18 Jahre alt
sein müssen. Dann werden sie in den heftigen Verkehr geschickt.
Gerhard erregt sich darüber und meint: „Sie kommen mir
vor wie Kinder auf dem Abenteuerspielplatz.“ Sie unterschätzen
die Gefahren des Verkehrs. Es gibt Tausende und Abertausende von
Motorrädern. Nicht selten steuert der Mann das Gefährt,
während die Frau mit ihrem Säugling oder Kleinkind im
Arm dabei sitzt, gerade so, als ob sie sich in einem Auto befände.
Wir fahren weiter, vorbei an den vertrauten
Bananenstauden und Kokospalmen, die hier wild wachsen. Hin und wieder
sehen wir auch Eukalyptusbäume. Aus allen Richtungen klingt
es pausenlos „hello“ an unsere Ohren, vom Kleinkind
bis zur Großmutter grüßen sie uns. Oft klingt das
„hello“ auch wie „helau“. Nach 100 Kilometern
unserer Tagesetappe treffen wir auf zwei europäische Radler
mit Trailer. Es sind zwei Franzosen, die ein Jahr unterwegs sein
wollen. Sechs Monate liegen schon hinter ihnen. Sie fahren in der
entgegengesetzten Richtung. Wir tauschen Erfahrungen aus und erzählen
von erlebten Dingen. Später gehen die Kilometer zäh dahin,
und wir kommen kurz vor der Dunkelheit an unser Fahrziel. Eine einfache
Bleibe zu finden, ist nicht so schwierig. Männer mittleren
Alters bieten uns ihre Hilfe an. Sie lotsen uns zu preiswerten Unterkünften.
Während wir dahinpedalieren, steigen alle
möglichen Gerüche in unsere Nase. Mal riecht es nach Fischen
oder Pfannkuchen, und im nächsten Augenblick sind wir in eine
Dieselwolke eingehüllt. Unsere Aufmerksamkeit ist immer auf
viele Dinge zugleich gerichtet - nicht nur der fließende und
der einbiegende Verkehr verlangen ganze Konzentration. Eine unangenehme
Eigenheit der Vietnamesen ist es, ohne rechts und links zu schauen
einzubiegen. So manches Mal habe ich meinem Mann warnend zugerufen.
Die anfängliche Ängstlichkeit vor den vielen Motorrädern
und Autos haben wir uns weitgehend abgewöhnt, sonst kämen
wir nicht von der Stelle.
Wir fahren an vielen kleinen Dörfern mit
ärmlichen Häusern vorbei. Diesmal haben wir oft den Duft
von Weihrauch in der Nase. Je höher wir kommen, umso bescheidener
werden die Behausungen, von einfachen Lattenbuden hin bis zu Lehmhäusern.
Ein Vietnamese erzählt uns, dass in den noblen Häusern
oft Auslandsvietnamesen wohnen, die sich ihr Domizil mit der Arbeit
in einem Gastland zusammengespart haben. Wenn wir Halt machen, sammeln
sich nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene. Sie haben eine unglaubliche
natürliche Neugier. Jeder will wissen, was dort geschieht,
obwohl wir nur eine unspektakuläre Trinkpause machen oder einfach
zur Entlastung der schmerzenden Sitzfläche absteigen. Das übrige
Land besteht aus Reisfeldern und nochmals Reisfeldern. Zu diesem
Zeitpunkt werden entweder die Jungpflanzen gesetzt, oder sie stehen
in der frühen Wachstumsphase.
Wir fahren auf der Nationalstraße Nr.
1. Sie ist der Verkaufsboulevard Vietnams. Je weiter wir in Richtung
Saigon fahren, umso dichter wird der Verkehr. Nach wir am Vortag
einen Pass passiert haben, fahren wir auf einer Höhe von 600
bis 900 Höhenmeter. Das Gelände ist ein ständiges
Auf und Ab. 50 Meter Höhengewinn, 30 Höhenmeter wieder
runter. Hier oben leben offensichtlich Minderheiten. Die Gesichter
sind runder, relativ flach mit breiten Nasen. Gerhard wollte ganz
arglos Erstklässler fotografieren, die aus der Schule auf ihn
zustürmten. Sobald er seine Tasche öffnete, gab es ein
Gerangel, als ob es etwas zu verteilen gäbe. „Komm, lass‘
uns weiterfahren“, drängte ich. Gerhard machte einen
zweiten Versuch, seine Tasche zu öffnen. Jetzt war der Ansturm
noch heftiger. Er brüllte laut die Kinder an und konnte nur
noch die Flucht nach vorn antreten. Selbst im Anfahren hielten sie
den Gepäckträger fest. Eine völlig neue Erfahrung,
für uns leider eine negative.
Auch die Wetterbedingungen haben sich schlagartig
geändert. Es ist sonnig und bis zu 35 Grad warm.
Ein Problem, der sich seit Beginn unserer zweiten
Etappe nicht verändert hat, ist Gerhards Radständer. Holt
er seine Kamera raus, kommt der Satz: „Halte mal.“ Ich
protestiere: „Ich bin doch kein Radständer.“ Aber
was soll‘s: Ich halte es.
Eine Frage, die mich schon die ganze Zeit in
Vietnam beschäftigt, ist, warum die Fenster und die Türen
vergittert sind. Selbst in der vierten Etage sind sie vergittert.
Die bisherige Antwort auf mein Fragen war: Schutz vor Einbruch.
Wir erreichen Play Cu, eine sehr schöne,
mittelgroße Stadt, die auch einen völlig anderen Charakter
hat als die zurückliegenden. Sie hat breite Straßen,
und die Häuser sind in einem gepflegten Zustand. Auch an diesem
Tag zeigte mir mein Mann, wer der Stärkere von uns beiden ist.
Er fuhr meistens 100 Meter voraus. Als ich am Berg nach ihm ankam,
stellte ich fest: „Du kannst Brotzeit machen, bis ich komme.
Oder fahr doch voraus und mach‘ schon Quartier.“ Wir
mussten beide lachen. Damit ich ja nicht demoralisiert wäre,
lobte mich mein Mann, dass ich schon da wäre. Ich glaube, er
wollte mich bei Laune halten.
Abends belohnen wir uns meistens mit einer
Nudelsuppe, die einmalig gut schmeckt. Die Suppe besteht aus Brühe,
Glasnudeln, Sojasprossen, Zwiebellauch und wenig fein geschnittenem
Fleisch. Wenn ich dann und wann auf feine, undefinierbare Knöchelchen
in meiner Suppe treffe, frage ich mich im Stillen, ob ich jetzt
vielleicht an einem Hundeknochen knabbere. Aber den Gedanken verdränge
ich, sonst kann ich nicht mehr weiteressen. Das Besteck besteht
aus zwei Stäbchen und einem Esslöffel aus Aluminium. Selten
sehen wir Gabeln. Ein Messer gehört nicht zum Essen. Alles
wird mundgerecht zerschnitten. Zur Suppe werden Blattsalat, ganze
Thymianzweige oder Zitronenmelisse gereicht, die wir in beliebiger
Menge zur Suppe geben können. Mit den Stäbchen können
wir schon ganz gut umgehen. Manchmal glaube ich, dass ich die Fertigkeit
mit den Stäbchen beherrsche, und ein anderes Mal gelingt es
mir nicht, die Fleischstückchen oder anderes aufzunehmen. Meine
Finger beginnen zu verkrampfen, und ich entspanne sie und starte
einen neuen Versuch. Gerhard wickelt zuweilen die Glasnudeln wie
Spaghetti auf die Stäbchen. Ich spüre die Blicke, die
uns während des Essens verfolgen.
Mit dem Tierschutz sehen es die Vietnamesen
nicht so eng. Erst vor wenigen Tagen sahen wir auf der Straße
einen Schweinetransporter. Jedes einzelne Schwein saß in einem
ellipsenartigen Korbgeflecht, über- und nebeneinander geschichtet.
Es waren circa hundert Stück. Der Lkw überholte uns, nach
einigen Kilometern sahen wir ihn am Straßenrand stehen. Die
Schweine wurden mit einem breiten Wasserstrahl abgeduscht. Wir haben
das für uns so gedeutet: Damit sie auf der Fahrt zum Schlachthof
nicht verenden, werden sie so getränkt. Auf einem anderen Lkw
saßen in ähnlichen Körben Hunde, alle von der gleichen
Rasse.
Am nächsten Tag starten wir bei herrlichem
Sonnenschein um acht Uhr früh. Nach einer kurzen Abfahrt geht
es gleich einen lang gezogenen Berg mit 100 Höhenmetern los.
Unterwegs versorgen wir uns mit Wasser, Mandarinen und Bananen.
Wir kaufen uns eine Staude, die etwa 18 bis 20 Bananen hat, für
wenige Cent. Das ist unsere Energiequelle während der gesamten
Fahrt. Nach vielen Aufs und Abs bewegen wir uns auf einer Höhe
von 1.002 Metern. Wir haben Rückenwind, und unsere Räder
fliegen nur so dahin. Wir fahren an einer Gummiplantage vorbei,
und an jedem Baum hängt ein Töpfchen mit einem Ablaufrohr,
mit dem der Kautschuk gewonnen wird. Die Plantage ist etwa zehn
Kilometer lang. Die Breite lässt sich nicht einschätzen,
aber so weit wir schauen, sehen wir nur Gummibäume. An diesem
Tag steigt uns sehr oft der Duft von Weihrauch in die Nase. Plötzlich
rieche ich etwas sehr Liebliches, mir Bekanntes: Es ist Jasmin.
Meine Augen suchen die Sträucher. Es waren keine zu sehen,
nur halb hohe Bäume mit weißen Blütenknospen. Mir
kamen Zweifel: Vielleicht sind es ja duftende Mandarinenbäume.
Später erfahre ich von einem Franzosen, der hier als Kaffeeexperte
tätig ist, dass es der Duft der Kaffeeblüte ist, der wie
Jasmin riecht.
Nach den ersten 40 Kilometern dreht der Wind,
und wir fahren im böigen Gegenwind. Wir fahren an Monokulturen
mit Pinien vorbei. Die Erde ist rotbraun, tonhaltig und trocken.
Die Häuser bestehen nur noch aus einzelnen roten Lehmhütten.
Auch der Asphalt hat die rote Farbe angenommen, ebenso wie die Hängebauchschweine,
die von der Erde kaum zu unterscheiden sind. Von den wiederkehrenden
Anstiegen sind meine Beinmuskeln schon recht strapaziert, und sie
protestieren heftig. Mit den ermüdeten Muskeln gehen die Kilometer
immer langsamer dahin. Ich muss zwischendurch oft anhalten. Gerhard
fuhr so wie die letzten Tage die Berge mühelos hinauf. „Rebellieren
deine Muskeln nicht?“, frage ich ihn. „Nein, ich spüre
nichts“, antwortet er. „Es sind doch nur noch 19 Kilometer
bis zum nächsten Dorf“, ermuntert er mich. „Oh,
ich kann nicht mehr“, stöhne ich. 19 Kilometer erscheinen
mir endlos weit. Außerdem bereitete es mir Sorge, dass es
keine Unterkunft in diesem Dorf gab, und die nächste kleine
Stadt lag noch 100 Kilometer entfernt. Das konnten wir unmöglich
an einem Tag schafften. Es war 15 Uhr, als wir das Dorf erreichten.
Gerhard fragte im Restaurant nach einem Hotel. Die Befragten schüttelten
den Kopf, schrieben auf einen Zettel einen Namen und schickten einen
Jungen mit Fahrrad mit uns mit. Es war wieder ein Restaurant, wo
die Wirtin ebenfalls den Kopf schüttelte. Ein glücklicher
Zufall wollte es, dass vor dem Haus zwei Europäer aus dem Auto
stiegen. Sie wollten hier essen. Es waren zwei Franzosen, die seit
fünf Jahren in Vietnam leben und Experten im Kaffeeanbau sind.
In Englisch erklärte Gerhard unsere aussichtslose Situation.
Sie waren sehr hilfsbereit und fuhren mit uns nach dem Essen zur
nächsten Polizeistation. Wir bekamen keine Genehmigung, in
diesem Ort privat zu nächtigen. Camping war ebenfalls nicht
gestattet. Uns blieb nur die Fahrt mit einem Bus in die nächste
Stadt, die 50 Kilometer entfernt lag. Die Wirtin bot uns die Fahrt
für 30 Dollar an. Es war die einzige Alternative, wir mussten
das Angebot annehmen.
Unsere Räder kamen auf den Dachgepäckträgers
eines Kleinbusses und wurden verschnürt. Die Wirtin fuhr selber
mit, was mich doch verwunderte. So konnte wir das Geschehen auf
der Straße mal aus einer anderen Perspektive erleben. Der
Fahrer überholte, ganz gleich, ob die Sicht überschaubar
war oder nicht. Auch entgegen kommende Motorräder hielten ihn
nicht ab, er steuerte geradezu auf sie zu. Dabei setzte er die Hupe
als Dauersignal ein. Die Mopedfahrer wurden regelrecht von der Straße
abgedrängt. Nur entgegen kommende Fahrzeuge konnten den Fahrer
vom Überholen abhalten, dann musste er kräftig abbremsen.
Ich schaute immer ängstlich, ob nicht durch die Zentrifugalkraft
des Bremsens unsere Räder vom Dach geschleudert wurden. Gottseidank
hielten sie alles unbeschadet aus. Wir beide saßen total verkrampft
im Bus. Ich hatte jedes Mal Schweißausbrüche, wenn der
Fahrer zum Überholen ansetzte. Ich war um jeden gefahrenen
Kilometer froh. Es war eine atemberaubende Fahrt im negativen Sinne.
Endlich erreichten wir die Vorstadt. Der Kleinbus hielt an einem
neu erbauten Haus im europäischen Stil. Die Wirtin stieg mit
Gerhard aus, und sie gingen in das Gebäude. Kopfschüttelnd
kam Gerhard wieder heraus. „Was ist?“, fragte ich. „Da
lagen nur zwei Matratzen auf dem Boden des Zimmers, es gab keine
Waschgelegenheit“, sagte er. Also ging die Fahrt weiter. Inzwischen
war es dunkel geworden. Wir hatten das Stadtzentrum erreicht. Der
Kleinbus bog in eine Seitenstraße ein und hielt. Wieder stiegen
die Wirtin und Gerhard aus. Wie Gerhard später erzählte,
parlierte die Wirtin wortreich mit dem Rezeptionspersonal. Vermutlich
kassierte sie eine Vermittlungsgebühr. Die Räder wurden
vom Gepäckträger geholt, und die Wirtin half uns beim
Tragen unserer Taschen.
Wir stiegen in die erste Etage des so genannten
Hotels - grauenhaft! Unvorstellbar, was sich vor meinen Augen auftat.
Dass kein Fenster im Zimmer war, konnte ich ja noch hinnehmen. Zwei
abgetakelte Bettgestelle mit einem bunten Rüschenkissen und
als Zudecke eine verfilzte, farbenverblasste Decke, die lange keine
Wäsche gesehen hat. Die Wände waren verschmutzt. Zum Sanitärraum
war eine halb hohe Wand mit einer schmutzigen Holztür. Im Waschraum
gingen Rohre vom Waschbecken frei in den Raum ab. Das Bad stand
ständig unter Wasser. Zur Flurseite hin waren Gitter aus Beton,
alles ziemlich heruntergekommen und schmutzig. Das einzig neue Gerät
war ein Fernseher. Mit spitzen Fingern klappte ich das Bettzeug
auf. Es war erkennbar, dass das stramm gespannte Betttuch schon
benutzt war, davon zeugten die Flecken und die vereinzelten Kopfhaare.
Wir mussten uns dem Schicksal und der Situation beugen. Ich legte
meinen Sommerschlafsack als Betttuch hin und hatte noch zusätzlich
meinen Schlafsack ausgebreitet. Ich war völlig k.o. und schlief
trotzdem lange nicht ein. Von der einen Seite hörte ich den
Fernseher des Zimmernachbarn und von der anderen Seite vietnamesische
Musik. In der Nacht wachte ich auf, denn das Neonlicht vom Flur
schien mir ins Gesicht. So muss man sich im Gefängnis fühlen.
Unverschämter Weise wurden die zehn Dollar fürs Zimmer
sofort kassiert - Betrug! Das war gerade mal einen Dollar wert.
Wie zu erwarten war, huschten nachts die Kakerlaken durchs Zimmer.
Es waren walnussgroße, schwarze Käfer. Am Morgen schüttelte
ich meine Taschen kräftig, bevor ich meine Sachen hineinlegte.
Als wir am Morgen im Freien standen, atmete
ich erst mal tief durch. Der strahlend blaue Himmel und die Morgensonne
ließen mich die letzte Nacht ein wenig vergessen. Wir suchten
uns eine andere, saubere Bleibe, denn wir mussten uns erst einmal
regenerieren, und unsere Wäsche musste gewaschen und gelüftet
werden. Alles roch ziemlich miefig.
Das neue Quartier liegt schräg gegenüber
einer katholischen Kirche. Am Sonntag Nachmittag läuten die
Glocken kurz zur Messe. Die Menschen strömen in die Kirche,
deren Türen zu allen Seiten geöffnet sind. Die vielen
Gläubigen kann die Kirche nicht fassen, und so sitzen sie zu
Hunderten auf kleinen Plastikstühlen draußen. Oder sie
lauschen der Messe auf ihren Motorrädern sitzend. Außerhalb
des Kirchengeländes werden von fliegenden Händlern allerlei
Süßigkeiten für die Kinder angeboten. „Komm‘,
lass‘ uns auch in die Messe gehen“, sagt Gerhard. Wir
erleben einen Gottesdienst auf vietnamesisch. Wenn der Pfarrer spricht,
hört es sich an, als ob er sänge. Es wird überhaupt
viel in der Messe gesungen. „Unser Pfarrer würde bei
einer so großen Gemeinde jubeln“, sage ich zu Gerhard.
Eine endlose Etappe
Nach zwei Ruhetagen fahren wir um sieben Uhr
morgens los. Eine Stunde später ist es schon recht warm. Die
ersten 16 Kilometer gehen zügig dahin. Dann folgen 40 Kilometer
mit gleichmäßigem Anstieg. Das ist sehr kräftezehrend:
Auf je eine Abfahrt folgt sofort ein Anstieg. Mittags brennt die
Sonne schon sehr intensiv. Wir fahren an kilometerlangen Kaffeeplantagen
vorbei. Später wird das Land karger mit Buschwerk und vereinzelten
Bananenbäumen. „Lass‘ uns eine Suppe essen“,
schlug Gerhard vor. „Wir brauchen Salz.“ Zögernd
willigte ich ein. Ich wollte nicht zu spät das Ziel erreichen
und fürchtete, dass es mit den Bergen noch schlimmer kommen
könnte. In der Tat, die Suppe und die Pause taten uns gut.
Die letzten 40 Kilometer verbrauchten bei uns beiden die Kraftreserven.
Nach 1.441 gestrampelten Höhenmetern erreichten wir erschöpft
unsere Herberge.
Am nächsten Tag beschlossen wir, noch
einen Ruhetag einzulegen. Wir schlenderten an diesem Tag über
den Markt des Ortes und kauften Obstsorten, die uns unbekannt sind,
um sie zu kosten. Wir gehen unter einer mit Planen bespannten Passage,
in der sich ein Stand an den anderen reiht. Mal ist es Obst, mal
sind es Haushaltsgeräte oder Fleisch. Auf einer Erhöhung
hocken die Frauen vor dem Fleisch ohne jede Kühlung. Es riecht
nicht und wirkt auch sonst trockener als unser Fleisch. Wie sie
so dahocken, sehen sie aus wie die Hühner auf der Stange. Alle
sind freundlich und lächeln dankbar, wenn wir ihren Gruß
erwidern. In einer Schneiderei wollte ich mir eine leichte Sommerhose
kaufen. Sie zeigte mir zwei Modelle, aber sie waren für mich
in der Taille zu schmal. Mit den Händen demonstrierte ich meine
Hüftbreite. Sie schüttelte den Kopf und klopfte gegen
meinen Bauch, was heißt, dass ich zu fett bin. Mit ihren Händen
zeigt sie die Bewegung von Radfahren. Gerhard stimmt zu und sagt:
„Du musst eben mehr Radfahren, bis du in die Hose passt.“
Mit einem gemeinsamen Lachen verlassen wir den Stand. Gerhard ersteigert
sich einen Vietconghelm. Er ist leicht im Gewicht und gibt den nötigen
Sonnenschutz. Es sieht ja schon ein bisschen komisch aus, wenn ein
Europäer so ein Ding auf dem Kopf trägt.
Abends gingen wir zum Essen. Wir aßen eine Suppe und gingen
anschließend in unsere „Stammkneipe“. Dort saß
ein junger Mann, den wir schon am Vorabend getroffen hatten. „Ich
trinke ein Bier. Komm’, Gerhard, wir spendieren den Jungs
dort auch eins“, schlug ich vor. Gerhard stimmte zu. Wir setzten
uns zu ihnen und besiegelten die vietnamesisch-deutsche Freundschaft.
Es sind wirklich bescheidene Menschen. Täglich können
wir erleben, wie hart sie arbeiten müssen. Am Abend vor unserer
Abreise klopfte es an unsere Tür. Dort standen der Rezeptionist,
sein Manager und noch ein Mann. Mir wurde mulmig. Sie boten uns
eine Ausflugstour zu einem Wasserfall für den nächsten
Tag an. Ausgerechnet am Abreisetag! Ich sagte zu Gerhard: „Der
hat Nerven! Als wenn es nicht darauf ankäme, wann wir morgens
starten.“ Anstatt auf das Angebot einzugehen, holte mein Mann
unsere vietnamesische Karte hervor und befragte den Rezeptionisten
nach dem Zustand der Nebenstraße. Zu guter Letzt meinte Gerhard
dann: „Wir wollen morgen sehr früh starten.“ Das
war Diplomatie auf höchster Ebene.
Am Morgen waren wir um 4.30 Uhr auf. Wie immer
gab es zum Frühstück Kaffee, dazu Melone und Banane. Gerhard
brachte einen Teil der Packtaschen runter. Er kam mit der Nachricht
ins Zimmer: „Mein Rad hat hinten einen Platten.“ „Nein,
das kann doch wohl nicht dein Ernst sein.“ Inzwischen klappt
unsere Teamarbeit beim Reifenwechsel schon recht gut. In einer halben
Stunde waren wir bereit zur Abreise. Wir fahren von einer Höhe
von 925 Höhenmetern stetig, aber mit immer wiederkehrenden
Anstiegen auf eine Höhe von 180 Metern talwärts. In den
Vorgärten der Häuser hängen pflückreife Papayas
oder Mangos. Auch die Wassermelonen sind reif. Auf den vielen Märkten
werden diese Obstsorten neben Bananen und anderen exotischen Früchten,
die wir nicht kennen, für wenige Cent angeboten. Eine Frucht
ist pinkfarben, das Fruchtfleisch weiß mit vielen schwarzen
Körnchen wie bei einer Feige. Durch die Sprachbarriere können
wir nicht ausmachen, wie die Früchte heißen und wo sie
wachsen. Durch diesen reichen Genuss haben wir unsere tägliche
Vitaminmenge, die unser Körper braucht.
Die zunehmende Hitze setzt uns mittags doch
recht zu. Wir verlieren dadurch reichlich Mineralien. So haben wir
beschlossen, eine Mittagspause zu machen, wenn die Sonne am höchstens
steht, und eine Suppe zu essen, die immer wieder köstlich ist.
Die Garküchen sind so zahlreich, dass wir hier nicht verhungern
können. Um die Garküchen schleichen auffallend viele weibliche
Hunde herum. Ihr stark herunterhängenden Zitzen zeigen eine
häufige Säugung ihrer Nachkommenschaft. Nur die sehen
wir kaum. Ich komme ins Grübeln. Ob es da einen Zusammenhang
gibt?
Im Laufe einer Etappe steigen uns viele Düfte
in die Nase. Mal ist es Jasmin, Weihrauch oder verwestes Fleisch,
mal sind es Fäkalien oder Dieselgeruch.
Wenn die Menschen miteinander reden, hört
sich das wie quäkende Laute an, wobei ein „Ng“
sehr oft zu hören ist. Es ist für uns eine schwer verständliche
Sprache.
Auf einer Etappe kam für uns der Abzweig
nach Tay Ninh. Die Hauptstraße führte nach Ho-Chi-Minh-Stadt.
Das Schild zeigte uns 100 Kilometer. Mit dem Verlassen der Hauptstraße
wurden die Straßen holprig. Wir hielten erst mal an, um eine
Suppe zu essen. Menschen umringten uns. Wir sind die Exoten, wo
wir auch stehen bleiben. Wenn die Leute alles an uns und den Rädern
gesehen haben, löst sich die Versammlung wieder auf, und wir
können uns nach der Suppe einen Saft aus Zuckerrohr genehmigen.
Für die Saftgewinnung wird ein Stück Zuckerrohr durch
zwei gekerbte Walzen gedreht, ein Mal, noch ein Mal, zusammengefaltet
und noch en Mal durch die Presse geschoben. Schon ein 50 Zentimeter
langes Zuckerrohr ergibt ein Glas Saft. Er schmeckt einfach köstlich
nach Zuckerwasser, dazu viel Eis. Sonst werden keine gepressten
Obstsäfte angeboten. Trockenobst haben wir in diesem Land auch
nicht gesehen.
Bei einer dieser Mittagspausen quälte
ein junges Huhn die Köchin. Ich sagte zu Gerhard: „Das
muss gar nicht mehr gerupft werden.“ Das mangelnde Federkleid
der Hühner ist mir schon oft aufgefallen. Nach der Pause gingen
wir die letzten 30 Kilometer Wegstrecke an. Auf dieser Nebenroute
fehlte jede Beschilderung, es gab weder Ortsangaben noch Kilometersteine.
Wir fragten verschiedene Leute, jeder sagte etwas anderes, bis wir
zur Stadt Tay Ninh kamen. Es traf uns hart. Auf sieben Kilometer
war die Straße nicht asphaltiert, nur Schotter. Wir hatten
Angst um unsere Bereifung. Bloß jetzt keinen Platten. Der
aufgewirbelte Staub legte sich auf unsere Räder, Taschen und
Kleidung. Wir waren am Ende der Etappe wie gepudert.
Die Frauen in Vietnam tragen fast ausschließlich
Hosenanzüge mit Mustern in bunter Vielfalt. Es hat sicherlich
einen praktischen Aspekt im Hinblick auf die benutzten Fortbewegungsmittel.
Bei der Arbeit gibt es offenbar eine Gleichberechtigung, das heißt,
Frauen üben auch Männerberufe aus. Ich sah beiderlei Geschlechter
bei Gleisbauarbeiten, beim Hausbau und bei der Feldarbeit.
Tay Ninh ist die letzte Stadt vor der Grenze
nach Kambodscha. Wir wollten früh dran sein. Kurz nach dem
Start um sieben Uhr begegneten wir einer Beerdigungsprozession.
Voran ging eine Kapelle aus zehn Blechbläsern, die eine monotone,
leicht schräge Musik spielte. Darauf folgte eine Gruppe Fußgänger.
Einer von ihnen trug ein Bildnis des Verstorbenen. Dann kam das
mit roten und gelben Glühbirnen behangene Auto mit dem Sarg.
Dieser war ebenfalls verziert mit gelben und roten Ornamenten. Das
sind die beiden Farben der Nationalflagge, die einen gelben Stern
auf rotem Grund zeigt. Den Sarg begleiteten weitere Trauergäste
auf ihren Motorrädern. So zogen sie durch die Hauptstraße.
Der Tag fängt ja gut an, dachte ich mir.
Nach sechs Kilometern lag die Stadt hinter
uns. Es ist angenehm kühl, Nebelschwaden steigen aus den Reisfeldern
hoch, doch die Sonne beginnt sie niederzudrücken. Eine Stunde
später steht sie am Himmel. Der Verkehr ist in Richtung Grenze
nicht mehr so dicht. Bis zur Grenze nach Kambodscha sind es noch
45 Kilometer. Wir decken uns noch einmal mit Bananen und Wasser
ein.
Wir erreichen Kambodscha
Alles ist so weitläufig. An der Grenze
ist kaum Verkehr. Zuerst der vietnamesische Zoll. Wir werden zügig
abgefertigt. Dann kommt ein Stück Niemandsland, und dann die
kambodschanische Grenze. Die Abfertigungsgebäude bestehen aus
mehreren, solitär stehenden Waschbetontresen mit einer Überdachung
als Sonnendach. Hier erfolgt die Passkontrolle. Alles läuft
reibungslos ab. Hinter der Grenze bieten beiderseits der Straße
kleine Händler ihre Waren an. Die Kinder rufen uns „hello“
zu, doch dorthin zu sehen und den Gruß zu erwidern, bleibt
uns keine Zeit. Denn die Straße, sofern diese als eine solche
bezeichnet werden kann, fordert unsere ganze Aufmerksamkeit. Loch
an Loch, mal große, dann wieder kleinere. Wir fahren kreuz
und quer im Slalom und suchen nach den befahrbaren Stellen im Asphalt.
Schon eine kleine Unachtsamkeit kann einen Speichenbruch zur Folge
haben.
Ich glaube noch daran, dass es ein kurzes Stück
schlechter Wegstrecke ist. Aber wir fahren zwei, drei und vier Kilometer,
und es wird nicht besser. Es wechseln sich Sand und festgefahrene,
spitze Steine ab. In der Entfernung sehen wir Staubwolken von herannahenden
Autos. Der aufgewirbelte Staub hüllt uns ein. Die Sicht reicht
keine fünf Meter weit. Der lockere Sand läßt unsere
Reifen nur langsam rollen. Stellenweise ist er glitschig. Mein Hinterrad
bricht zur Seite aus. Verkrampft versuche ich, das Gleichgewicht
zu halten. Rechts und links der Fahrspur begleitet uns Sumpfgebiet.
Oft sind Tümpel mit satten, pinkfarbenen Seerosen bedeckt.
Auch Wasserbüffel suhlen sich in ihnen. Zuweilen liegt ein
unangenehmer, süßlich-scharfer Geruch in der Luft. Ich
bin immer froh, wenn ich diese Wolke durchfahren habe.
Die Menschen sehen anders aus als in Vietnam.
Sie sind dunkelhäutiger, und ihre Augen sind rund. Frauen tragen
Wickelröcke und haben eine einem Turban ähnliche Kopfbedeckung.
Ich passe mich an und trage eine lange, schwarze Hose. Das Baumaterial
der Häuser besteht durchweg aus Holz. Am Zustand der Hütten
läßt sich unschwer der Lebensstandard ablesen. Aus windschiefen
Baracken kommen oft Kinder wie die Orgelpfeifen zur Straße
gelaufen, um uns ein „hello“ entgegen zu rufen. Den
Gruß erwidern wir gerne. Es bedeutet wohl sozialen Aufstieg,
wenn das Haus auf Zementpfeilern steht. Sie sind etwa zehn Meter
hoch und sollen ein sicherer Schutz gegen Überflutung sein,
was bei der alljährlichen Überschwemmung Sinn macht. Die
Versorgung mit Getränken ist hier allemal gesichert. Es finden
sich im Abstand von wenigen Kilometern kleine, bescheidene Hütten
mit einem Wellblechdach, die verschiedene Getränke, Eis oder
Süßigkeiten anbieten. Dann und wann halten wir an, um
uns von der Mittagshitze zu erholen, die in diesen Tagen 38 Grad
beträgt. Nach 20 Kilometern kommt endlich wieder eine passable
Straße. Die Rüttelaktion hat Gerhards Gangschaltung den
Rest gegeben. Er kann nicht mehr in den kleinen Gängen schalten.
Er fährt nur noch im drittletzten Gang.
Wir nächtigen in einem etwas heruntergekommenen
Hotel, in dem die Bettücher nach der Benutzung nur glatt gezogen
werden. Geckos an der Decke sind unsere Mitbewohner. Wir duschen
uns den Staub des Tages ab und glauben, wieder sauber zu sein. Aber
unsere Handtücher zeigen immer noch braune Spuren. Der Staub
hat sich tief in unsere Poren gesetzt. Als ich unsere Kleider wasche,
erhalte ich eine braune Brühe. Erst nach dem sechsten Spülgang
ist das Wasser nur noch leicht trübe. Am nächsten Morgen
erkündigen wir uns nach dem weiteren Straßenzustand:
Die Antwort: „Very good road.“ Die haben wir ganze fünf
Kilometer lang, dann müssen wir den gleichen Zustand wie am
Vortag ertragen. Prompt hat Gerhard einen Platten am Vorderrad.
Eine Traube von Menschen schaut uns beim Schlauchwechsel zu. Völlig
überraschend endet die Straße. Ein Weiterkommen ist nur
per Fähre möglich.
Wir stehen dicht gedrängt auf dem Fährschiff.
Selbst hinten auf der Anlegeplatte stehen Passagiere. Gerhard verordnet
uns eine Mittagspause. „Frau, du musst was essen.“ Am
anderen Ufer ist der Asphalt gut befahrbar, aber wir haben das Gefühl,
dass unsere Reifen kleben. Wir erreichen die Vororte der Großstadt
Phnom Penh. Der Verkehr nimmt stetig zu. Gerhard fragt einen Rikschafahrer
nach der City und der Lage der Unterkünfte. Es sind noch vier
Kilometer bis zur Innenstadt. Jetzt kommen die Fahrzeuge nicht nur
von links und rechts, sondern kommen uns mitten auf der Fahrspur
der rechten Seite entgegen. Es ist schwierig, die Nerven und den
Überblick zu behalten. Ich bin so damit beschäftigt, dass
ich nur noch dann und wann auf meinen Mann achte. Ein Motorradfahrer
lotst uns durch die Stadt zu einer Unterkunft. Eine Etappe, die
uns endlos erschien, endet nach 128 Kilometern.
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