|
|
Ironman
auf Hawai als ältester Europäer, 1999
Laufen
|
Iron Man Hawaii Nach dem Wechsel gleich steil bergan. Ich
stellte mich an einen Mast und drückte mein Kreuz durch. Da
waren die beginnenden Rückenschmerzen weg und sie kamen auch
nicht wieder. Mein Krafttraining für die Rückenmuskulatur hatte
sich also ausgezahlt. Bergab zum Pit und gleich wieder steil
bergan. Da kam mir Ken Nash entgegen, der Sieger von Montreal.
Sein Schritt war schwer. Er musste zu packen sein. Wir begrüßten
uns mit Handschlag. Nach acht Kilometern hatte ich ihn direkt
vor mir. Da fuhr mir wieder ein stechender Schmerz in den Oberschenkel.
Das darf doch nicht sein! Verzweifelt drückte und streckte ich
das Bein, ich konnte keinen Schritt gehen. Da war er plötzlich
weg, der Muskelkrampf. Erleichtert, richtig beglückt lief ich
weiter, allerdings etwas verhalten. Ich hatte eine Riesenstrecke
vor mir.
Als ich Ken Nash passierte, haderte
er mit seinem Schicksal und führte vorwurfsvolle Selbstgespräche.
Von allen Seiten wurde ich aufmunternd gegrüßt auf dem Alii
Drive, häufig hörte ich "Gerhard, Gerhard!". Die Leute konnten
jeden Läufer anhand der Startlisten identifizieren. Ich kam
gar nicht nach mit dem Bedanken und winkte nach allen Seiten.
Mein Körper machte mit, die linke Ferse protestierte kaum, fast
schmerzfrei konnte ich laufen. Ich war in euphorischer Stimmung.
Denn mein Körper, mit dem ich so oft Zwiesprache halte, signalisierte
mir: "Na, wenn's denn unbedingt sein muss, ziehen wir auch den
Marathon noch durch." Bis zur Abzweigung hinauf zum Highway
hatte ich noch Kontakt zu meiner Frau, die auf dem Rad stets
ein Stück voraus fuhr. Ja, ich sei auf dem dritten Platz, der
zweite laufe knapp zwei Kilometer vor mir. Als ich auf dem Highway
oben ankomme, bricht die Nacht heran. Ein Helfer heftet mir
einen Leuchtstab ans Trikot. Jetzt wird es einsam auf dem schnurgeraden
Highway. Die Nacht umfängt mich. Nur die hin- und herpendelnden
Leuchtstäbe der voraus laufenden oder entgegen kommenden Menschen
sind zu erkennen. Ich kenne diese Stimmung vom Bieler Hundert-Kilometer-Lauf.
Jetzt mußt du geduldig und ausdauernd traben, Abwechslung in
die Verpflegung stellen. Aus Dutzenden von Händen wird mir Essen
und Trinken entgegengehalten. Dazu begeisterter Applaus und
herzliche Aufmunterung. Viele hübsche Mädchen sind es, die mir
Komplimente machen und mich aufmuntern. Das tut gut und spornt
meine müden Beine wieder etwas an. Nach der Wende am Tiefpunkt
des Energy-Levels wird das Hinauftraben noch mühsamer. Doch
ich laufe und laufe. Langsam zwar, aber ich laufe. Die Lichter
von Kona kommen näher, da kann es nicht mehr zu weit sein.
Noch eben fünf Kilometer habe ich vor
mir, als ich aus einem Fahrzeug heraus angesprochen werde. Das
Fernsehteam der ARD interviewt mich. Wie komme ich zu dieser
Ehre? Weil ich in dieser Phase immer noch trabe und nicht gehen
muss, sagt mir der Reporter. Ich plappere drauflos und beantworte
die Fragen. Von der Luft her habe ich ja noch mächtige Reserven,
nur die Beinmuskeln wollen nicht mehr so schnell. Die Fernsehleute
verabschieden sich, rufen mir zu, dass ich in einigen Stunden
auf Sendung sein werde und dass mich alle im Ziel erwarten.
Das setzt nochmal Reserven frei. Ein Stück weiter komme ich
aus der Dunkelheit wieder ins Licht der Straßenbeleuchtung.
Wieder wird mir von allen Seiten zugerufen. "Almost done" höre
ich nun öfter, und "you are an Iron Man". Als ich vom Beifall
beflügelt in den Alii Drive einbiege, halte ich mich noch etwas
zurück, denn ich will nicht vorzeitig zu Boden gehen, wie das
schon in dramatischer Weise geschehen ist. Die Menschenkette
wird dichter. Ich höre den Sprecher mit seiner heiseren, lauten,
aufputschenden Stimme. Er kündigt mich an, und ich tauche in
ein blendendes Scheinwerferlicht ein. Plötzlich ist meine Frau
neben mir, fasst mich am Arm, und wir spurten gemeinsam los.
Nach der Kurve sehe ich das Zieltor. Ein ohrenbetäubender Beifallssturm
brandet uns entgegen. Im Ziel umarmt mich spontan meine Frau,
eine glückliche Erleichterung für uns beide. Sie hatte vierzehneinhalb
Stunden gezittert und gebangt um mich, jetzt ist alles gut.
In 15:26 Stunden auf den dritten Platz. Wenig später liege ich
auf der Massagebank. Eine Hawaiianerin knetet sanft an meinem
Oberschenkel, meine Frau hält mir die Hand. Über mir der inzwischen
sternenklare Nachthimmel, und ich schaue hinauf zwischen fächelnden
Palmen zum Vollmond direkt über mir. Die warme Nacht duftet
wohltuend, und ich lasse zu, dass langsam die Erschöpfung über
mich kommt.
|
|
|
|